Auenkirche (Wilmersdorf)
52.4848413.324353
Portal der Auenkirche mit Turm

Die evangelische Auenkirche ist ein Kirchenbau im Berliner Ortsteil Wilmersdorf des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf. Sie liegt in der westlichen Innenstadt Berlins, an der früheren Dorfaue von Wilmersdorf und nahe dem Volkspark Wilmersdorf.

Die Auenkirche wurde von 1895 bis 1897 nach Entwürfen von Max Spitta im neugotischen Stil des Berliner Historismus errichtet. Die Kirche steht unter Denkmalschutz.

Inhaltsverzeichnis

Vorgeschichte

Ursprünglich wurde die Auenkirche einfach als „Evangelische Kirche von Deutsch-Wilmersdorf“ bezeichnet. Ihren heutigen Namen, der auf den Standort an der einstigen Dorfaue von Berlin-Wilmersdorf (heute: Wilhelmsaue) zurückgeht, bekam die Kirche erst später. Aufgrund der Lage an der Wilhelmsaue/Dorfaue nannte man die Kirche irgendwann schlicht Auenkirche. Aufgrund des Umstandes, dass alle weiteren Kirchengemeinden Wilmersdorfs Tochtergemeinden der Dorf-/Auenkirchengemeinde sind, bezeichnet man die Auenkirche auch als „evangelische Mutterkirche Wilmersdorfs“, obwohl der Superintendent des Kirchenkreises Wilmersdorf (entspricht in etwa einem katholischen Dechanten oder Ortsbischof) als Pfarrer nicht der Auenkirche sondern einer anderen Kirche im Kreis zugeordnet ist.

Die jetzige Auenkirche ist die dritte Kirche im Dorfkern von Wilmersdorf. Unter der heutigen Straßenoberfläche auf dem Grundstück der Kirche finden sich noch Fundamente der zuvor an dieser Stelle zuerst errichteten mittelalterlichen Dorfkirche (1766 durch Feuer zerstört) und auch des zweiten Kirchenbaus (errichtet 1772). Dieser Nachfolgebau, dessen Erhalt man eine Zeit lang diskutiert hatte, musste dem jetzigen „Neu“-Bau der Auenkirche weichen. Mit dem Neuentwurf wurde der Architekt Max Spitta betraut, dessen Entwurf in den Jahren 1895 bis 1897 umgesetzt wurde. Nachrangiger Grund für den Neubau war der schlechte bauliche Zustand des Vorgängerbaus, vor allen Dingen aber der Platzbedarf für eine extrem stark angewachsene Gemeinde.

Baugeschichte

Die jetzige Auenkirche ist ein dreischiffiges Backstein-Hallenkirchengebäude im neugotischen Stil. Dies zeigt sich bereits außen an typischen gotischen und neugotischen Elementen, wie Spitzbögen, Strebepfeilern, der Andeutung eines Klinkermaßwerks, der die Vertikale betonenden Form des Kirchturms (Höhe: 63 Meter) und an dem typisch gotischen Dachreiter samt Wetterhahn auf der Kirche.

Seitenschiff der Auenkirche mit Dachreiter und Querhaus-Andeutung

Die technischen Abmessungen des Bauwerks sind:

  • Länge: 46 Meter
  • Breite: 24 Meter
  • Turmhöhe: 63,15 Meter bis zur Spitze des Kreuzes
  • Höhe des Kirchenschiffs: 25 Meter.

Im Architekturmuseum der Technischen Universität befinden sich vier Zeichnungen (Grundrisse und Ansichten des Kirchengebäudes und Kirchendienerhauses).[1]

Durch die Verwendung von im Wesentlichen roten Ziegeln lehnt sich der Architekt mit dem Kirchenbau an den Baustil der sogenannten „norddeutschen Backsteingotik“ an.

