49. Sinfonie (Haydn)

Die Sinfonie Nr. 49 in f-Moll komponierte Joseph Haydn im Jahr 1768.

Inhaltsverzeichnis

Allgemeines

Die Sinfonie Nr. 49 führt den Titel „La Passione“ (ital. = Leidenschaft, Leidenszeit). Frühere Autoren[1] bringen den Titel zum düsteren Charakter der Sinfonie in Verbindung, insbesondere dem des Adagio, und vermuten einen Zusammenhang mit der Osterzeit. Während der Titel wahrscheinlich auf eine Aufführung in Schwerin im Jahr 1790 zurückgeht,[2] wurde das Werk möglicherweise für das Schauspiel „II quakuo di bel humore“ (Der gutgelaunte Quäker) komponiert. Webster[3] schreibt hierzu:

Moralisierende Quäker waren in mitteleuropäischen Dramen ein beliebtes Thema; man vermutete, dass die vorliegende Symphonie, gleich anderen von Haydn aus dieser Periode, vielleicht als Musik in einem Theaterstück gespielt oder sogar dafür komponiert wurde. Sicherlich rufen ihre Intensität und ihre Exzentrik manche außermusikalischen Assoziationen hervor.

Gabmayer[4] zieht als Grund für die Düsterkeit des Werkes dagegen (auch) persönliche Gründe Haydns (Abbrennen seines Hauses in 1768, ein Todesfall) in Betracht und sieht in der Sinfonie „eine in Musik gesetzte Frage an das Leben“. Haydn selbst hat die Sinfonie lediglich überschrieben mit: „Sinfonia in F minore“.[5]

Das Werk weist folgende Besonderheiten auf:

  • Es ist die einzige Sinfonie Haydns in der für die damalige Zeit ungewöhnlichen Tonart f-Moll.
  • Während es in anderen Sinfonien dieser Zeit üblich ist, dass zumindest der langsame Satz oder das Trio in einer anderen Tonart – meist der Dominante stehen, sind hier alle Sätze in F gehalten, davon nur das Trio des Menuetts in Dur.
  • Die Sinfonie beginnt mit einem schweren Adagio. Die Satzfolge erinnert somit an die der spätbarocken Kirchensonate: langsam – schnell – langsam – schnell.[1]
  • differenzierte Dynamik z. B. im 1. Satz: von Pianissimo bis Fortissimo.
  • differenzierte Rhythmik durch Synkopen z. B. im 2. Satz.
  • Aufwertung der Bläser durch „Farbtupfer“ sowie kurze Soli im 3. und im 4. Satz.
  • starke Intervallsprünge vor allem im 2. Satz.

Zu den Aspekten Nr. 2 und 3 vgl. auch die Sinfonien Nr. 21 und 22.

Finscher (2000)[6] fasst zusammen: „Die Ausdruckshaltung des Werkes ist extrem dramatisch, nicht religiös; ein sehr vermittelter Bezug zur kirchlichen Sphäre ergibt sich nur daraus, dass die ungewöhnliche Form mit einem Adagio als Kopfsatz und einem stark kontrapunktisch geprägten Allegro als zweitem Satz auf die Tradition der sonata da chiesa[7] anzuspielen scheint. In allen vier Sätzen herrscht äußerste Konzentration des Ausdrucks, zugleich äußerste Konzentration des thematischen Materials bei äußerster Konzentration der thematischen Entwicklung.“

Zur Musik

Besetzung: zwei Oboen, zwei Hörner in F, zwei Violinen, Viola, Cello, Kontrabass. Zur Verstärkung der Bass-Stimme wurden damals auch ohne gesonderte Notierung Fagott und Cembalo (sofern im Orchester vorhanden) eingesetzt, wobei über die Beteiligung des Cembalos in der Literatur unterschiedliche Auffassungen bestehen.[8]
Aufführungszeit: 20–30 Minuten (je nach Einhalten der vorgeschriebenen Wiederholungen).

Bei den hier hilfsweise benutzten Begriffen der Sonatensatzform ist zu berücksichtigen, dass dieses Modell erst Anfang des 19. Jahrhunderts entworfen wurde (siehe dort) und für eine Sinfonie von 1768 nur mit Einschränkungen herangezogen werden kann. – Die hier vorgenommene Gliederung der Sätze ist als Vorschlag zu verstehen. Je nach Standpunkt sind auch andere Abgrenzungen und Deutungen möglich.

