4chan

4chan ist ein englischsprachiges Imageboard. Die Seite ist dem japanischen Vorbild 2channel nachempfunden. 4chan ist eine der 900 meistbesuchten Seiten des Internets.[1] Die Seite machte durch provokative Netzaktionen auf sich aufmerksam und gilt als Wiege der „Anonymous“-Bewegung. Popularität erfährt 4chan vor allem als steter Quell neuer Web-Phänomene in Text, Bild und Audio.

Inhaltsverzeichnis

Entstehung

moot (Christopher Poole) im Jahr 2010

4chan wurde im Oktober 2003 von Christopher moot Poole, geboren 1988, gegründet.[2][3] Seine wahre Identität war bis zur Aufdeckung durch das Wall Street Journal im Juli 2008 nicht bekannt. Die Seite gilt als englischsprachige Variante des japanischen Imageboards Futaba Channel,[4] das seinerseits wiederum auf 2channel zurückgeht.

Beschreibung

4chan ist nach mehreren thematischen Unterkategorien gegliedert. Gegenwärtig gibt es über 40 Webboards, auf denen Bilder gepostet und kommentiert werden können. Dabei reichen die Themen der einzelnen Imageboards von Waffen und Autos zu Anime und Manga. Am größten und stärksten frequentiert ist das Imageboard /b/ random (engl. wahllos). Hier kann jeder Benutzer beliebige Bilder aller Thematiken posten und kommentieren, überwiegend werden Bilder gepostet, die häufig eine schockierende Wirkung hervorrufen sollen. Im Gegensatz zu konventionellen Foren sind Threads und Posts auf 4chan sehr kurzlebig. Der gesamte Inhalt wird, abhängig vom jeweiligen Imageboard, bereits nach Stunden oder einigen Tagen durch Neueres verdrängt. Da jeder Bereich nur eine gewisse Anzahl an Threads aufnimmt – und aktivere obenauf gelegt werden – werden inaktive am Ende der Liste gelöscht. Ein wesentlicher Punkt, der 4chan auszeichnet, ist, dass auf der Seite eine von den Benutzern selbstgeschaffene Terminologie benutzt wird, die von Außenstehenden in den meisten Fällen nicht ohne weiteres verstanden werden kann.

Spiegel Online beschreibt 4chan als

„[…] eine Mem-Schleuder, eine Brutstätte für ansteckende Ideen, aber auch ein abgründiger Ort, an dem Scheußlichkeiten, rassistische und sexistische Tiraden und Bilder weit jenseits der Grenzen des guten Geschmacks veröffentlicht werden. […] Die Welt von 4Chan ist dunkel und seltsam, wie das Innenleben eines verwirrten Provinz-Teenagers um 3 Uhr morgens.“

spiegel.de[5]

Die Community verzeichnete im April 2009 450.000 Postings pro Tag.[6] Die Nutzung ist kostenlos. Der durchschnittliche 4chan Besucher ist zwischen 18 und 25 Jahre alt und vornehmlich männlich.[1][7]

Vorwiegend Nordamerikaner, Europäer und Asiaten frequentieren das softwaretechnisch veraltete Imageboard. Eine freizügige Forenpolitik, die schnelllebige Threadarchitektur und zumeist anonyme Teilnahme befördern die Entstehung ungewöhnlicher Web-Phänomene. Moderatoren überwachen die Inhalte auf zivile Umgangsformen. Irrelevante oder gar illegale Beiträge sowie Spams werden gelöscht und die verantwortlichen Nutzer gebannt. Zu diesem Zweck werden die Logfiles und IP-Adressen als einzige Nutzerdaten einen Monat lang gespeichert.[8]

