Atlantikwall
Soldat 1944 südlich von Bordeaux auf Beobachtungsposten
Batterie Lindemann, 40-cm-Kanone
Bunker am Strand Nähe Søndervig, Dänemark
Generalfeldmarschall Erwin Rommel bei der Inspektion von Einheiten der 21. Panzer-Division am Atlantikwall
Bunker am Strand Nähe Søndervig, Dänemark
Posten in Frankreich (1943)
15-cm-Kanone in der Batterie Longues-sur-Mer, Frankreich
Reste von Bunkern auf Loodsmansduin, Texel (1974)
Reste deutscher Bunkeranlagen am Kerouriec Strand, Erdeven (Frankreich)

Der Atlantikwall war eine 2685 Kilometer lange Linie von befestigten Stellungen entlang der Küsten des Atlantiks, Ärmelkanals und der Nordsee. Sie wurden im Zweiten Weltkrieg von den deutschen Besatzern in den Ländern Frankreich, Belgien, Niederlande, Dänemark, Norwegen, den britischen Kanalinseln sowie dem Deutschen Reich im Zeitraum 1942 bis 1944 geplant und teilweise erbaut. Der Atlantikwall sollte diese Gebiete vor einer alliierten Invasion schützen.

Inhaltsverzeichnis

Hitlers Bau-Befehl und Rommels Ausführungen ab November 1943

Bereits im Dezember 1941 forderte Hitler einen „Gürtel von Bollwerken“ an der 5000 Kilometer langen Atlantikküste. Nach der missglückten Landung kanadischer Truppen bei Dieppe am 18./19. August 1942 (Operation Jubilee) befahl Hitler am 25. August 1942 die Befestigung der gesamten Atlantikküste zu einem „Atlantikwall“. Für ein solch großes Bauwerk fehlte es dem Reich aber teilweise an Personal und an Material. Die Leitung der Arbeiten wurde von der Organisation Todt übernommen. Von September 1942 bis Juni 1944 wurde täglich an den Befestigungsbauten am Atlantikwall gearbeitet.

Nach dem Tod von Fritz Todt trieb ab November 1943 Generalfeldmarschall Rommel die Arbeiten am „Atlantikwall“ voran. Seiner Meinung nach existierte ein solcher „Wall“ bisher gar nicht, sondern die Küste war bisher lediglich punktuell befestigt. Rommel war entsetzt, denn die Hitler-Propaganda über den „Atlantikwall“ erwies sich als totaler Bluff. Nichts war fertig. Auch von Rundstedt, der Oberbefehlshaber West, äußerte diese Ansicht: „ein riesiger Bluff“.

In der folgenden Zeit banden Rommels Planungen große Teile der Ressourcen an Mensch und Material des Reichs für den „Atlantikwall“. Sehr große Mengen Stahl und Beton gingen aus dem ganzen Gebiet, das unter nationalsozialistischer Herrschaft stand, an die Baustellen des „Atlantikwalls“. Bedingt durch den ständigen Stahlmangel wurde schon bei der Konzeption auf größere drehbare stählerne Panzertürme verzichtet; nur Splitterschutzhauben wurden bei größeren Anlagen eingebaut. Die Geschützstellungen wurden meist im Stil von Tunnelbatterien oder Kasematten aufgebaut und glichen daher eher verbunkerten Unterständen. Durch den Aufbau der Geschützstellungen wurde das Schussfeld der Geschütze sehr eingeschränkt. Stellenweise wurden daher die Geschütztürme älterer Panzer, beispielsweise erbeuteter französischer Renault FT-17, in die Linien integriert. Um an Rohstoffe zu gelangen, wurden Teile der Maginot-Linie und alte deutsche Grenzbefestigungen demontiert, eingeschmolzen und am „Atlantikwall“ verwendet.

