4. Internationale
Häufiges Logo der Vierten Internationale

Die Vierte Internationale ist eine internationaler Parteienverbund, der am 3. September 1938 in Paris gegründet wurde. Er ging aus dem Kampf hervor, den die von Leo Trotzki geleitete Linke Opposition in der UdSSR und auf internationaler Ebene gegen den Stalinismus führte.

Der Name Vierte Internationale leitet sich aus dem Anspruch ab, nach dem Scheitern der Dritten Internationale (bekannter als Kommunistische Internationale oder Komintern), die Tradition des revolutionären marxistischen Flügels der Arbeiterbewegung fortzuführen. So sah sich die 1938 formell gegründete Vierte Internationale laut ihren ersten Statuten als Vertreterin „all dessen, was an der Ersten, Zweiten und Dritten Internationale revolutionär war“. Sie folgte auf die Dritte Internationale wie diese auf die Zweite Internationale, die 1889 gegründete Sozialistische Internationale gefolgt war, nachdem die Zweite Internationale mit ihrer „Burgfriedens“-Politik im Ersten Weltkrieg mit einem der Grundprinzipien der sozialistischen Bewegung, dem Internationalismus, gebrochen hatte. (Die Erste Internationale war die 1864 von englischen Gewerkschaften initiierte Internationale Arbeiter-Assoziation (IAA), der sich Karl Marx voller Enthusiasmus anschloss. Sie war nach der Pariser Commune von 1871 faktisch am Zwist mit Michail Bakunin und den Antiautoritären zerbrochen, auch wenn der New Yorker Generalrat der IAA noch einige Jahre länger bestand.)

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Vorläufer

Die vierte, trotzkistische Internationale war die Fortführung der von Leo Trotzki initiierten und geführten Internationalen Linken Opposition in der Komintern und ihren Sektionen, deren wichtigsten politischen Kämpfe sich drehten um die Politik und das innere Regime der Sowjetunion nach dem Zurückfluten der durch den Ersten Weltkrieg ausgelösten revolutionären Welle, die strategische Ausrichtung der chinesischen Revolution in den 1920er Jahren, der Kampf gegen den Faschismus in Deutschland, für eine revolutionäre Klassenpolitik im spanischen Bürgerkrieg von 1936 bis 1939, und der Kampf gegen den Krieg, der durch den Sieg des Faschismus in Deutschland auf die Tagesordnung gesetzt wurde.

Dazu natürlich auch die Verteidigung Trotzkis (und aller seiner Genossen), der bei den großen Moskauer Schauprozessen der Hauptangeklagte in absentia war. Mit dem von Trotzkis Sohn Leo Sedow verfassten Rotbuch über den Moskauer Prozeß und der von John Dewey geführten internationalen Untersuchungskommission (Mexiko, April 1937) gelang es, alle Anschuldigungen in das Reich der Phantasie zu verweisen.

Gründung

Nach der katastrophalen Niederlage der Arbeiterbewegung in Deutschland und dem Ausbleiben einer Kurskorrektur seitens der KPD und der Komintern erklärte Trotzki, „Man kann nicht länger mit Stalin, Manuilski, Losowski und Co. in ein und derselben ‚Internationale‘ bleiben“, und überzeugte seine Mitkämpfer davon, organisatorisch mit den Kommunistischen Parteien zu brechen, den Kurs auf die Bildung von neuen Parteien und einer neuen Internationale zu nehmen.

Die Titelblätter zweier Ausgaben der Zeitschrift Quatrième Internationale von 1946

Die Erwartung, dass sich der Stalinismus im Zweiten Weltkrieg völlig diskreditieren würde und danach die Sektionen der Vierten Internationale an der Spitze von revolutionären Massenerhebungen stehen würden, erfüllte sich nur bedingt. Die Geschichte hatte sich jedoch anders entwickelt als zuerst gemutmaßt wurde. Die Trotzkisten glaubten aufgrund des stark bürokratischen Charakters der von ihnen als „degeneriert“ analysierten Sowjetunion nicht, dass diese erstarkt aus dem sich anbahnenden Zweiten Weltkrieg hervorgehen würde. Ihre Vorhersage über die Zukunft der Sowjetunion zwischen innerer politischer Revolution oder Zerfall und Restaurierung des Kapitalismus trat erst sehr viel später als vermutet ein.

Die Sektionen der 4. Internationale sind – außer in Sri Lanka (Ceylon), Bolivien, Vietnam und teilweise Belgien – nirgendwo über den Status einer kleinen Kaderpartei oder Splitterpartei hinausgekommen.