/b/-Forum

Das beliebteste Subforum stellt mit ca. 350.000 anonymen Postings am Tag das Board „Random“ oder „/b/“ dar, in dem es um kein konkretes Thema geht und (bis auf extreme Gesetzesverstöße) ungeniert alles gepostet werden darf. Hier brechen die Stammleser, die sich als „/b/tards“ (verballhornung von „retard“, engl. Vollidiot) bezeichnen, mit jedem denkbaren Tabu, von Hardcore-Pornografie bis hin zu expliziter Gewalt- und Goredarstellung. Hier herrschen ein eigener Slang und Verhaltenskodex, den sich Neuzugänge, von den Stammlesern als „Newfags“ (engl. wörtlich "Neuschwuchtel") bezeichnet, auf externen Wikis wie der Encyclopedia Dramatica aneignen können. Die ersten zwei Regeln sind an den Film „Fight Club“, einem Thriller aus dem Jahr 1999, angelehnt: „1. do not talk about /b/. 2. do NOT talk about /b/, 3. We are Anonymous. 4. Anonymous is legion. 5. Anonymous never forgives. 6. Anonymous can be a horrible, senseless, uncaring monster.“

Die kategorische Anonymität im /b/-Forum senkt dabei Hemmschwellen. Deshalb werden bei 4chan, ganz besonders auf dem /b/-Forum, oft verstörende Bilder gezeigt, wie etwa von toten Menschen oder Tieren (Gore) oder Pornographie (selten auch Kinderpornographie, welche auf /b/ jedoch verboten ist und innerhalb weniger Minuten gelöscht wird). Dauer und die Häufigkeit der Nutzung durch Einzelne sind nicht sichtbar. Im Gegenzug entsteht eine Art kollektiver Agent unter dem Kürzel „Anon“.

Memes

Die Anonymität des /b/-Forums zieht eine gewisse Dynamik bei der Generierung von Threadinhalten nach sich. Schließlich besteht die einzige Möglichkeit, sich unter den anderen Nutzern hervorzutun, in besonders spektakulären Beiträgen. Einzelne Texte und Bilder entfalten durch den regen Austausch zuweilen ein Eigenleben, das sie auch über die Seite hinaus bekannt macht. In dieser Tradition entstanden verschiedene Internet-Phänomene, wie beispielsweise der „Caturday“, „Pedobear“ oder der „Epic Fail Guy“, einer von vielen Strichmänchen-Comicstrips, deren Handlung durch jede Antwort auf den Thread weitergestrickt wird.

Lolcats

Hauptartikel: Lolcat

Die Verbreitung von Katzenfotos mit absurden Sprüchen und offensichtlich falscher Grammatik geht auf eine Initiative der Community zurück, den „Caturday“.[9]

Abwandlung von Kumā zu Pedobear

Hauptartikel: Kumā

Ebenfalls wird dem Forum die Abwandlung von Kumā, einem Internet-Phänomen von 2channel, zum Pedobear nachgesagt. Dabei wurde der ursprünglich harmlose Bär Kumā insofern pervertiert, dass er nun in der Rolle eines Pädophilen in Bildern und Videos mit jungen Kindern erscheint und dort entsprechende Kommentare von sich gibt oder Gesten zeigt.

Rickrolling

Hauptartikel: Rickrolling

2005 tauchte das Internet-Phänomen „duckroll“ auf, nachdem moot einen Wortfilter auf 4chan eingesetzt hatte, der „egg“ nach „duck“ änderte. In einer Diskussion postete jemand eine Ente auf Rädern.[10] Im März 2007 wurde der Trailer für das Spiel Grand Theft Auto IV veröffentlicht. Auf Grund der hohen Nachfrage konnte das Video nach einiger Zeit nicht mehr auf der Hersteller-Webseite aufgerufen werden. Ein anonymer 4chan-Nutzer adaptierte das Prinzip der „duckroll“ und lud auf Youtube ein Video hoch, welches den Trailer versprach – in Wirklichkeit zeigte es aber Rick Astleys „Never Gonna Give You Up“. Der „Rickroll“ war geboren.[10][11] In einem Interview mit der Los Angeles Times sagte Astley, er finde „rickrolling“ lustig und bizarr.[12]

Raids

Wenn „Anonymous“ außerhalb des /b/-Forums aktiv wird, so nennt sich das „Raid“, eine Art Überfall, der nicht nur andere Websites, sondern auch die anderen Unterforen von 4chan treffen kann. Auch hier geht es vorrangig um den Unterhaltungswert, den das Stiften von Ärger hervorbringt („…Anonymous must have no higher cause than its own cruel amusement…“[13]).

