Aschenputtel
Aschenputtel; Darstellung von Alexander Zick
Das Märchen von Aschenputtel. Zeichnung von Adrian Ludwig Richter

Aschenputtel, bei Ludwig Bechstein Aschenbrödel genannt, ist eine im europäischen Kulturraum weit verbreitete Märchenfigur, die im deutschsprachigen Raum vor allem durch die Märchensammlung der Brüder Grimm (da Nr. 21) in Erinnerung geblieben ist. Die bekannteste Fassung neben der Variante der Brüder Grimm ist die von Charles Perrault, die den Namen Cendrillon ou La petite pantoufle de verre (Aschenputtel oder der kleine Glasschuh)[1] trägt und 1697 aufgeschrieben wurde. Diese Märchenvariante mit den in Apfelschimmel verwandelten Mäusen und dem Kürbis, der mit Hilfe der Fee zur Kutsche wird, hat maßgeblich Walt Disneys Zeichentrickfilm Cinderella geprägt, der 1950 entstand. Das Märchen gehört zu Märchentyp 510a nach Aarne und Thompson. Ludwig Bechstein übernahm es in sein Deutsches Märchenbuch als Aschenbrödel (1845 Nr. 70, 1853 Nr. 62).

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsangabe nach den Brüdern Grimm

Die junge Tochter eines reichen Kaufmannes wächst wohlbehütet auf, bis etwa ein halbes Jahr nach dem Tod ihrer Mutter ihr Vater eine Witwe heiratet, die zwei Töchter mit ins Haus bringt. Stiefmutter und Stiefschwestern machen dem Mädchen auf alle erdenkliche Weise das Leben schwer. Weil es nicht nur gröbste Schmutzarbeit leisten, sondern fortan auch in der Asche neben dem Herd schlafen muss, wird das Mädchen Aschenputtel genannt.

Als der Vater einmal zu einer fernen Messe reisen will, fragt er die drei Mädchen, was er ihnen mitbringen soll. Während die Stiefschwestern schöne Kleider, Perlen und Edelsteine verlangen, wünscht sich Aschenputtel nur einen kleinen Zweig Haselreis, der dem Vater auf der Rückreise an den Hut stößt. Diesen Haselreis pflanzt Aschenputtel auf das Grab der Mutter, und er wächst zu einem Strauch (im Märchen: schöner Baum), dem Aschenputtel ihr Leid klagen kann. Wenn Aschenputtel dort weint und betet, erscheint auf dem Bäumchen ein weißer Vogel, der ihr manchen Wunsch erfüllt.

Der König lässt bald darauf auf seinem Schloss ein dreitägiges Fest ausrichten, zu dem alle Jungfrauen des Landes eingeladen werden, damit sein Sohn eine Gemahlin wählen kann. Die Stiefmutter und die eitlen Stiefschwestern wollen nicht, dass Aschenputtel auch an dem Fest teilnimmt, obwohl sie darum bittet. Die Stiefmutter gibt ihr stattdessen auf, Linsen aus der Asche zu lesen (auszusortieren). Dies gelingt Aschenputtel mit Hilfe der von ihr herbeigerufenen Tauben: „… die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen!“

Trotz des Lösens der gestellten Aufgabe verweigert ihr die Stiefmutter weiterhin die Teilnahme am Ball mit der Begründung, dass Aschenputtel keine geeigneten Kleider habe, und zieht mit ihren leiblichen Töchtern los. Nun eilt Aschenputtel zum Grab der Mutter. Wieder ist es der weiße Vogel, der Aschenputtel ein prächtiges Kleid und mit Seide und Silber bestickte Pantoffeln hinunterwirft.

Aschenputtel legt diese Kleidung an, läuft zum Fest und mischt sich unerkannt unter die Gäste. Der Königssohn verliebt sich in das Mädchen und möchte wissen, wer diese schöne Unbekannte ist – doch zweimal gelingt es Aschenputtel, ihm zu entkommen. Beim dritten Mal verliert sie einen ihrer goldenen Pantoffeln auf der Schlosstreppe, und der Verliebte lässt nach der Jungfrau suchen, der dieser Pantoffel passt, damit er sie als Braut heimführen könne. Er fragt auch Aschenputtels Vater, der jedoch seine eigene Tochter nicht wiedererkannte, obwohl er sich nach jenem Tanzabend fragte, ob es wohl Aschenputtel gewesen sein könnte.

