Atopie (Philosophie)

Die Atopie (griechisch ατοπία atopía „Ortlosigkeit“, „nicht zuzuordnen“, „von hoher Originalität“; Sokrates wurde oft „átopos“ genannt) bezeichnet die „Unbeschreiblichkeit“ des überaus selten zu Erlebenden, des Herausgehobenen, des Originals im besten Sinne. Es handelt sich um eine − an sich oder anderen − beobachtbare (Erlebnis-)Qualität, nicht um ein Ideal, obwohl es auch dazu missbraucht worden ist, etwa im Geniekult der Epoche der Romantik.

Phänomen, Ursprung

Der liebende Mensch, gleichgültig worauf sich seine Verehrung und Entflammtheit richtet, sei es auf eine geliebte Person, einen mystisch verstandenen Gott oder ein Idol, zeigt sich, sofern es eben nicht nur „Schwärmerei“ sondern „Ergriffenheit“ ist, außerstande, den „Gegenstand“ seiner Liebe auf Eigenschaften festzulegen, erklärt das „obskure Objekt der Begierde“ für einzigartig und unvergleichlich.

Die Zuordnung von Eigenschaften (Attributierung) aus der banalen Alltagswelt erschien dem ernsthaft Liebenden als ein Verrat (Sakrileg) an der ureigenen Liebe selbst. Das hat niemand eindringlicher beschrieben und analysiert als Roland Barthes in seinem berühmten Essayband „Fragmente einer Sprache der Liebe“ aus dem Jahre 1977. Doch genau besehen ist es ein Alltagsphänomen aller „Normalsterblichen“, dass die Eltern die Beziehung zu ihren Kindern zwar beschreiben, schönreden oder verfluchen können, indes die Tiefe ihrer Gefühle zu den eigenen Sprösslingen als atopisch, also unbeschreiblich erkennen.

Die Naturreligion spricht daher von „Tao“, dem „Ursprünglichen“ und „Ungeschiedenen“, ähnlich die Mystik, die ontologische Philosophie und Theologie spricht von „Seinsfülle“. Die eher sinnliche, weltzugewandte Dichtung nennt es „das Füllhorn“ oder prosaischer „die Inspiration“. Die psychologische Wissenschaft erforscht es unter dem Leitbegriff Kreativität oder spezieller als „das Fließen“ (Flow-Erlebnis).

Vorkommen

Den meisten Erwachsenen ist Atopie vertraut als die „rosarote Brille“ jener Phasen der Verliebtheit, Kunstfreunden als das Genie und das Auratische, Lesern als das „Du sollst dir kein Bildnis machen“ in Max Frischs „Stiller“, das auf das Gottesbild der „Zehn Gebote“ zurückverweist, oder Bert Brechts “Geschichten von Herrn Keuner“.

Literatur


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