Auf Messers Schneide stehen

Inhaltsverzeichnis

Ναὶ ναί, οὒ οὔ·

Ronald Reagan schwört auf die Familienbibel seiner Mutter, die seine Frau Nancy in der Hand hält.
Ναὶ ναί, οὒ οὔ·
Nai nai, ou ou;
„Ja, ja, nein, nein.“

Aussage Jesu gegen das falsche Schwören in seiner Bergpredigt [1] Dort heißt es:

33 Ihr habt weiter gehört, daß zu den Alten gesagt ist: "Du sollst keinen falschen Eid tun und sollst Gott deinen Eid halten." 34 Ich aber sage euch, daß ihr überhaupt nicht schwören sollt, weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Stuhl, 35noch bei der Erde, denn sie ist seiner Füße Schemel, noch bei Jerusalem, denn sie ist des großen Königs Stadt. 36 Auch sollst du nicht bei deinem Haupt schwören, denn du vermagst nicht ein einziges Haar schwarz oder weiß zu machen. 37 Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.[2]

Jesus meint damit nicht, wie es oft verstanden wird, dass Gott keine Schwüre will, sondern klare Aussagen. Er fordert den Menschen dazu auf, sein Wort auch ohne eidliche Bekräftigung zu halten. Ob man als Christ einen Eid schwören dürfe, war in der Kirchengeschichte oft umstritten. Einige Kirchenväter verwarfen den Eid völlig, Mennoniten und Quäker lehnten ihn heute noch ab.

Für Bibeltreue ist es ein Widerspruch, einen Eid auf die Bibel abzulegen, in der doch ein Verbot des Schwörens gefordert wird.

Νενίκηκά σε Σολομῶν.

Hagia Sophia (Ἁγία Σοφία)
Heilige Weisheit
Νενίκηκά σε Σολομῶν.
Nenikika se Solomōn.
Salomon, ich habe dich besiegt.“

Angeblicher Ausspruch des Kaisers Justinian I. nach der Fertigstellung der Hagia Sophia (Ἁγία Σοφία). Er wollte eine Kirche stiften, „die seit Adam nicht existierte und auch nicht mehr existieren würde“. Justinian wollte offensichtlich die von der römischen Aristokratin Anicia Juliana errichtete Polyeuktoskirche übertreffen, die um 520 bewusst als Abbild des salomonischen Tempels gebaut worden war.

Für die Hagia Sophia fühlte sich Justinian persönlich verantwortlich und besuchte täglich die Baustelle. Zehntausend Arbeiter stellten innerhalb von fünf Jahren die Kirche fertig. Bei der Einweihung soll der Kaiser Gott gedankt und in Anspielung auf den Israelitischen Tempel in Jerusalem, der noch immer als Maßstab galt, laut gerufen haben:

Ruhm und Ehre dem Allerhöchsten, der mich für würdig hielt, ein solches Werk zu vollenden. Salomo, ich habe Dich übertroffen.

Νενικήκαμεν.

Darstellung des Pheidippides: „Νενικήκαμεν.
Νενικήκαμεν.
Nenikēkamen.
„Wir haben gesiegt!“

Der antike Satiriker Lukian von Samosata kolportierte diese Phrase und schrieb sie einem Boten namens Pheidippides zu, der 490 v. Chr. mit der Kunde vom Sieg in der Schlacht von Marathon nach Athen gerannt und daraufhin tot zusammengebrochen sein soll.

Auf diese Legende basierend wurde 1896 der Marathonlauf als sportliche Disziplin bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit ins Leben gerufen.

Der Schriftsteller Roda Roda bemerkt in seinem Erinnerungsbuch Schwabylon zu diesem Ausruf Folgendes an:

Daß dieser junge Mann in so viel Erregung, Gefahr und Sterbensnähe das Perfekt von νικαω, erste Person Pluralis, durch Reduplikation der Anfangssilben richtig konstruierte, ist einer der höchsten Leistungen menschlichen Geistes gewesen.“ [3]

Dieter Eckart schrieb in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 24. Oktober 1987:

„Der antike Marathon-Läufer ist ein rundum tragischer Held: Er hieß nicht nur nicht Pheidippides, er ist nicht nur nicht von Marathon nach Athen gelaufen, er ist dort nicht nur nicht tot zusammengebrochen, es hat ihn nicht einmal gegeben. Er ist eine Erfindung viel später Geborener.“[4]

Νενίκηκάς με, Γαλιλαῖε.

