Auslöschung. Ein Zerfall

Auslöschung. Ein Zerfall ist ein Roman des österreichischen Schriftstellers Thomas Bernhard (19311989). Veröffentlicht im Jahr 1986 ist er Bernhards letztes großes Prosawerk. Außerdem ist Auslöschung Bernhards umfangreichste Veröffentlichung und nach Schwarzach St. Veit sein zweitumfangreichstes Werk überhaupt.

Der Roman besteht ausschließlich aus einem Monolog, einer Niederschrift des Protagonisten und Ich-Erzählers Franz-Josef Murau (1934–1983), der seine Gedanken anlässlich des Unfalltodes seiner Eltern und seines Bruders schildert.
Im Mittelpunkt stehen dabei die Erinnerungen Muraus an seine Jugend auf dem Familiensitz Schloss Wolfsegg in Österreich. Mit Hilfe der Niederschrift will Murau sich mit den Verhältnissen in Wolfsegg, die ihn schließlich zur Flucht nach Rom zwangen, auseinandersetzen. So sollen sein Herkunftskomplex verarbeitet und seine Erinnerungen „ausgelöscht“ werden.

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

Der knapp fünfzigjährige Österreicher Franz-Josef Murau lebt in Rom, wo er seinen Schüler Gambetti in deutschsprachiger Literatur unterrichtet. Eines Mittags erhält Murau ein Telegramm seiner beiden Schwestern Caecilia und Amalia, die ihm den Unfalltod der Eltern und seines Bruders Johannes mitteilen.

Im ersten, mit Das Telegramm betitelten Teil des Romans berichtet Murau vom Rest des Tages, den er nach Erhalt der Nachricht in seiner Wohnung in Rom verbringt. Den größten Teil dieser Beschreibungen nehmen seine Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend auf dem Familiensitz Schloss Wolfsegg in Oberösterreich ein. Konflikte mit seiner konservativen Familie und den dort herrschenden Verhältnissen hatten Murau zur Flucht ins Ausland und schließlich nach Rom gezwungen. Unterstützt wurde er dabei von seinem Onkel Georg, seinem einzigen Vertrauten innerhalb der Familie. Diese unverarbeiteten Erinnerungen brechen infolge der Nachricht vom Tod der Eltern und des Bruders aus Murau hervor. Im Kontrast dazu nehmen auch Muraus Gedanken an seinen Schüler Gambetti und seine Freundin Maria (wahrscheinlich eine Huldigung Bernhards an Ingeborg Bachmann) breiten Raum ein.
Im Gegensatz zum langen Strom der Erinnerungen schreitet die eigentliche Handlung fast nicht fort. Murau bleibt in seinem Zimmer, packt Koffer und betrachtet Fotos seiner Familie.

Der zweite Teil Das Testament erzählt Muraus Aufenthalt in Wolfsegg anlässlich der Beerdigung der Eltern und des Bruders. Nach seiner Ankunft in Wolfsegg hilft Murau seinen Schwestern bei der Vorbereitung der Beerdigung und empfängt die Trauergäste. Eine besondere Stellung nimmt dabei der elegante und gebildete Erzbischof und Vatikandiplomat Spadolini ein. Mit diesem Kleriker, der über dreißig Jahre lang ein Verhältnis mit Muraus Mutter hatte, verbindet den Erzähler eine starke Haßliebe.
Am folgenden Tag findet die Beerdigung statt, danach reist Franz-Josef Murau zurück nach Rom.

Interpretation

Die Reise nach Wolfsegg ist für Murau der Anlass, sich mit seiner großbürgerlichen Herkunft auseinanderzusetzen, wobei er in einer nicht enden wollenden Folge von überspitzten Hasstiraden alles was sich mit seiner österreichischen Herkunft verbindet, gleichsam "auszulöschen" versucht. Lediglich sein von der Familie verstoßener Onkel Georg, der wie Murau die großbürgerlichen Rollen in Frage gestellt hat, bleibt ungeschoren. Seinen Eltern wird dabei besonders die kritiklose Übernahme der bürgerlich-nationialsozialistischen Ideologie vorgeworfen, die in ihrer Intoleranz auch nach dem Krieg weiter ihr Denken bestimmt.

Fast ohne inhaltliche Differenzierung werden z. B. die österreichischen Richter, Lehrer, Mütter, die Regierungen, die verschandelten Städte, die Abgestumpftheit der Jäger usf. kritisiert und den vermeintlich wahren Idealen, so den italienischen Menschen oder den "einfachen Leuten", gegenübergestellt.

Stil

Wichtigste Stilmittel des Romans sind die für Thomas Bernhard typischen Wiederholungen und Übertreibungen der Aussagen Muraus.

Auffällig ist, dass der Roman fast ausschließlich aus Fließtext besteht, dem jegliche Strukturierung durch Kapitel, Absätze oder Einrückungen fehlt. Einzig die Untergliederung des Textes in die zwei etwa gleich umfangreichen Teile Das Telegramm (Muraus Abend in Rom) und Das Testament (Muraus Aufenthalt in Wolfsegg) gibt dem Werk eine formale Struktur.

Der Monolog ist häufig an Muraus Schüler, Gambetti gerichtet, die regelmäßige Wiederholung von Passagen wie .. habe ich zu Gambetti gesagt.., sagte ich zu Gambetti.. sowie die permanente Verwendung von klimatischen Elementen geben dem mehr als 600 Seiten umfassenden Roman seinen Rhythmus.

Literatur

Primärliteratur

  • Bernhard, Thomas: Auslöschung. Ein Zerfall. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1986, 650 Seiten + 1 nicht paginiere Seite Text (Erstausgabe), Abb. → [1].

Sekundärliteratur

  • Hoell, Joachim: Der literarische Realitätenvermittler. Die Liegenschaften in Thomas Bernhards Roman 'Auslöschung', VanBremen, Berlin 1995, ISBN 3-927050-03-1 (formal falsche ISBN)
  • Bernhard Sorg: Thomas Bernhard. C.H. Beck, München 1992, ISBN 3-406-35053-4
  • Hans Höller und Irene Heidelberger-Leonard (Hrsg.): Antiautobiografie - Zu Thomas Bernhards "Auslöschung", Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-518-38988-2

Weblinks


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