1. Satz: Adagio

f-Moll, 3/4-Takt, 91 Takte
Der Satz beginnt mit dem düsteren Hauptthema im Piano, das von den Violinen in langsamen Vierteln vorgetragen wird, unterlegt von einem „hohl“ wirkenden, ausgehaltenen F der Hörner. Ab Takt 5 kommt eine kurze Aufklarung mit Fermate in C-Dur, jedoch setzt bereits in Takt 7 das Hauptthema in f-Moll mit einer Variante wieder ein. Es folgt nun bis Takt 25 ein Abschnitt, der durch allmähliche Zunahme an Bewegung gekennzeichnet ist: abgesetzte Achtelbewegung (Takt 10–14); Pendelfigur mit einem Viertel und Sechzehnteln (Takt 15–24), durchgehende Sechzehntel (Takt 25–32). Das Sechzehntelmotiv ab Takt 25 steht in der Dominante As-Dur („zweites Thema“, jedoch wenig melodiöse Figur) und wird forte vorgetragen. In Takt 33 kommt die Bewegung durch Pausen ins Stocken, bricht dann aber ab Takt 35 im Forte / Fortissimo mit Synkopen wieder los. Die Schlussgruppe bis zum Ende der Exposition (Takt 43) ist durch abgesetzte Sechzehntelbewegung gekennzeichnet.

Die Durchführung beginnt mit dem Hauptthema in As-Dur; wie in der Exposition folgt nun eine Zunahme der Bewegung über Viertel zu Sechzehnteln, die in Takt 59 auf C-Dur abbricht. Die Durchführung ist insgesamt eher überleitungsartig. Sie endet in zwei stark chromatischen, geradezu fremd wirkenden Takten mit langsamer Viertelbewegung.

Die Reprise ab Takt 62 ist ähnlich der Exposition strukturiert, es fehlt jedoch der Abschnitt mit der Achtelbewegung: die durchgehende Sechzehntelfigur („zweites Thema“) beginnt bereits in Takt 70 in f-Moll und taucht in einer Variante nochmals in Takt 87 ff. auf. Einen letzten Ausbruch im Fortissimo liefert Takt 90/91, bevor die Schlussgruppe einsetzt. Exposition sowie Durchführung und Reprise werden einmal wiederholt.[9]

Finscher (2000)[6] hebt die Ausdruckskraft des Satzes hervor: „… Haydn hat wenige rhetorisch so suggestive Sätze geschrieben.“

2. Satz: Allegro di molto

f-moll, 4/4-Takt, 140 Takte
Der Satz hat einen wilden Charakter und kontrastiert damit zum Adagio. Er eröffnet mit einer Folge von gewaltigen Intervallsprüngen in den stimmführenden Violinen, unterlegt von harten Staccato-Achtelläufen, die nach einem Synkopen-Motiv (Takt 4–5) in den Streichern versetzt (im Dialog) weitergeführt werden und auch im weiteren Satzverlauf eine vorwärtstreibende Bewegung bewirken. Das zweite Thema (Takt 14–22) in der Tonikaparallelen As-Dur steht mit seiner sanft-pendelnden Bewegung im Piano, der Führung im Legato (statt vorher Staccato) mit geringen Intervallen, der Reduktion auf die Streicher und der etwas melancholischen Klangfarbe in starkem Gegensatz zum ersten Thema. Die folgenden Takte 23–27 greifen die Intervallsprünge vom Satzanfang auf, die nun aber durch bewegende Synkopen unterlegt sind. Bis zum Ende der Exposition in Takt 51 schließen sich dann vier weitere Motive an: Schleifer-Motiv mit abgesetzten Achteln (Takt 28 ff.), ein Vorhalts-Motiv (Takt 34 ff.), ein Pralltriller-Motiv (Takt 38 ff.) und ein Motiv wiederum mit Intervallsprüngen (Takt 46 ff.). Die Exposition endet in Takt 51 und wird einmal wiederholt.

Die „Durchführung“ (Takt 52–99) entspricht einem variierten Ablauf der Exposition: Sie beginnt entsprechend dem Satzanfang in As-Dur. Ab Takt 64 führt der Bass mit den Intervallsprüngen vom Anfang, bevor die Bewegung in Takt 71 auf der Doppeldominanten G-Dur zur Ruhe kommt. Anschließend hat das zweite Thema einen Auftritt in Es-Dur, gefolgt vom Schleifer- und dem Pralltriller-Motiv.

Die Reprise setzt in Takt 100 mit dem ersten Thema in f-Moll ein. Im Unterschied zur Exposition wird das zweite Thema ausgelassen. Auch Durchführung und Reprise werden einmal wiederholt.