Julian Apostata (vermutet) nach der Statue im Louvre
Νενίκηκάς με, Γαλιλαῖε.
Nenikēkas me, Galilaie.
„Du hast mich besiegt, Galiläer.“
Νενίκηκάς με, Ναζωραίε.
Nenikēkas me, Nazōraie.
„Du hast mich besiegt, Nazarener.“

Angeblich die letzten Worte des römischen Kaisers Julian Apostata, der vom Christentum wieder zum heidnischen Glauben wechselte. Nachträglich wurde Julian von der Kirche mit dem Namen Apostata (= der Abtrünnige) gebrandmarkt. Mit Galiläer ist Jesus gemeint, der aus Nazareth, einen Ort in Galiläa im Norden Israels stammt. In Julians Biografie kommt dieser Satz übrigens nicht vor. Es ist also davon auszugehen, dass es sich hierbei um christliche Propaganda handelt.

In seinem Werk Contra Galileos (dt. Gegen die Galiläer, d.h. gegen die Christen) zeigte Julian die Fehler und die Gefahren des christlichen Glaubens auf und porträtierte die Christen als Abtrünnige des Judentums.

Lateinisch wird der obige Satz mit „Tandem vicisti, Galilaee“ („Endlich hast du gesiegt, Galiläer.“) wiedergegeben, den der englische Dichter Algernon Swinburne seinem Abgesang auf das heidnische Rom, Hymn to Proserpine (1866) voranstellte:

Vicisti, Galilaee.“ ["Thou hast conquered, O Galilean — Christ"] [5]

Der norwegische Dramatiker Henrik Ibsen schrieb von 1864 bis 1873 das Doppeldrama Kaiser und Galiläer, das er selbst als sein Hauptwerk ansah. In diesem Stück wird Julian in einer Schlacht verletzt, versucht sich zu erheben, sinkt aber zurück und ruft:

Du hast gesiegt, Galiläer![6]

Seine letzten Worte lauten in Ibsens Drama aber anders:

Alexander durfte Einzug halten – in Babylon. – Ich will auch – – . Schöne, laubbekränzte Jünglinge, – tanzende Mädchen; – aber so fern, so fern – –. Schöne Erde, – schönes Erdenleben –.“ Er reißt die Augen weit auf. „O, Sonne, Sonne, warum betrogst Du mich?“ Er sinkt zusammen. [7]

Νεκρός οὐ δάκνει.

Titelblatt des Traktats mit den Worten „Νεκρός οὐ δάκνει.
Νεκρός οὐ δάκνει.
Nekros ou daknei.
„Ein Toter beißt nicht.“

Dieses Zitat stammt von dem Historiker Plutarch [8] und wird immer wieder in unterschiedlichen Kontext aufgegriffen:

Beim Ausmarsch ermahnte Orgonez den Marschall, den beiden gefangenen Brüdern Pizarro die Köpfe abschlagen zu lassen. »El muerto no mordia! (Ein Toter beißt nicht!)« meinte er nach dem alten spanischen Sprichworte.[9]

Der evangelische Geistliche und Vampirismusforscher der Aufklärung Michael Ranft schreibt in seinem Tractat von dem Kauen und Schmatzen der Todten in Gräbern:

Wir kommen nunmehro auff einen anderen Umstand, den der abergläubische Pöbel bey dem Kauen und Schmatzen der Todten wahrgenommen zu haben glaubet und den wir als irrig hier verwerffen. Er bestehet darinne, daß man vorgiebt, die Todten frässen in diesem Fall ihre Kleider. Aber wem ist nicht das Sprichwort bekannt, dessen sich schon vorlängst Theodotus bey dem Plutarcho bedient: νεκρός ȣ δάκνει: ein Todter beist nicht mehr: Denn nach Auflösung des natürlichen Bandes zwischen Leib und Seel, hören auch alle Verrichtungen auff, die aus dieser Vereinigung herkommen.[10]
  • Lateinisch: „Mortuus non mordet.

νέκταρ καὶ ἀμβροσία

νέκταρ καὶ ἀμβροσία
nektar kai ambrosia
Nektar und Ambrosia

Nektar und Ambrosia (= Unsterblichkeit) sind in der griechischen Mythologie die Götternahrung. Ursprünglich wurde zwischen diesen beiden Bezeichnungen nicht unterschieden. Bei Homer wurde Nektar aber schon als Getränk und Ambrosia als Speise gesehen. Nektar war ein Honigprodukt. Ambrosia ist heute die Bezeichnung der Nahrung von Bienenköniginnen.

