Aus der Neuen Welt

Die 9. Sinfonie e-Moll op. 95 Antonín Dvořáks (auf alten Platten und in älterer Literatur als 5.Sinfonie gezählt) trägt den Namen Aus der Neuen Welt, da sie von Dvoráks dreijährigem Amerikaaufenthalt inspiriert wurde. Neben einer Melodie aus der Oper Hans Heiling von Heinrich Marschner sind die Themen jedoch nicht echt indianisch, sondern inspiriert durch Dvořáks Besuch der Buffalo Bill Cody's Wild West Show“, in der der Kampf gegen die Indianer mit viel Tamtam nachgestellt wurde.

Die Weltpremiere fand im 16. Dezember 1893 in der Carnegie Hall in New York statt. Die erst Aufführung der Sinfonie „Aus der neuen Welt“ auf dem europäischen Kontinent erfolgte am 20. Juli 1894 in Karlsbad.

Inhaltsverzeichnis

Entstehungsgeschichte

Als Antonín Dvořák (1841-1904) 1892 amerikanischen Boden betrat, um der Berufung zum Direktor des National Conservatory of Music Folge zu leisten, war er bereits ein weltbekannter Komponist. Seinen Ruhm begründete er mit der Komposition „Die Erben des Weißen Berges“ (1872), der Dank seiner „Mährischen Duette“ sowie der „Slawischen Tänze“ sogar über den eines Bedřich Smetana hinauswuchs. Es war daher nicht verwunderlich, dass Jeannette Thurber, die Witwe eines wohlhabenden Kaufmanns und Mitbegründerin des New Yorker Instituts, ihm diesen lukrativen und prestigeträchtigen Posten anbot.

Mit der 9. Sinfonie, die während seines dreijährigen Amerika-Aufenthaltes entstand, schuf Dvořák sein wohl populärstes sinfonisches Werk. Obwohl Dvořák als Dirigent und Lehrer die Aufgabe übernommen hatte, eine junge Musikergeneration heranzubilden, die einen national-amerikanischen Musikstil entwickeln sollte, ist seine 9. Sinfonie keinesfalls amerikanische Musik. Er selbst äußerte sich dazu folgendermaßen: „Aber den Unsinn, dass ich indianische oder amerikanische Motive verwendet hätte, lassen Sie aus, weil das eine Lüge ist. Ich habe nur im Geiste dieser amerikanischen Volkslieder geschrieben.“

Dieser „Geist“ lässt sich in verschiedenen harmonischen und rhythmischen Eigenheiten nachweisen. So basiert die Englischhorn-Melodie des 2. Satzes auf der in der Indianermusik gebräuchlichen halbtonlosen fünftönigen Skala. Rhythmisch fallen die für Negro Spirituals typischen Synkopen auf (1. und 3. Hauptthema des 1. Satzes). Daneben zeigt sich unverkennbar der böhmische Musiker mit seiner in der heimatlichen Volksmusik verwurzelten Tonsprache, wie z. B. beim gemütvollen Ländler des Scherzo-Trios.

Die Musik aus der Neuen Welt stellt eine optimistische, emotionale und durchaus organische Erfahrung dar, die nur durch den emotionalen Charakter eines mit der Umwelt verbundenen Zuhörers als solche auch verstanden werden kann. Geographische Gesichtspunkte waren Dvořák fremd. Die Musik aus der Neuen Welt beinhaltet einen zeitlosen Pioniergeist, ein sicherlich gut gemeinter Aufbruch in eine bessere Welt. Inwieweit besser diese Welt sein möge, bleibt in des Betrachters Ohr, und noch weiter in seinem Verständnis, in seiner jeweiligen Auseinandersetzung mit dem Komponisten, Antonín Dvořák.

Die Themen seiner Ecksätze sind kurz und prägnant und einer zyklischen Grundkonzeption untergeordnet: das 1. Hauptthema des 1. Satzes, man könnte es als das „Thema“ der Sinfonie bezeichnen, erscheint in allen folgenden Sätzen, und im Finale sind außerdem die Hauptthemen des 2. und 3. Satzes andeutungsweise verarbeitet.

Satzbeschreibungen

1. Satz: Adagio - Allegro molto

Der erste Satz beginnt mit einer wehmütigen langsamen Einleitung. Das durch Unisoni der Streicher und harte Paukenschläge sich allmählich entwickelnde Allegro ist von mitreißendem Schwung erfüllt. In dieser vorwärtsdrängenden Dynamik des Hauptsatzes vermeint man am stärksten den Puls der Weltstadt am Hudson zu spüren.

2. Satz: Largo

Der zweite Satz, den der Komponist als „Legende“ bezeichnete, atmet die endlose Weite der Prärie. Dieser ergreifende Trauergesang ist nach Dvořáks eigenen Worten durch eine Szene aus Longfellows Dichtung „Hiawatha“ angeregt worden, und zwar durch die Totenklage Hiawathas, dessen treue Gefährtin Minnehaha dahingeschieden ist. In schmerzlicher Melancholie singt das Englischhorn die Hauptmelodie, mit der dieser verinnerlichte Satz in erhabener Ruhe ausklingt.

