Astrologische Zwillinge
Ein modernes Horoskop

Als astrologische Zwillinge bezeichnet man in der Astrologie zwei Menschen, die zum selben Zeitpunkt geboren wurden.[1]

Der Geburtszeitpunkt ist nach Auffassung von nahezu allen Astrologen für den „Lebensplan“ (Anlagen, Chancen, Charakter, Schicksal) der betroffenen Person von entscheidender Bedeutung. Nach ihrer Theorie wird der neu geborene Mensch einem Energiefeld ausgesetzt, das ihm seinen „Lebensplan“ vorgibt. Personen mit demselben Geburtszeitpunkt sollten daher in der Konklusion den gleichen Lebensplan, also gleiche Anlagen, gleiche Chancen, gleichen Charakter und das gleiche Schicksal erfahren. Astrologische Zwillinge – in der angelsächsischen Literatur als astro-twins oder time twins bezeichnet – sind nach Auffassung der Kritiker der Astrologie der definitive Test für die Fähigkeiten der Astrologie, da dabei mögliche Fehler oder Unsicherheiten bei der Interpretation der Planetenkonstellationen – also des Horoskopes – vermieden werden.[2]

Inhaltsverzeichnis

Definition

Es gibt keine einheitliche Definition von astrologischen Zwillingen. Die Spanne reicht von „an einem Tag an einem beliebigen Ort“ bis zu „innerhalb von 5 Minuten am selben Ort“. Der Astrologe John Addey, der 1967 eine sehr umfangreiche Studie über astrologische Zwillinge anfertigte, geht davon aus, dass wirklich außergewöhnliche Ähnlichkeiten in Lebensweg und Wesensart nur bei solchen Personen zu finden sei, die nahezu zur gleichen Zeit [innerhalb weniger Minuten] und an der gleichen Lokalität geboren seien. Dennoch hält er die Tendenz zu Ähnlichkeiten, die bei einer Geburt am gleichen Tag auftreten, für signifikant genug näher untersucht zu werden.[3][2]

Die Häufigkeit astrologischer Zwillinge

Die statistische Häufigkeit von astrologischen Zwillingen ist hoch. Die Verteilung der Geburtsdaten in großen Populationen folgt einer Poisson-Verteilung. Mathematisch leitet sich daraus ab, dass in einer Stadt mit 1 Million Einwohnern etwa 4.000 astrologische Zwillingspaare pro Jahr in einem Zeitintervall von fünf Minuten und weniger geboren werden. Bei 10 Millionen Einwohner steigt die Zahl auf 100.000 an. Die gleiche Zahl an astrologischen Zwillingen wird in einer Stadt mit 1 Millionen Einwohnern erreicht, wenn das Zeitintervall auf 60 Minuten und kleiner erweitert wird. [2]

Studien über astrologische Zwillinge und deren Ergebnisse

Die erste systematische Studie über astrologische Zwillinge wurde von den beiden britischen Astrologen Peter Roberts und Helen Greengrass 1994 durchgeführt. Mit Unterstützung der Medien konnten sie 128 astrologische Zwillinge ausfindig machen, die innerhalb von einer Stunde geboren waren und dies an sechs verschiedenen Geburtstagen im Zeitraum von 1934 bis 1964. Nach den Interviews der Probanden konnten sie Anhaltspunkte für ähnliche Interessen und Berufe feststellen. Beispielsweise waren zwei Probanden, die im Abstand von 15 Minuten zur Welt kamen, Klarinetten- beziehungsweise Fagottspieler. Sie konnten jedoch keine eindeutigen Ähnlichkeiten bezüglich ihres Aussehens, Handschrift, Namen oder Ereignissen in ihrem Leben feststellen. Nachdem sie den Kreis der astrologischen Zwillinge auf Personen erweiterten die innerhalb eines Tages geboren wurden – in der Summe 1400 Paare – stellten sie eine prozentuale Zunahme der Ähnlichkeiten fest. Dies steht prinzipiell im Widerspruch zu den Annahmen, dass mit abnehmendem Abstand der Geburtszeitpunkte die Parallelen der „Lebenspläne“ zunehmen.[2] In einer unabhängigen Analyse der Daten konnten systematische Fehler in der Analyse von Roberts und Greengrass festgestellt werden.[4] Die Re-Analyse kam zu dem Schluss, dass es keine signifikanten Ähnlichkeiten im „Lebensplan“ der astrologischen Zwillinge im Vergleich zu anderen Personen gibt.[2]

Geschichte

Augustinus von Hippo

Augustinus von Hippo (354–430) äußert sich in seiner in den Jahren 413 bis 426 verfassten Schrift De civitate Dei (Vom Gottesstaat) im 5. Buch, Kapitel 2, über astrologische Zwillinge (ein Auszug daraus):