Ein Raid wird mit verschiedenen „Waffen“ ausgetragen, u. a. Spams, Flooding, DDoS-Attacken, Scherzanrufe, Ausnutzen von Sicherheitslücken in Webseiten (einfache Registrierung, identische Benutzerdaten auf verschieden Seiten) bis hin zum Löschen kompletter Datenbanken.

Google und das Hakenkreuz

Als im Juli 2008 ein Unbekannter in einem 4chan-Forum den HTML-Code für ein Hakenkreuz schrieb, tippten oder kopierten anschließend Tausende von Lesern das Zeichen ins Google-Suchtextfeld. Daraufhin landete die Suche und das Symbol an der Spitze von Googles Hot Trends-Liste, die die momentan häufigsten Suchanfragen auflistet. Google entfernte das Hakenkreuz aus den Suchergebnissen und entschuldigte sich.[14]

Wahl der einflussreichsten Person durch das Time Magazin

Der Gründer und Administrator Christopher Poole wurde Ende April 2009 von der Zeitschrift Time zur „World's Most Influential Person 2008“[15] , also zur weltweit einflussreichsten Person, ernannt. Es stellte sich jedoch heraus, dass die auf einer öffentlichen Umfrage basierende Wahl durch der Community nahestehende Personen beeinflusst wurde. Innerhalb kürzester Zeit erhielt Christopher Poole knapp 17 Millionen Stimmen – mehr als alle anderen Kandidaten zusammen. Die Wahl wurde außerdem derart manipuliert, dass die Anfangsbuchstaben der folgenden 23 Kandidaten die Nachricht „Marble cake also the game“ bildeten – eine Anspielung auf den IRC-Kanal, in dem sich einst der Protest gegen Scientology formte.[16] Christopher Poole wird nunmehr offiziell auf Platz 35 der Liste geführt.[17]

„Pornday“ auf YouTube

Am 6. Januar 2010 strapazierten 4chan-Teilnehmer durch massenhaftes Veröffentlichen von pornographischem Material, getarnt als Musik oder Kindervideos, die Filterinstanzen des zu Google gehörenden Videoportals Youtube. Anlass für die Protestaktion war die Sperrung des dortigen Benutzerkontos „Lukeywes1234“. Ein dem Augenschein nach noch nicht 13 Jahre alter Junge aus Wichita (Kansas) hatte auf diesem Kanal Videos veröffentlicht, in denen er unter anderem improvisierte Rollenspiele mit Spielfiguren zeigte oder als Geisterjäger auftrat. Da die Youtube-Geschäftsbedingungen ein Mindestalter von 13 Jahren voraussetzen, wurde sein Benutzerkonto durch Youtube gesperrt. 4chan-Teilnehmer, die zuvor ihre Aufforderung zum Abonnieren dieses Kanals viral verbreitet und damit die Zahl seiner Abonnenten innerhalb eines Wochenendes von elf auf 15.000 getrieben hatten, riefen als Vergeltungsaktion zum „PornDay“ am 6. Januar 2010 auf.[18][19]

Projekt Chanology

Anlass war eine webweite Löschaktion eines unvorteilhaften Interviews mit Tom Cruise durch Scientology. 4chans Antwort ist die bisher größte Kampagne, die aus dem /b/-Forum hervorgegangen ist, und hat das Ziel, Scientology „…aus dem Internet zu verstoßen… und systematisch zu zerstören…“ (Dibbell).[20] Sie hat nicht zuletzt zu dem hohen Bekanntheitsgrad von Anonymous geführt.

