Aufsperrwerkzeug
Lockpicking

Unter Lockpicking (vom englischen: lock = Schloss + to pick = aufpicken, stochern) oder Nachschließen, umgangssprachlich: Schlösser knacken, versteht man die Aufsperrtechnik zum Öffnen von Schlössern, ohne einen dafür passenden Schlüssel zu besitzen und ohne das Schloss zu beschädigen.

Um Schlösser ohne einen Schlüssel zu öffnen, nutzt man die mechanischen Ungenauigkeiten eines Schlosses aus. Mit Hilfe speziell geformter Werkzeuge (Picks) dringt man in den Schlüsselkanal des Schlosskerns ein und drückt die darin enthaltenen Stifte herunter, wofür im Normalfall die Vertiefungen auf der gezackten Seite eines Schlüssels sorgen. Um den Kern des Schließzylinders zu drehen und damit die Verriegelungsmechanik des Türschlosses zu bewegen, also das Schloss zu öffnen, benutzt man einen sogenannten Spanner.

Lockpicking hat sich in den letzten Jahren zu einer Art Sport entwickelt, der zu der Vereinsgründung der Sportsfreunde der Sperrtechnik – Deutschland e. V. durch Steffen Wernéry führte. Der Verein veranstaltet jährlich die Deutschen Meisterschaften im Schlossöffnen. Dabei wurden in verschiedenen Disziplinen diejenigen geehrt, die Schlösser in möglichst kurzer Zeit öffnen konnten, ohne diese zu beschädigen. Die Besten schaffen es hierbei, auch als sehr sicher geltende Schlösser in teilweise weniger als einer Minute zu öffnen. Die Meisterschaften fanden in den Jahren 1997 bis 2006 im Rahmen des Chaos Communication Congress, einer Veranstaltung des Chaos Computer Club statt. Seit 2007 finden die Meisterschaften eigenständig statt.

Inhaltsverzeichnis

Begriffsbestimmungen

Kern
Der in der Grafik dunkelgrau dargestellte Teil. Er lässt sich nur drehen, wenn alle Stiftpaare mit ihrer Trennfuge in Höhe der Scherlinie liegen.
Trennfuge
Die Lücke zwischen Kernstift und Gehäusestift.
Kernstift
Der obere Teil des jeweiligen Stiftpaares, in der Grafik gelb dargestellt.
Gehäusestift
Der untere Teil des jeweiligen Stiftpaares, in der Grafik rot dargestellt. Darunter befindet sich jeweils eine Druckfeder.
Scherlinie
Die untere Trennlinie zwischen dem beweglichen und unbeweglichen Teil des Schließzylinders, also zwischen Kern und Gehäuse. In der Grafik die Grenze zwischen dem dunkelgrauen und dem hellgrauen Bereich.

Techniken

Setzen

Setzen bezeichnet eine Öffnungstechnik, bei der die Stifte einzeln heruntergedrückt werden, um „gesetzt“ zu werden. Dabei wird der Kern eines Schließzylinders gefühlvoll unter Spannung gehalten, so dass der gesetzte Stift hängen bleibt, bis das schließlich bei allen geschehen ist. Es wird oftmals auch als „einzeln Setzen“ bezeichnet.

Das bevorzugte Tastwerkzeug ist der Haken. Mit seiner Spitze wird ein Stift gesucht, der „Bindung“ hat. Bindung bedeutet, der Gehäusestift ist durch die angewendete Spannung eingeklemmt, und es wirken Reibkräfte. Die Reibkraft wird durch Druck mit dem Haken überwunden, bis der Stift die Scherlinie erreicht. Jetzt entfällt die Bindung an diesem Gehäusestift, und es wirkt nur noch die Federkraft. Diese im Vergleich zur Bindung wirkende Kraft ist sehr gering und wirkt auch nur auf einem sehr kurzen Weg zwischen etwa 0,1 und 0,3 mm. Einen Stift, der sich so verhält, nennt man „gesetzt”. Wird der Stift über diesen Punkt hinaus gedrückt, schlägt der Kernstift an das Gehäuse an und erzeugt eine um ein Vielfaches größere sogenannte „Kontaktkraft”.