In den Adern der Götter fließt auch kein Blut, sondern Ichor (ἰχώρ), eine goldfarbene oder auch durchsichtig Flüssigkeit, die sich durch die Ambrosia bildet. Bei Homer wird dies deutlich bei der verwundeten Göttin Aphrodite, die an der Schlacht um Troja teilnahmen. Von ihr heißt es:

Und es floß das ambrosische Blut des Gottes,
Ichor, wie es fließt in den seligen Göttern.
Denn sie essen nicht Brot, nicht trinken sie funkelnden Wein,
daher sind sie blutlos und werden unsterblich genannt
[11]

In den Metamorphosen des römischen Dichters Ovid benutzt die Göttin Venus Nektar und Ambrosia, um ihren Sohn Aeneas nach seinem Tod in einen Gott zu verwandeln.

Siehe auch: Ἰχώρ, οἷός πέρ τε ῥέει μακάρεσσι θεοῖσιν•

Νέρων, Ὀρέστης, Ἀλκμαίων μητροκτόνοι.

der Tod der Agrippina
Νέρων, Ὀρέστης, Ἀλκμαίων μητροκτόνοι.
Nerōn, Orestēs, Alkmaiōn mētroktonoi.
„Nero, Orestes und Alkmaion: Muttermörder.“

Vom Geschichtsschreiber Sueton zitierte Schmähung auf Kaiser Nero, der mit anderen Muttermördern verglichen wurde:

  • Nero, der seine Mutter fürchtete, ließ seine Mutter Agrippina mit einem Schiff versenken. Es gelang ihr jedoch, an Land zu schwimmen. Darauf ließ er sie in ihrer Villa ermorden.
  • Orestes wurde von seiner Schwester Elektra um Rache der Tötung ihres Vaters gebeten. So befragte er das Orakel von Delphi, das ihm zur Rache riet. Er tötete Aigisthos und seine Mutter Klytaimnestra.
  • Alkmaion erfüllte er den Auftrag des Vaters und ermordete seine Mutter, wurde aber dafür von den Erinnyen verfolgt, bis er von König Phegeus entsühnt wurde. Arkadien wurde von Unfruchtbarkeit heimgesucht und Apollon verkündete, Alkmaion werde nicht eher zur Ruhe kommen, als bis er in ein Land komme, welches bei der Ermordung seiner Mutter noch nicht von der Sonne beschienen worden sei.

Νέστορός εἰμι εὔποτον ποτήριον•

Inschrift auf dem Nestorbecher
Νέστορός εἰμι εὔποτον ποτήριον•
Nestoros eimi eupoton potērion;
„Ich bin der Becher des Nestor, aus dem sich gut trinken ließ;“

Anfang der Inschrift auf dem so genannten Nestorbecher von Ischia, einem im Jahr 1954 bei Ausgrabungen gefundenen Trinkgefäß aus dem 8. Jahrhundert vor Christus.

Das Gefäß trägt eine dreizeilige Inschrift, die lange Zeit nach der Herstellung eingeritzt wurde und in einer euböischen (von rechts nach links geschriebenen) Form des griechischen Alphabets geschrieben wurde. Der Text lautet:

:ΝΕΣΤΟΡΟΣ:...:ΕΥΠΟΤΟΝ:ΠΟΤΕΡΙΟΝ
ΗΟΣΔΑΤΟΔΕΠΙΕΣΙ:ΠΟΤΕΡΙ..:ΗΥΤΙΚΑΚΕΝΟΝ
ΗΙΜΕΡΟΣΗΑΙΡΕΣΕΙ:ΚΑΛΛΙΣΤΕΦΑΝΟ:ΑΦΡΟΔΙΤΕΣ

Dies wird in die klassische Schreibweise wie folgt übersetzt:

Νέστορός εἰμι εὔποτον ποτήριον
ὃς δ’ ἂν τοῦδε πίησι ποτηρίου αὐτίκα κῆνον
ἵμερος αἱρήσει καλλιστεφάνου Ἀφροδίτης.“

 
Ich bin der Becher des Nestor, aus dem sich gut trinken ließ.
Wer aber aus diesem Becher trinkt, wird sofort
Vom Verlangen nach der schönen Aphrodite ergriffen.