Der Königssohn forscht auch im Haus des Vaters nach. Die beiden Stiefschwestern versuchen vergebens, den zierlichen Schuh über ihre Füße zu ziehen. Auf den Rat der Mutter hin schneidet sich die erste den großen Zeh ab und die zweite die Ferse. Beim Vorbeiritt am Grab wird der Betrug jedoch beide Male durch zwei Tauben vom Haselbäumchen aufgedeckt: „Rucke di guck, rucke di guck, Blut ist im Schuck (Schuh)! Der Schuck ist zu klein, die rechte Braut sitzt noch daheim.“

Aschenputtel, der als einzige der Schuh passt, wird schließlich als wahre Braut erkannt.

Im Vergleich zur Urfassung von 1812, die mit dem Erkennen der richtigen Braut endet, erweitern die Brüder Grimm in der Fassung von 1819 das Märchen um Aschenputtels Hochzeit mit dem Prinzen. Dabei erhalten die Stiefschwestern, die Aschenputtel unaufgefordert zur Kirche begleiten, ihre gerechte Strafe, indem ihnen zwei Tauben die Augen auspicken. Über das Schicksal der bösen Stiefmutter wird in keiner Fassung des Märchens berichtet, auch nicht in der Sammlung von Ludwig Bechstein, wo das Märchen in verkürzter Form ohne gravierende Abweichungen zur Fassung der Brüder Grimm wiedergegeben wird.

Inhaltsangabe nach Perrault

Illustration von Offterdinger

Cendrillon ist wie bei den Brüdern Grimm, die das Märchen aus mündlichen Erzählungen (recte Adaptionen von Perrault) übernommen und in ihre Sammlung aufgenommen hatten, das gedemütigte Mädchen aus erster Ehe eines Edelmannes. Das Motiv des Grabes und des Haselbäumchens fehlt bei Perrault. Stattdessen ist es eine gute Fee, eine Tante von Cendrillon, die dem schönen Mädchen hilft. Als die Stiefschwestern zum Ball wollen, darf sie Cendrillon, die die Dienste einer niederen Magd verrichten muss, nicht begleiten. In ihrer Not wendet sie sich an ihre Tante, eine zauberkundige Fee. Diese lässt Cendrillon zunächst einen Kürbis holen, den die Tante aushöhlt und mit ihrem Zauberstab in eine Kutsche verwandelt. Dasselbe macht sie mit Mäusen und Ratten aus einer Falle, sowie mit einigen Eidechsen, die sie in Apfelschimmel, einen Kutscher und Lakaien verwandelt. Als die Fee Cendrillon mit ihrem Zauberstab berührt, hat diese prächtige Kleider an. Die Fee gibt ihr auch Glaspantöffelchen (Glasschuhe), in denen Cendrillon zum Ball erscheint. Perrault brachte die Glasschuhe in die Geschichte ein, weil Glas zu seiner Zeit schwerer zu formen war als Gold und so kein Betrug möglich war. Ein entscheidendes und bei Perrault deutlicher herausgearbeitetes Motiv ist, dass Cendrillon vor Mitternacht zurückkehren muss, weil sonst der Zauber vergeht.

Cendrillon gilt als Schönste auf dem Ball und wird auch von den Stiefschwestern nicht erkannt. Am zweiten Ballabend, an dem Cendrillon noch prächtiger herausgeputzt ist, verpasst sie beinahe die Mitternacht, eilt beim ersten Glockenschlag hinaus und verliert dabei einen ihrer Glasschuhe, der sich nicht zurückverwandelt. Nun lässt der Prinz im ganzen Land bekannt geben, dass er nur das Mädchen heiraten will, dem der Schuh passt. Er beauftragt einen Höfling, die Anprobe vorzunehmen. Die beiden Stiefschwestern scheitern bei dem Versuch, während der Schuh Cendrillon passt. Sie zieht nun den zweiten Schuh aus der Tasche. In diesem Moment kommt die Fee hinzu und verwandelt Cendrillons Küchenkittel in die prächtigsten Kleider.

Eine Bestrafung der Stiefschwestern erfolgt nicht, weil ihnen Cendrillon verzeiht. Am Tag von Cendrillons Hochzeit mit dem Prinzen werden auch die Stiefschwestern mit zwei vornehmen Herren vom Hof verheiratet.