3. Satz: Scherzo, Molto vivace

Das Scherzo beginnt mit einem rhythmisch markanten Thema, das den Festtanz der Indianer zur Hochzeit Hiawathas vorbereitet. Wieder ist eine Szene aus Longfellows Epos musikalisch nacherlebt (diese amerikanische Dichtung hatte Dvořák durch die Übersetzung seines Landsmannes Josef Vaclav Sladek kennengelernt). Auf den lyrischen Mittelteil des Scherzos folgt unvermittelt das Trio mit einer anmutigen Walzermelodie. Diese ist zum Teil typisch tschechisch in ihrer sprunghaften Rhythmik empfunden, teilweise erinnert sie in ihrer gefühlvollen Melodik an Schubert. Es ist ein Satzteil, der die Sehnsucht nach der Heimat zum Ausdruck bringt und der vorübergehend das Bild des Freudentanzes der Indianer unterbricht. In der Coda setzt sich mit aller Kraft das Hauptthema des ersten Satzes durch. Zart verhallend klingt das Scherzo aus.

4. Satz: Allegro con fuoco

Der letzte Satz ist von einer Größe und Dynamik des Aufbaus erfüllt, wie sie Dvořák in keiner seiner vorhergehenden Sinfonien erreicht hat. Vom vollen Orchester wird das marschartig energische Hauptthema, das pathetisch von der „Neuen Welt“ kündet, vorgetragen. Das zweite Thema in den Klarinetten dagegen drückt Dvořáks Sehnsucht nach seinem Vaterland aus. Es setzt sich, nachdem auch Motive aus den ersten drei Sätzen in der meisterhaft geformten Durchführung erklungen sind, immer stärker durch. In dem mitreißenden Finale erklingt wieder das Hauptthema des ersten Satzes.

Weblinks


Wikimedia Foundation.

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • Aus der neuen Welt — Die 9. Sinfonie e Moll op. 95 Antonín Dvořáks (auf alten Platten und in älterer Literatur als 5.Sinfonie gezählt) trägt den Namen Aus der Neuen Welt, da sie von Dvoráks dreijährigem Amerikaaufenthalt inspiriert wurde. Neben einer Melodie aus der… …   Deutsch Wikipedia

  • Aus der Neuen Welt (Dvorak) — Die 9. Sinfonie e Moll op. 95 Antonín Dvořáks (auf alten Platten und in älterer Literatur als 5.Sinfonie gezählt) trägt den Namen Aus der Neuen Welt, da sie von Dvoráks dreijährigem Amerikaaufenthalt inspiriert wurde. Neben einer Melodie aus der… …   Deutsch Wikipedia

  • Aus der Neuen Welt (Dvořák) — Die 9. Sinfonie e Moll op. 95 Antonín Dvořáks (auf alten Platten und in älterer Literatur als 5.Sinfonie gezählt) trägt den Namen Aus der Neuen Welt, da sie von Dvoráks dreijährigem Amerikaaufenthalt inspiriert wurde. Neben einer Melodie aus der… …   Deutsch Wikipedia

  • Vampire aus der Alten Welt — ist ein auf Vampire: The Masquerade basierendes Rollenspiel, das 1996 von White Wolf veröffentlicht wurde. Als Gamedesigner waren Jennifer Hartshorn, Ethan Skemp, Mark Rein·Hagen und Kevin Hassall für die Konzeption verantwortlich. 2002 erschien… …   Deutsch Wikipedia

  • Die Pioniere der Neuen Welt — (Originaltitel: Les pionniers du nouveau monde) ist eine frankobelgische Comicserie, die Mitte des 18.Jahrhunderts im Franzosen und Indianerkrieg und den darauf folgenden Jahren spielt. Die Protagonisten der ersten sechs Bände sind frankophone… …   Deutsch Wikipedia

  • Aus der Asche — Studioalbum von Saltatio Mortis Veröffentlichung 31. August 2007 Label Napalm Records …   Deutsch Wikipedia

  • Aus der Akasha-Chronik — ist eine Sammlung von Aufsätzen, die Rudolf Steiner (1861–1925) zwischen Juli 1904 und Mai 1908 als eigenständige Beiträge für die von ihm herausgegebene Zeitschrift Lucifer Gnosis verfasst hatte. Steiner war zu dieser Zeit Generalsekretär der… …   Deutsch Wikipedia

  • Kulturgeschichte der antiken Welt — ist eine seit 1977 erscheinende Sachbuchreihe zu vor allem archäologischen und kulturhistorische Themen im Verlag Philipp von Zabern, die aus mittlerweile weit über 100 Bänden besteht. Inhaltlich behandelt die Buchreihe das komplette Spektrum der …   Deutsch Wikipedia

  • Kulturgeschichte der Antiken Welt — ist eine von 1977 bis 2008 erschienene Sachbuchreihe zu vor allem archäologischen und kulturhistorischen Themen im Verlag Philipp von Zabern, die aus 118 Bänden und zahlreichen Sonderbänden besteht. Inhaltlich behandelt die Buchreihe das… …   Deutsch Wikipedia

  • Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik — Rahel Varnhagen Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik ist eine Biografie der Philosophin Hannah Arendt über die Berliner Salonière und Schriftstellerin Rahel Varnhagen von Ense. Obgleich bereits 1929 bis 1933 in …   Deutsch Wikipedia

Share the article and excerpts

Direct link
Do a right-click on the link above
and select “Copy Link”