Atomkraftwerk Ignalina

f1

Kernkraftwerk Ignalina
Block 1

Block 1

Lage
Kernkraftwerk Ignalina (Litauen)
DEC
Kernkraftwerk Ignalina
Koordinaten 55° 36′ 15,6″ N, 26° 33′ 45,6″ O55.60434185364826.5626668930057Koordinaten: 55° 36′ 15,6″ N, 26° 33′ 45,6″ O
Land: Litauen Litauen
Daten
Eigentümer: Staat Litauen
Betreiber: Ignalina Nuclear Power Plant
Projektbeginn: 1974[1]
Kommerzieller Betrieb: 1. Mai 1984

Aktive Reaktoren (Brutto):

1  (1380 MW)

Stillgelegte Reaktoren (Brutto):

1  (1380 MW)

Bau eingestellt (Brutto):

1  (1500 MW)

Planung eingestellt (Brutto):

1  (1500 MW)
Eingespeiste Energie im Jahre 2007: 9.074 GWh
Eingespeiste Energie seit Inbetriebnahme: 222.413 GWh
Website: Kernkraftwerk Ignalina
Stand: 7. August 2008
Die Datenquelle der jeweiligen Einträge findet sich in der Dokumentation.

Das Kernkraftwerk Ignalina (litauisch Ignalinos atominė elektrinė, kurz IAE) steht in Litauen nahe der Stadt Visaginas am See Drūkšiai. Es steht 45 Kilometer von der Kreisstadt Ignalina entfernt und ist das einzige litauische Kernkraftwerk.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Logo des Kernkraftwerks

Der Auftrag für das Kernkraftwerk wurde 1974 erteilt[1] noch in der Sowjetunion. Es lief unter dem Projektnamen "Unternehmen Postfach A-15-13".[2] Das Kraftwerk sollte ursprünglich vier Blöcke vom Typ RBMK-1500 bekommen.[3] Das Kernkraftwerk wurde unter der Parole "Lenin, die Macht der Partei und die Kraft des Volkes sichern den Sieg des Kommunismus" gebaut. Es wurde vom Ministerium für Mittelschweren Maschinenbau gebaut, das eher einen militärischen Hintergrund hat. Ignalina sollte den technischen Fortschritt der UdSSR demonstrieren.[2]

Der Bau des ersten Blockes erfolgte im Jahr 1977. Ein Jahr später folgte der zweite Block. Der erste Block nahm am 31. Dezember 1983 den Betrieb auf und ging am 01. Mai 1984 in den kommerziellen Betrieb über.[4] Beim Anfahren des ersten Blocks im Jahr 1983 traten bereits Probleme auf. Trotzdem wurde die Leistungssteigerung nicht unterbrochen. In der Sowjetunion war es ein offenes Geheimnis, dass Reaktoren den Betrieb aufnahmen, die nicht dafür bereit sind. Es gab die strikte Anweisung vom Politbüro in Moskau, den Reaktor am 31. Dezember 1983 anzufahren. Die Schichtleiter hätten jedoch die Inbetriebnahme auch verweigern können. Dies hätte jedoch Folgen nach sich gezogen.[2] Während dessen begann 1985 der Bau von Block drei.[5] Später nahm am 20. August 1987 der zweite Block den Betrieb auf. Der Reaktor nahm noch am gleichen Tag den kommerziellen Betrieb auf.[4] Das Kraftwerk bezieht sein Kühlwasser aus dem anliegenden See Drūkšiai.[6]

Am 30. August 1988 wurde der Bau des dritten Blocks storniert.[5] Der vierte Block wurde ebenfalls verworfen.[7]Bei der Inbetriebnahme waren beide Blöcke die leistungsstärksten Reaktoren der Welt. Ignalina sollte die Vorzeigeanlage der Sowjetunion werden. Es sollte den Aufstieg der Sowjetunion in die Moderne zeigen.[2]

Reaktorhalle

Die Leistung der RBMK-Blöcke beträgt pro Block Brutto 1.380 Megawatt und 1.185 Megawatt Netto.[8] Ursprünglich hatten die Reaktoren eine Leistung von 1.500 Megawatt brutto und 1.380 Megawatt netto.[7] Jedoch wurde die thermische Leistung im Jahr 1993 von 4.800 MWth auf 4.200 MWth gedrosselt.[6][7] Die Reaktoren in Ignalina sind mit westlichen Reaktoren im Hinblick auf Risikostudien vergleichbar. Jedoch gilt diese Aussage nur für diese RBMK-Anlagen. Jedoch ist das Risiko eines Unfalls, dass zum Beispiel ein Leck entsteht, wesentlich höher als bei westlichen Siedewasserreaktoren.[9]

