Atomausstieg

Als Atomausstieg bezeichnet man vier Sachverhalte:

  1. die Entscheidung, beim Eintreten bestimmter Bedingungen oder zu einem bestimmten zukünftigen Zeitpunkt vorhandene Kernkraftwerke abzuschalten oder
  2. den Prozess bzw. Zeitraum, in dem man diese Entscheidung in die Tat umsetzt oder
  3. die im Jahr 2000 getroffene Vereinbarung der rot-grünen Bundesregierung mit den vier deutschen Kernkraftwerksbetreibern, die deutschen Kernkraftwerke nach dem Erzeugen bestimmter Strommengen abzuschalten (auch Atomkonsens genannt) oder
  4. die nach der der Katastrophe von Fukushima (Japan) im März 2011 getroffene Entscheidung der schwarz-gelben Bundesregierung, die Laufzeit aller deutschen Kernkraftwerke stufenweise und letztendlich 2022 zu beenden; dazu wurde am 30. Juni 2011 vom Deutschen Bundestag das Dreizehnte Gesetz zur Änderung des Atomgesetzes (AtG) beschlossen, das diesen Ausstieg abschließend regelt.

In allen vier Fällen wird nur auf die Erzeugung von Strom aus Atomenergie im jeweiligen Land selbst eingegangen, nicht auf den Verbrauch.

Der Begriff „Atomausstieg“ entstand als politisches Schlagwort in der Anti-Atomkraft-Bewegung. Er wurde seit etwa Mitte der 1970er Jahre gefordert; nach der Katastrophe von Tschernobyl 1986 forderten mehr Menschen – auch in anderen europäischen Ländern – Atomausstiege in ihren Ländern. Pannen, Störfälle, bekannt gewordene Vertuschungen, die Endlagerfrage sowie 2011 die Katastrophe in vier japanischen Reaktorblöcken in Fukushima haben die Frage nach dem Atomausstieg sowie die Frage, wie lange man alte Kernkraftwerke betreiben will bzw. angesichts der Restrisiken darf, immer wieder aufgeworfen.

Inhaltsverzeichnis

Atomausstieg nach Ländern

Siehe auch: Kernenergie nach Ländern für Spanien, Italien, Österreich, Irland, Belgien und andere

Viele Länder - darunter China und Japan - überprüfen ihre Atompolitik.[1][2] Japan betreibt (Stand 26. August 2011) nur noch 18 seiner über 50 Kernreaktoren (Quellen hier).

Deutschland

Die Bundesregierung beschloss wenige Tage nach dem Beginn der Nuklearkatastrophe von Fukushima einen deutlichen Wechsel ihrer Atompolitik bzw. Energiepolitik.

Zunächst verkündete sie ein dreimonatiges Atom-Moratorium für die sieben ältesten deutschen Atomkraftwerke sowie für das Kernkraftwerk Krümmel; kurz darauf setzte sie zwei Expertenkommissionen ein, um ihren beschleunigten Atomausstieg zu rechtfertigen.

Am 6. Juni 2011 beschloss das Kabinett Merkel II das Aus für acht Kernkraftwerke und den stufenweisen Atomausstieg bis 2022[3][4] Damit nahmen sie die im Herbst 2010 beschlossenen Laufzeitverlängerungen in etwa zurück. Bis 2010 galt ein stufenweiser Atomausstieg ("Atomkonsens") mit Reststrommengen und ohne feste Abschalttermine, den die rot-grünen Regierung (Kabinett Schröder I) am 14. Juni 2000 mit den vier deutschen Atomkraftwerksbetreibern vereinbart hatte. Der Atomausstieg erfolgte durch eine erneute Novellierung des Atomgesetzes.

Am 30. Juni 2011 beschloss der Bundestag in namentlicher Abstimmung mit großer Mehrheit (513 Stimmen)[5] das „13. Gesetz zur Änderung des Atomgesetzes“, das die Beendigung der Kernenergienutzung und Beschleunigung der Energiewende als Reaktion auf die Atomkatastrophe in Japan regelt.