Rommel erkannte bald die sehr geringe Verteidigungstiefe des Atlantikwalls, daher ließ er die Strände und die Brandungszonen verbarrikadieren. In großer Zahl wurden Hindernisse errichtet; diese bestanden aus mehreren Reihen Tschechenigeln, Hemmbalken, von denen viele an den Spitzen mit Minen oder Sprenggranaten bestückt waren, und Stacheldrahtverhauen. In großem Maßstab wurden das Küstengebiet, die Uferzonen und die Zwischenräume zwischen den einzelnen Widerstandsnestern vermint. Vielerorts kamen auch die bekannten Rommelspargel zum Einsatz, diese aus Masten und dazwischen gespanntem Draht gebildeten Hindernisse sollten auf freiem Feld Luftlandeoperationen vermeiden oder zumindest deutlich erschweren. Systeme aus Gräben, Wassergräben, Panzermauern und Brandfallen ergänzten die Befestigungen. Zur Sicherheit wurden küstennahe Gebäude enteignet und stellenweise in die Verteidigungsanlagen integriert. Die Küstenstädte wurden meist mit mehreren Widerstandsnestern und/oder Festungen umgeben; in den Städten selbst gab es an verschiedenen Stellen Verteidigungspunkte. Auch wurden bestehende Verteidigungsanlagen umgebaut und ergänzt. Zur Tarnung wurden die Bunker je nach örtlichen Gegebenheiten mit Tarnnetzen behängt, mit Tarnanstrichen oder Tarnverputz versehen, als „normale“ Gebäude getarnt oder direkt in Felsen oder ähnliches integriert.

Am „Atlantikwall“ in Frankreich arbeiteten ab November 1943 insgesamt 291.000 Mann, u. a. 15.000 Deutsche und 85.000 Franzosen. Baustellen mit bis zu 1000 Mann waren keine Seltenheit. Durch das Zurückgreifen auf Zwangsarbeiter sowie die Aktivitäten verschiedener Widerstandsgruppierungen kam es häufig zu Sabotageakten, was die Bauarbeiten, zusätzlich zur Gefahr durch den in der Luft immer stärker werdenden Gegner, erheblich erschwerte.

Die Bautätigkeiten am „Atlantikwall“ wurden von alliierter Seite aus, vor allem durch Flugzeuge, genau beobachtet. Viele Informationen kamen auch aus dem Kreis der Widerstandsgruppen wie z. B. der Résistance. Vielerorten versuchten die Alliierten, durch Bombardements die Bauarbeiten zu unterbinden bzw. die Bauten zu zerstören. Die „Kollateralschäden“ an zivilen Gebäuden waren erheblich, gingen teilweise sogar bis zur völligen Zerstörung ganzer Städte wie Lorient, St. Nazaire oder La Pallice. Die meisten militärischen Anlagen konnten erst durch die Entwicklung bunkerbrechender Bomben, wie die britischen „Tall Boys“, effektiv aus der Luft bekämpft werden. So zerstörten die Briten die Abschussanlagen der V3 mit diesen Waffen.

Bedeutung des Atlantikwalls im Krieg

Die nahe der Ortschaft Haringzelle gelegene Batterie „Siegfried“ wurde nach dem Tod des Ingenieurs Fritz Todt in Batterie „Todt“ umbenannt.
Ein Mannschaftsbunker am Atlantikwall im Februar 1944

Bis zur Invasion der Alliierten (Operation Overlord) waren die Befestigungen in Frankreich am weitesten fortgeschritten, insbesondere am Pas-de-Calais, wo an der schmalsten Stelle des Ärmelkanals am ehesten eine feindliche Invasion erwartet wurde. Diese Einschätzung wurde von den Alliierten durch Täuschungsmanöver untermauert. Am weitesten vorangeschritten waren aufgrund ihrer Bedeutung für den Überseetransfer der Ausbau der Befestigungen um die Gironde-Mündung sowie die Anlagen im Bereich der spanischen Grenze bei Bayonne/Biarritz. Hier wurden mit einem riesigen Bauaufwand durch die Organisation Todt und unter Einsatz tausender Zwangsarbeiter und Kriegsgefangener Bunkeranlagen und Batterien für Geschütze verschiedenster Kaliber errichtet. Eine Vorstellung vom rein zahlenmäßigen Umfang der Befestigungen gibt die folgende, unvollständige Liste von Batteriestellungen:

Üblicherweise waren die Geschützbatterien mit Kanonen im Kaliber zwischen 10,5 cm und 15,5 cm bestückt, wie die nachfolgende Aufstellung zeigt:

  • Ouistreham mit sechs Kanonen im Kaliber 15,5 cm (Normandie, Frankreich)
  • Mont Fleury mit sechs Kanonen im Kaliber 12,2 cm (russ.) (Normandie, Frankreich)
  • Longues-sur-Mer mit vier Kanonen im Kaliber 15 cm (tschech.) (Normandie, Frankreich)
  • Pointe du Hoc mit sechs Kanonen im Kaliber 15,5 cm (franz.) (Normandie, Frankreich)
  • Marcouf mit drei Kanonen im Kaliber 21 cm (tschech.) (Normandie, Frankreich)
  • Azeville mit vier Kanonen im Kaliber 10,5 cm (Normandie, Frankreich)

Außerdem wurde mit dem Blockhaus von Éperlecques der größte Bunkerbau in Frankreich in weiten Teilen fertiggestellt. Dieses Bauwerk sollte als Stützpunkt für den Einsatz der V2 dienen.

Konzept des Atlantikwalls

Insgesamt wurden für den Atlantikwall 8119 Bunker gebaut, aus Effizienzgründen wurden von den verschiedenen Waffengattungen Standard- bzw. Regelbauten entwickelt, die meisten Gebäude entstanden nach diesen Plänen. Die einzelnen Waffengattungen Heer, Luftwaffe und Marine hatten jeweils eigene größtenteils genormte Ein/Ausrüstungsgegenstände. Die Waffengattung bedingte häufig die Bewaffnung der einzelnen Anlagen, so wurde das Würzburg-Radar von der Luftwaffe betrieben, die besonders schweren Geschützbatterien und die Seezielbatterien oft von der Marine. Die einzelnen Regelbauten wurden als Module errichtet, in Schutzzweck und der Topografie angepasster Anordnung. So standen etwa die Seezielbatterien nahe dem Strand, die Feuerleitstellen erhöht und die Munitions- und Mannschaftsanlagen weiter nach hinten gerückt. Verbunden waren die einzelnen Module entweder durch mehr oder weniger befestigte Schützengräben und teilweise durch gedeckte Wege oder Hohlgänge. Ein großer Nachteil des Atlantikwalls war vor allem die geringe Verteidigungstiefe, sie betrug vielerorts nur einige hundert Meter. Wenn der Angreifer die erste Linie durchbrochen hatte, folgten im direkten Hinterland nur noch leichte Selbstverteidigungsanlagen der Infrastrukturgebäude, weitere Linien waren nicht fest vorgesehen. Einen Aufbau aus vielen untereinander vernetzen Linien wie bei der Maginotlinie gab es nicht. In der Folge war nach einem gelungenen Durchbruch im Strandbereich ein tiefes Eindringen in das Hinterland möglich.

Operation Overlord

Während der Operation Overlord zeigte sich hier besonders stark der Nachteil der geringen Verteidigungstiefe. Nur mittels „befestigter Strände“ die massive Überlegenheit an Material, Information und Mannschaften der Alliierten auszugleichen, „ihn ins Meer zurückzuwerfen“, stellte sich als fast unmöglich dar, zumal die Landungsstrände im Vorfeld fast alle schwer von See und aus der Luft bombardiert worden waren. War eine erste Bresche geschlagen, konnte der Invasor weit in alle Richtungen vorstoßen. Auf Seiten der Deutschen führten Kompetenzunklarheiten, Fehleinschätzungen, wechselnde Strategien zur Verteidigung des Atlantikwalls sowie die bis zum D-Day vorherrschende Annahme, die Invasion würde an der schmalsten Stelle des Ärmelkanals stattfinden, zu weiteren schweren Fehlentscheidungen, die im weiteren Verlauf die Invasion begünstigten.

Die Stellungen des Atlantikwalles in der Normandie hielten der sorgfältig geplanten Invasion der Alliierten nur einen Tag stand (Operation Neptune). Die Anlagen der französischen Westküste verblieben jedoch länger in deutscher Hand, vor allem diejenigen im Bereich der U-Boot-Anlagen. Sie wurden nach und nach beseitigt, da sie keine Primärziele waren. Der schnelle Vorstoß auf Paris und dann Berlin hatte Vorrang. Der Atlantikwall spielte im weiteren Verlauf des Zweiten Weltkriegs keine entscheidende Rolle mehr, obwohl die Stellungen von den Deutschen teilweise hartnäckig verteidigt wurden.

