Aurel Kolnai

Aurel Thomas Kolnai (* 5. Dezember 1900 in Budapest als Aurel Stein; † 28. Juni 1973[1] in London, war ein ungarischer Philosoph, der vor allem mit Theorien zur Moral und zu den Emotionen bekannt geworden ist.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Aurél Stein stammt aus einer jüdischen Familie. Als Gymnasiast war er im linksintellektuellen Galilei-Kreis aktiv. 1918 nahm er den Namen Kolnai an, den er einer Erzählung Ferenc Molnars entnommen hatte (A Pal-utcai fiuk ~ Die Paul-Straßen-Jungen).

In den Jahren von 1919 bis 1937 lebte Kolnai in Wien, wo er zunächst studierte und promovierte und auch die österreichische Staatsbürgerschaft annahm. Nachdem er bis in seine Studienzeit hinein Agnostiker gewesen war, konvertierte er, beeinflusst von den Schriften Gilbert Keith Chestertons, 1926 (am Tag seiner Graduierung in Wien) zum Katholizismus. Kolnai arbeitete bis 1937 als Journalist für Der Österreichische Volkswirt, Schönere Zukunft, und später auch für "Der Österreichische Ständestaat", eine Zeitschrift, die von Dietrich von Hildebrand herausgegeben wurde. Unter dem Druck der politischen Situation verteidigte Kolnai die Regierung Kurt Schuschniggs, die er als Rettungsanker vor dem Nationalsozialismus sah.

Nach dem Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich ging Kolnai 1940 mit seiner Frau Elisabeth über verschiedene Stationen ins Exil nach New York, wurde aber, wie er in seinen Memoiren schrieb, in den Vereinigten Staaten nicht heimisch. Nach dem Zweiten Weltkrieg lehrte er zunächst an der Universität Laval (Université Laval) in Québec, Kanada. In den 1950ern kehrte er nach Europa zurück und arbeitete zeitweise am Bedford College in London sowie in Birmingham. Er war während der Regierung von Francisco Franco mehrmals als Vortragender in Spanien und schätzte die dortigen Verhältnisse. Seine letzte Lehrtätigkeit übte Kolnai seit 1968 bis zu seinem Tod an der Marquette University in Wisconsin aus.

Philosophische Ausrichtung

Kolnai war zunächst ein Anhänger Sigmund Freuds und wandte sich in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre der phänomenologischen Strömung zu. Die Philosophie Edmund Husserls sowie die Wertethik Max Schelers wurden für Kolnai richtungsweisend, wobei er der realistischen Richtung der Phänomenologie zugerechnet werden kann. Neben der phänomenologischen Methode prägte ihn auch die Linguistik. Manche Denker, wie z.B. Karl Popper, zählten Kolnai zu den originellsten, aber auch herausforderndsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Sein 1938 erschienenes (und in Wien in englischer Sprache geschriebenes) Buch The War Against the West ist eine der frühsten philosophischen Analysen des Nationalsozialismus und gilt nun als Meisterwerk der Ideologiekritik. Seit seiner Lehrtätigkeit an der Universität Laval, die damals zu den führenden Zentren des Neuthomismus zählte, zeigte sich Kolnai auch von der scholastischen Methode beeinflusst. Während seiner Zeit am Bedford College nahm er auch die analytische Philosophie auf und wurde von den führenden Vertretern der "ordinary language philosophy" auch geschätzt. Sein Werk galt in dieser Phase besonders der sprachanalytischen Diskussion psychologischer und moralischer Erscheinungen, wobei Kolnai nie bei der Analyse stehenblieb und durchaus moralische Wertungen vornahm. Kolnai war als Philosoph dem Realismus verpflichtet und als politischer Denker einem konservativen Weltbild. Scharf wandte er sich gegen alle Utopien von linken und rechten Richtungen. Er kritisierte auch die Demokratie, v. a. den amerikanischen utopischen Egalitarismus, den er als "totalitas sine tyrannide" (Totalitarismus ohne Tyrannei) bezeichnete. In Fragen der Ethik (und vor allem der Sexualmoral) blieb er einer naturrechtlichen und vom Katholizismus geprägten Auffassung verpflichtet. Kolnai gilt als einer derjenigen Philosophen, die früh den "Graben" zwischen der sogenannten kontinentalen Philosophie und der angelsächsischen Philosophie analytischer Prägung überwunden haben. Sein Denken wurde erst seit den 90er Jahren in den Vereinigten Staaten, meist von konservativen und katholischen Denkern, neu entdeckt.