Als die Sowjetunion zerfiel, kam Litauen in den Besitz des Kraftwerks. Seitdem hat Litauen den größten Atomstromanteil aller Länder weltweit. Dieser betrug noch im Jahr 1993 über 88 %. Im Jahr 1995 wurde ein langfristiger Energieplan in Zusammenarbeit mit Vattenfall AB und IVO erstellt. Dieser soll die Laufzeit von Ignalina bis 2005 oder 2010 verlängern. Dies hat die Voraussetzung, dass das Aufrüstungsprogramm weiter fortgeführt wird. Nach Beendigung der Aufrüstung soll die Energieversorgung von Litauen für 10 bis 15 Jahre gesichert sein.[10]

Am 31. Dezember 2004 wurde schließlich der erste Block vom Netz genommen.[4] Die Stilllegung wurde im Mai 2000 vom litauischen Parlament im Zuge des EU-Beitritts beschlossen. Dabei verabschiedete man das Gesetz, das der erste Block bis zum 1. Januar 2005 abgeschaltet werden muss. Die Kosten der Stilllegung betragen 435 Millionen Deutsche Mark. Die Europäische Union hat davon 300 Millionen DM übernommen. Litauen selbst hat davon 40 Millionen DM übernommen.[11] Der zweite Block muss bis spätestens den 31. Dezember 2009 folgen.[12] Litauen hat ein Referendum durchgeführt um den Reaktor weiterhin am Netz zu lassen.[13] Die Abschaltung sollte dann erst 2015 erfolgen, bis ein neues Kernkraftwerk in Ignalina gebaut wurde.[14] Das Referendum ist jedoch gescheitert, da die Beteiligung nur bei 48 % lag. Sie hätte mindestens 50 % betragen müssen. Bei der Abstimmung waren allerdings 92 % für eine Laufzeitverlängerung.[15] Der Befürworteranteil wurde einige Tage später auf knapp 89 % nach unten korrigiert.[16]

Sicherheit

Eingang des Kernkraftwerks

Ein GAU in Ignalina könnte über alles bekannte hinaus gehen, obwohl das Ignalina-Projekt das letzte und vollkommenste RBMK-Projekt ist. In den Reaktoren wurden die Fehler der ersten und zweiten Generation beseitigt. Ignalina hat RBMK der zweiten Generation. Für die beiden Reaktoren wurde ein extra Reaktorschutz eingebaut. In Ignalina wurden erstmals Inspektionen in einem osteuropäischen Kernkraftwerk nach westlichen Standards durchgeführt. Daraus wurde ein Inspektionsbericht mit Verbesserungsvorschlägen verfasst, der 1996 veröffentlicht wurde. Man begann die Empfehlungen des Berichts umzusetzen. Block 1 war der einzige Ignalina-Reaktor, der mit Mängeln in Betrieb genommen wurde.[2]

Die Ausrüstung des Reaktors wurde durch das Dach mit Kränen hineingehoben. Jedoch gab der damalige Direktor die Anweisung, kurz vor Inbetriebnahme das Dach zu schließen. Dadurch lagen noch hunderte Teile bei der Inbetriebnahme außerhalb des Kraftwerks. Später sollten 5000 Soldaten die Ausrüstung in das Gebäude bringen und montieren. Bei der Inbetriebnahme wurden Kabel und Rohre zum großen Teil nur provisorisch verlegt. Es fehlten zu dieser Zeit noch Hebeeinrichtungen zur Wartung diverser Abschnitte. Ein Großteil der Räume war noch nicht beleuchtet. Man hatte die Wartungen mit einer Taschenlampe durchgeführt. Laut dem Direktor, Viktor Schewaldin, wäre die Sicherheit des Kraftwerks nicht gefährdet gewesen. Trotz dieser Mängel wurde das Protokoll zur Inbetriebnahme am 31. Dezember 1983 unterzeichnet. Für die Inbetriebnahme hatte man Medaillen und Orden vergeben.[2]