Weblinks

Literatur

  • Himmelein, Gerald (2008): „Das Trollparadies – Eine Internet-Subkultur entwickelt sich vom Web-Störenfried zur globalen Bewegung“. In: c‘t – Magazin für Computertechnik. Jg. 25, Heft 6, S. 98–103.
  • Julian Dibbell (Okt. 2009): The Assclown Offensive. In: Wired, Oct. 2009

Einzelnachweise

  1. a b Alexa; The Web Information Company: 4chan.org. Zuletzt abgerufen am 4. September 2010 von http://www.alexa.com/data/details/main?url=4chan.org
  2. Christopher "Moot" Poole Testimony in Palin Email Trial. The Business Insider, abgerufen am 4. September 2010 (englisch): „Q.: "Approximately when was it founded?" A.: "October 1st, 2003. "“
  3. Jamin Brophy-Warren: Modest Web Site Is Behind a Bevy of Memes. 9. Juli 2008. Zuletzt abgerufen am 4. September 2010 von http://online.wsj.com/article/SB121564928060441097.html .
  4. Zuletzt abgerufen am 4. September 2010 von http://www.4chan.org/faq#what4chan
  5. Felix Knoke: Web-Guerilla will YouTube mit Pornos überschwemmen. 5. Januar 2010. Zuletzt abgerufen am 4. September 2010 von http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,670180,00.html
  6. Patrick Dax/Thomas Thaler: 4chan: Lolcats und Splatter. 21. April 2009. Zuletzt abgerufen am 4. September 2010 von http://futurezone.orf.at/stories/1602474/
  7. doubleclick ad planner: 4chan.org. Zuletzt abgerufen am 4. September 2010 von https://www.google.com/adplanner/planning/site_profile#siteDetails?identifier=4chan.org&lp=true.
  8. Nutzerregeln auf 4chan.org. Zuletzt abgerufen am 4. September 2010 von http://www.4chan.org/rules .
  9. Konrad Lischka: Web-Guerilla manipuliert US-Promi-Wahl. 17. April 2009. Zuletzt abgerufen am 4. September 2010 von http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,619428,00.html
  10. a b foxnews.com: "The Biggest Little Internet Hoax on Wheels Hits Mainstream". 22. April 2008. Zuletzt abgerufen am 4. September 2010 von http://www.foxnews.com/story/0,2933,352010,00.html
  11. Sean Michaels: Taking the Rick. 19. März 2008. Zuletzt abgerufen am 4. September 2010 von http://www.guardian.co.uk/music/2008/mar/19/news
  12. David Sarno: Web Scout exclusive! Rick Astley, king of the 'Rickroll,' talks about his song's second coming. 25. März 2008. Zuletzt abgerufen am 4. September 2010 von http://latimesblogs.latimes.com/webscout/2008/03/rick-astley-kin.html
  13. Julian Dibbell, Wired, October 2009
  14. Christian Stöcker: Guerilla gegen Google. 15. Juli 2008. Zuletzt abgerufen am 4. September 2010 von http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,565806,00.html
  15. Time: The World's Most Influential Person Is... 27. April 2009. Zuletzt abgerufen am 4. September 2010 von http://www.time.com/time/arts/article/0,8599,1894028,00.html
  16. Birgit Riegler : Hacker kapern Promi-Wahl des Time Magazines. 18. April 2009. Zuletzt abgerufen am 4. September 2010 von http://derstandard.at/?url=/?id=1237230258841
  17. Rick Astley: The 2009 TIME 100. 30. April 2009. Zuletzt abgerufen am 4. September 2010 von http://www.time.com/time/specials/packages/article/0,28804,1894410_1893837_1894180,00.html
  18. knowyourmeme. com: lukeywes1234 (2010). Januar 2010. Zuletzt abgerufen am 4. September 2010 von http://knowyourmeme.com/memes/lukeywes1234
  19. TechCrunch: 4chan Presents: YouTube Porn Day (NSFW). 4. Januar 2010. Zuletzt abgerufen am 4. September 2010 von http://www.techcrunch.com/2010/01/04/4chan-youtube-porn/
  20. Message to Scientology. 21. Januar 2008. Zuletzt abgerufen am 4. September 2010 von http://www.youtube.com/watch?v=JCbKv9yiLiQ

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