Ausgangsschrift

Eine Ausgangsschrift ist eine Schreibschrift, die zum einfacheren Erlernen des Schreibens konzipiert wurde. Ausgangsschriften sind Grundlage des Schreibunterrichts an Grund- und Volksschulen, meist nach Erlernen der Druckschrift.

Ausgangsschriften finden in den meisten europäischen Ländern Anwendung.

Inhaltsverzeichnis

Entwicklung in Deutschland

Deutsche Sütterlinschriftbuchstaben, ab 1924
Deutsche Normalschrift, ab 1941
Lateinische Ausgangsschrift, seit 1953
Vereinfachte Ausgangsschrift, seit 1972
Schulausgangsschrift, in der DDR ab 1968
Mögliche Grundschrift als Ausgangsschrift in Hamburg ab 2011

In Deutschland hatte sich nach der Karolingischen Minuskel (9.–12. Jahrhundert) eine Schriftform durchgesetzt, die an die gotische Kursive (ab dem 14. Jahrhundert) – eine im alltäglichen Gebrauch stehende Kursivform der Gotischen Schrift (ab dem 12. Jahrhundert) – anknüpfte. Diese Entwicklung führte der Nürnberger Schreibmeister Johann Neudörffer (1497–1563) fort, der auch maßgeblich an der Schöpfung der Fraktur beteiligt gewesen war. In seinem Schreibbuch „Eine gute Ordnung und kurze unterricht…“ (Nürnberg, 1538) schuf er eine Stileinheit der Buchstaben der deutschen Schreibschriften – genauer deutschen Kurrentschriften – die lange erhalten blieb. Mit Ausbreitung des Schulwesens seit dem 16. Jahrhundert wurde das Lesen und Schreiben Gemeingut immer breiterer Schichten.

Erstmals 1714 wurde in Preußen durch einen Erlass eine Normschrift eingeführt, deren spitze, nach rechts geneigte Formen sich auch in anderen deutschen Territorien einbürgerten und charakteristisch für die deutschen Kurrentschriften wurden.

Ludwig Sütterlin (1865–1917) änderte diesen typischen Duktus der deutschen Kurrentschrift. Er entwickelte – neben einer lateinischen – die Deutsche Sütterlinschrift, die nun senkrecht auf der Zeile stand und Kringel ausbildete und nicht mehr spitz gestaltet war. Diese Schrift wurde 1924 in preußischen Schulen und erst 1930 in den meisten anderen deutschen Ländern als Schulausgangsschrift verwendet.

Die in den 1930er Jahren von Maximilian Schlegl entwickelte Stäbchenschrift etablierte sich nicht.

1941 wurden per Normalschrifterlass im Auftrag von Adolf Hitler alle gebrochenen Schriften, darunter auch die „Deutsche Sütterlinschrift“, abgeschafft und die auf Grundlage der lateinischen Sütterlinschrift entwickelte Deutsche Normalschrift als Ausgangsschrift an den Schulen verwendet.

Lateinische Ausgangsschrift

Die Lateinische Ausgangsschrift (LA) wurde vom Iserlohner Schreibkreis aus der Deutschen Normalschrift entwickelt und am 4. November 1953 durch den Erlass der Kultusministerkonferenz verbindlich in allen Bundesländern der damaligen Bundesrepublik Deutschland als Schulausgangsschrift eingeführt (Ausnahme: In Bayern wurde die Lateinische Ausgangsschrift erst 1966 verbindlich eingeführt).

Vereinfachte Ausgangsschrift

Der Versuch, Schwierigkeiten in der Anwendung der Lateinischen Ausgangsschrift zu beheben, führte 1969 in der Bundesrepublik zur Entwicklung der Vereinfachten Ausgangsschrift (VA) und Erprobung seit 1972.

Schulausgangsschrift

Aus gleichem Anlass wurde in der DDR bereits im Jahre 1968 die Schulausgangsschrift (SAS) eingeführt.

In den Bundesländern verwendete Ausgangsschriften

Heute werden in Deutschland die Lateinische Ausgangsschrift, die Vereinfachte Ausgangsschrift und die Schulausgangsschrift verwendet. Dabei ist es Aufgabe der jeweiligen Bundesländer, Regeln zur Verwendung der Schriften zu erlassen, wobei entweder eine Schrift verbindlich vorgeschrieben wird oder mehrere Schriften zur Auswahl stehen.