Harken

Im Gegensatz zum Setzen bezeichnet das Harken eine Technik, bei der zum Beispiel mit einer Schlange (spezielles Werkzeug) über die Stifte gestrichen wird. Obwohl hierbei der Zufall eine große Rolle spielt, ist auch ebenso viel Übung erforderlich. Selten nur gehen Schlösser durch einfaches Harken auf. Viel eher schon stellt sich der Kern in eine leichte Neigung, was als „Kipp“ bezeichnet wird. Dann wird häufig gesetzt, bis sich das Schloss öffnet, was oft als „Nachsetzen“ bezeichnet wird. Daher wird auch oft die Grundtechnik zur Schlossöffnung mit „Anraken (to rake = Englisch für Harken) und Nachsetzen“ beschrieben, was allerdings nicht immer zum Erfolg führt, da jedes Schloss andere Eigenschaften besitzt.

Werkzeuge

Standard-Pickset (von oben nach unten): Spanner, Hook, Schlange, Halbdiamant, Extraktor, Tropfendiamant

Spanner

Der Spanner ist ein Hilfswerkzeug, das grundsätzlich zum zerstörungsfreien Öffnen von Schließzylindern benötigt wird. Der Spanner wird vorne in den Zylinder eingeführt, um den Kern auf Spannung zu halten und nach dem Entsperren zu drehen. Die Enden der Spanner sind unterschiedlich breit, damit sie auf verschiedene Schlösser passen.

Hook

Der Hook (zu deutsch „Haken“) ist das Standardwerkzeug zum einzelnen Setzen von Stiften. Mit der abgeflachten Spitze des Hooks können die Stifte einzeln heruntergedrückt werden.

Halbdiamant

Der Halbdiamant ist ein zum Lockpicking benutztes Werkzeug, das wegen seiner Form eines Dreieckes so aussieht, als handele es sich um einen in der Mitte geteilten Diamanten. Er ist sowohl zum Harken als auch zum Setzen geeignet, doch für beides normalerweise nicht besonders gut, weshalb er relativ wenig benutzt wird. Bohrmuldenschlösser lassen sich auch mit ihm öffnen.

Tropfenhaken

Der Tropfenhaken ist beim Lockpicking ein Werkzeug, das zum einzelnen Setzen benutzt wird. Wegen seiner Form eines abgeflachten Hakens mit einer runden Verdickung am Ende, dem Tropfen, hat man ein besonders genaues Gespür bei der Handhabung des Werkzeugs, wodurch es gut für Schließzylinder mit geringen Toleranzen geeignet ist.

Schlange

Die Schlange (englisch snake) ist ein Werkzeug, welches ausschließlich zum Harken eines Schlosses verwendet wird. Die besondere Form ermöglicht im besten Fall das Setzen gleich mehrerer Stifte. Auf jeden Fall hat man mit der Schlange beim Harken mehr Stiftberührungen als mit anderen Öffnungswerkzeugen. Es gibt viele verschiedene Formen dieses Werkzeuges, die alle gemein haben, dass sie mehr oder weniger gut die Form eines Schlüssels nachempfinden.

E-Pick

Im Gegensatz zu mechanischen Pickpistolen, die mit einer geraden Nadel einzelne Schläge auf die Stiftköpfe abgeben, schlägt ein Elektropick mit hoher Frequenz auf die Kernstifte. Hierbei wirkt das Perkussionsprinzip, vergleichbar mit einer Billardkugel, die ihre Bewegungsenergie an die nächste weitergibt. Die Kraft, die an die Kernstifte abgegeben wird, wird weitergegeben an die Gehäusestifte, die sich dadurch gegen die Kraft der Federn nach unten bewegen. Es entsteht eine Lücke zwischen Kern- und Gehäusestift, und der Kern wird entsperrt, wenn dies bei allen Stiften gleichzeitig geschieht.

Schlagschlüssel

Schlagschlüssel

Eine weitere Technik ist die Schlagmethode oder Schlagtechnik. Dabei wird ein spezieller Schlüssel, welcher nur im Profil für das Schloss passen muss, an jeder Stiftposition auf den tiefsten Einschnitt gefräst, der für diesen Zylindertyp möglich ist. Die Kante vor jedem Stift weist dabei einen Winkel von zirka 45° auf, wodurch Schlagschlüssel ihren typischen „dreieckförmigen“ Verlauf im Schlüsselbart erhalten. Das Material von Schlagschlüsseln sollte, um die Handhabung und das Federn zu erleichtern, möglichst hart sein. Meist wird für die Herstellung von qualitativ hochwertigen Schlagschlüsseln Edelstahl verwendet – es kann aber auch jeder herkömmliche Schlüssel mit passendem Profil als Schlagschlüssel „umgefeilt“ werden. Des Weiteren wird die Schulter, das heißt der Anschlag des Schlüssels, etwa 1 mm abgefeilt, so dass, wenn der Schlüssel im Schloss steckt, dieser noch um ca 1 mm weiter hineingeschoben werden kann, aber durch die Federkraft der in die Kerben des Schlüssels drückenden Stifte um dieses Stückchen auch wieder herausgeschoben wird.