Die Kirche besitzt einen, allerdings schwer erkennbaren, kreuzförmigen Grundriss und orientiert sich damit an der mittelalterlich-gotischen Kirchenbautradition. Ein regelrechtes Querschiff existiert allerdings nicht. Im Erdgeschoss der Kirche ist die Erweiterung zur Kurzform nur durch eine Verbreiterung des Kirchenschiffs vor der Apsis erkennbar. Durch den Umstand, dass die Empore in der Kirche vollständig umlaufend ist, wird das Zurückspringen des „Querhauses“ im Innern noch weniger erkennbar, während es außen noch gut sichtbar ist.

Weitere gotische Stilelemente sind:

  • Kreuzrippengewölbe im Hauptschiff und in den Nebenräumen
  • Spitzbogenfenster und Fensterrosetten an den Seitenfenstern
  • mit verschiedenartigen Pflanzenornamenten geschmückte Pfeilerkapitelle
  • „Triumphbogen“ (gotisch gestuft) an der Stelle des Übergangs vom Kirchenschiff in den Altarraum (Apsis)
  • farbig verzierte eichene Seitenwangen der Bänke
  • reich geschnitztes Adlerpult für gottesdienstliche Lesungen
  • Schnitzereien und Goldverzierungen am Orgelprospekt.
Lilien-Ornamente am Portal der Kirche

In der ursprünglichen Fassung (bis zu einer weitreichenden Renovierung der Kirche im Jahr 1935) waren die Wandflächen der Innenräume vollständig ornamental bemalt. Ein Teil der Ornamente wurde bei der Renovierung 1935 überdeckt, ein anderer Teil wurde ganz entfernt.

1943 wurde die Kirche kriegsbedingt beschädigt, sodass eine gottesdienstliche Nutzung nicht möglich war. Die Gottesdienste fanden daher zeitweilig in der altlutherischen Kirche Zum Heiligen Kreuz (Nassauische Straße 17–19) statt. Im Zuge der Wiederinstandsetzung nach dem Krieg wurden alle Innenbereiche der Kirche nicht mehr farbig, sondern weiß gestrichen. Im Jahre 1967 wurde die Auenkirche nach Plänen von Karl Wilhelm Ochs umgebaut, die entsprechenden Materialien befinden sich im Architekturmuseum der TU Berlin.[2] Von 1992 bis 1994 wurde die Kirche restauriert, wobei der weiße Anstrich der Wand- und Deckenflächen beibehalten wurde. Man entschied sich hierfür, weil der weiße Anstrich der Kirche insgesamt ein freundlicheres Aussehen gibt und weil die multifunktional genutzten Räume unter den Seitenemporen dadurch heller wirken.

An den Portalwänden und auf dem Fußboden (Fliesen) des Altarraums befindet sich das Lilienwappen. Es spielt darauf an, dass nach einer Legende ein Ritter „derer von Wilmerstorf“ König Ludwig IX. bei seinem ersten Kreuzzug zwischen 1248 und 1254 in der Schlacht von Damiette in Ägypten das Leben gerettet haben soll. Zur Belohnung hat er angeblich den Wappenschild des Königs mit den drei Lilien erhalten. Zwar zeigt das Königswappen der Bourbonen erst rund zwei Jahrhunderte später drei goldene Lilien im blauen Felde, doch das stimmt jedenfalls: Das Rittergeschlecht „derer von Wilmerstorf“, das seit dem 16. Jahrhundert in Wilmersdorf ansässig war, führte das Lilienwappen.

Die Stadt Deutsch-Wilmersdorf übernahm es 1906 als Stadtwappen, und der 1920 gegründete Bezirk Berlin-Wilmersdorf behielt es als Bezirkswappen. Deswegen stellt die Wiederholung des Lilienmotivs den Bezug zum Ort Wilmersdorf her.

Weitere künstlerische Ausgestaltung

Bedeutsam an der Auenkirche in künstlerischer Hinsicht ist insbesondere das über dem Hauptportal befindliche Glasmosaik.