Insbesondere erlischt die Betriebsgenehmigung für acht Kernkraftwerke in Deutschland und die übrigen neun Kraftwerke werden zeitlich gestaffelt in ihrer Laufzeit befristet (letzte AKW-Abschaltung im Jahr 2022). [6] [7]

Am 8. Juli stimmte der Bundesrat zu.[8] Bundespräsident Wulff unterzeichnete es am 1. August 2011.[9] Das Gesetz wurde am 5. August 2011 im Bundesgesetzblatt verkündet und trat am 6. August 2011 in Kraft[10].

Laut einem Bericht des Handelsblatts will Vattenfall wegen der Schließung seiner Atomkraftwerke juristisch gegen Deutschland vorgehen: Das Unternehmen will noch vor Weihnachten 2011 die Bundesrepublik vor dem Internationalen Schiedsgericht für Investitionsstreitigkeiten in Washington) auf Schadensersatz in Milliardenhöhe verklagen.[11]

Schweiz

Durch die Nuklearkatastrophe von Fukushima beeinflusst, hat der Schweizer Bundesrat im Mai 2011 angekündigt, aus der Atomenergie aussteigen zu wollen.[12] Im Juni 2011 stimmten der Nationalrat und im September 2011 der Ständerat entsprechenden Motionen zu.[13] Demnach sollen keine neuen Kernreaktoren mehr bewilligt werden, die bestehenden Anlagen sollen nach Ende ihrer "sicherheitstechnischen" Laufzeit abgeschaltet werden. Somit würde gemäss den Einschätzungen der Atomausstieg in der Schweiz bis 2034 vollzogen sein.[14] Für den definiviten Entscheid ist allerdings eine Gesetzesänderung nötig, der beide Räte nochmals zustimmen müssen und gegen den das fakultative Referendum ergriffen werden kann.

Grundlagen

Mit der zivilen Nutzung der Kernkraft in Kraftwerken wurde Mitte der 1950er-Jahre (1954 Kernkraftwerk Obninsk, Sowjetunion; 1956 Kernkraftwerk Calder Hall, Großbritannien) begonnen. Anfangs war die friedliche Nutzung der Kernenergie gesellschaftlich weitgehend akzeptiert und Kernkraftwerke wurden als eine sichere, wirtschaftliche und umweltfreundliche Art der Stromerzeugung beworben. Ab den 1970er-Jahren gewannen Anti-Atomkraft-Bewegungen, die sowohl die militärische (siehe auch Kernwaffe) als auch die zivile Nutzung der Kernenergie in Frage stellten, zunehmend an Bedeutung. Hauptkritikpunkte sind dabei die Risiken und möglichen Folgen eines nuklearen Unfalls, Gefahren für Menschen und Umwelt in der Umgebung von Kraftwerken (Radioaktivität, ionisierende Strahlung) und das Problem der radioaktiven Abfälle, die über Jahrtausende sicher endgelagert werden müssen. Die Kernschmelze im Three Mile Island 1979 (USA) und die Katastrophe von Tschernobyl 1986 (UdSSR) veranlassten viele Länder, keine neuen Kernkraftwerke zu bauen.

Wenn Länder ihre Kernkraftwerke abschalten, müssen sie entweder mehr Energie importieren, mehr Strom auf alternative Weise herstellen und/oder ihren Stromverbrauch drosseln. Oft wird ein langsamer Atomausstieg gewählt, um in der Zwischenzeit andere Anlagen zur Energieerzeugung zu errichten. Neben fossiler Energie sind die am häufigsten in Betracht gezogenen Alternativen zur Kernenergie Windenergieanlagen, Wasserkraftwerke, Sonnenenergie, Geothermie und Energie aus Biomasse sowie Energiesparen (also Maßnahmen, die die Menge verbrauchter Energie verringern).