Spaltung

Der Druck dieser Lage und die Auseinandersetzung um die daraus folgende Politik führten 1953 zu einer Spaltung der Vierten Internationale, deren beide Flügel für einige Jahre (bis 1963) eine getrennte Existenz fortführten, identifiziert durch die Bezeichnung ihres obersten internationalen Führungsgremiums, IS für Internationales Sekretariat bzw. IK für Internationales Komitee.

Internationales Komitee war der Name des internationalen Führungsgremiums, das damit dieser Vereinigung den Namen gab. Nicht zu verwechseln mit den heutigen Internationalen Komitees der Vierten Internationale, auch wenn diese beanspruchen, die Tradition dieser Fraktion fortzusetzen.

Prominente Vertreter des IS waren Pierre Frank (Frankreich), Michel Pablo (Griechenland) und später Ernest Mandel (Belgien) und Livio Maitan aus Italien. Auf der anderen Seite ragten heraus James P. Cannon aus den USA und Gerry Healy aus England und Pierre Lambert (Frankreich). Die frühere US-amerikanische Sektion, die SWP (Socialist Workers Party), war allerdings seit dem Voorhis-Gesetz aus der Vierten Internationale ausgeschieden, um nicht diesem Gesetz zufolge praktisch völlig unter Polizeiaufsicht zu stehen.

Teilweise Wiedervereinigung

1963 vereinigte sich ein Teil des IK-Flügels wieder mit dem Internationalen Sekretariat, das Führungsgremium nannte man daraufhin „Vereinigtes Sekretariat“, was dann in den Abkürzungen „VS“ (deutsch) oder „USec“ (englisch) zur Identifizierung dieser Organisation diente.

Die politische Basis der Wiedervereinigung war nicht nur ein gemeinsames Verständnis für die historischen Grundlagen der Vierten Internationale, sondern auch Übereinstimmung in der Bewertung des Aufstands in Ungarn 1956 und vor allem in der positiven Haltung zur kubanischen Revolution und deren Führung mit Fidel Castro und Ernesto „Che“ Guevara an der Spitze.

Gegnerschaft v.a. zur Führung der kubanischen Revolution brachte große Teile vor allem um das „Internationale Komitee“ dazu, die Wiedervereinigung abzulehnen und sich nicht an ihr zu beteiligen. Es gab nämlich auf beiden Seiten auch Widerstand gegen die Wiedervereinigung, die in Absplitterungen auf beiden Seiten mündeten, die jeweils auch wieder unter dem Namen Vierte Internationale auftraten und weiter auftreten und sich im Verlaufe der Jahrzehnte durch weitere Spaltungen vermehrt haben.

Gegenwart

Heute gibt es mindestens drei internationale Organisationen, die sich als die Vierte Internationale verstehen:

  • Die wiedervereinigte Vierte Internationale mit einem „Exekutivbüro“ (ehemals „Vereinigtes Sekretariat“) als Führungsgremium, die sich auf die organisatorische Kontinuität bis zur Gründung von 1938 beruft – in Deutschland vertreten durch RSB und isl, in Österreich durch die SOAL;
  • Die Vierte Internationale mit einem „Internationalen Komitee“ als Führungsgremium, die sich um die frühere „Workers League“ in den USA unter Führung von David North sammeln, und deren Sektionen alle die „Soziale Gleichheit“ bzw. „Socialist Equality“ im Namen führen;
  • Die Vierte Internationale, die 1993 aus der Vereinigung des CORQI um die französische Partei von Pierre Lambert und eines Teils der LIT entstanden ist.

Außerdem gibt es zahlreiche Organisationen, die die Vierte Internationale als nicht-existent ansehen, und diese deswegen wiederaufbauen wollen, siehe die Liste trotzkistischer Organisationen.

Literatur

  • Daniel Bensaïd: The Formative Years of the Fourth International, 1933-1938, (Notebooks for Study and Research, No. 9). Amsterdam 1998.
  • Daniel Bensaïd: Was ist Trotzkismus? Karlsruhe 2004. ISBN 3899001087
  • Alex Callinicos: Trotskyism. Maidenhead 1990. ISBN 0335156231
  • Pierre Frank: Die Geschichte der IV. Internationale. Hamburg 1975.
  • Duncan Hallas: Kritik des Orthodoxen Trotzkismus, ursprünglich in International Socialism, Nr. 40, Oktober 1969
  • Duncan Hallas: Der Niedergang der Vierten Internationale, ursprünglich in International Socialism, Nr. 60, Juli 1973
  • Duncan Hallas: Trotzkismus neubewertet, ursprünglich in International Socialism, Nr. 100, Juli 1977
  • François Moreau: Combats et debats de la Quatrième Internationale (IIRE Working papers No 8-10). Amsterdam 1990.

Weblinks


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