Psychogeografie


Psychogeografie

Als Psychogeographie wird die (experimentelle) Untersuchung der architektonischen oder geographischen Umgebung auf ihre Einflüsse auf Wahrnehmung, psychisches Erleben und resultierendes Verhalten hin bezeichnet. Die Psychogeographische Forschung findet dabei an der Schnittstelle der Fachgebiete Kunst, Architektur, Geographie und Psychologie statt. Der Begriff wurde vor allem von der Künstlergruppe Situationistische Internationale geprägt, in der die vormalige London Psychogeographic Society aufging. Der Philosoph Paul Virilio erforschte später u. a. die Psychogeographie von Bunkern und Festungsanlagen (siehe auch sein Buch Geschwindigkeit und Politik). Heute findet Psychogeographie z. B. in der Architekturtheorie statt, ist Thema der Stadtplanung, wird aber auch weiterhin in der Kunst betrachtet (etwa bei Diskussionen um Kunst im öffentlichen Raum).

Psychogeographie und die Künstlerbewegung der Situationisten

Der "Guide psychogéographique de Paris" von Guy Debord stellt Paris dar, psychogeographisch erlebt, die Stadtteile sind zerschnitten und Teile fehlen, entsprechend vielleicht den Fahrten in der Metro, bei der man irgendwo einsteigt und irgendwo anders aussteigt, und nicht sieht, wohin man fährt, oder dem Wandern durch einen durch Schnellstrassen zerschnittenen städtischen Raum (das Bild ist heute im Besitz des Betreibers des legendären House-Clubs The Haçienda in Manchester, der Name des Clubs beruht auf einem Zitat von Chtcheglov). Ein anderes Bild von Ralph Rumney zeigt einen Pariser Stadtplan, auf dem alle Wege eingezeichnet sind, die eine Studentin in einem Jahr zurücklegte - es ergibt sich ein hundertfach wiederholtes Dreieck zwischen Wohnung, Universität und Konservatorium, ergänzt durch einige weitere Linien. Die Karte machte grafisch die Einsamkeit eines vorhersehbaren, vereinzelten Lebens sichtbar.

Charakteristisch war auch eine Aufforderung der Situationisten, sich absichtlich in fremden Städten zu verlaufen, um sich neuen Entdeckungen, Erfahrungen und Zusammentreffen auszusetzen, oder dort Stadtpläne anderer Städte zur (Des-)Orientierung zu nutzen. Nach ihrer Auffassung war der städtische bebaute Raum der sichtbare Ausdruck jenes (über-)rationalen Denkens, das sie kritisierten. Jedes Gebäude wie etwa Plattenbausiedlungen oder Einkaufszentren transportierte demzufolge Ansichten über Menschen (Menschenbild), und unterschwellige Vorgaben an dort verkehrende Menschen, sich auf bestimmte Weise zu verhalten.

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