Mosaik am Hauptportal der Kirche

Es zeigt den auferstandenen Christus segnend als Weltenherrscher (Majestas Domini, Entwurf: Paul Mohn / Ausführung Werkstatt Wiegmann). Das Mosaik besteht aus rund 70.000 verschiedenfarbigen Glassteinchen.

Besonders gut vertreten in der Ausstattung der Auenkirche ist die heute rare Sakralkunst der 1970er-Jahre, die sich hier harmonisch in die neugotische Grundrichtung der Kirchengestaltung einfügt. Als Altaraufsatz dient ein dreiteiliges Bronzerelief mit Kruzifix, das 1977 von dem Bildhauer Waldemar Otto speziell für die Auenkirche geschaffen wurde. Thema sind drei Szenen aus dem neuen Testament. Sehenswert ist außerdem eine Kreuzungsplastik auf dem Taufstein von Joachim Dunkel (1978). Die expressiven Altarfenster der Apsis stammen von Ilse Wientzeck-Dörner, Hannover (1973).

Darüber hinaus verfügt die Kirche noch über zwei weitere Altarbilder. Zunächst das frühere Altartriptychon von Helena Starck aus den Jahren 1938–1941, das sich heute auf der Seitenempore befindet. In der Ausführung an mittelalterliche Altaraufsätze erinnernd zeigt es drei Szenen aus dem Leben Jesu. Schließlich befindet sich in der Sakristei auch noch das Altarbild aus der früheren Dorfkirche aus dem Jahr 1891.

Musik in der Auenkirche

Die Auenkirche, deren Orgel eine der größten und bedeutendsten Berlins ist, wird gern für Musikveranstaltungen genutzt. Aber auch über das Orgelspiel hinaus ist die Auenkirche vielfältiger Ort für Kunst und Kultur. Die Gemeinde der Auenkirche verfügt über mehrere Chöre, insbesondere die Kantorei. Außerdem ist die Kirche auch regelmäßiger Auftrittsort für eine ganze Reihe von kammermusikalischen, sakralen und weltlichen Musikensembles, die, wie die Hörer, die Konzerte in der Auenkirche vor allem wegen der überdurchschnittlich guten Akustik schätzen. Aus diesem Grund wurde die Auenkirche auch schon häufig für Tonträgeraufnahmen und Aufnahmen von Konzerten herangezogen.

Die Orgel wird als das zweitgrößte Instrument der deutschen Hauptstadt bezeichnet. Im Gegensatz zum heute als dumpf empfundenen rein-romantischen Klang der Orgel des Berliner Doms (der größten in der Stadt) ist am Instrument der Auenkirche die sogenannte „Orgelreform/Orgelbewegung“ nicht spurlos vorüber gegangen. In ihrer heutigen klanglichen Auslegung wird man sie am ehesten als „Universalorgel“ bezeichnen können. Daher ist auf der Orgel von ursprünglich barocker Kirchenmusik bis zu spätromantischen Großwerken jede Orgelmusik in der originalen Klanggestalt darstellbar.

Das Instrument wurde von der Orgelbaumfirma Furtwängler & Hammer in den Jahren 1898 (41 Register auf zwei Manualen und Pedal) und 1922–1924 (erweitert auf 57 Register auf drei Manualen und Pedal) gebaut. 1961 wurde ein neobarockes Positiv als viertes Manualwerk hinzugefügt. 1986–1989 wurde das Instrument durch die Orgelbaufirma Dieter Noeske erweitert und restauriert, und 2002 mit einem neuen Spieltisch ausgestattet, mit Blick auf einen weiteren Ausbau (2006, 2008, 2010). Das Instrument hat 82 Register (ca.  6000 Pfeifen) auf vier Manualen und Pedal. 4 Register sind derzeit vakant und für einen späteren Einbau vorgesehen.[3]

