Priester (Christentum)

Der Priester ist im Christentum, ähnlich wie in vielen anderen Religionen, eine Amtsperson der Religionsausübung. Das genaue Verständnis der dem Priester innewohnenden religiösen Kraft bzw. seiner Mittlerrolle unterscheidet sich zwischen den christlichen Bekenntnissen. Das deutsche Wort Priester stammt vom griechischen πρεσβύτερος, presbýteros, „Ältester“. Das Wort Presbyter ist in vielen europäischen Sprachen davon abgeleitet. Andere Sprachen entnehmen das Wort dem Bedeutungsfeld von griech. ἱερός, hierós, „heilig, geweiht“ oder lat. Sacérdos, „Priester“.

Orthodoxe Priester bei einer kirchlichen Begräbnisfeier

Inhaltsverzeichnis

Priesterweihe

Die Priesterweihe ist in den römisch-katholischen, orthodoxen, altkatholischen und anglikanischen Kirchen die zweite Stufe des dreistufigen Weihesakraments. Auch die Christengemeinschaft kennt die Priesterweihe, jedoch keine anderen Weihestufen.

Frühes Christentum

Die jüdische Jerusalemer Urgemeinde Jesu war eine Sekte des Judentums ihrer Zeit und kannte, wie dieses, keine besonderen Mittler zwischen Mensch und Gott mehr. Das Neue Testament scheint für das entstehende Heidenchristentum keine vermittelnde Priesterklasse vorzusehen: „Es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und Mensch: der Mensch Jesus Christus!“ (1 Tim 2,5 LUT) Deshalb gebrauchte das frühe Heidenchristentum den Titel des Hohenpriesters ausschließlich im Blick auf Jesus Christus, so etwa in Hebr 4,14-16 EU, 5,1-6 EU. Der Begriff des Priesters im kultischen Sinn (Kohanim, Hiereus) wird im Neuen Testament für alle verwendet, die an Jesus Christus glaubten (zum Beispiel 1 Petr 2,9 EU, Offb 1,6 EU). Die im Neuen Testament genannten Ämter sind Dienstfunktionen der vor allem heidenchristlichen Anhänger Jesu Christi.

Durch das Anwachsen der Heidenmission, der heidenchristlichen Gemeinden und ihre institutionelle Verfestigung, durch den Ausbau der neuen christlichen Liturgie und der Lehre, nicht zuletzt durch die antignostische Auseinandersetzung, gewannen die Ämter an Gewicht. Im zweiten Jahrhundert bildete sich die bis heute verbreitete dreigliedrige hierarchische Struktur heraus: Bischof, Ältester (presbyteros) und Diakon. Der deutsche Begriff des Priesters hat sich zwar etymologisch aus dem griechischen Begriff „presbyteros“ entwickelt, wird aber in der katholischen und in der orthodoxen Kirchengemeinschaft im „kultisch-mittelnden“ Sinne (hiereus) verstanden. Hier liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen katholischem und evangelischem Amtsverständnis.

Amtsverständnis

In verschiedenen Kirchen hat sich ein unterschiedliches Verständnis des Priestertums entwickelt:

Orthodoxe, katholische und anglikanische Theologie

Metropolit Ján Babjak SJ bei der Heiligen Messe
Heilige Messe am Palmsonntag in der Kathedrale zum hl. Kreuz in Boston

Im Verständnis der orthodoxen und der katholischen Kirche und der Anglikanischen Gemeinschaft sind die Bischöfe, Priester und Diakone durch die Weihe (Ordination), die ein Sakrament ist, von Gott für immer durch eine besondere Prägung (character indelebilis) aus den Christgläubigen ausgesondert[1][2] und innerhalb des Volkes Gottes von den Laien unterschieden. Sie werden innerhalb des Volkes Gottes zu einem besonderen Dienst bevollmächtigt, dem sogenannten „Weihepriestertum“. Innerhalb des dreistufigen Weihesakraments (Bischof – Presbyter („Priester“) – Diakon) bilden die beiden ersten die priesterlichen Ämter, während die Diakone nicht zum Priestertum, sondern zum Dienst bestellt sind.[3]

In den orthodoxen und römisch-katholischen[4] Kirchen sind die priesterlichen Ämter auf Männer beschränkt, Ausnahmen gab es in den Staaten des Ostblocks[5]. Die Mehrheit der altkatholischen Kirchen und der anglikanischen Gemeinschaft praktizieren die Frauenordination.