Bis 2011 wurde in einigen Ländern der beschlossene Ausstieg verzögert oder der Ausstiegsbeschluss vollständig revidiert. Dies wird unter den Stichworten Laufzeitverlängerung und Ausstieg vom Ausstieg diskutiert.

Argumente für den Ausstieg

Radioaktivität und Unfallrisiken

Caesium-137-Kontamination in Weißrussland, Russland und der Ukraine zehn Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl

Bei Unfällen in Kernkraftwerken traten radioaktive Stoffe aus und kontaminierten Landflächen. Allein bei der Katastrophe von Tschernobyl kamen insgesamt zwischen 9.000 und 200.000 Menschen ums Leben.

Auch im Normalbetrieb kommt es zu radioaktiver Belastung der Umgebung. Beispielsweise werden in der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague mehrere zehntausend Liter radioaktiv kontaminiertes Wasser in den Ärmelkanal geleitet. Eine Studie des Krebsregisters Mainz kommt außerdem zu dem Urteil, dass in der Umgebung von Atomkraftwerken eine Häufung von Leukämie beobachtet werden kann.

Weitere Kritikpunkte betreffen die Uranvorkommen und deren Förderung: Die weltweiten Uranvorkommen (Uranlagerstätte) sind begrenzt.[15] Weiter sei der Abbau des Urans in der Vergangenheit und heute teilweise mit verheerenden Auswirkungen für die Umwelt und die dort lebenden Menschen verbunden.

Wirtschaft und Versicherung

Kritiker halten die Kernenergie für unwirtschaftlich, weil die hohen Kapitalkosten durch die niedrigen Brennstoffkosten nicht aufgewogen werden können. Oft wurden in der Vergangenheit Entsorgungsaufwände nicht den verursachenden Stromkonzernen in Rechnung gestellt, sondern vom Steuerzahler bezahlt.

Nach einer Studie des Ökostromanbieters Lichtblick bewirkt die im Herbst 2010 von der Bundesregierung gesetzlich festgelegte Laufzeitverlängerung für einen Durchschnittshaushalt eine Ersparnis von maximal zwölf Euro pro Jahr. Sollten Stromkonzerne die Brennelementesteuer einpreisen, müsste eine vierköpfige Familie 60 Euro mehr im Jahr für Strom bezahlen.[16]

Gefahren für Frieden und Sicherheit

Kritiker argumentieren, ein effektiver Schutz der Atomanlagen vor Terrorangriffen sei nicht zu bewerkstelligen. Atomkraftwerke bergen daher das Risiko eines verheerenden terroristischen Anschlags.

Darüber hinaus trägt die zivile Nutzung der Kernenergie zur Verbreitung von technischem Know-How und Material an Regierungen und terroristische Gruppen bei, welche die zivile Kernenergie für militärische oder terroristische Zwecke missbrauchen können, wie etwa durch den Bau von Kernwaffen oder "schmutzigen Bomben".

Verdrängung erneuerbarer Energien

Im Zuge der jahrelangen Diskussion um die 2010 beschlossene und 2011 zurückgenommene Laufzeitverlängerung deutscher Kernkraftwerke meldeten sich zahlreiche Institutionen zu Wort. Ein Auszug:

  • Die Agentur für Erneuerbare Energien kritisierte, dass bei einer solchen Laufzeitverlängerung erneuerbare Energien vom Strommarkt verdrängt würden.
  • Nach einer Analyse des Fraunhofer Instituts für Windenergie und Energiesystemtechnik (IWES) würden bei dem von der Erneuerbare-Energien-Branche für 2020 geplanten Ausbau der erneuerbaren Energien nur noch 24,5 GW statt heute 43,9 GW an Grundlast von fossilen oder atomaren Kraftwerken benötigt. Würden die Atomkraftwerke aber am Netz bleiben, müssten zusätzlich fossile Kraftwerke abgeschaltet werden, wozu jedoch die gesetzliche Grundlage fehlt. Faktisch würde so der Vorrang erneuerbarer Energien gefährdet.[17]
  • Eine AKW-Laufzeitverlängerung wäre ein „schlimmer Fehler“ und würde die erneuerbaren Energien in Deutschland um mindestens ein Jahrzehnt zurückwerfen, warnte 2010 auch Christian Friege, der Vorstandsvorsitzende des Ökostromanbieters Lichtblick. Schon 2010 verstopfe „zu viel unflexible Grundlast“ aus Braunkohle- und Atomkraftwerken das Stromnetz. Längere Laufzeiten würden dazu führen, dass „der so wichtige Vorrang der erneuerbaren Energien bei der Stromerzeugung in Frage gestellt wird“. Zudem könnten die Betreiber der Atomkraftwerke mit den Zusatzgewinnen „ihre dominante Stellung bei der Stromerzeugung verteidigen“. Infolgedessen sei Atomkraft „keine Brückentechnologie, sondern eine Verhinderungstechnologie für den Ausbau der Erneuerbaren“.[18]
  • Auch nach Ansicht des Sachverständigenrats für Umweltfragen (SRU) sind weder längere AKW-Laufzeiten noch neue Kohlekraftwerke erforderlich. Der SRU warnte davor, dass durch signifikante AKW-Laufzeitverlängerungen Überkapazitäten im System entstünden. Viele konventionellen Kraftwerke seien auf Dauer nicht mit der erneuerbaren Stromerzeugung vereinbar, da ihre Leistung nicht schnell genug an die Schwankungen der Wind- und Sonnenenergie angepasst ("Lastfolgebetrieb") werden kann. Das dauerhafte Nebeneinander von konventioneller und wachsender erneuerbarer Stromerzeugung würde das System ineffizient und unnötig teuer machen. Prof. Dr. Olav Hohmeyer, Mitglied im SRU, betonte: „Für die Übergangszeit sind weder Laufzeitverlängerungen für Atomkraftwerke noch neue Kohlekraftwerke erforderlich. Die Brücke zu den erneuerbaren Energien steht bereits“.[19]
  • Albert Filbert, Vorstandsvorsitzender des Regionalversorgers HSE in Darmstadt, erklärte 2010 in der „Wirtschaftswoche“: „Die Atomkraft ist keine Brückentechnologie, sondern sie bremst die Erneuerbaren aus.“ Filbert begründet seine Sichtweise mit Investitionen der Stadtwerke in den vergangenen Jahren, die sich am Atomausstieg orientiert hätten: „Sie haben viel Geld in die erneuerbare Energieversorgung gesteckt, denn dieses Marktsegment war nicht vom Erzeugungsoligopol der vier großen Energieunternehmen besetzt.“ (E.ON, RWE, EnBW, Vattenfall)

Würden nun die Atomkraftwerksbetreiber am Markt bevorzugt, käme das einer Entwertung dieser Investitionen gleich. Da auch die Behauptungen unzutreffend seien, Atomkraft senke den Strompreis und ohne sie gingen die Lichter aus, folgerte Filbert: „Der energiepolitisch wie wettbewerbsrechtlich richtige Weg wäre, am Ausstiegsbeschluss festzuhalten.“[20]

Argumente gegen den Ausstieg

Kosten

Laut eines Spiegel-Online-Artikels vom März 2011 wäre ein Atomausstieg bis 2020 mit ca. 170 Milliarden Euro an Kosten verbunden, wobei hierzu beispielsweise 122 Milliarden Euro an Investitionen zählen, die laut Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit ohnehin nötig wären, um die Klimaschutzvorgaben zu erfüllen.[21]

Eine Untersuchung des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie im Auftrag eines nordrhein-westfälischen Ministeriums prognostiziert, ein schneller Atomausstieg werde den Strompreis eines Durchschnittshaushaltes um maximal 25 Euro im Jahr verteuern. Ein beschleunigter Ausbau erneuerbarer Energien könne langfristig sogar niedrigere Strompreise ermöglichen.[22]

Germanwatch kommt im Mai 2011 zu einem ähnlichen Ergebnis.[23] Der volkswirtschaftliche Nutzen der erneuerbaren Energien sei deutlich höher als die Mehrkosten.