νεῦρα τῶν πραγμάτων

νεῦρα τῶν πραγμάτων
neura tōn pragmatōn
„Sehnen der Dinge“

Der spätantike Philosophiehistoriker Diogenes Laertios zitiert in seiner Schrift Leben und Lehre der Philosophen den Kyniker Bion von Borysthenes mit dem Ausspruch: „Der Reichtum, die Sehnen der Dinge“. [12]

Heute bekannt ist die lateinische Version nervus rerum, die Cicero zum Beispiel in seiner Rede über den Oberbefehl des Gnaeus Pompeius verwendet:

Si vectigalia nervos esse rei publicae semper duximus...“
Wenn wir die Steuern immer als die Sehnen des Staates angesehen haben...“

In seiner 5. Philippischen Rede sagt Cicero außerdem:

nervus belli, pecuniam infinitum
die Sehnen des Krieges, unbegrenzte Geldreserven

Nervus rerum und Die Verstaatlichung des Geldes ist der Titel eines Buchs des Finanztheoretikers Silvio Gesell, das als Grundstein für seine Lehre von der Natürlichen Wirtschaftsordnung gilt.

Νεφελοκοκκυγία

Νεφελοκοκκυγία
Nephelokokkygia.
Wolkenkuckucksheim

Dieses Wort ist eine Neuschöpfung des deutschen Übersetzers Ludwig Seeger und stellt eine Lehnübersetzung aus der Komödie Die Vögel dar. Es bezeichnet eine Stadt in den Wolken, die sich die Vögel als Zwischenreich gebaut haben.

In dem Bühnenstück aus dem Jahr 414 v. Chr. beschreibt der Dichter Aristophanes die Machtergreifung der Vögel mithilfe zweier Athener Exilanten, Peithetairos (Πειθεταίρος = „Berater“) und Euelpides (Ευελπίδης = „gute Hoffnung“). Peithetairos und Euelpides ziehen aus Athen weg, um eine neue Stadt zu gründen, in der Geld wie Dreck weggeworfen wird, um nicht daran zu ersticken. Sie verwandeln sich in Vögel und überlegen, wie sie die Stadt nennen sollen. Die Überlegungen „Neu-Sparta“ und „Schöne Aussicht“ werden verworfen, man einigt sich auf „Wolkenkuckucksheim“:

Peithetairos: Wie soll denn aber nun ihr Name sein?
Euelpides: Er sei genommen aus den Wolken und dem Reich der Lüfte, was Hochgestochenes.
Peithetairos: Na — Wolkenkuckucksheim?
Chorführer: Iuh, iuh! ’nen wunderschönen Namen hast du ausgedacht! [13]

Heute wird der Begriff für eine unrealistische Utopie verwendet.

Νίκη ή Θάνατος

Νίκη ή Θάνατος -
„Sieg oder Tod“
Νίκη ή Θάνατος
Niki i thanatos.
„Sieg oder Tod!“

Aufschrift auf der Mani-Flagge während der Griechischen Revolution. Über einem blauen griechischen Kreuz steht in Großbuchstaben ΝΙΚΗ Ή ΘΑΝΑΤΟΣ, darunter ebenfalls in Großbuchstaben ΤΑΝ Ή ΕΠΙ ΤΑΣ, eine Anspielung auf die Aufforderung der spartanischen Mütter an ihre Söhne bevor sie in den Krieg zogen:

Ἢ τὰν ἢ ἐπὶ τᾶς.
Entweder das Schild oder auf dem Schild!

Der griechische Schlachtruf im Kampf gegen die Türken um die Unabhängigkeit war Ελευθερία ή Θάνατος! („Freiheit oder Tod!“), während die Manioten als Nachkommen der Spartaner auf ihrer Flagge stattdessen „Sieg oder Tod!“ geschrieben hatten.

Νιόβης πάθη

Abraham Bloemaert: Niobe beweint ihre Kinder
Νιόβης πάθη
Niobes pathe
„Leiden der Niobe“
  • Lateinisch: „Niobes mala

Die Leiden der Niobe sind eine sprichwörtliche Redensart für größtes Leid. Niobe war die Tochter des Tantalos und unterlag damit dem Tantalidenfluch. Sie war die Gemahlin des thebanischen Königs Amphion, dem sie sieben Söhne und sieben Töchter gebar. Stolz auf ihre zahlreiche Nachkommenschaft, verspottete sie die Göttin Leto, die nur zwei Kinder, Apollon und Artemis, geboren habe. Die beiden Kinder der gekränkten Göttin töteten an einem Tage sämtliche Kinder der Niobe mit ihren Pfeilen.