I Positiv C–a3
1. Holzgedackt
2. Rohrflöte
3. Quintade
4. Principal
5. Terz 13/5´
6. Quinte 11/3´
7. Septime 11/7´
8. Scharff IV-V 2/3´
9. Zimbel III 1/4´
10. Rankett 16´
11. Klarinette *
12. Krummhorn
13. Tricherregal *
14. Röhrenglocken
Tremulant
II Hauptwerk C–a3
15. Prinzipal 16´
16. Oktave
17. Holzflöte
18. Gemshorn
19. Viola da Gamba
20. Oktave
21. Nachthorn
22. Flaut travers
23. Quinte 22/3´
24. Oktave
25. Cornett V (ab G) 8'
26. Terz 13/5´
27. Mixtur I V-VII 13/5´
28. Mixtur II III-V
29. Trompete 16´
30. Trompete
31. Trompete
III Schwellwerk I C–a3
32. Bordun 16´
33. Geigenprincipal
34. Gedackt
35. Quintade
36. Spitzgamba
37. Dolce
38. Unda maris
39. Rohrflöte
40. Fugara
41. Nasat 22/3´
42. Octave
43. Blockflöte
44. Terz 13/5´
45. Mixtur V-VI
46. Cor anglais 16´
47. Trompette anglais
48. Clarinette
49. Physharmonica *
Tremulant
IV Schwellwerk II C–a3
50. Liebl. Gedackt 16´
51. Salicional 16´
52. Principal
53. Rohrflöte
54. Salicional
55. Aeoline
56. Vox coelestis
57. Octave
58. Flauto amabile
59. Flauto dolce
60. Quinte 22/3´
61. Octave
62. Flautino
63. Terz 13/5´
64. Progressiv harm. III-V
65. Harmonica aeth. II-IV
66. Fagott 16´
67. Oboe
Tremulant
Pedal C–f1
68. Principal 32´
69. Untersatz 32´
70. Octave 16´
71. Subbass 16´
72. Zartbass (Nr. 32) 16´
73. Violon 16´
74. Salicet (Nr. 50) 16´
75. Octave
76. Bassflöte
77. Gedackt *
78. Cello
79. Octave
80. Hohlflöte
81. Octave
82. Rauschpfeife III-IV
83. Mixtur III-IV
84. Posaune 32´
85. Posaune 16´
86. Fagott (Nr. 66) 16´
87. Trompete 8´
88. Klarinette (Nr. 11) *
89. Schalmei
90. Kornett
* = für einen späteren Einbau vorgesehen

Gemeinde und Kirche heute

Ornamentik am Portal der Auenkirche in Anlehnung an die sogenannte „Lutherrose“

Die Gemeinde der Auenkirche, die Auengemeinde, mit rund 7500 Gemeindegliedern (Stand: 2007) ist eine sehr aktive Berliner Innenstadtgemeinde. Das gemeindliche Leben zeichnet sich insbesondere durch überdurchnittlich starken Gottesdienstbesuch (es gibt, dies eine Ausnahme von der Praxis evangelischer Kirchen, Gottesdienste unter der Woche) und starkes kulturelles, soziales und insbesondere musikalisches Leben aus. Die Kirche ist im Rahmen des Programms „offene Kirche“ auch regelmäßig außerhalb der Gottesdienstzeiten geöffnet und zu besichtigen. Die Auenkirche gehört zum Kirchenkreis Wilmersdorf des Sprengels Berlin der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.

Literatur

  • Karl-Heinz Metzger: Kirchen, Moscheen und Synagogen in Wilmersdorf, Berlin
  • Berlin-Wilmersdorf. Ein StadtTeilBuch, 1981
  • Stephani Kühne: Kirchen, 1978

Weblinks

 Commons: Auenkirche (Berlin-Wilmersdorf) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Vier Zeichnungen von Max Spitta zur Auenkirche
  2. Zwölf Darstellungen zur Auenkirche von Karl Wilhelm Ochs
  3. Nähere Informationen zur Orgel der Auenkirche

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