Auer Besteck- und Silberwaren
Einfahrt zum Wellnerschen Fabrikhallenkomplex in Aue

Die Firma Wellner war ein Großproduzent von Bestecken und metallenem Tafelgeschirr, sie hatte zwischen 1854 und 1958 ihren Hauptsitz in Aue in Sachsen. Von 1958 bis 1992 wurde dort unter dem Namen Auer Besteck- und Silberwarenwerke (ABS) die Erzeugnispalette weiter produziert und teilweise ausgebaut.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Das Unternehmen wurde 1854 in Aue von Christian Wellner als Zinnschmelzhütte gegründet. Der Sohn und spätere Hauptunternehmer August Wellner gründete am 23. September 1913 eine AG (mit Wirkung ab dem 1. April 1913; eingetragen am 23. Dezember 1913). Er ließ zunächst anstelle der väterlichen Schmelzhüttenfabrik vierstöckige Produktionshallen (1884 eröffnet) und schließlich ein Verwaltungsgebäude von dem Leipziger Architekten Johannes Koppe planen und bis 1924 als geschlossenes Gebäudeensemble aus gelben Backsteinen fertig stellen. Die Bauten belegen ein circa 10 ha großes Areal und werden von der MarieMüller-Straße, Industriestraße, Auerhammerstraße und Zinnstraße begrenzt.

Der Firmenname lautete bis zum 1. November 1941 Sächsische Metallwarenfabrik August Wellner Söhne AG, danach August Wellner Söhne AG. - Nach den Enteignungen 1946 wurden unter dem Namen Auer Besteck- und Silberwarenwerke (ABS) auf den vorhandenen Maschinen weiterhin Tafelbestecke und metallene Tafelerzeugnisse produziert, zum Beispiel arbeiteten um 1970 rund 900 Menschen in diesem Betrieb. Die Erzeugnisse wurden auch wieder erfolgreich exportiert. – Das frühere Wellnersche Verwaltungsgebäude diente als Sitz der Kreisverwaltung Aue und wird heute als Landratsamt genutzt. Nach 1990 erhielten die Firmenerben das Gelände zurück, ließen einige baufällige Gebäudeteile entfernen, die Besteckherstellung am Standort Aue wurde jedoch aufgegeben. Weil es keine Käufer für den riesigen Komplex gibt und auch kein weiteres Geld in die Gebäude gesteckt werden soll, musste der Verbindungsgang zwischen dem heutigen Landratsamt und den Fabrikhallen 2006 nach Sturmschäden abgetragen werden.

Schutzmarke auf den Besteckteilen
Typische Wellner-Edelstahlbesteckteile mit dem Palmwedelmotiv
Kaffeekanne aus dem Service der Neuen Reichskanzlei
Tafelgeräte von ABS auf einer Schautafel am Wellner-Gebäude 2004

Der Firmenmantel von Wellner wurde 1950 nach Frankfurt/Main verlagert und ab 1958 als GmbH weitergeführt.

Mit der politischen Wende wurde die Herstellung von Bestecken und Tafelgeschirr am Standort Aue heruntergefahren, aber zwei neu gegründete Firmen beanspruchen einen Teil des Namens für ihr Unternehmen, da sie auch Besteck bzw. Tafelgeschirr produzieren - und zwar Wellner/ABS GmbH und Wellner Silber GmbH in Schneeberg und in Aue. Das imposante Gebäudeensemble steht allerdings leer (Stand November 2007).

(Im Archiv des Landkreises Aue-Schwarzenberg befindet sich eine Materialsammlung zur Geschichte der Wellner Werke.)

Sortiment

Man produzierte Haushalts- und Hotelwaren aus Metall wie Silber, Neusilber oder Edelstahl, unter anderem Kochgeschirr, Küchen- und Tafelgeräte sowie Essbestecke.

Die Firma lieferte weltweit für die besten Häuser, so zum Beispiel für das Grand Hotel am Lido von Venedig, das Hotel Baur au Lac in Zürich, das Kempinski in Berlin, für das Hotel Mena House bei den Pyramiden von Gizeh oder für die großen Schifffahrtslinien. Vor allem die Schweizer Hotellerie setzte auf Wellner, so im Kurhaus Davos, im Maloja Palace Hotel in St. Moritz, im Schlosshotel von Pontresina oder im Grand Hotel Adelboden.

Aber auch an Bord der Titanic, des Hapag-Liners „Imperator“ und auf Italiens schwimmenden Palästen, der „Saturnia“ und der „Vulcania“, tafelte man mit Besteck von Wellner. Viele dieser Bestecke wurden übrigens von weltberühmten Künstlern und Designern wie Peter Behrens oder dem Jugendstil-Genie Joseph Maria Olbrich entworfen.

Auf dem Produktionshöhepunkt um 1930 wurden in der „Sächsischen Metallwarenfabrik August Wellner Söhne“ rund 4.000 bis 5.000 Dutzend Bestecke sowie anderes metallenes Tafelgeschirr hergestellt.[1] Nach dem Ersten Weltkrieg hatte die Firma in 47 Ländern Europas, Mittelamerikas und Afrikas Niederlassungen und Auslandsvertretungen errichtet, sie machte riesige Gewinne. Auch in anderen Städten Deutschlands gab es „Wellnerläden“, in denen die Menschen die Tafel-Produkte erwerben konnten.[2]

Im Dritten Reich stattete Wellner die Neue Reichskanzlei Adolf Hitlers sowie zahlreiche Offizierskasinos aus.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Aue im Spiegel historischer Bilder. Industrie- und Stadtentwicklung im 19. Jahrhundert; Hrsg. Stadt Aue, Geiger-Verlag, Horb am Neckar, ISBN 3-89264-540-X
  2. Westliches Erzgebirge, Wir-Verlag Walter Weller, Aalen 1991, S. 15, ISBN 3-924492-56-5

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