Niobe, die der ungeheure Schmerz erstarren ließ, wurde von den Göttern in Stein verwandelt und nach Phrygien an den Berg Sipylos versetzt. Doch auch der Stein hörte nicht auf, Tränen zu vergießen.

Der tragische Stoff wurde in der dramatischen wie der bildenden Kunst vielfach behandelt. Eine Erzählung findet sich im 6. Buch von Ovids Metamorphosen.

Νίψον ἀνομήματα μὴ μόναν ὄψιν.

Iera Moni Ioannou Prodromou bei Serres
Νίψον ἀνομήματα μὴ μόναν ὄψιν.
Nipson anomēmata mē monan opsin.
„Wasch deine Sünden ab, nicht nur dein Gesicht!“

Dies ist ein Palindrom, das in Großbuchstaben (ΝΙΨΟΝ ΑΝΟΜΗΜΑΤΑ ΜΗ ΜΟΝΑΝ ΟΨΙΝ) oft auf griechischen Taufbecken verwendet wurde (z.B. am Quellbrunnen im Kloster Preveli und bei Serres). Diese Inschrift, die auch am Taufbecken bei der Hagia Sophia stand, kann ebenso von hinten gelesen werden und ergibt den gleichen Wortlaut.

In diesem Zusammenhang kann man auch das neugriechische Sprichwort zum Beichten von Sünden sehen:

„Αμαρτία εξομολογημένη, αμαρτία συχωρεμένη.“
Sünde gebeichtet, Sünde gestorben.“

Νόμος ὁ πάντων βασιλεύς.

Νόμος ὁ πάντων βασιλεύς.
Nomos ho pantōn basileus.
„Das Gesetz ist aller König.“

Vollständig lautet diese Feststellung des Dichters Pindar:

Νόμος ὁ πάντων βασιλεύς
θνατῶν τε καὶ ἀθανάτων
ἄγει δικαιῶν τὸ βιαιότατον
ὑπερτάτᾳ χειρί. [14]

Friedrich Hölderlin übersetzt dieses Fragment folgendermaßen ins Deutsche:

Das Gesetz,
Von allen der König, Sterblichen und
Unsterblichen; das führt eben
Darum gewaltig
Das gerechteste Recht mit allerhöchster Hand. [15]

Hölderlin stellt in seinem Kommentar dazu fest:

Das Gesetz" ist der Ort der Begegnung von Gott und Mensch. Es geht aber um die Trennung; vielleicht ist dies die "Königszäsur."[16]

Seiner Erklärung nach steht König hier für den Superlativ, für die höchste Erkenntnis, nicht für die höchste Macht.

Zitiert werden diese Worte auch in den Historien des Herodot [17]

Νοῦσος ὑγίειαν ἐποίησε ἡδὺ καὶ ἀγαθόν.

Νοῦσος ὑγίειαν ἐποίησε ἡδὺ καὶ ἀγαθόν.
Nousos hygieian epoiēse hēdy kai agathon.
„Krankheit macht Gesundheit angenehm und gut.“

Zitat aus den Fragmenten des Philosophen Heraklit. [18] Der ganze Satz lautet:

Νοῦσος ὑγίειαν ἐποίησε ἡδὺ καὶ ἀγαθόν, λιμὸς κόρον, κάματος ἀνάπαυσιν.
Nousos hygieian epoiēse hēdy kai agathon, limos koron, kamatos anapausin.

Krankheit macht Gesundheit angenehm und gut, Hunger die Sattheit, Mühe die Ruhe.“ Aus seinen Reihe Beobachtungen ist Heraklit zu der Schlussfolgerung gekommen, dass das vermeintlich Entgegengesetzte zusammenhängt und sich gegenseitig bedingt.

