Arzneimittelmissbrauch
Klassifikation nach ICD-10
F11 Psychische und Verhaltensstörungen durch Opioide
F13 Psychische und Verhaltensstörungen durch Sedativa oder Hypnotika
F15 Psychische und Verhaltensstörungen durch andere Stimulanzien, einschließlich Koffein
F19 Psychische und Verhaltensstörungen durch multiplen Substanzgebrauch und Konsum anderer psychotroper Substanzen
F55 Missbrauch von nichtabhängigkeitserzeugenden Substanzen
ICD-10 online (WHO-Version 2006)

Unter Medikamentenmissbrauch, bzw. Medikamenten-Abusus oder Medikamentenabhängigkeit versteht man das Einnehmen von bestimmten Arzneimitteln, ohne dass dafür eine medizinische Notwendigkeit besteht oder aber die Einnahme höherer Dosierungen als für die Behandlung einer Krankheit notwendig wäre.

Zum Teil werden als Gründe für den Medikamentenmissbrauch der Drang nach Rauschzuständen, Entspannung, Beruhigung und Euphorie in Kombination und/oder in Überdosierungen angegeben. Auch gibt es Fälle, bei denen sich Patienten durch Überdosierung eine bessere medizinische Wirkung erhoffen.

Wie bei den Suchtkrankheiten ist der Hauptgrund für den Medikamentenmissbrauch die abhängigmachenden Wirkung der Arzneimittel, insbesondere der Analgetika und Tranquilizer.

Laut dem Drogen- und Suchtbericht 2008[1] sind in Deutschland schätzungsweise 1,5 Millionen Menschen medikamentenabhängig, andere Studien[2][3] sprechen von 1,9 Millionen Menschen.

Inhaltsverzeichnis

Missbrauchbare Wirkstoffe

Der größte Teil der missbrauchten Medikamente fällt unter die Wirkstoffe bestimmter Schmerzmittel aus der Gruppe der Opioide und auf die beruhigenden, angstlösenden und krampflösenden Wirkstoffe aus der Gruppe der Benzodiazepine. Es gibt jedoch auch noch mehrere andere Wirkstoffe, die bei unsachgemäßer Anwendung ein erhebliches Missbrauchs- und Suchtpotential aufweisen können. Einige dieser missbrauchbaren Wirkstoffe sind auch ohne ärztliches Rezept erhältlich.

Die folgende Tabelle enthält einen Überblick über die am häufigsten missbrauchten Medikamente in Deutschland.

Wirkstoffe Wirkstoffgruppe Medikamente Status Primäre Wirkung
Alprazolam, Lorazepam Benzodiazepine Tafil®, Tavor® Verschreibungspflichtig angstlösend, euphorisierend
Clomethiazol Psychopharmaka Distraneurin® Verschreibungspflichtig beruhigend
Clonazepam, Tetrazepam Benzodiazepine Rivotril®, Musaril®, Rilex® Verschreibungspflichtig antiepileptisch, beruhigend, muskelentspannend, krampflösend, euphorisierend
Dextromethorphan Antitussiva Hustenstiller-Ratiopharm®, Wick® Hustensirup mit Honig, Silomat® Apothekenpflichtig hustenstillend, halluzinogen, euphorisierend
Diazepam, Bromazepam, Oxazepam Benzodiazepine Valium®, Lexotanil®, Adumbran® Verschreibungspflichtig beruhigend, krampflösend, angstlösend, euphorisierend
Dimenhydrinat, Diphenhydramin Antihistaminika Vomex®, Emesan®, Vivinox® Sleep Apothekenpflichtig anti-allergisch, schlaffördernd, beruhigend, euphorisierend, halluzinogen
Doxepin, Trimipramin Trizyklische Antidepressiva Aponal®, Stangyl® Verschreibungspflichtig beruhigend, schlaffördernd
Ephedrin, Norephedrin, Pseudoephedrin Psychoanaleptika, Sympathomimetika Caniphedrin®, Recatol® mono, Rhinopront® Kombi, Reactin® Duo, Aspirin® Complex Apothekenpflichtig, teilweise Verschreibungspflichtig antriebssteigernd, euphorisierend, appetithemmend, gewichtsreduzierend, lässt Nasenschleimhäute abschwellen,
Flunitrazepam, Lormetazepam, Temazepam Benzodiazepine Rohypnol®, Noctamid®, Norkotral® Verschreibungspflichtig schlaffördernd, hypnotisierend, beruhigend, euphorisierend
Methylphenidat Psychoanaleptikum Ritalin® Verschreibungspflichtig auf Betäubungsmittelrezept antriebssteigernd, euphorisierend, konzentrationsfördernd
Modafinil Psychoanaleptikum Vigil® Verschreibungspflichtig erhöht Vigilanz, konzentrationsfördernd, antriebssteigernd
Morphin, Hydrocodon, Oxycodon, Hydromorphon, Buprenorphin, Fentanyl, Methadon, Levomethadon Hochpotente Opioide Capros®, MST®, Dicodid®, Oxygesic®, Targin®, Palladon®, Jurnista®, Subutex®, Temgesic®, Durogesic®, L-Polamidon® Verschreibungspflichtig auf Betäubungsmittelrezept schmerzstillend, euphorisierend, beruhigend
Phenobarbital Barbiturate Luminal® Verschreibungspflichtig beruhigend, schlaffördernd, antiepileptisch
Promethazin, Promazin Niederpotente Neuroleptika Atosil®, Proneurin® Verschreibungspflichtig beruhigend, schlaffördernd
Testosteron, Metandienon Anabolika Testoviron®, Dianabol®, Testogel® Verschreibungspflichtig beschleunigt den Muskelaufbau, antriebssteigernd
Tramadol, Codein, Dihydrocodein, Tilidin Niederpotente Opioide Tramal®, Codi® OPT, DHC®, Valoron® Verschreibungspflichtig schmerzstillend, euphorisierend