"Die Stromkonzerne bereiten Verfassungsklagen gegen die Bundesregierung vor, um das Atomgesetz zu kippen und anschließend milliardenschwere Schadensersatzforderungen stellen zu können. Nach SPIEGEL-Informationen haben die Unternehmen namhafte Anwaltskanzleien und Top-Gutachter engagiert."[24]

Österreich rechnet mit Mehrkosten durch den deutschen Atomausstieg.[25]

Stromimporte

Kritiker befürchten, dass die wegfallende Atomstromproduktion lediglich durch Importe von Atomstrom aus Frankreich oder Tschechien ersetzt würde, anstatt durch heimische Produktion erneuerbarer Energien. Nach Angaben des BDEW lag jedoch der Exportüberschuss im ersten Halbjahr 2011 (d.h. nach Abschaltung von acht Kernkraftwerken) im Saldo 17% über dem Import. So konnten fast 28 Terawattstunden exportiert werden, meist nach Österreich und in die Schweiz. 24 Terawattstunden wurden dagegen importiert.[26] Darüber hinaus konnte das Öko-Institut nachweisen, dass der importierte Strom meist kein Atomstrom ist, sondern von anderen Energieträgern gedeckt wird.[27] Dagegen gab der größte russische Stromexporteur, Inter Rao, im November 2011 ausdrücklich bekannt, Atomstrom nach Deutschland verkaufen zu wollen. Der größte Teil davon soll in einem derzeit im Bau befindlichen Kernkraftwerk bei Kaliningrad erzeugt werden.[28]

Versorgungssicherheit

Kritiker befürchten, dass Stromausfälle wahrscheinlicher werden, wenn Atomkraftwerke zur Deckung der Grundlast fehlen und die Stromerzeugung stärker auf fluktuierende Energiemengen aus erneuerbaren Energien angewiesen ist. Die Bundesnetzagentur kann diese Befürchtung jedoch nicht bestätigen. Selbst im Winter sei kein Atomkraftwerk als "Kaltreserve" im Standby notwendig, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. „Auch im Fall außergewöhnlicher Störungen bleibt das Übertragungsnetz ohne Einsatz eines Reservekernkraftwerks beherrschbar“, so Matthias Kurth, Präsident der Bundesnetzagentur. Eine sorgfältige Analyse des Kraftwerksparks habe solide Reservekapazitäten ermittelt.[29]

Klimaschutz

Gegner des Atomausstieges kritisieren, dass durch den Atomausstieg mehr Strom aus Kohle und anderen fossilen Brennstoffen erzeugt werden müsse, was mit dem Ziel des Klimaschutzes nicht vereinbar sei. Laut Felix Matthes vom Freiburger Öko-Institut (Büro Berlin) wird jedoch in der Summe durch die Laufzeitverlängerung kein CO2 eingespart, da im April 2009 durch die EU für die Zeit bis 2020 die Grenze der jährlich erlaubten CO2-Menge festgelegt wurde. In dieses Emissionsziel wurde die mögliche Reduktion durch Atomkraftwerke nicht eingerechnet. Wird durch eine verlängerte Laufzeit für Atomkraftwerke CO2 eingespart, so können im Rahmen des Emissionshandels andere Industriesparten mehr CO2 ausstoßen[30] Britische Autoren erwarten aufgrund der Schließung der acht alten deutschen Atomkraftwerke eine verstärkte Nutzung fossiler Energieträger in Deutschland. Dadurch dürfte sich die Nachfrage und damit der Preis der EU-Emissionshandelszertifikate um rund fünf Euro pro Tonne erhöhen, wodurch wiederum die Anstrengungen der Teilnehmer des EU-Emissionshandels ihre Treibhausgase-Emissionen zu senken verstärkt werden. Der Ausstieg könnte laut Autoren auch zu einer verstärkten Umstellung der Energieproduktion von Kohle auf Gas und erneuerbare Energien führen.[31] Die Summe des Gesamtsystems bleibt in jedem Fall gleich.[30]