3. Satz: Menuett

f-Moll, 3/4-Takt, mit Trio 72 Takte
Das Menuett weist mit seiner düster-schleppenden Hauptmelodie in f-Moll eine dunkle Klangfarbe auf. Der zweite Teil des Menuetts ist mit 34 Takten fast doppelt so lang wie der erste Teil mit 18 Takten. Eine Schlussfloskel bilden die Takte 49-52. Finscher (2000)[6] bewertet das Menuett als „ein Beispiel des ernsten Charakter-Menuetts, das nur noch wenige Merkmale des einfachen, geschweige denn des Tanz-Menuetts zeigt (…).“ und hebt den „Reichtum der Harmonik und die Fülle chromatischer Wendungen“ hervor.

Als einziger „Lichtblick“ der Sinfonie steht das Trio in F-Dur mit seiner sanft-wiegenden, teilweise geradezu hell-strahlenden Atmosphäre mit den solistisch geführten Oboen und Hörnern[10].

4. Satz: Presto

f-Moll, 4/4-Takt (Alla breve), 126 Takte
Der ganze Satz hat – ähnlich dem 2. Satz – einen energischen Charakter, an dem wesentlich die kontinuierlich pochenden Viertel von Viola, Cello und Kontrabass beteiligt sind. Der Satz eröffnet piano mit einem geheimnisvollen, dreimal wiederholten Motiv der Streicher, begleitet von einer ausgehaltenen Oktave auf F der Bläser. Ein kurzer Forte-Ausbruch mit einem aufsteigenden Akkord bringt einen dramatischen Einschub, ehe eine wiederum geheimnisvolle Piano-Passage in relativ gleichmäßiger Viertelbewegung den ersten Abschnitt beendet.

Nach einer Zäsur (kurze Generalpause) setzt eine Akkordfolge im Forte ein (As – As mit Septime – Des – Es mit Septime), die zu einem Achteltremolo-Abschnitt in der Tonikaparallelen As führt (ggf. als zweites Thema interpretierbar). Ab Takt 37 bis zum Ende der Exposition in Takt 50 dominiert neben Achteltremolo eine Figur aus Halben Noten mit beachtlichen Intervallsprüngen (z. T. über zwei Oktaven), die an den 2. Satz erinnert.

Die „Durchführung“ (Takt 51–86) entspricht einem verkürzten Ablauf der Exposition (Streichermotiv, Tremolopassage, Intervallsprung-Motiv). Die Überleitung zur Reprise erfolgt mit dem Eröffnungsmotiv in den Oboen im Dialog mit den Violinen, unterlegt von einem ausgehaltenen C der Hörner (Takt 79 ff.). Auch die Reprise (Takt 87 ff.) ist ähnlich der Exposition strukturiert, jedoch ist die Forte-Akkordfolge ausgelassen.

Siehe auch

Weblinks, Noten

Einzelnachweise

  1. a b Karl Geiringer: Joseph Haydn. Der schöpferische Werdegang eines Meisters der Klassik. B. Schott´s Söhne, Mainz 1959
  2. die englischsprachige Wikipedia-Seite zitiert hierzu E. Sisman: Haydn´s Theater Symphonies. In: Journal of the American Musicological Society. Band 43, Nr. 2, 1990, S. 332.
  3. James Webster: Hob.I:49 Symphonie in f-Moll („La passione“). haydn107.com, Stand November 2009
  4. Anton Gabmayer: Joseph Haydn: Symphonie Nr.49 f-moll, Hob.I:49 „La passione“. Informationstext zur Aufführung am 30. Mai 2009 der Haydn-Festspiele Eisenstadt. haydn107.com, Stand November 2009
  5. Howard Chandler Robbins Landon: Joseph Haydn: 'Symphony No. 49 F minor (La Passione). Ernst Eulenburg-Verlag No. 535, London / Zürich ohne Jahresangabe, 32 S. (Vorwort und Revisionsbericht zur Taschenpartiturausgabe).
  6. a b c Ludwig Finscher: Joseph Haydn und seine Zeit. Laaber-Verlag, Laaber 2000, ISBN 3-921518-94-6, S. 267-268
  7. Kirchensonate, siehe oben
  8. Die Haydn-Festspiele Eisenstadt (Stand September 2009) schreiben hierzu: „Haydn setzte, außer in London, für seine Symphonien höchstwahrscheinlich kein Tasteninstrument ein. Diese Ansicht, die von früheren Meinungen abweicht, wird heute unter Musikwissenschaftlern weithin anerkannt.“
  9. dies wird in manchen Einspielungen nicht eingehalten
  10. Ein kurzes Hornsolo im Menuett ab Takt 32 fällt dagegen beim Hören je nach Ausführung kaum auf.

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