Denn die zwischen der Geburt von Zwillingen verlaufende kurze Spanne Zeit, die herhalten muß wegen des Teilchens am Himmel, wo die Stunde einzutragen ist, was man Stellung des Horoskops nennt, macht entweder nicht soviel aus, daß sie die bedeutende Verschiedenheit zu erklären vermöchte, die sich im Wollen, Handeln, Gebaren und im Schicksal von Zwillingen findet, oder aber sie macht sogar mehr aus, als daß sie den gleichen Geburtsstand von Zwillingen zu erklären vermöchte, da man ja den gewaltigen Unterschied zwischen niederer und vornehmer Abkunft, der sich bei Zwillingen nicht findet, ausschließlich auf die astrologische Stunde der Geburt zurückführt. Und demnach müßten Zwillinge, wenn sie so rasch nacheinander zur Welt kommen, daß das Horoskop in der gleichen Stellung bleibt, in allem einander gleich sein, was doch niemals der Fall ist; oder sie müßten, wenn sich die Ankunft des einen so sehr verzögert, daß sich unterdessen das Horoskop ändert, verschiedene Eltern haben, was dem Begriff „Zwillinge“ widerstreitet.[5][6][7]

Für Kritiker der Astrologie sind Augustinus' Argumente auch über 1500 Jahre später immer noch valide.[8]

Bekannte astrologische Zwillinge

König Georg III.

Die historisch gesehen bekanntesten astrologischen Zwillinge sind der wohlhabende Eisenwarenhändler Samuel Hemmings und Georg III., König von Großbritannien. Über beide wurde berichtet, dass sie dieselbe Geburts- und Todesstunde gehabt hätten. Auch hätte es eine Vielzahl weiterer Parallelen, wie beispielsweise die Heirat am selben Tag, gegeben.[9] Eine genauere Untersuchung der zeitgenössischen Dokumente konnte allerdings nur den zeitgleichen Tod der beiden bestätigen.[10][2]

Nachgewiesene bekannte astrologische Zwillinge sind beispielsweise:

Astrologische Drillinge:

Astrologische Zwillinge in der Literatur

König Eduard VII.

Erich Kästner beschreibt in seinem Roman Das doppelte Lottchen (1949) im ersten Kapitel[11] das astrologische Zwillingspaar König Eduard VII. und seinen Doppelgänger einen Schneider.[12]

Einzelnachweise

  1. Astrologie-Lexikon:Astrologische Zwillinge, abgerufen am 9. November 2007
  2. a b c d e f G. Dean, I. W. Kelly: Astrology Relevant to Consciousness and Psi? In: Journal of Consciousness Studies, 10/2003, S. 175–98.
  3. J. Addey: Astrological twins. In: Astrological Journal 9/1967, S. 14–29.
  4. C. C. French u. a.: The astrology of time twins: a re-analysis. In: Journal of Scientific Exploration 11/1997, S. 147–55.
  5. Augustinus: Zwillinge von gleichem und von verschiedenem körperlichen Befinden. 5. Buch, Kapitel 2
  6. F. A. Muller: Concepts of Simultaneity: From Antiquity to Einstein and beyond. In: Journal of Physics A: Mathematical and Theoretical 40/2007, S. 12255–6.
  7. N. Fischer, M. Mayer: Die Confessiones des Augustinus von Hippo. Herder, Freiburg i.Br., S. 284–341.
  8. C. Köllerer: Augustinus "Der Gottesstaat", abgerufen am 8. November 2007
  9. M. B. Epstein: The Madness of King George II. In: AAGB, 1995
  10. G. Dean: Was there ever a Samuel Hemmings? In: Correlation 13/1994, S. 17–30.
  11. Erich Kästner: Das Doppelte Lottchen. Cecilie Dressler Verlag, ISBN 3791530119, 1. Kapitel. 
  12. P. Lewy: Das doppelte Lottchen oder vom Vorlesen, Zugfahren, Fernsehen und anderen Zufällen, 1997

Literatur

  • S. Ertel, G. Dean: Are personality differences between twins predicted by astrology? In: PaID, 21/1992, S. 449–54
  • M. Pottenger (Editor): Astrological Research Methods. Band 1, International Society for Astrological Research (Los Angeles 1995), ISBN 0-9646366-0-3
  • W. Hübner: Die Astrologie der Antike In: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 8/1985, S. 7–24.
  • R. Matthews: Comprehensive study of 'time twins' debunks astrology. In: London Daily Telegraph, Ausgabe vom 17. August 2003

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