Gefahren des Medikamentenmissbrauchs

Der Missbrauch von Medikamenten birgt zum Teil erhebliche Risiken in sich.

Vor allem die Opioide und Benzodiazepine können eine starke Medikamentenabhängigkeit verursachen. Hat sich eine solche Abhängigkeit ausgebildet, verlangt der Körper immer wieder nach der Zufuhr dieser Wirkstoffe. Werden diese dann nicht mehr eingenommen, kommt es zum Teil zu erheblichen Entzugserscheinungen. Vor allem bei den Benzodiazepinen können diese Entzugserscheinungen sehr gefährlich werden. Hierbei reagiert der Körper auf das Ausbleiben der Wirkstoffzufuhr oft mit starken Krämpfen, die bis hin zum Grand mal (großer Krampfanfall) führen können. Eine Entzugstherapie von diesen Wirkstoffen ist meistens körperlich sehr stark belastend und kann sich von einigen Tagen bis hin, je nach vorhergehendem Konsummuster, zu mehreren Monaten erstrecken. Hierbei unterscheidet man zwischen den physischen und den psychischen Entzugserscheinungen. Während der physische Entzug meistens verhältnismäßig schnell überwunden werden kann, können sich die psychischen Entzugserscheinungen über eine sehr lange Zeit hinziehen. Vor allem durch den psychischen Suchtdruck kann es immer wieder zu Rückfällen kommen.

Des Weiteren kann sich bei vielen Wirkstoffen bei längerer regelmäßiger Anwendung eine Toleranzentwicklung einstellen. Dadurch werden immer höhere Dosierungen notwendig, um die gewünschten Effekte zu erzielen.

Bei den Wirkstoffen, die erst bei erheblichen Überdosierungen Rauschzustände erzeugen, kann es aufgrund der aufgenommenen Wirkstoffmengen zu schwerwiegenden Organschädigungen kommen. Hierbei werden vor allem die Nieren und die Leber übermäßig stark belastet.

Darüber hinaus kann der Missbrauch von Medikamenten zu weiteren schwerwiegenden Nebenwirkungen führen, die in ihrer Intensität bis hin zum Tod reichen können. Zum Beispiel kann es bei der missbräuchlichen Einnahme von Opioiden zu gefährlichen Atemdepressionen kommen, die im Extremfall bis zum Erstickungstod führen können.

Medikamente als Ersatzdrogen

Aufgrund ihrer Beschaffenheit werden von drogenabhängigen Menschen bestimmte Medikamente oft als Ersatzdrogen verwendet. Beispielsweise greifen heroinabhängige Menschen oft auf Medikamente aus der Substanzgruppe der Opioide zurück, um ihre Entzugserscheinungen zu lindern und/oder um Engpässe auf dem Drogenschwarzmarkt zu überbrücken. Da die illegale Droge Heroin wie die starken Schmerzmittel auch aus der Gruppe der Opioide stammt, lassen sich die Entzugserscheinungen bei fehlender Zufuhr von Heroin durch Medikamente aus der Gruppe der Opioide verringern bzw. ganz beseitigen. Heroin wurde Anfang des 20. Jahrhunderts selber als Medikament gegen starke Schmerzen vertrieben. Bei dem Wort Heroin handelt es sich genaugenommen um den Markennamen des Schmerzmittels mit dem Wirkstoff Diacetylmorphin, welcher etwa doppelt so potent wie Morphin ist.

Des Weiteren werden die opioiden Wirkstoffe Methadon, Levomethadon, Buprenorphin und seltener auch Codein im Rahmen der Drogensubstitution von Ärzten an ehemals Heroinabhängige verschrieben, um diese vom Schwarzmarkt zu trennen und die gesundheitlichen Risiken durch Streckstoffe im Straßenheroin zu beseitigen.

Bestimmte Medikamente wie z.B. Doxepin (Aponal) und Promethazin (Atosil), die selber ein gewisses Missbrauchspotenzial besitzen, werden auch im Rahmen von Drogenentzügen verordnet, um die Entzugserscheinungen der zu entziehenden Droge zu lindern.

Weblinks

Siehe auch

Referenzen

  1. Drogen- und Suchtbericht 2008 (Deutschland)
  2. Medikamentenabhängigkeit (AWMF)
  3. Studie zum Medikamentenmissbrauch 2006
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