Siehe auch

Werke (Auswahl)

  • Psychoanalyse und Soziologie. Wien u.a.: Internationaler Psychoanalytischer Verlag 1920
  • Die geistesgeschichtliche Bedeutung der Psychoanalyse. In: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, 9 (1923), S. 345-356
  • Max Schelers Kritik und Würdigung der Freudschen Libidolehre, in: Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften. XI. Band (1925) (Heft 1 u. 2), Wien 1925.
  • Der ethische Wert und die Wirklichkeit. Freiburg/Br.: Herder 1927.
  • Der Ekel, in: Jahrbuch für Philosophie und phänomenologische Forschung 10 (1929), S. 515-569.
    • On disgust. Ed. and with an introd. by Barry Smith and Carolyn Korsmeyer, Chicago, Ill.: Open Court, 2004, VIII, 120 S.
  • Die Machtideen der Klassen. Zur Lage der Landwirtschaft in Pommern. Exkursionsbericht des Instituts für Sozial- und Staatswissenschaften an der Universität Heidelberg, in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik. 62. Band. Tübingen: Mohr 1929.
  • Sexualethik. Paderborn: Schöningh 1930
  • Gegenrevolution. In: Kölner Vierteljahrshefte für Soziologie, 10 (1932), S. 171–199 und 295–319.
  • The War Against the West. With preface by Wickham Steed. London: Gollancz 1938 / New York : Viking Press, 1938.
  • Konservatives und revolutionäres Ethos. In: Gerd-Klaus Kaltenbrunner (Hg.): Rekonstruktion des Konservatismus. Freiburg/Br.: Herder 1972, S. 95–136
  • Ethics, Value, and Reality. Selected Papers. Indianapolis 1978
  • The Utopian Mind and Other Papers. A Critical Study in Moral and Political Philosophy. Francis Dunlop (ed.), London 1995.
  • Political Memoirs. Lanham 1999.
  • Early Ethical Writings of Aurel Kolnai. (trans. Francis Dunlop) 2002. ISBN 0754606481
  • Sexual Ethics: The Meaning and Foundations of Sexual Morality. (trans. Francis Dunlop) 2005. ISBN 0754653129
  • Ekel, Haß, Hochmut. Zur Phänomenologie feindlicher Gefühle. (Nachwort Axel Honneth) Suhrkamp, Frankfurt/M. 2007 (Aufsätze) ISBN 978-3-518-29445-1 [2]

Literatur

  • Lee Congdon: Exile and Social Thought: Hungarian Intellectuals in Germany and Austria, 1919-1933. Princeton: Princeton University Press, 1991.
  • Francis Dunlop: The Life and Thought of Aurel Kolnai. Aldershot: Ashgate 2002 ISBN 0-7546-1662-2.
  • John P. Hittinger: Aurel Kolnai and the Metaphysics of Political Conservatism (1998), in: Ders.: Liberty, Wisdom, and Grace. Thomism and Democratic Political Theory, Lanham Md.: Lexington Books, 2002, S. 163-185.
  • Zoltán Balázs & Francis Dunlop: Exploring the world of human practice. Readings in and about the Philosophy of Aurel Kolnai. Central European University Press (CEU Press) 2004. ISBN 963-9241-97-0.

Einzelnachweise

  1. Die Lebensdaten nach Stuart C. Brown, Diané Collinson, Robert Wilkinson (Hg.): Biographical dictionary of twentieth-century philosophers, London 1996, S. 410
  2. DLF: „Schlimme Gefühle“, Rezension zu Ekel, Haß, Hochmut, 17. Januar 2008

Weblinks


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