In der Nachfolge der Apostel ist die Aufgabe des Priesters die Verkündigung des Evangeliums und die Spendung der Sakramente, insbesondere die Leitung der Eucharistiefeier. Der Priester handelt dabei „in persona Christi“. Die Weihe verleiht also eine besondere Verbundenheit mit Christus, dem einzigen Priester. Das Sakrament legitimiert die Fortführung priesterlicher Funktionen in der Kirche Christi. Die römisch-katholische Tradition verbindet mit dieser Sicht seit dem 11. Jahrhundert den Zölibat, der in den Ostkirchen nur für Bischöfe gilt. Die Bischöfe der katholischen, orthodoxen und anglikanischen Kirchen sehen sich in der ungebrochenen Sukzession der Apostel, die durch Handauflegung und Weihegebet weitergegeben wird (Apg 8,18 EU, Apg 14,23 EU, Hebr 6,2 EU, 2 Tim 1,6 EU).

Die Mehrzahl der Priester steht einer Pfarrei als Pfarrer vor. Priester können jedoch auch mit anderen Aufgaben betraut sein, etwa in einem Orden, an kirchlichen Zentren (Wallfahrtsorte, etc.), im Ordinariat, usw.

Seit dem 2. Vatikanischen Konzil wird das allgemeine Priestertum aller in Taufe und Firmung mit Christus verbundenen Menschen deutlicher herausgestellt. (Allerdings spricht die katholische Theologie eher vom gemeinsamen Priestertum.) Dieses verwirklicht sich nach katholischer Auffassung jedoch nicht in gleicher Teilhabe, sondern im Zusammenwirken der kirchlichen Glieder je nach Berufung und Amt (siehe: Hierarchie).

In Gottesdiensten trägt der Priester liturgische Gewänder wie Messgewand, Albe, Stola. Aber auch andere, die liturgische Dienste verrichten (Messdiener, Lektoren, Vorsänger), tragen (in Erinnerung an das Taufkleid vorwiegend weiße) liturgische Kleidung, die das allen gemeinsame Taufpriestertum abbildet (siehe: Liturgisches Gewand). Die Soutane war früher die übliche Alltagskleidung der katholischen Priester; heute können Priester zivile Kleidung tragen, sollen dabei aber als Priester erkennbar sein.

Lutherische Theologie

Der Begriff Priester ist für lutherische Pfarrer zwar möglich, wenn auch in den deutschsprachigen und anderen Ländern eher unüblich.

Eine der seltenen Anwendungen des Begriffs "Priester" für lutherische Geistliche findet sich in den Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche:

„Dagegen in unseren Kirchen warten die Priester recht ihres Amtes, lehren und predigen das Evangelium, predigen Christum, dass wir nicht um unserer Werke willen, sondern um Christus willen Vergebung der Sünde und einen gnädigen Gott haben. [...] Und wenn ja das Abendmahl oder die Messe sollt das tägliche Opfer genennet werden, so möchte billiger die Messe bei uns also heißen. [...] So wir nun die Predigt des Evangeliums und den rechten Brauch der Sakramente bei uns behalten, so haben wir ohne Zweifel das tägliche Opfer.“

Apologie des Augsburgischen Bekenntnisses: Artikel 24

Die BSLK gehen mit der Begrifflichkeit "Priester" für die eigenen lutherischen Geistlichen selbstverständlich um. Inhaltlich umschrieben wird der priesterliche Dienst, nicht nur auf Grund der oben zitierten Angabe aus den Bekenntnisschriften, mit der Rechtfertigungslehre, der Predigt des Evangeliums und der einseztungsgemäßen Spendung der Sakramente.