Die Küstenstädte des Atlantikwalls, die von Hitler zu „Festungen“ erklärt wurden, wurden von den deutschen Besatzungen teils bis zur Kapitulation gehalten, bzw. die Alliierten, die zur Invasion von Brest 10.000 Soldaten verloren hatten (Tote und Verwundete), beschlossen, die Küstenstädte in einer Belagerung zu belassen, bis der Krieg zu Ende war, so dass die dortige verbliebene Bevölkerung eine zusätzliche 9-monatige Belagerungszeit in der total zerstörten Stadt durchmachen musste. Solche militärischen Kessel des Atlantikwalls bis zum Kriegsende waren beispielsweise die Kessel von Dünkirchen, Lorient oder Saint-Nazaire, und „Overlord“ war für diese Bevölkerungen erst am 10. Mai 1945 zu Ende.

Architektonische und künstlerische Aspekte

Expressionistische Betonarchitektur

Der Architekturkritiker Christoph Hackelsberger weist auf die Verwandtschaft der Formensprache der Bunkerbauten des Atlantikwalls mit expressionistischer Architektur und Betonkonstruktionen der 1920er Jahre, etwa auch des Goetheanums in Dornach hin.[1] Der völlig andere Zweck wie auch die militärische Verwendung sollte nicht über die durchaus hohe architektonische Qualität im Sinne einer „Schwarzen Moderne“ hinwegtäuschen.

Der ungarische Künstler Gabor Ösz entwickelte sein bekanntestes Werk „The Liquid Horizon“, als er den Atlantikwall bereiste und fotografierte. Er baute dabei die Bunker, die zur Beobachtung des Meeres gedacht waren, in eine Camera Obscura um, um sie somit auf künstlerische Weise wieder dieser Funktion zuzuführen.[2]

Siehe auch

Literatur

  • Thorsten Heber: Der Atlantikwall 1940–1945; Band I: Die Befestigung der Küsten West- und Nordeuropas im Spannungsfeld nationalsozialistischer Kriegführung und Ideologie; 564 Seiten, 157 Bildtafeln mit 535 Abb.. BOD, Norderstedt 2008, ISBN 978-3-8370-2979-6.
  • Thorsten Heber: Der Atlantikwall 1940–1945; Band II: Die Invasion – Die Atlantikfestungen 1944/45 – Der Atlantikwall in Deutschland, Dänemark, Norwegen – Kompendium Regelbauten. BOD, Norderstedt 2008, ISBN 978-3-8370-2980-2 (504 Seiten, 196 Bildtafeln mit 670 Abb.).
  • Rudi Rolf: Der Atlantikwall: die Bauten der deutschen Küstenbefestigungen 1940–1945. Biblio, Osnabrück 1998, ISBN 3-7648-2469-7.
  • Rudi Rolf: Der Atlantikwall: Perlenschnur aus Stahlbeton. AMA-Verlag, Beetsterzwaag 1983, ISBN 90-6474-025-9.
  • Paul Virilio: Bunkerarchäologie. Hanser, München/Wien 1992, ISBN 3-446-17162-2.
  • Peter Willumsen: Der Atlantikwall auf Fanø: Fanø im Zweiten Weltkrieg. WeXco, Nordby 2004, ISBN 87-990043-0-5.
  • Rudolf Heinz Zimmermann: Der Atlantikwall: Geschichte und Gegenwart; mit Reisebeschreibung. Schild, München 1982–1997 (3 Bände).
  • Deutsches Atlantikwall-Archiv Köln (Hrsg.): DAWA-Nachrichten. Harry Lippmann, Köln, ISSN 1431-4541.

Weblinks

 Commons: Atlantikwall – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelbelege

  1. Christoph Hackelsberger: Beton: Stein der Weisen? Nachdenken über einen Baustoff, Bauwelt-Fundamente, Vieweg, 1988, ISBN 3-528-08779-X.
  2. gaborosz.com

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