Die Mängelliste und die fehlenden Teile wurden zum Großteil bis Mai/Juni 1985 montiert. Jedoch wurden die Arbeiten weggelassen, wofür das Dach geöffnet werden müsse. Das Rohrsystem der Reaktoren ist in 600 Abschnitte aufgeteilt. In jedem Abschnitt müsste normalerweise ein Kran vorhanden sein. Es fehlt jedoch eine große Anzahl dieser Kräne für die Wartungen. Da die Wartungen so nicht möglich sind, war der Zustand der Rohre des Energieblocks 1 unbekannt.[2]

Für das Kernkraftwerk Ignalina wurden die Dampferhitzer SPP-750 entwickelt die auf einen französischen Dampfüberhitzer basieren. Diese können jedoch nicht richtig gewartet werden und nicht alle 2 bis 3 Jahre ausgetauscht werden, da dafür Hebeeinrichtungen fehlen und die Dampferhitzer nicht zugänglich sind. Alle 16 Dampferhitzer in Ignalina, auch die von Block 2, sind davon betroffen. Dadurch kann der Dampf nicht richtig getrocknet werden. Das hat zur Folge, dass der Turbinenläufer Schäden davon trägt und nicht rund läuft, wodurch wiederum Vibrationen entstehen. Dadurch könnte es auch zu einen Austritt von Wasserstoff in der Turbinenhalle und zu einer Knallgasexplosion mit anschließenden Großbrand kommen. Diese technische Lösung mit dem Dampferhitzer wurde jedoch nur für die RBMK-Anlage Ignalina entworfen. Laut Viktor Schewaldin habe dies keine Einwirkungen auf die Sicherheit des Kraftwerkes. Der Austausch aller Teile würden 100 Millionen Dollar kosten. Dies hätte außerdem zur Folge, dass das Kraftwerk abgeschaltet werden müsste.[2]

Geologen hatten vor dem Standort gewarnt, da direkt unter dem Kernkraftwerk drei tektonische Bruchlinien verlaufen. Ein Störfall soll jedoch durch Erdbebensensoren verhindert werden. Wenn diese Erdbebenwellen registrieren, schalten sich automatisch beide Reaktoren ab.[2]

Störungen

Am 11. Juli 1994 wurde ein defekt montierter Schalter zum Ein- und Ausfahren der Kontrollstäbe aus dem Reaktor entdeckt. Dies ist bei der Prüfung des Schalters geschehen. Der Schalter wurde daraufhin ausgetauscht. Der Vorfall wurde auf der internationalen Skala für nukleare Ereignisse der Klasse 1 eingeordnet.[10]

Am 15. November 1994 hatte der zum Tode verurteilte Georgij Dekanidze eine Ansprache im Fernsehen gehalten. Dabei drohte er, das Kernkraftwerk in die Luft zu sprengen.[17] Beide Reaktoren wurden heruntergefahren. Der Premierminister von Litauen hatte schwedische Behörden bei der Suche nach der Bombe auf dem Kraftwerksgelände um Hilfe gebeten. Nachforschungen haben ergeben, dass es keine Bombe gab. Die Reaktoren wurden daraufhin wieder hochgefahren. Nach diesem Vorfall wurde ein Programm zur Verbesserung der Überwachung des Kernkraftwerks entworfen. Unter anderem wurden neue Geräte wie Infrarot-Ferngläser für das Wachpersonal besorgt.[10]

Neubau

Siehe Hauptartikel Kernkraftwerk Visaginas

Litauen plant, gemeinsam mit Estland, Lettland und Polen ein neues Kernkraftwerk in Ignalina zu bauen. Dieses soll die derzeitigen Reaktoren ersetzen. Durch Polen kann der Bau eines größeren und wirtschaftlicheren Reaktors wie eines europäischen Druckwasserreaktors (EPR) möglich werden. Im Jahr 2006 wurde eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben. Diese ergab, das der Bau eines Kernkraftwerks zwischen 2,5 und 4,0 Milliarden Euro kosten würde, was wirtschaftlich attraktiv ist. Der Reaktor könnte 2015 ans Netz gehen. Im Februar 2007 wurde beschlossen, das Kernkraftwerk zu bauen. Das Kraftwerk soll eine Kapazität von 3.200 Megawatt haben. Es soll zwei 1.600 Megawatt starke Reaktoren haben.[8]

