Augenzahn
Eckzahn - Oberkiefer (OK), Unterkiefer (UK)
Lage der Eckzähne (rot)

Als Eckzähne (lat. Dens caninus, Plural Dentes canini, oft auch nur kurz Canini) bezeichnet man die Zähne von Säugetieren (einschließlich des Menschen), die hinter den Schneidezähnen und vor den Prämolaren liegen. Da der Zahnbogen an den Eckzähnen einen deutlichen Knick macht werden sie als „Eckzähne“ bezeichnet.

Inhaltsverzeichnis

Mensch

Der Mensch hat je Kieferhälfte einen Eckzahn (insgesamt also vier). Der Eckzahn steht an dritter Position (es wird vom ersten Schneidezahn an gezählt) und ist der größte Zahn im Frontzahnbereich. Die Eckzähne bilden die Eckpfeiler am Übergang der Frontzähne zu den Seitenzähnen.

Es gibt sowohl einen Milchzahn als Eckzahn, als auch einen bleibenden Zahn.

Dentition

Der Zahndurchbruch der Milch-Eckzähne erfolgt mit 1,5 Jahren

Der Zahndurchbruch der bleibenden Eckzähne erfolgt mit ca. 11 Jahren (± 1 Jahr). Gewöhnlich brechen die unteren Eckzähne vor den oberen Eckzähnen durch. Die genauen Durchbruchszeiten variieren je nach Veröffentlichung:

  • obere bleibende Eckzähne: Jungen 11,8 ± 1,3 Jahre; Mädchen 11,2 ± 1,2 Jahre
  • untere bleibende Eckzähne: Jungen 11,1 ± 1,6 Jahre; Mädchen 10,2 ± 1,3 Jahre

Meist brechen nach den Schneidezähnen im Oberkiefer erst die vorderen Prämolaren durch, bevor die Eckzähne durchbrechen. Im Unterkiefer ist es umgekehrt. Daher folgt der häufige Platzmangel für die oberen Eckzähne (siehe unten).

Namen

Die oberen Eckzähne haben die längsten Wurzeln des menschlichen Gebisses. Das resultiert entwicklungsgeschichtlich aus der Funktion der Eckzähne als Fangzähne oder Stoßzähne bei vielen Säugetierarten.

Die Wurzelspitze des oberen Eckzahnes reicht fast bis zur Orbita (knöcherne Augenhöhle). Bei Entzündungen eines oberen Eckzahnes kann sich die Entzündung im Gesicht mit Schwellung, Rötung und Druckschmerzen dicht unter dem Auge manifestieren. Daher stammt der veraltete umgangssprachliche Name Augenzahn.

In einigen anderen Sprachen wird der Zahn auch als Augenzahn übersetzt (Isländisch Augntönn). Der lateinische Name „Dens caninus“ bedeutet Hundezahn. Auch diese Übersetzung gibt es noch in einigen Sprachen.

Wurzeln

Der Eckzahn hat eine Wurzel, die einen Kanal enthält. Die Wurzel ist in mesial-distaler Richtung leicht abgeflacht. Bei den oberen Eckzähnen ist die mesiale Wurzelfläche breiter und flacher, als die distale Wurzelfläche.

Die oberen Eckzähne haben ein deutliches Wurzelmerkmal mit einer apikalen Krümmung nach distal. Bei den unteren Eckzähnen fehlt beides.

Die Wurzeln der unteren Eckzähne sind kürzer als die der oberen. Die Längenrelation zwischen Kronenlänge und Wurzellänge ist bei den unteren Eckzähnen zugunsten der Kronenlänge verschoben.

Zahnkrone

Eckzahn von palatinal
Eckzahn von vestibulär
Eckzahn von mesial
Eckzahn von inzisal

Statt einer Kaufläche hat der Eckzahn nur eine Höckerspitze (Eckzahnspitze) mit zwei kurzen Schneidekanten.

Während bei den Schneidezähnen die äußeren (vestibulären) Flächen bis auf eine leichte Rundung relativ eben sind, sind die vestibulären Flächen der Eckzähne zweigeteilt, in eine mesiale (vordere) und distale (hintere) Hälfte. Beide Hälften bilden einen Winkel von ca. 20° zueinander. Sie sind durch einen vertikal verlaufenden Mittelgrad getrennt. An dieser Stelle knickt der Zahnbogen ab.

