Attizismus

Attizismus bedeutet wörtlich eine Bevorzugung der Athener oder der reinen attischen (griechischen) Sprache. Im engeren Sinne bezeichnet man mit Attizismus eine Bewegung in der Rhetorik, die in der Mitte des 1. Jahrhundert v. Chr. begann.

Die Wurzeln des Attizismus im weiteren Sinne reichen zurück bis in die Anfänge des Hellenismus, sein Ursprung liegt auf den Gebieten der Grammatik und der Philologie. Nach dem Tod Alexanders des Großen begann man in Pergamon und Alexandria, die Literatur und Dichtung der vergangenen Jahrhunderte philologisch zu bearbeiten, wobei sich bald die Empfindung einstellte, dass die kulturellen Leistungen des 5. und 4. Jahrhunderts v. Chr. über die zeitgenössischen zu stellen seien. Die attischen Autoren aus dieser Zeit wurden von alexandrinischen Grammatikern daraufhin im Canon Alexandrinus zusammengestellt, wodurch sie bald als beispielhaft angesehen wurden, ihr Wortschatz und Sprachgebrauch normativen Charakter bekam: Die Nachahmung der attischen Muster wurde zum Stil, mit dem abzusehenden Ergebnis, dass die literarische Sprache in einen Klassizismus mündete und sich bald im Gegensatz zur sich fortentwickelnden Umgangssprache (Koine) befand, deren Basis seit dem Beginn des Hellenismus der attische Dialekt war, und aus der sich später das Mittelgriechische entwickelte.

Der Attizismus wurde zum Programm, als er im 1. Jahrhundert v. Chr. in der Rhetorik in eine Gegenposition zum aus den Griechenstädten Kleinasiens stammenden Asianismus geriet. Nachdem der Stil dieser hellenistischen, sophistischen Rhetorik als zu hochgestochen wahrgenommen wurde, wurde der Ruf nach einer Rückkehr zu den schlichten und sachlichen Ansätzen laut, die sich schnell in den Positionen des Attizismus fanden: Dem kranken asianischen Stil wurde der gesunde attizistische (besonders der des Lysias) entgegengesetzt.

Wesentliche Vertreter des Attizismus waren in Rom Gaius Licinius Macer Calvus (82-47 v. Chr.), der sogar Ciceros (der sich in seinem Brutus mit dem Asianismus und dem Attizismus auseinandersetzte) Stil als wortreich und künstlich bezeichnete, und dem hier die sogenannten Jungattiker folgten, in Griechenland Dionysios von Halikarnassos (1. Jahrhundert v. Chr.) und später Lukian von Samosata (120-180), wobei insbesondere letzterer dazu beitrug, dass der Attizismus bis in die Renaissance überlebte. Obwohl die ursprünglich einfachere Sprache des Attizismus irgendwann ebenso verfeinert wurde wie die Reden, die er zu ersetzen versuchte, blieb er doch in der gesamten griechischen Welt allgemein verständlich, was wesentlich dazu beitrug, die kulturellen Verbindungen im Mittelmeerraum und darüber hinaus zu erhalten.

Die Auseinandersetzung zwischen Attizismus und Asianismus wurde in der frühen Kaiserzeit durch Nachfolgekämpfe zwischen moderner und archaisierender Redekunst fortgesetzt, wobei letztere im 2. Jahrhundert einen Archaismus in der Literatur erzeugte, der vor allem bei Marcus Cornelius Fronto, dem Erzieher der Kaiser Marcus Aurelius und Lucius Verus, deutlich wird.


Wikimedia Foundation.

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • Attizismus — (griech.), im weitern Sinn attisches Wesen (wie z. B. athenische Feinheit, edle griechische Ausdrucks und Anschauungsweise, auch politische Hinneigung zu Athen), insbes. die Mundart von Attika, speziell von Athen, die durch die mustergültigen… …   Meyers Großes Konversations-Lexikon

  • Attizismus — Attizismus, die im reinen attischen Dialekt gehaltene Schreibweise; dann das Streben späterer griech. Grammatiker und Schriftsteller (Attizisten), in echt attischer Form zu schreiben. – Vgl. Schmid (4 Bde., 1887 96) …   Kleines Konversations-Lexikon

  • Attizismus — At|ti|zịs|mus 〈m.; ; unz.〉 Gegenbewegung gegen den Asianismus vom 1. Jh. v. Chr. bis 2. Jh. n. Chr., Pflege u. Nachahmung der Sprache der attischen Dichter [nach der grch. Landschaft Attika u. ihrer Sprache] * * * At|ti|zịs|mus, der; [griech.… …   Universal-Lexikon

  • Attizismus — At|ti|zịs|mus 〈m.; Gen.: ; Pl.: unz.〉 Gegenbewegung gegen des Asianismus vom 1. Jh. v. Chr. bis 2. Jh. n. Chr., Pflege u. Nachahmung der attischen Dichter [Etym.: nach der grch. Landschaft Attika] …   Lexikalische Deutsches Wörterbuch

  • Attizismus — At|ti|zis|mus der; , ...men <über lat. atticismus aus gr. attikismós »attische Mundart, attischer Ausdruck«>: 1. [feine] Sprechweise der Athener; Ggs. ↑Hellenismus 2. Gegenbewegung gegen den ↑Asianismus, die die klassische Sprache als… …   Das große Fremdwörterbuch

  • Attizismus — At|ti|zịs|mus, der; , ...men <griechisch> (an klassischen Vorbildern orientierter Sprachstil im antiken Griechenland) …   Die deutsche Rechtschreibung

  • Attizierend — Attizismus bedeutet wörtlich eine Bevorzugung der Athener oder der reinen attischen (griechischen) Sprache. Im engeren Sinne bezeichnet man mit Attizismus eine Bewegung in der Rhetorik, die in der Mitte des 1. Jahrhundert v. Chr. begann. Die… …   Deutsch Wikipedia

  • Attizistisch — Attizismus bedeutet wörtlich eine Bevorzugung der Athener oder der reinen attischen (griechischen) Sprache. Im engeren Sinne bezeichnet man mit Attizismus eine Bewegung in der Rhetorik, die in der Mitte des 1. Jahrhundert v. Chr. begann. Die… …   Deutsch Wikipedia

  • Cicero — Marcus Tullius Cicero (* 3. Januar 106 v. Chr. in Arpinum; † 7. Dezember 43 v. Chr. bei Formiae) war ein römischer Politiker, Anwalt und Philosoph, der berühmteste Redner Roms und Konsul im Jahr 63 v. Chr. Cicero war einer der vielseitigsten… …   Deutsch Wikipedia

  • M. Tullius Cicero — Cicero Marcus Tullius Cicero (* 3. Januar 106 v. Chr. in Arpinum; † 7. Dezember 43 v. Chr. bei Formiae) war ein römischer Politiker, Anwalt und Philosoph, der berühmteste Redner Roms und Konsul im Jahr 63 v. Chr. Cicero war einer der… …   Deutsch Wikipedia

Share the article and excerpts

Direct link
Do a right-click on the link above
and select “Copy Link”