Päpstin Johanna
Darstellung der Niederkunft der Päpstin Johanna (Holzschnitt von Jakob Kallenberg, aus einer Ausgabe von Boccacios De Claris Mulieribus)
Tarot-Karte: „Die Päpstin“ dargestellt als die Hure Babylon aus der Johannesoffenbarung, 15. oder 16. Jhd.
Darstellung der Päpstin Johanna in der Schedelschen Weltchronik (1493)

Bei Päpstin Johanna (auch Johannes Anglicus sowie Giovanni Femina, Jutta, Frau Jutte, Gilberta, Agnes oder Glancia genannt) handelt es sich um einen Legendenstoff, der von einer sich als Mann ausgebenden gelehrten Frau erzählt, die als Papst amtierte.

Inhaltsverzeichnis

Ursprung der Legende

Die Legende um die Päpstin Johanna ist seit dem 13. Jahrhundert überliefert. Die ursprünglichen Formen der Sage berichteten von einer namenlosen Päpstin, die gegen Ende des 11. Jahrhunderts amtiert haben soll (Chronica universalis Mettensis des Jean de Mailly und Tractatus de diversis materiis predicabilibus des Stephan von Bourbon Mitte des 13. Jahrhunderts). Martin von Troppau verlegt diese Legende in seiner 1277 veröffentlichten Chronik in das 9. Jahrhundert und ergänzte die Schwangerschaft und Niederkunft der Päpstin während einer Prozession. Zwei Versionen Martins beschreiben entweder den Tod der Päpstin und ihres Kindes bei der Geburt oder die ihrer Verbannung in ein Kloster. Spätere Überlieferungen der Legende schmücken meist die erste Version weiter aus und der Päpstin werden andere Namen gegeben. Martins Version der Legende bildet auch die Basis der Version in der Schedelschen Weltchronik, die ebenfalls weite Verbreitung fand.

Quellen der Legende, die vor das 13. Jahrhundert datiert werden, sind nicht bekannt.

Erste ernsthafte Zweifel an der Historizität der Legende, die lange Zeit selbst von den Päpsten für echt gehalten wurde, finden sich schon bei dem reformierten Kirchengeschichtler David Blondel (1590–1655).

Legenden

Als eine typische Version sei hier der Text der Version aus der Schedelschen Weltchronik wiedergegeben:

„Johannes auß engelland erlanget mit bösen künsten das babstthumb. dann wie wol sie ein weipliche person was so wanndert sie doch in gestalt vnnd geperde eins mannßpilds. vnd zohe noch also iung mit irem liebhaber eim gelerten mann gein Athenas. alda wardt sie der schrift also hohgelert das sie gein rom komende wenig ir gleiche in der heilligen schrift het. Nw erlanget sie mit lesen vnd scharpffem disputiren in scheyn eins mans vnder der verborgenheit irer weiplichkeit zu rom solche gutwilligkeit vnd glawbwirdigkeit das sie nach absterben Leonis an sein stat (als martinus spricht) mit allermenigclichs willen zu babst erkorn wardt. Aber sie wardt nachfolgend von eim irer diener geschwengert. vnnd als sie den leib ettwielang getragen het vnd eins tags in sant Johanßen lateranensischen kirchen geen wolt. do wardt sie zwischen der wunderburg vnd sandt Clementen mit ween befangen vnd gepare vnd starb an derselben statt. Ettlich schreiben wenn ein babst zu der benanten sant Johanßen kirchengeen wöll. vnd an dasselb end do das beschehen sey kome. so vermeyde der babst denselben weg in verschmehlicher gedechtnus solcher geschichten: zum andern wenn ein erwelter babst erstlich in sannt Peters. darzu gelöcherten stul gesetzt werdt so pflege der letst dyacon zu vermeyden der gleichen künftiger irrung dem babst seine manliche gepurt glyder durch denselben gelöcherten stul zeberüren.“

aus der Schedel'schen Weltchronik [1]

Als eine weitere Version sei hier der Text von Leopold Stainreuter aus der Österreichischen Chronik von den 95 Herrschaften aus dem späten 14. Jahrhundert (etwa 1384/85) wiedergegeben:

„Ain weib ward pabst nach Christi gepürd achthundert siben und vierczig jare und besazz den stul drew jar und fümf mened und het sich Johannes genennet. Si cham in mans chlaid gen Athen und lert grozz chünste. Darnach cham si gen Röm und lazz da manige grosse chunst. Ander maister, schuler und phaffen horten ir leczen, und was ze Röm die weil dhain maister, der alz maisterleich hiet gelesen. Darumb ward si zu ainem pabst erwelet und ward darnach swanger. Do si in ainer processen gen solt, do vieng si weibleich chranchait und geperte ain chind.“

aus Österreichische Chronik von den 95 Herrschaften[2]

Hypothesen

Es existieren zahlreiche Theorien, die die Entstehung der Legende um die Päpstin zu erklären versuchen.