Zusätzlich hat der Eckzahn, wie alle Zähne, eine leicht kugelige Form. Er hat eine leichte Konvexität (Krümmung) von der Schneidekante zum Zahnhals.

Die mehr oder weniger scharfe Spitze auf der Schneidekante (Eckzahnspitze) liegt nicht genau mittig auf der Schneidekante, sondern ist etwas nach mesial verschoben. Die mesiale Schneidekante ist steiler und kürzer, als die flachere und längere distale Schneidekante.

Auf der Rückseite hat die Eckzahnkrone zwei kräftig ausgebildete Randleisten, sowie eine Mittelleiste, die sich zum Zahnhals hin in einem ausgeprägten Höcker (Tuberculum) treffen.

Die Approximalflächen sind dreieckig.

Die unteren Eckzähne sind kleiner als die oberen Eckzähne. Bei den unteren Eckzähnen ist die Kronenachse etwas gegenüber der Wurzelachse nach lingual „abgeknickt“ („Kronenflucht“). Diese Kronenflucht findet sich auch bei allen Prämolaren und Molaren im Unterkiefer wieder. Die vestibuläre Fläche weist gegenüber der Wurzelfläche eine Neigung von 25° auf. Die mesialen Kontaktflächen verlaufen steiler, wobei die Schmelz-Zement-Grenze mesial 3 mm höher liegt als distal.

Erkrankungen

Röntgenbild: Oberkiefer, beide Eckzähne retiniert und verlagert, auf der rechten Bildseite ist der persistierende Milchzahn (Eckzahn) zu erkennen

Neben den üblichen Zahnerkrankungen wie Karies, Pulpitis und apikaler Ostitis ist der obere Eckzahn sehr häufig retiniert und verlagert.

Ursache dafür ist die relative späte Durchbruchszeit mit 11 Jahren. In diesem Alter ist der Knochen bei manchen Kindern schon recht fest. Außerdem sind die bleibenden Nachbarzähne (zweiter Schneidezahn und erster Prämolar) schon vor dem Eckzahn da und können bei ausgeprägtem Platzmangel den gesamten Platz für den verspätet durchbrechenden Eckzahn einnehmen. Eventuell bricht der Eckzahn wegen Platzmangel auch weiter vestibulär durch - außerhalb der Zahnreihe. Er ragt dann wie ein Tigerzahn aus der vestibulären Wand des Alveolarfortsatzes.

Relativ häufig liegt der retinierte Eckzahn quer im Oberkieferknochen impaktiert.

Eine weitere Ursache für die Retention ist, dass der Eckzahn während seiner Bildungphase relativ weit oben im Kieferknochen liegt und einen sehr weiten Weg bis zum Zahndurchbruch zurücklegen muss.

Nach den Weisheitszähnen sind die Eckzähne die am zweithäufigsten betroffenen Zähne, die retiniert und verlagert sind.

Eine Nichtanlage der Eckzähne ist nicht bekannt bzw. extrem selten. Im Gegensatz dazu ist bei den Weisheitzähnen eine Nichtanlage häufig (ca. 50%) und bei den benachbarten zweiten Schneidezähnen des Oberkiefers gelegentlich (ca. 1%, familiär gehäuft) anzutreffen.

Ein persistierender Milch-Eckzahn im Oberkiefer deutet auf einen retinierten Eckzahn hin.

Die retinierten und verlagerten oberen Eckzähne werden meist aus kieferorthopädischer Indikation operativ entfernt (meist mit palatinalem OP-Zugang) bzw. wird bei günstiger vestibulärer Retentionslage die Krone operativ freigelegt und nach Wundheilung mit Hilfe eines aufgeklebten Brackets und festsitzendem KFO-Gerät eingestellt. Dazu muss natürlich durch Oberkieferdehnung (KFO) genügend Platz geschaffen werden. Der Zahn wird am Bracket angeschlungen und im Verlaufe einiger Monate meist mit Erfolg voll in die Zahnreihe integriert.

Untere Eckzähne sind nur sehr selten retiniert und verlagert.

Missbildungen

Typische Missbildungen treten im Zusammenhang mit Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten auf. Die Lippenspalten verlaufen typischerweise zwischen 2. und 3. Zahn im Oberkiefer - also zwischen zweitem Schneidezahn und Eckzahn. Bei abortiven Formen von Lippenspalten, die sich klinisch gar nicht in einer Lippenspalte äußern, kann es zu Verschmelzungen, Teilverschmelzungen oder Verwachsungen vom 2. und 3. Zahn kommen bzw. können diese Zähne einzeln betroffen sein oder es kann ein zusätzlicher überzähliger Zahn zwischen 2. und 3. Zahn auftreten. Dieser überzählige Zahn hat meist eine schmale Zapfenform oder ist verkrüppelt.