Siehe auch: „Ψυχρὰ θέρεται, θερμὸν ψύχεται, ὑγρὸν αὐαίνεται, καρφαλέον νοτίζεται.“ („Kaltes erwärmt sich, Warmes kühlt ab, Feuchtes vertrocknet, Dürres wird benetzt.“)

νυκτιφαὲς περὶ γαῖαν ἀλώμενον ἀλλότριον φῶς

Mond
νυκτιφαὲς περὶ γαῖαν ἀλώμενον ἀλλότριον φῶς
nyktiphaes peri gaian alōmenon allotrion phōs
„ein in der Nacht scheinendes, um die Erde herumirrendes, fremdes Licht“

Zitat aus den Fragmenten des Philosophen Parmenides [19], der bereits ahnte, dass der Mond das Licht der der Sonne reflektiert. Vermutlich waren es die Flecken, weshalb Parmenides den Mond ein Gemisch von Licht und Finsternis, von Nacht und Kälte nannte. Er glaubte auch, dass die Sonne von gleicher Größe wie der Mond sei.

Νῦν γὰρ δὴ πάντεσσιν ἐπὶ ξυροῦ ἵσταται ἀκμῆς.

Νῦν γὰρ δὴ πάντεσσιν ἐπὶ ξυροῦ ἵσταται ἀκμῆς.
Nyn gar dē pantessin epi xyrou histatai akmēs.
„Denn nun steht es allen fürwahr auf der Schärfe des Messers.“

Die Redewendung Auf Messers Schneide stehen bedeutet, dass eine Person oder eine Sache sich in einer kritischen Situation befindet, wobei der Ausgang – ob gut oder schlecht – noch ungewiss und eben im Begriff ist, sich zu entscheiden.

Dieser Ausdruck findet sich bereits in Homers Ilias:

νῦν γὰρ δὴ πάντεσσιν ἐπὶ ξυροῦ ἵσταται ἀκμῆς
ἢ μάλα λυγρὸς ὄλεθρος Ἀχαιοῖς ἠὲ βιῶναι. [20]

Denn nun steht es allen fürwahr auf der Schärfe des Messers:“
„„Schmählicher Untergang den Achaiern oder auch Leben!““

In der Übersetzung von Johann Heinrich Voß klagt Nestor:

Selber hab' ich ja Söhn' und treffliche, hab' auch der Völker
Sonst genug, daß mir einer umhergehn könnte zu rufen.
Aber viel zu große Bekümmernis drängt die Achaier!
Denn nun steht es allein fürwahr auf der Schärfe des Messers:
Schmählicher Untergang den Achaiern, oder auch Leben!

Auf Messers Schneide ist der Titel eines Romans von William Somerset Maugham aus dem Jahr 1944, der zwei Mal verfilmt wurde.

Nῦν ἀπολύεις τὸν δοῦλόν σου, δέσποτα.

Nῦν ἀπολύεις τὸν δοῦλόν σου, δέσποτα.
Nyn apolyeis ton doulon sou, despota
„Jetzt entlässt du, Herr, deinen Diener“

Dies sind die Anfangsworte des „Lobgesangs des Simeon“, einem der drei Lobgesänge des Lukasevangeliums, 29-32. Der Text stammt aus der Erzählung von der Darstellung Jesu im Tempel. Der greise Simeon erkennt ihn als den Messias, auf den er gewartet hat, preist Gott dafür und erklärt sich nunmehr zum Sterben bereit:

lateinisch (Vulgata):

Nunc dimittis servum tuum Domine, * secundum verbum tuum in pace.
Quia viderunt oculi mei salutare tuum, * quod parasti ante faciem omnium populorum,
lumen ad revelationem gentium * et gloriam plebis tuae Israel.

griechisch (Lukasevangelium):

Νῦν ἀπολύεις τὸν δοῦλόν σου, δέσποτα, * κατὰ τὸ ῥῆμά σου ἐν εἰρήνῃ:
ὅτι εἶδον οἱ ὀφθαλμοί μου τὸ σωτήριόν σου * ὃ ἡτοίμασας κατὰ πρόσωπον πάντων τῶν λαῶν,
φῶς εἰς ἀποκάλυψιν ἐθνῶν * καὶ δόξαν λαοῦ σου Ἰσραήλ.

deutsch (Einheitsübersetzung):

Nun lässt du, Herr, deinen Knecht * wie du gesagt hast, in Frieden scheiden.
Denn meine Augen haben das Heil gesehen, * das du vor allen Völkern bereitet hast,
ein Licht, das die Heiden erleuchtet * und Herrlichkeit für dein Volk Israel.