Baden-Württemberg
Der baden-württembergische Lehrplan gestattet die Wahl zwischen Lateinischer Ausgangsschrift und Vereinfachter Ausgangsschrift zur Einführung der gebundenen Schrift (Schreibschrift) in der Grundschule. Dabei kann jede Schule sich für eine der beiden Schreibschriften entscheiden, diese ist dann für die ganze Schule verbindlich (Stand 2004). Sich daraus ergebende Probleme nach einem Schulwechsel versucht man oft zu lösen, indem man den betroffenen Schülern erlaubt, in der zuerst erlernten Schrift weiter zu arbeiten.
Bayern
In der Zeit 1948–1965 wurde an den bayerischen Grundschulen neben der Lateinischen Ausgangsschrift auch noch die Kurrentschrift als „Kunstschrift“ gelehrt. Bei älteren Lehrkräften war das durchaus noch die übliche „Handschrift“. Mit dem Schuljahr 2001/02 trat ein stufenweise über vier Jahre aktualisierter Lehrplan in Kraft; danach war für alle Grundschulkinder nicht mehr die Lateinische Ausgangsschrift, sondern die Vereinfachte Ausgangsschrift verbindlich.
Hessen
An hessischen Grundschulen kann entweder die Vereinfachte Ausgangsschrift oder die Lateinische Ausgangsschrift gelehrt werden, wobei der Vereinfachten Ausgangsschrift der Vorrang eingeräumt wird, da sie „in ihrer Zweigliedrigkeit strukturell den Formen der Druckschrift ähnlich (ist) und (…) daher die günstigsten Voraussetzungen für die kontinuierliche Entwicklung einer persönlichen Handschrift (bietet). Als Orientierungshilfe auf dem Weg zur individuellen Handschrift ist ihr Vorrang einzuräumen.“[1]
Nordrhein-Westfalen
Ausgangsschrift für das Lesen und Schreiben ist in NRW die Druckschrift. Im Zuge der Verflüssigung des Schreibverlaufs und der individuellen Ausprägung der Schrift entwickeln die Schülerinnen und Schüler später aus der Druckschrift ihre persönliche Handschrift. Zur Orientierung kann wegen ihrer Nähe zur Druckschrift die Vereinfachte Ausgangsschrift herangezogen werden. Das passiert meist zum Ende des ersten oder zum Anfang des zweiten Grundschuljahres.
Bremen
An den öffentlichen Schulen des Landes Bremen gibt es keinerlei Vorgaben zur verwendeten Schreibschrift. Selbst Druckschrift darf geschrieben werden. Seitens des Lehrplans wird nur verlangt, dass die Schrift für den Lehrer leserlich ist.
Hamburg
Die Schulausgangsschrift (SAS) ist verbindliche Erstschreibschrift.[2] Mit dem Schuljahr 2011/2012 wird es den einzelnen Grundschulen freigestellt, die Schulausgangsschrift durch die vom Grundschulverband empfohlene Grundschrift zu ersetzen.[3]
Berlin, Sachsen, Saarland
Die Schulausgangsschrift (SAS) ist verbindliche Erstschreibschrift.[2]
Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen
Es kann zwischen der Schulausgangsschrift (SAS) und der Vereinfachten Ausgangsschrift (VA) gewählt werden.[2]

Entwicklung in Österreich

Österreichische Schulschrift 1969–1995
Österreichische Schulschrift seit 1995

Die älteste gesamtösterreichische Schulschrift geht auf das Jahr 1775 zurück und wurde von J.I. Felbiger ("Anleitung zum Schönschreiben (...) zum Gebrauch der deutschen Schulen in den k.k. Staaten", Wien 1775) unter Kaiserin Maria Theresia veranlasst. Die nächste Vereinheitlichung datiert aus dem Jahre 1832. Allerdings hat sich kaum jemand an diese Vorschriften gehalten, Lehrer haben ihre eigenen Vorlagen entworfen, zum Teil sogar innerhalb einer Schule. Durch den Stadtschulrat für Wien wurden die "Richtformen 1924" als verbindlich erklärt, während die anderen Bundesländer vorher und auch danach zum Teil eigene Schulschriften verwendeten. (Ausstellungsdokumentation Schulmuseum Klagenfurt von Brigitte Strasser)

Bis zum Schuljahr 1938/39 wurde in Österreich die als Amts- und Protokollschrift etablierte Kurrentschrift (und nicht die in Deutschland gebräuchliche "Sütterlinschrift") als Erstschrift in der Volksschule unterrichtet und gelehrt. Die Schulbücher waren in Fraktur- und Kurrentschrift gesetzt.

Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung in Österreich wurden per Erlass des deutschen Reichsministers für Unterricht, Kunst und Erziehung vom 1. September 1941 diese Schriften als "Schwabacher Judenlettern" in den Schulen verboten und als deutsche Normalschrift die Lateinschrift deklariert. Zwar wurde mit Erlass des Bundesministeriums für Unterricht vom 22.Mai 1951 die Kurrentschrift als Zweitschrift in Form des Schönschreibens wieder eingeführt, jedoch wurde dies nur mehr selten praktiziert.

Erst mit der "Schulschrift 1948" wurde wieder eine Vereinheitlichung für das gesamte österreichische Bundesgebiet erreicht. Diese lateinische Druck- und Schreibschrift wird bis heute in leicht veränderter Form (1969 und 1995) angewendet.

Ab dem Schuljahr 1995/96 haben die Lehrerinnen und Lehrer freie Wahl: Es kann beim Schreiblehrgang die "Österreichische Schulschrift 1995" oder die "Österreichische Schulschrift 1969" als Ausgangsschrift verwendet werden.(Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur GZ 38.554/32-I/1/94)

Entwicklung in der Schweiz

Die aktuell gelehrte Schweizer Schulschrift wurde 1947 eingeführt. 2006 wurde von Hans Eduard Meier die schnörkellosere Basisschrift entwickelt und als zeitgemäße Alternative vorgeschlagen. Im Kanton Luzern ist die Basisschrift als Alternative zur „Schnürlischrift“ (ugs. für die Schweizer Schulschrift) seit 2006 zugelassen. Weitere Kantone warten ab oder diskutieren noch den Einsatz der Schrift. 2008 ergab eine Studie der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz, dass Schüler, die mit der Basisschrift schreiben gelernt hatten, in der selben Zeit mehr Text schreiben konnten, als jene, die die Schulschrift gelernt hatten. Zudem war das Schriftbild leserlicher und die Schüler stimmen der Aussage „Ich schreibe gerne“ häufiger zu.[4]

Einzelnachweise

  1. Hessisches Kultusministerium, Rahmenplan Grundschule, 1995, abrufbar unter http://www.kultusministerium.hessen.de
  2. a b c Grundschulverband
  3. Hamburger Bildungsplan Grundschule Deutsch, S. 14
  4. tagesanzeiger.ch: Schreibt die Schnürlischrift ihr letztes Kapitel?, Zugriff am 30. April 2011

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