Ursprung und Fortentwicklung des Märchens

Wie auch andere Märchen hat Aschenputtel als Archetypus eine lange Geschichte hinter sich. So finden sich die ersten Spuren im alten Ägypten (Rhodopis), dann bei den Römern, im Kaiserreich China des 9. Jahrhunderts (Youyang zazu); in Persien v. a. Ende des 12. Jahrhunderts in den von Nezāmī verfassten Sieben Schönheiten, auch genannt Die sieben Prinzessinnen, finden sich Vorformulierungen des Aschenbrödel-Motivs. Auch bei den nordamerikanischen Ureinwohnern gibt es dieses Märchenmotiv. Nach Ulf Diederichs gibt es nicht weniger als 400 zirkulierende Varianten des Märchens.

Die Wirkung und Weitererzählung des Märchenmotivs von Aschenbrödel ist literarisch vielschichtig. Insbesondere in der Literatur der deutschen, englischen, russischen und französischen Romantik und in der Literatur des international Stilgeschichte bestimmenden Symbolismus finden sich zu Aschenputtel – wie zu vielen Märchenmotiven – interessante Kombinationen und Anklänge. Insbesondere sind hier Puschkin, Novalis, Tieck, Brentano, Eichendorff, E.T.A. Hoffmann, Hans Christian Andersen, Tennyson, Wilde, Mallarmé, Maeterlinck und Hofmannsthal zu nennen. Explizit wird das Thema von Aschenbrödel z. B. bei Christian Dietrich Grabbe in dem von ihm 1835 veröffentlichten Aschenbrödel, weiter bei Robert Walser in seinem 1901 in "Die Insel" veröffentlichten Dramulett Aschenbrödel. Der russische Dichter Jewgeni Lwowitsch Schwarz schrieb in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts ein Märchenstück mit dem Titel Aschenbrödel.

Die zentralen Bilder des Märchens sind die Tauben, die Schuhe und in den meisten Varianten auch die Haselnüsse oder der Haselnussbaum. Die Tauben sind seit der griechischen Antike die traditionellen Begleiterinnen Aphrodites. Das Bild der Nuss bzw. der geknackten Nuss gilt als Metapher vollendeter Erkenntnis – diese Bedeutung von dem Bild der Haselnuss wird in der holländischen Stilllebenmalerei mit diesem Erkenntnissinn verbunden.

Reduziert und banalisiert man das Grundmotiv des Märchens auf eine im Leben unglücklich gestellte Heldin, die auf die Liebe eines Prinzen hofft, in Kombination mit einer Moral, dass das Gute immer belohnt wird, so gibt es auch Weiterführungen von Aschenbrödel in der Trivialliteratur, wie etwa bei Marlitt und Hedwig Courths-Mahler.

Vgl. Der Garten im Brunnen, zu den Festen auch Die Rosenkönigin in Ludwig Bechsteins Deutsches Märchenbuch von 1845.

Redewendungen

  • Ein im Volksmund häufig zitierter Satz aus dem Märchen ist: Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen.
  • Als Aschenputtel wird umgangssprachlich auch ein unauffälliges, farbloses junges Mädchen bezeichnet, siehe Mauerblümchen.

Kulturgeschichtliche Überformungen in Kunst, Literatur und Musik

Die Geschichte des Aschenputtels hat zahlreiche Dramen, Opern sowie eine Reihe von Werken der Bildenden Kunst und Filme inspiriert, unter anderem:

Literatur

  • Auerbach, Alfred: Aschenbrödel. Ein Märchen in neuzeitl. Form in 4 Bildern. Arbeiter-Theaterverlag, Leipzig, 1931
  • Aschenputtel: ein Märchenspiel nach Gebrüder Grimm für die Bühne bearbeitet von Margrit Glaser; Inszenierung Hilde Hellberg/Stadt-Theater Worms, Spielzeit: 1946/47
  • Bechstein, Ludwig: Deutsches Märchenbuch - Sämtliche Märchen. Hrsg.: Scherf, Walter. Vollständ. Ausg. nach d. Ausg. letzter Hand unter Berücksichtigung d. Erstdr. / mit Anmerk. u. e. Nachw. vers. von Walter Scherf. Mit 187 Ill. v. [Ludwig Richter]. Darmstadt, 1966
  • Grimm, Brüder. Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen herausgegeben von Heinz Rölleke. Band 3: Originalanmerkungen, Herkunftsnachweise, Nachwort. S. 46-51, S. 451-452. Durchgesehene und bibliographisch ergänzte Ausgabe, Stuttgart 1994. (Reclam-Verlag; ISBN 3-15-003193-1)
  • Ulf Diederichs: Who’s who im Märchen. Dtv 2002 ISBN 3-423-32537-2
  • Marian Roalfe Cox: Cinderella: 345 Variants of Cinderella, Catskin and Cap o’Rushes. Kraus Reprint 1967 (Referenzwerk, ohne die Varianten aus dem asiatischen Sprachraum)
  • Das Kabinett der Feen, Französische Märchen des 17. und 18. Jahrhunderts, Hrsg. Friedemar Apel und Norbert Müller, München 1984
  • Božena Němcová: Drei Haselnüsse für Aschenbrödel. Berlin: Eulenspiegel-Verl., 2002

Deutung

  • Bettelheim, Bruno: Kinder brauchen Märchen. Stuttgart, 1977. (S. 225 ff)
  • Wegehaupt, Heinz: Hundert Illustrationen aus zwei Jahrhunderten zu Märchen der Brüder Grimm. Hanau, 1986
  • Schödel, Siegfried: Märchenanalysen. Stuttgart, 1977
  • Wittmann, Ulla: Ich Narr vergaß die Zauberdinge. Märchen als Lebenshilfe für Erwachsene. Interlaken 1985. S. 214-220. (Ansata-Verlag; ISBN 3-7157-0075-0)
  • Drewermann, Eugen: Aschenputtel. Solothurn [u.a.], 1993
  • Lenz, Friedel: Bildsprache der Märchen. 8. Auflage. S. 146-159. Stuttgart, 1997. (Verlag Freies Geistesleben und Urachhaus GmbH; ISBN 3-87838-148-4)
  • Delatte, Annie: Il était une fois ... six version de Cendrillon. Paris, 1997
  • Clarke, Micael M.: Brontës "Jane Eyre" and the Grimm’s Cinderel. Houston, Tex., 2000
  • La Ventafocs : adaptació d'un con de Charles Perrault /Perrault, Charles. - 1. ed. - Barcelona : Ed. Cruïlla, 2002
  • Butterwegge, Marianne: Ich und Du: märchenhafte Beziehungen im Wandel der Zeit ; eine Märchendeutung und ein Märchen. Hildesheim : Internat. Kulturwerk, 2002
  • Paust, Irene: Ziehe dein schimmerndes Kleid an, weine nicht mehr! Der Weg zum Dualpartner. Eine Interpretation des Märchens Aschenputtel nach den Brüdern Grimm. 2002
  • Mailer, Iris: Das Aschenbrödel von Moritz v. Schwind. Wien, 2003
  • Feustel, Elke: Rätselprinzessinnen und schlafende Schönheiten : Typologie und Funktionen der weiblichen Figuren in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, Hildesheim : Olms-Weidmann, 2004
  • Hörmann, Birgit Maria: Vergleich ausgewählter Motive in verschiedenen Fassungen von Aschenputtel, Dornröschen und Schneewittchen, 2006
  • Geiser, Julia: Entstehungsgeschichte und Analyse von Aschenputtel von den Brüdern Grimm. 2007
  • Schütz, Margit: Warum Cenerentola nicht zum Aschenputtel-Dasein bestimmt ist. Eine Analyse von Gioacchino Antonio Rossinis "La Cenerentola". 2007
  • Christoph Hollergschwandner: Cendrillon - Ein Vergleich. 2007

Weblinks

Wiktionary Wiktionary: Aschenputtel – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wikisource: Aschenputtel – Quellen und Volltexte
 Commons: Aschenputtel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. "cendre" bedeutet "Asche", "pantoufle" in diesem Zusammenhang Schuh, nicht "Pantoffel" oder "Hausschuh".
  2. Fotografie von MacDonalds Cinderella
  3. Aschenputtelillustrationen von A. Münzer in Grimms Märchen illustriert im Jugendstil, hrsg. im Arena Verlag Edition Popp, Würzburg 1982 im Nachdruck des Aschenputtel-Kunstbuchs aus dem Verlag Josef Scholz von 1904; ISBN 3-88155-102-6
  4. Cinderella von Ernst Fuchs

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