Einen weiteren Niederschlag hat der lutherische Priesterbegriff im Lied Wir danken dir, o treuer Gott des lutherischen Theologen Nicolaus Selnecker gefunden, dessen Lied heute als Beichtlied im Evangelisch-Lutherischen Kirchengesangbuch der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche zu finden ist. Dort heißt es beispielsweise im Beichtlied, in Vers 2:

„Durch Priesters Mund sprichst du: Mein Kind, dir alle Sünd vergeben sind, geh hin und sündige nicht mehr und allweg dich zu mir bekehr.“

Nikolaus Selnecker 1587: Evangelisch-Lutherisches Kirchengesangbuch Nr. 481,2)

Im alltäglichen Sprachgebrauch findet der Begriff "Priester" für lutherische Pfarrer sich auch in den lutherischen Kirchen des Baltikums und Skandinaviens. Die lutherischen Landeskirchen in Deutschland sowie weitere lutherische Kirchen, die dem Lutherischen Weltbund angehören, verwenden für ihre Pfarrer in der Regel nicht die Bezeichnung "Priester". Sie beziehen sich auf Martin Luthers Lehre vom Priestertum aller Gläubigen, das auch für den Priesterbegriff der anderen evangelischen Kirchen leitend ist (siehe unten). Durch die Ordination oder auch Weihe zum geistlichen Amt, wie es in der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche heißen kann, wird der Pfarrer zum besonderen Dienst an der Verkündigung des Wortes und Spendung der Sakramente geordnet, gesegnet und gesandt. In der Verkündigung von Gesetz und Evangelium und der Spendung der Sakramente repräsentiert er Christus und steht der Gemeinde gegenüber. Durch die Ordination unter Gebet und Handauflegung wird effektiv der Heilige Geist vermittelt und der Pfarrer durch Christus bevollmächtigt an seiner statt und in seinem Auftrag zu lehren, zu predigen und die Sakramente zu spenden. Mit den lutherischen Bekenntnisschriften kann daher die Ordination auch als Weihe zum geistlichen Amt mit sakramentalen Charakter verstanden werden, wie z. B. in der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche.

„Wo man aber das Sakrament des Ordens wollt nennen ein Sakrament von dem Predigtamt und Evangelio, so hätte es keine Beschwerung, die Ordination ein Sakrament zu nennen. Denn das Predigtamt hat Gott eingesetzt und geboten, und hat herrliche Zusage Gottes. Wenn man das Sakrament des Ordens (Geistliche Amt) also verstehen wollt, so möcht man auch das Auflegen der Hände ein Sakrament nennen. Denn die Kirche hat Gottes Befehl, daß sie soll Prediger und Diakonos bestellen.“

Apologie des Augsburgischen Bekenntnisses: BSLK S. 293–294)

In der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche und zahlreichen lutherischen Kirchen außerhalb Deutschlands trägt der lutherische Pfarrer den Ornat, Alba, Stola und Kasel, oder auch nur Albe und Stola zum Zeichen dafür, dass er Inhaber des geistlichen Amtes und von Christus bevollmächtigt ist, öffentlich zu lehren und die Sakramente zu spenden.

Lutherische Pfarrer sehen sich in der Lehrsukzession, welche die Personalsukzession mit einschließt, in der Kontinuität zur Einen heiligen katholischen und apostolischen Kirche. Ein Opferpriestertum, wie es von lutherischer Seite in der römisch-katholischen Theologie vermutet wird, lehnen sie jedoch ab. Mit den Evangelisch-Lutherischen Bekenntnisschriften wird das geistliche Amt aus dem Apostolat abgeleitet.

„Weil nun Paulus klar zeuget, er hab bei Petro nicht wollen ansuechen, daß er ihm zu predigen erlaubte, auch dazumal, da er am letzten sei zu ihm kommen, haben wir eine gewisse Lehre, dass das Predigtampt vom gemeinen Beruf der Apostel herkomment, und ist nicht not, daß alle dieser einigen Person Petri Beruf oder Bestätigung haben.“

De potestate et primatu papae tractatus: BSLK S. 474)

Das geistliche Amt ist bei den meisten bekenntnislutherischen Kirchen Männern vorbehalten. Die überwiegende Zahl der lutherischen Kirchen weltweit praktiziert die Frauenordination.