Eine Theorie sieht die Geschichte der Päpstin Johanna als Legende, die ihren wahren Kern im Bezug zur Familie der Theophylakten hat, genauer im Bezug zu Marozia, der Mutter von Papst Johannes XI., und ihrer Mutter Theodora, die in weniger als einem Jahrzehnt acht Päpste auf den Thron und wieder zu Fall brachten und somit die wahre Macht hinter dem päpstlichen Thron darstellten (siehe auch Pornokratie).

Der Kirchenhistoriker Cesare Baronio erklärte den Mythos als eine Satire auf Papst Johannes VIII. (Papst 872–882) wegen seiner Weichheit im Umgang mit dem Patriarchen von Konstantinopel Photios I.

Der Sachbuchautor Michael Hesemann führt die Entstehung der Legende um die Päpstin Johanna auf zwei Faktoren zurück. Einmal hieß die enge Gasse, die vom Lateran zum Vatikan führte, tatsächlich „vicus Papessa“, wurde aber nach einer dort bis ins 10. Jahrhundert residierenden Adelsfamilie, den „Papes“, benannt. Diese Gasse wurde tatsächlich aufgrund ihrer Enge von den Päpsten bei Prozessionen gemieden. Dort befand sich (unter der Kirche San Clemente) ein einstiges Heiligtum des heidnischen Mithras-Kultes. Eine Weiheinschrift mit den lateinischen Buchstaben P.P.P.P.P.P. wird von den frühesten Quellen immer als Beleg für die Geschichte von der Päpstin genannt und als „Petre, Pater Patrum, Papisse Prodito Partum“ („Petrus, Vater der Väter, enthülle die Niederkunft des weiblichen Papstes“). Tatsächlich war P.P.P. („proprie pecunia posuit“: „stellte die notwendigen Mittel zur Verfügung“) eine übliche antike Weiheinschrift, während „Pater Patrum“ ein Hohepriester-Titel des Mithras-Kultes war. Ein an der Gasse aufgestelltes Madonnen-Bild wird noch heute als Darstellung der Päpstin fehlgedeutet.

Weiterhin ist die Ansicht verbreitet, nach Johanna hätten sich frischgewählte Päpste auf einen besonderen Stuhl mit einem Loch in der Sitzfläche setzen müssen, durch den das Vorhandensein von Hoden überprüft worden sei. Dieser Stuhl werde als sella oder sedes stercoraria (dt. Kotstuhl bzw. Kotsitz) bezeichnet. Über das angeblich zugehörige Ritual existieren mehrere widersprüchliche Darstellungen, die jeweils zu ihrer Zeit kursierende Gerüchte wiedergeben. Es existieren keine Augenzeugenberichte über eine solche Praxis, möglicherweise handelt es sich um ein im Volk verbreitetes Missverständnis eines Aufstiegsrituals bei der Papstkrönung, bei dem der neugewählte Papst auf verschiedenen Stühlen der Reihe nach Platz nahm, die seinen Aufstieg hin zum Papstthron symbolisierten, begonnen mit dem Toilettenstuhl.

Papstnachfolge

Darstellung auf einer Tarotkarte: Päpstin mit Tiara reitet auf dem siebenköpfigen Tier der Apokalypse

Der offizielle Nachfolger von Papst Leo IV. war Benedikt III., von dem jedoch nur wenige belegte Informationen vorliegen. Einige vermuteten deshalb, dass Benedikt III. von der römisch-katholischen Kirche erfunden wurde, als im 17. Jahrhundert Päpstin Johanna aus der Geschichte getilgt worden sei. Jedoch gibt es Münzen, die Benedikt III. zusammen mit dem am 28. September 855 verstorbenen Kaiser Lothar zeigen. Am 7. Oktober 855 erließ Benedikt III. eine Charta für die Abtei Corvey, zudem ist seine Korrespondenz mit dem Erzbischof von Reims und sein Rundschreiben an die Bischöfe im Reich Karls des Kahlen erhalten.

Eine andere Theorie nimmt an, dass Päpstin Johanna zwischen Leo IV. und Benedikt III. den Heiligen Stuhl innehatte. Diese Theorie lässt sich nicht durch historische Belege bestätigen. Der byzantinische Patriarch Photios I., der ein Gegner des römischen Papsttums war, erwähnt in seinen Schriften Leo und Benedikt als aufeinander folgende Päpste. Es findet sich auch dort, bei aller Kritik am römischen Papsttum, kein Hinweis auf eine Päpstin.