Das Kraftwerk soll zu 34 % Eigentum von Litauen sein und jeweils 22 % gehören Lettland, Estland und Polen. Bis 2015 soll mindestens ein Block am Netz sein. E.ON und Vattenfall haben auch Interesse an dem Kraftwerk. Seit 2007 läuft bereits eine Umweltverträglichkeitsstudie. Die Studie soll 2009 abgeschlossen sein. Zusätzlich sollen ab 2015 weitere Hochspannungstrassen verlegt werden, um auch den erzeugten Strom von Litauen nach Schweden exportieren zu können.[8]

Daten der Reaktorblöcke

Das Kernkraftwerk Ignalina sollte insgesamt vier Blöcke bekommen.[3] Zwei der Blöcke wurden vollendet, wobei der erste Block bereits stillgelegt ist.[4] Die Blöcke drei und vier blieben unvollendet.[5][7]

Reaktorblock[4] Reaktortyp Netto-
leistung
Brutto-
leistung
Baubeginn Netzsyn-
chronisation
Kommer-
zieller Betrieb
Stilllegung
(geplant)
Ignalina-1 RBMK-1500 1.185 MW 1.380 MW[8] 01.05.1977 31.12.1983 01.05.1984 31.12.2004
Ignalina-2 RBMK-1500 1.185 MW 1.380 MW[8] 01.01.1978 20.08.1987 20.08.1987 (31.12.2009)
Ignalina-3 [5] RBMK-1500 1.380 MW 1.500 MW 01.06.1985 - - Bau am 30.08.1988 eingestellt
Ignalina-4 [3] RBMK-1500 - 1.500 MW - - - Planungen eingestellt

Quellen

  1. a b Martin Czakainski et al. [Hrsg.]. Der Reaktorunfall in Tschernobyl : Unfallursachen, Unfallfolgen und ihre Bewältigung, Sicherung und Entsorgung des Kernkraftwerks Tschernobyl. 4. Aufl. Berlin : Informationskreis KernEnergie, 2007. ISBN 3-926956-48-8, S. 6, Tab. 01 (pdf)
  2. a b c d e f g h i RUSSISCH ROULETTE - Das Atomkraftwerk Ignalina. Film von: Jørgen Pedersen und Bente Milton. Ausstrahlung: 1999 in der Sendung "Prisma" des norddeutschen Rundfunk
  3. a b c Table 31. Technology and Soviet Energy Availability - November 1981 - NTIS order #PB82-133455 (englisch)
  4. a b c d e Power Reactor Information System der IAEA: „Lithuania, Republic of: Nuclear Power Reactors“ (englisch)
  5. a b c d Das Kernkraftwerk Ignalina 3 auf der PRIS der IAEA
  6. a b HANDBOOK ABOUT THE IGNALINA NUCLEAR POWER PLANT (englisch)
  7. a b c d Atomausstieg in Osteuropa?
  8. a b c d e WNA - Nuclear Power in Lithuania (englisch)
  9. Ignalina Nuclear Power Plant - A BRIEF OVERVIEW OF IGNALINA NPP SAFETY ISSUES(englisch)
  10. a b c INSP - Ignalina Operating History (englisch)
  11. Seite 184, Abschnitt Litauen im Buch: Die Welt - Großer Atlas der Erde mit aktuellem Länderlexikon - von Otto A. Fischer, Hamburg, Layout: Beate Pfeifle, Reinbek - Naumann & Göbel Verlagsgesellschaft mbH in der VEMAG - ISBN 3-625-10558-6
  12. Europäische Union - Protokoll betreffend den Vertrag und die Akte über den Beitritt der Republik Litauen
  13. Euronews - 14/07/2008 - Litauen Litauen will mit Referendum Schließung seines Atomkraftwerks verhindern
  14. RIA Novosti - 17/04/2008 - Rosatom macht Gazprom Konkurrenz in Kaliningrad - "Kommersant"
  15. Tagesschau - Abstimmungen in Litauen - AKW-Referendum gescheitert, Regierung abgestraft
  16. RIA Novosti - Im postsowjetischen Raum - Litauen: Referendum über AKW Ignalina gescheitert. RIA Novosti (13. Oktober 2008). Abgerufen am 15. Oktober 2008.
  17. NTI - Lithuania: Ignalina NPP Developments 1989-1996

Siehe auch


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