Evangelische Theologie

Die evangelische Theologie lehnt unter Berufung auf die Ekklesiologie ihrer Interpretation des Neuen Testaments ein besonderes Priestertum in der Kirche grundsätzlich ab. Ein evangelischer Pastor ist kein Priester. Alle Getauften haben gleichen Anteil am Priestertum Christi. Die Ordination der evangelischen Pfarrer bzw. Pastoren gilt als Beauftragung und Segenshandlung, nicht als Sakrament. In reformierten und presbyterianischen Kirchen steht das Wort „Presbyter”, das wie „Priester” von presbyteros stammt, für das Mitglied des Gemeindevorstands, des Presbyteriums, und ist deshalb nicht mit einem Pfarrer, Pastor oder Priester zu verwechseln. Bei den evangelischen Christen gilt im Gegensatz zum katholischen Weihepriestertum das evangelische Allgemeine Priestertum.

Ökumenische Perspektiven

Der Gegensatz in der Sicht der kirchlichen Ämter und in der Frage ihrer Legitimität ist heute eines der größten Hindernisse der kirchlichen Einheit. Im Verständnis des priesterlichen Dienstes gibt es jedoch auch Annäherungen. Die meisten Kirchen stimmen inzwischen darin überein, dass es ein besonderes Amt in der Kirche gibt, das auch das Gegenüber Christi zur Gemeinde repräsentiert. Dieses Amt wird evangelischerseits im Pfarramt, katholischerseits im Bischofsamt gesehen.

Im Katholizismus wird eine allein rechtlich festgesetzte Untergliederung priesterlicher Dienste ohne Anbindung an die sakramental verstandene apostolische Sukzession nicht zugelassen. Man geht vom einen Weiheamt aus, das in der Bischofsweihe seine Fülle hat. Das Kollegium der Bischöfe verbürgt mit der Sukzession im Ritus der Handauflegung das Bleiben der gesamten Kirche in der Nachfolge der der Lehre der Apostel. Somit kann als Priester die Gemeinde nur der lehren und leiten, der von einem Bischof dazu bestellt ist. Auch die Evangelische Kirche kennt die Sukzession im Sinne eines Festhaltens an der wahren apostolischen Lehre. Hier gibt es, wenn katholischerseits nicht einseitig rechtlich und evangelischerseits nicht einseitig pneumatologisch gedacht wird, durchaus ökumenische Anknüpfungspunkte.

Siehe auch

Literatur

  • Peter Fabritz: Die tägliche Zelebration des Priesters. Eos-Verlag, 2005, ISBN 3-8306-7212-8.
  • Paul Volz: Die biblischen Altertümer. Komet Verlag, Köln 1914, ISBN 3-89836-316-3.
  • Friedhelm Hofmann: Von nun an sollst du Menschenfischer sein. Predigten über das Priestertum. Echter Verlag, Würzburg 2009.
  • Gisbert Greshake: Priester sein in dieser Zeit. Echter Verlag, Würzburg 2008.
  • Thomas Schumacher: Bischof – Presbyter – Diakon. Geschichte und Theologie des Amtes im Überblick, Pneuma-Verlag, München 2010, ISBN 978-3-942013-01-7.

Weblinks

Wiktionary Wiktionary: Priester – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wikiquote: Priester – Zitate
 Commons: Priests – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Quellen

  1. Gregor von Nyssa, Oratio in baptismum Christi,
  2. Paul VI. Sacerdotalis caelibatus
  3. Vgl. dazu das Dekret Presbyterorum Ordinis des II. Vatikanischen Konzils.
  4. Corpus Iuris Canonici, Can. 1024
  5. Bischof Felix Maria Davídek weihte in der tschechischen Untergrundkirche Ludmila Javorova zur Priesterin und ernannte sie zur Generalvikarin.

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