Päpstin Johanna wird in verschiedenen historischen, aber auch unzuverlässigen, Quellen erwähnt, bis ins 17. Jahrhundert auch in kirchlichen Quellen.

Eine der am häufigsten genannten Quellen ist der Liber Pontificalis des früheren Gegenpapsts Anastasius Bibliothecarius, der ein Zeitgenosse der Päpstin gewesen wäre. Jedoch findet sich die Angabe lediglich in einem Manuskript, das sich in der vatikanischen Bibliothek befindet. Die Bemerkung zur Päpstin ist jedoch von einem späteren Schreiber als Glosse nachgetragen worden. Dieser Nachtrag wird, durch die Analyse der Handschriftenstils, auf das 13. Jahrhundert datiert und dürfte unter dem Einfluss der Chronik Martins von Troppau entstanden sein und gilt daher nicht als zeitgenössischer Beleg. Gleiches gilt für die Manuskripte des Chronicon des Marianus Scotus. Während das Werk selbst im 11. Jahrhundert entstanden ist, werden alle Manuskripte, die einen Verweis auf eine Päpstin enthalten, auf ein späteres Datum als Martins Chronik datiert. Frühere Abschriften von Scotius′ Werk enthalten diese Hinweise nicht.

Literatur

  • Spanheim, [F. S.] Histoire de la Papesse Jeanne. Fidelment tirée de la Dissertation Latine... 2 Teile. 2. Aufl. Mit 3 Kupfern. La Haye (Den Haag), Scheurleer, 1720.

Die Papstlegende erschien erstmals 1691 in lateinischer Sprache. Spanheim verteidigte „mit aller Entschiedenheit die nach der Chronik des Erzbischofs Polonius im 9. Jahrhundert vorgekommene Päpstin Johanna als historisches Faktum“ (ADB XXXV, 61). Auf einem der Kupfer ist die plötzliche Niederkunft der Päpstin während einer Prozession dargestellt.

Neuere Vertreter der Echtheit

  • Ingeborg Kruse: Johanna von Ingelheim. Das wahre Leben der Päpstin Johanna. Aufbau-Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-7466-8074-3
  • Peter Stanford: Die wahre Geschichte der Päpstin Johanna. Aufbau-Taschenbuchverlag, Berlin 2000, ISBN 3-7466-8057-3

Literarische Bearbeitungen

Der Legendenstoff um die Frau auf dem Papstthron hat nicht nur Historiker und Theologen beschäftigt, sondern immer wieder auch literarische Bearbeiter auf den Plan gerufen.

  • Boccaccio, in: De claris mulieribus (Dt.: Über berühmte Frauen)
  • Dietrich Schernberg: Ein schoen Spiel von Fraw Jutten (1480), Nach dem Eislebener Druck von 1565, hg. Manfred Lemmer, Berlin 1971 (Texte des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit 24). (Geistliches Versdrama)
  • Hans Sachs: Historia von Johanne Anglica, der bäpstin, hg. Adelbert von Keller, Bibliothek des Litterarischen Vereins Stuttgart, Bd.8, Tübingen 1874, S. 652–655.
  • Achim von Arnim: Päpstin Johanna (in Achim von Arnims Schaubühne, Berlin 1813). (Romantisches Universaldrama)
  • Emmanuìl Roidis: I Papissa Ioanna (1866). (Dt.: Emmanuel D. Rhoides: Die Päpstin Johanna von Ingelheim. Aus d. Neugriech. von Paul Friedrich. Bergisch-Gladbach, Bastei-Lübbe 2000. ISBN 3-404-14446-5) (Studie aus dem Mittelalter, Historischer Roman)
  • Bertolt Brecht: Die Päpstin Johanna. in: ders.: Werke, Bd. 10. ISBN 3-518-40010-X (Stückfragment)
  • Donna Woolfolk Cross: Die Päpstin (Engl. Orig. Pope Joan). Berlin, Aufbau-Taschenbuchverlag, 2001. ISBN 3-7466-1400-7 (Historischer Roman)

Filme

Musical

  • Die Päpstin – Das Musical mit Sabrina Weckerlin als Hauptdarstellerin, Mathias Edenborn als Gerold, Regie: Stanislav Mosa, Komponist: Dennis Martin, Musikalischer Leiter: Peter Scholz, Deutschland/Fulda 2011

Siehe auch

Weblinks

 Commons: Päpstin Johanna – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Päpstin Johanna – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise

  1. Folio CLXIX verso, zitiert nach der digitalen Ausgabe bei Wikisource
  2. Deutsche Chroniken und andere Geschichtsbücher des Mittelalters 6: Österreichische Chronik von den 95 Herrschaften. Herausgegeben von Joseph Seemüller. Hannover 1906, S. 82 (Monumenta Germaniae Historica; Digitalisat)

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