Beim Hineinschieben (1 mm) werden die Stifte im Schloss alle gleichzeitig ein wenig heruntergedrückt. Wenn dies sehr schnell geschieht, durch das leichte Schlagen mit dem Holzstab oder Kunststoffgriff eines Schraubendrehers, werden die einzelnen Gehäusestifte über die Kernstifte stark beschleunigt, so dass das Perkussionsprinzip wie bei der Pickpistole (siehe E-Pick) stattfindet. Das Verfahren ist ähnlich wie bei einem Billardspiel zwischen den Kugeln, nur dass sich im Zylinderschloss die Impulsübertragung zwischen den kaum beschleunigten Kernstiften und die bei dem Schlag in das Gehäuse geschleuderten Gehäusestiften abspielt. Unmittelbar bei oder besser nach dem Schlag muss der Schlüssel mit geringer Vorspannung ein wenig verdreht werden, dadurch werden die in das Gehäuse geschleuderten Gehäusestifte fixiert und können nicht mehr in ihre ursprüngliche Sperrposition zurückkehren. Dann kann der Zylinder einmal gedreht werden, das Schloss ist entsperrt. Die Vorspannung für die Drehbewegung des Schlüssels darf dabei nicht zu groß sein, da sich sonst die Gehäusestifte verkanten und nicht mehr bewegen lassen. Auch die Stärke der Schläge sollten moderat und eher schwach sein, es ist eher ein Klopfen. Auch muss dieser Vorgang nach jeder vollen Drehung des Zylinders wiederholt werden, da die Gehäusestifte nach einer vollen Umdrehung wieder sperren.

Zum Erlernen dieser bei einfachen Zylinderschlössern sehr effizienten Öffnungstechnik ist vor allem ein wenig praktische Übung nötig. Bei Beherrschen dieser Öffnungsmethode können mit Schlagschlüssel nicht entsprechend gesicherte Zylinderschlösser in wenigen Sekunden fast spurenfrei geöffnet werden. Durch die relativ einfache Handhabung, welche neben ein wenig Übung nur mittelmäßiges Geschick voraussetzt, ist diese Öffnungsmethode allerdings unter Personen, welche die zerstörungsfreie Schlossöffnung ohne Schlüssel als Sport betreiben, eher verpönt.

Ein Schlagschlüssel hinterlässt meist am Schloss einen Abdruck unterhalb des Schlüsselkanals, nämlich dort, wo die Schulter auftrifft. Dem wird zum Teil durch etwas Klebeband an der Schulter abgeholfen. In der Praxis sind die Spuren, welche Schlagschlüssel bei einmaliger Anwendung im Schloss hinterlassen, sehr gering und vom Laien nicht erkennbar. Durch das harte Material der Schlagschlüssel tritt bei oftmaliger Anwendung im gleichen Schloss allerdings ein gesteigerter Verschleiß auf. Schlagschlüssel sollten daher nicht zum regulären Öffnen verwendet werden. Allgemein gilt bei jeder mechanischen Öffnungstechnik: Sie ist nicht spurenfrei.

Des Weiteren gibt es spezielle Schlösser, welche mechanisch gegen den Einsatz von Schlagschlüsseln gesichert sind. Bei diesen Schlössern kommt es bei der Drehung des Schlagschlüssel im Schloss zu einer Verriegelung: Der Schlagschlüssel kann dann nicht mehr weitergedreht und nicht mehr einfach aus dem Schloss entnommen werden.

Schlagschlüssel können auch zum Schließen von Schlössern (= Zusperren) verwendet werden: In diesem Fall ist die Drehrichtung einfach nur entgegengesetzt der Drehrichtung, welche zum Öffnen verwendet wird. Damit besteht bei nicht gegen den Einsatz von Schlagschlüssel gesicherten Schlössern das Problem, dass eine unberechtigte Öffnung mit nachfolgender Schließung aufgrund der fehlenden Beschädigung am Schloss praktisch nicht erkannt wird.

Siehe auch

Weblinks


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