Radioaktivität von Kohlekraftwerken

Aufgrund der in der Kohle natürlich vorkommenden Radionuklide enthalten die Asche und die Abgase aus Kohlekraftwerken Radioaktivität. Die weltweit jährlich für die Stromerzeugung verbrannte Kohle enthält unter anderem etwa 10.000 t Uran und 25.000 t Thorium.[32]

Bei der Erdöl- und Erdgasförderung fallen jährlich Millionen Tonnen radioaktiv verseuchter Rückstände an, die größtenteils ohne Nachweis entsorgt werden, also unsachgemäß.

Wirtschaft

Laut einer Studie der Landesbank Baden-Württemberg aus dem Jahr 2009 würden die Kernkraftwerkbetreiber bei einer Laufzeitverlängerung von acht bis zehn Jahren mindestens 119 Milliarden Euro zusätzlich einnehmen, falls die Strompreise auf aktuellem Niveau verharren. Bei steigenden Strompreisen beliefen sich die Mehreinnahmen auf bis zu 233 Milliarden Euro. Maximal die Hälfte der Gewinne könnte an den Staat gehen.[33]

Nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima verkündete die Bundesregierung ein Atom-Moratorium und später eine Energiewende. Durch die damit verbundene Laufzeitverkürzung kommen auf die Energiekonzerne laut einer Studie der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) Gewinneinbußen in Höhe von etwa 22 Milliarden Euro zu.[34]

Siehe auch

Literatur

  • Klaus Traube: Billiger Atomstrom? Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1985, ISBN 3-499-14947-8
  • Klaus Traube: Nach dem Super – GAU. Tschernobyl und die Konsequenzen. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1986, ISBN 3-499-15921-X
  • John May: Das Greenpeace-Handbuch des Atomzeitalters, Daten – Fakten – Katastrophen, Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur, München 1989, ISBN 3426040573
  • Bernard Leonard Cohen: The Nuclear Energy Option: An Alternative for the 90’s, Plenum Publishing Corporation, New York 1990, ISBN 0-306-43567-5
  • William D. Nordhaus: The Swedish Nuclear Dilemma – Energy and the Environment, RFF Press, Washington, DC 1997, ISBN 0-915707-84-5
  • Walter Bayer: Rechtsfragen zum Atomausstieg, Bwv – Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2000, ISBN 3-8305-0121-8
  • Alexis von Komorowski: Rechtsfragen des Atomausstiegs, in: Juristische Ausbildung (JURA) 2001, S. 17-21, ISSN 0170-1452
  • Patrick Kupper: Atomenergie und gespaltene Gesellschaft, Chronos Verlag, Zürich 2003, ISBN 3-0340-0595-4
  • Alexander Schneehain: Der Atomausstieg – Eine Analyse aus verfassungs- und verwaltungsrechtlicher Sicht, Cuvillier, Göttingen 2005, ISBN 3-86537-635-5
  • „Health Effects of the Chernobyl Accident and Special Health Care Programmes”, Report to the UN Chernobyl Forum Expert Group “Health”, Genf 2006, ISBN 92-4-159417-9
  • Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.): Mythos Atomkraft. Ein Wegweiser, Berlin 2006, ISBN 3-927760-51-X, Download
  • Marko Ferst: Täuschungsmanöver Atomausstieg? Über die GAU-Gefahr, Terrorrisiken und die Endlagerung, Leipzig 2007, ISBN 3-86703-582-2 Leseprobe, Inhalt
  • Gerd Rosenkranz: Mythen der Atomkraft. Wie uns die Energielobby hinters Licht führt. Oekom, München 2010, ISBN 978-3865811981

