Auer Zunft
Klosterkirche Obermarchtal

Auer Zunft bezeichnete einen Zusammenschluss von Baumeistern, Stuckateuren, Handwerkern und Maurermeistern aus dem Bregenzerwald, im heutigen österreichischen Bundesland Vorarlberg, mit dem Zentrum in Au. Die Mitglieder der Zunft waren in der Zeit des Barock in Süddeutschland, Österreich, der Schweiz und dem Elsass tätig. Sie beeinflussten mit ihren Kirchenbauten und Klöstern, aber auch Profanbauten, maßgeblich die Baukunst der Epoche. Ihr Stil wird auch als Vorarlberger Bauschule oder auch kurz Vorarlberger Schule bezeichnet.

Inhaltsverzeichnis

Vorbedingungen

Wallfahrtskirche auf dem Schönenberg
Il Gesù, Rom, ein wesentliches Vorbild der Barockbauweise nördlich der Alpen.

Durch den Dreißigjährigen Krieg waren in Süddeutschland ganze Landstriche verwüstet und entvölkert. Die Pestepidemie von 1635 tat ein Übriges. Von beidem blieb jedoch der Hintere Bregenzerwald weitgehend verschont.

Der Krieg hatte von Klöstern, Kirchen und Schössern weitgehend nur Ruinen hinterlassen. Mit der katholischen Gegenreformation setzte eine sehr rege Bautätigkeit ein, teils für Neubauten, teils zur Umgestaltung vorhandener Gebäude im Stil des Barock. Es gab ein neues Selbstbewusstsein des Klerus und der weltlichen Herrschaft. Neue Schloss- und Klosteranlagen sollten dem absolutistischen Herrschaftsanspruch der Auftraggeber Ausdruck verleihen, lichtdurchflutete und prachtvoll ausgestaltete Gotteshäuser sollten die verunsicherten Gläubigen wieder in den Schoß der katholischen Kirche zurückführen und „Lust am Leben“ widerspiegeln.

Vorbilder des Barock waren italienische Bauwerke und Künstler: Eine der ersten barocken Kirchen war Il Gesù (1568–1584) in Rom. Unschwer erahnt man auf dem Bild barocke Sakralbauten nördlich der Alpen. Wichtig für die Vorarlberger Baumeister war jedoch auch Francesco Borromini (1599–1667).

Geschichte der Zunft

Die Gründer der Zunft erkannten ab etwa 1650, dass die armen Dörfer des Bregenzerwalds mit ihrem relativen Bevölkerungsüberschuss das Potenzial hatten, anderenorts fehlende Baumeister und Handwerker zu stellen. Bereits Ende des 17. Jahrhunderts waren in den Dörfern um Au mehr als 90 Prozent der männlichen Bevölkerung im Baugewerbe tätig.

Das erste Auer Zunftbuch, ab 1657, weist als Anfänger der Laadt (Zunftlade) den Meister Michael Beer aus, der somit als Begründer und treibende Kraft zu Beginn der Zunft gelten kann. Michael Beer war in seiner Gesellenzeit durch verschiedene Regionen Österreichs gekommen und hatte dort die neuen Formen des Barock kennengelernt.

Die Zunft nahm bereits bei ihrer Gründung Maurer und Zimmerleute auf, jedoch schon wenig später auch Steinmetzen und Stuckateure. 1707 wurde die Zunft als Viertelslade der Innsbrucker Hauptlade, also als Unterorganisation der Tiroler Hauptzunft anerkannt. Zu diesem Zeitpunkt waren die Mitglieder der Auer Zunft schon die führenden Baumeister im katholischen deutschsprachigen Raum. Erst ab etwa 1800, mit dem Ende des Barock, verlor auch die Auer Zunft ihre Bedeutung. 1842 öffnete sie sich für sämtliche andere Berufe. 1859 wurde sie schließlich zu Gunsten der neu entstandenen Handelskammer aufgelöst, die heute unter dem Namen Zunftverein Au jedoch bewusst an die Tradition der Auer Zunft anknüpft und 2007 das 350jährige Jubiläum der Zunftgründung feierte.

Struktur der Zunft

Die Auer Zunft war sowohl Berufsverband als auch religiöse Bruderschaft. Angeführt wurde sie sowohl von einem Zunftmeister als auch von einem Brudermeister. Die Mitglieder hatten auch religiöse Pflichten.

Die fünf Ordnungen der Architektur, aus Vignolas Regole delle cinque ordini d'architettura. Aus den Auer Lehrgängen um 1715

Die Verhältnisse zwischen den Zunftgenossen waren klar geregelt, beispielsweise durften sie einander keine Konkurrenz machen. Schied ein Baumeister, beispielsweise durch Tod, aus einer Baustelle aus, dann war der Nachfolger (der ebenfalls aus der Zunft kam) verpflichtet, die begonnenen Bauten nach den Plänen des Vorgängers zu beenden.

Hatte ein Baumeister einen Auftrag erhalten, dann stellte er einen Bautrupp zusammen, der in der Regel ausschließlich aus Mitgliedern der Auer Zunft bestand, selbst wenn die Baustellen weit entfernt waren. So wurde dafür gesorgt, dass die Aufträge der ganzen Zunft zugute kamen. Die Handwerker sammelten sich im Frühjahr am Roten Berg bei Hittisau, am Rand des Bregenzerwaldes, und zogen die langen Strecken zu ihren Baustellen, um erst im Herbst wieder heimzukehren.

Ein wichtiger Teil der Zunfttätigkeit bestand in der breiten Ausbildung, die wohl auch entscheidend zum Wettbewerbsvorteil der Vorarlberger gegenüber anderen Baumeistern der Zeit beitrug. Allein im Jahr 1700 wurden 79 Meister ausgebildet.[1] Im Winter fand, meist in den Häusern der Lehrmeister, der theoretische Unterricht für die dreijährige Lehrzeit statt, der beispielsweise Materialkenntnis, zeichnerische Darstellungen, Geometrie und Statik umfasste. Zwei 1948 wieder aufgefundene handgezeichnete Architekturbücher, die im frühen 18. Jahrhundert von Vorarlberger Meistern zum Unterrichtsgebrauch angelegt wurden, werden als Auer Lehrgänge bezeichnet. Sie belegen den Umfang des vermittelten Wissens in zeitlichem Kontext. [2]

Innerhalb der Vorarlberger Bauschule entwickelte sich das Vorarlberger Münsterschema, das in einer Reihe barocker Kirchen, erstmals in der Wallfahrtskirche auf dem Schönenberg bei Ellwangen (Jagst) oder in der Klosterkirche Obermarchtal zur Anwendung kommt.

Wichtige Baumeister

Viele der betreffenden Baumeister waren miteinander verwandt oder verschwägert, und meist wurden Söhne im Familienkreis ausgebildet. Da die Baumeister die Bauleitung häufig an andere Mitglieder der Zunft weitergaben und zudem einige Namen sehr häufig vorkamen, ist die Zuordnung von Gebäuden zu einzelnen Baumeistern oft mehr als schwierig. Gebäude sind mitunter eher als Gemeinschaftswerk zu werten.

Einzelne Meister von besonderer Bedeutung waren:

Gedenktafel für die großen Auer und Schoppernauer Baumeister und Stuckatoren

Siehe auch

Literatur

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Norbert Lieb und Franz Dieth, Die Vorarlberger Barockbaumeister, Schnell und Steiner, München 1960.
  2. Auer Lehrgänge (Beschreibung bei Institut gta, ETH Zürich).

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