Auch bei Milchzähnen sind gelegentlich Verwachsungen zwischen dem 2. und 3. Zahn zu beobachten. Bei Milchzähnen treten diese Verwachsungen auch im Unterkiefer auf, was den vermuteten Zusammenhang mit Lippenspalten in Frage stellt.

Eckzahnführung

Im Ruhezustand bei geschlossenen Zahnreihen berühren sich die oberen und unteren Molaren einer Seite. Bei seitlichen Kaubewegungen entsteht zwangsweise ein Abstand zwischen den oberen und unteren Molarenkauflächen, da die oberen und unteren Eckzähne zuerst zusammenstoßen und gewissermaßen als erstes "Hindernis" die Zahnreihen auseinanderzwingen. Diese sogenannte Eckzahnführung ist ein Teil des komplizierten Zusammenspiels zwischen Kauflächen, Kiefergelenken und Kaumuskeln, mit dem sich die Gnathologie befasst. Oft besteht dieser Führungskontakt auch noch mit auf den Prämolaren - dann spricht man von Prämolarenführung.

Bei der Herstellung von festsitzendem Zahnersatz (Kronen, Brücken) muss auch auf die Wiederherstellung der Eckzahnführung geachtet werden.

Bei der Herstellung von Totalprothesen darf keine Eckzahnführung erzeugt werden, da der punktförmige Kontakt zwischen oberen und unteren Prothesen-Eckzähnen die Totalprothese nur kippen lassen würde.

Bei der Herstellung von Totalprothesen muss die Eckzahnführung beseitigt werden. Im Gegensatz zur vorher vorhandenen anatomischen Situation muss zugunsten einer stabilen Kaufunktion die Führung gleichzeitig durch alle Zähne einer Seite gegeben sein - Eckzahn plus Prämolaren plus Molaren.

Ästhetik

Das Vorhandensein der oberen Eckzähne ist extrem wichtig für das ästhetische Aussehen der Frontzähne. Der Kieferorthopäde zieht lieber einen Vierer, um Platz für die mühevolle Einstellung eines verlagerten Dreiers (Eckzahn) zu machen, als den Dreier zu ziehen und auf die ästhetische Wirkung der Eckzahnspitze zu verzichten.

Das umgekehrte Problem ergibt sich, wenn die oberen Zweier nicht angelegt sind und nach den ersten Schneidezähnen gleich die Eckzähne kommen. Das zerstört die ganze ästhetische Balance. Dann muss der Eckzahn etwas als kleiner Schneidzahn abgetarnt werden, indem die Höckerspitze des Dreiers eingeschliffen wird bzw. die Schneidekante des Dreiers so aufgebaut wird, dass der Eckzahnhöcker unauffälliger wird.

Im Gegensatz zu europäischen Schönheitsidealen gelten verlagerte obere Eckzähne in Japan, besonders bei Mädchen, als niedlich und werden dort Yaeba (jap. 八重歯, dt. „mehrfache Zähne“) genannt. Auch tritt dieses Phänomen dort relativ häufig auf, aufgrund des kleineren Kiefers und weil die Zähne selten gerichtet werden.

Verzahnung (Antagonisten)

Die oberen Eckzähne haben Kontakt zu den unteren Eckzähnen und den dahinter liegenden ersten Prämolaren des Unterkiefers.

Die unteren Eckzähne haben Kontakt zu den oberen zweiten Schneidezähnen und zu den oberen Eckzähnen.

Andere Säugetiere

Schädel eines Zwergflusspferdes mit mächtigen Stoßzähnen

Die meisten Säugetiere haben ebenfalls zwei Eckzähne im Oberkiefer und zwei im Unterkiefer. Bei Pferden haben in der Regel nur Hengste Eckzähne, die hier als Hakenzähne bezeichnet werden. Hasenartige und Nagetiere besitzen keine, Wiederkäuer besitzen im Oberkiefer keine Eckzähne. Bei Walross, Elefanten und Flusspferden bilden sie die Stoßzähne, bei Schweinen das Gewaff und bei Raubtieren die Fangzähne.

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