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Atomausstieg heißt nicht prima Klima, Deutschlandfunk: Umwelt und Verbraucher am 6. Juni 2011
  2. Siehe auch: en:International reaction to Fukushima I nuclear accidents, englische Wikipedia
  3. sueddeutsche.de, Kabinett beschließt Atomausstieg bis 2022, 6. Juni 2011, abgerufen 2. Juli 2011
  4. bundesregierung.de Der Weg zur Energie der Zukunft
  5. bundestag.de: wer stimmte wie ab
  6. 13. Gesetz zur Änderung des Atomgesetzes
  7. bundestag.de: weitere Quellen
  8. bundesrat.de
  9. Wulff unterschreibt Atomausstieg-Gesetz
  10. Änderungen des Atomgesetzes für den AtomausstiegVorlage:§§/Wartung/alt-URL-buzer
  11. handelsblatt.com 2. November 2011: Vattenfall verklagt Deutschland
  12. Bundesrat entschliesst Atomausstieg. wirtschaft.ch (25. Mai 2011). Abgerufen am 25. Mai 2011.
  13. Neue Zürcher Zeitung: Ständerat sagt Ja zum Atomausstieg, 28. September 2011.
  14. Die Zeit: Schweiz plant Atomausstieg bis 2034, 25. Mai 2011.
  15. http://www.nuclear-free.com Ausstiegsargumente, auch wegen begrenzten Uranvorkommens.
  16. Studie widerlegt Billigstrom-Versprechen der Atomriesen auf spiegel.de, 11. Juni 2010
  17. 15. September 2009: Fraunhofer IWES-Studie - Weniger Platz für Großkraftwerke
  18. http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0206/wirtschaft/0012/index.html
  19. Pressemitteilung: Klimaverträglich, sicher, bezahlbar: 100% erneuerbare Stromversorgung bis 2050
  20. Wirtschaftswoche vom 15. August 2010
  21. Spiegel Online 17. März 2011: http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,751293,00.html Atomwende in Deutschland: Turbo-Ausstieg würde rund 170 Milliarden Euro kosten
  22. Pressemitteilung vom 25. Mai 2011
  23. Pressemitteilung 26. Mai 2011 anklicken
  24. spiegel.de 19. Juni 2011: Mit Top-Anwälten gegen Merkels Atomkurs
  25. Atomausstieg in Deutschland: 600 Mio. Euro Kosten für Österreich
  26. BDEW: Richtigstellung der veröffentlichten Zahlen zum Stromaustausch mit dem Ausland, Pressemitteilung vom 12. September 2011
  27. Studie: Atomstrom aus Frankreich? Kurzfristige Abschaltungen deutscher Kernkraftwerke und die Entwicklung des Strom-Austauschs mit dem Ausland
  28. Handelsblatt: Russischer Stromexporteur lockt mit Atomstrom, 4.11.2011
  29. Bundesnetzagentur wird den Reservebetrieb eines Kernkraftwerks nicht anordnen, Pressemitteilung BNetzAgentur, 31. August 2011
  30. a b - es sei denn, die EU-Länder ändern diese vereinbarte Regel. Energiepolitik auf dem Holzweg auf dradio.de, 6. Juni 2010
  31. Germany's nuclear phase-out will cause UK emissions to fall, report says, The Guardian, 22. Juni 2011
  32. http://www.world-nuclear.org/info/inf30.html
  33. zeit.de 28. September 2009: Laufzeitverlängerung: Milliarden für die Atomkonzerne
  34. Stromriesen drohen bis zu 22 Milliarden Euro Verluste

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