Nach den lateinischen Anfangsworten „Nunc dimittis servum tuum, Domine“ wird das Nunc dimittis im Stundengebet der katholischen Kirche täglich gebetet. In der protestantischen Kirchenmusik diente dieser Text häufig als Grundlage für Begräbniskompositionen.

Die Darstellung des Herrn ist ein wichtiges Motiv der christlichen Kunst. Nach jüdischem Gesetz wurde der erstgeborene Sohn in Erinnerung an die Pessach-Nacht als Eigentum Gottes angesehen und ihm im Tempel übergeben („dargestellt“), wo er durch ein Opfer auszulösen war.

Das Lukasevangelium berichtet, dass der Knabe Jesus gemäß dieser Gesetzesvorschrift von Maria und Josef zum Tempel gebracht wird und das vorgeschriebene Opfer gereicht wird. Dort erkennen ihn Simeon und Hanna als Erlöser und stimmt seinen Lob- und Sterbegesang an.

Νῦν χρῆ μεθύσθην.

Reginald Arthur: Der Tod der Kleopatra, 1892
Νῦν χρῆ μεθύσθην.
Nyn chrē methysthēn.
„Nun heißt es trinken!.“

Dies ist der Anfang eines Lieds des Lyrikers Alkaios auf den Tod des Tyrannen Myrsilos von Mytilene auf der Insel Lesbos. [21] Gegen den Tyrannen Myrsilos begehrten verschiedene Adlige auf, unter ihnen auch Familienangehörige der Dichterin Sappho, die darauf hin als junges Mädchen zum ersten Mal verbannt wurde. Pittakos aus Mytilene erließ eine Amnestie, die es Alkaios und seinem Bruder ermöglichte, in ihre Heimatstadt zurückzukehren.

Der römische Dichter Horaz dichtete dies um zu einer Ode auf den Tod der ägyptischen Königin Kleopatra mit den bekannten Versen:

Nunc est bibendum, nunc pede libero
pulsanda tellus, nunc Saliaribus
ornare pulvinar deorum
tempus erat dapibus, sodales. [22]

  Jetzt lasst uns trinken, jetzo mit freiem Fuß
Den Boden stampfen! Freunde, jetzt ist es Zeit
Der Götter Polster auszuschmücken
Mit Saliarischem Opfermahle! [23]

Die Worte „Nunc est bibendum“ wurden später zu einem bekannten Trinkspruch in Studentenverbindungen.

Quellennachweis

  1. Evangelium nach Matthäus, 5, 33-37
  2. http://www.bibel-online.net/buch/40.matthaeus/5.html#5,37
  3. zitiert nach Hans Poeschel: Die griechische Sprache. S. 149
  4. Zitiert nach der Website von Claudia Dreher: http://www.claudiadreher.de/ge/fss50-1.htm
  5. http://www.victorianweb.org/authors/swinburne/hymn.html
  6. http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=3983&kapitel=12&cHash=5ca992c8fechap012#gb_found
  7. http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=3983&kapitel=12&cHash=5ca992c8fechap012#gb_found
  8. Plutarch, Vitae 660
  9. http://gutenberg.spiegel.de/index.php?id=12&xid=2549&kapitel=29&cHash=bd12ae7ff52
  10. http://de.wikisource.org/wiki/Tractat_von_dem_Kauen_und_Schmatzen_der_Todten_in_Gr%C3%A4bern/Die_erstere_Dissertation
  11. Homer: Ilias. 5,337-342, http://www.altegeschichte.uni-bonn.de/anktimmws0506.htm
  12. Diogenes Laertios: Leben und Lehre der Philosophen 4, 48
  13. Aristophanes: Die Vögel (817ff.); zitiert nach: http://www.stefan.cc/books/antike/voegel.html
  14. Pindar: Fragment 169a
  15. http://www.harpers.org/archive/2008/02/hbc-90002190
  16. http://www.geocities.com/Area51/Shadowlands/7860/HOME12.HTM
  17. Historien des Herodot, 3,38
  18. Heraklit: Fragment: Über die Natur, B 111
  19. Plutarch: Adv. Colotem 15,1116a
  20. Ilias, 10. Gesang, Vers 173–174
  21. Alkaios: Fragment 93
  22. Horaz: Carmen 1,37: Kleopatra, oder: Aufruf zur Siegesfeier
  23. http://www.gottwein.de/Lat/hor/horc137.php

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