Australopithecus anamensis
Australopithecus anamensis
Zeitraum
Pliozän
4,2 bis 3,9 Mio. Jahre
Fundorte
Systematik
Teilordnung: Altweltaffen (Catarrhini)
Überfamilie: Menschenartige (Hominoidea)
Familie: Menschenaffen (Hominidae)
Tribus: Hominini
Gattung: Australopithecus
Australopithecus anamensis
Wissenschaftlicher Name
Australopithecus anamensis
Leakey, 1995

Australopithecus anamensis ist eine Art der ausgestorbenen Gattung Australopithecus. Fossilien, die dieser Art zugeordnet wurden, stammen aus rund 4 Millionen Jahre alten Fundschichten Ostafrikas.

Australopithecus anamensis gilt als die älteste Art der Australopithecinen und zugleich als die älteste unumstrittene Art der Hominini.[1] Als sehr wahrscheinlich gilt ferner, dass Australopithecus anamensis und der jüngere Australopithecus afarensis zeitlich aufeinander folgende Schwester-Arten infolge Anagenese sind.[2]

Die Bezeichnung der Gattung Australopithecus ist abgeleitet von lat. australis („südlich“) und griechisch πίθηκος, altgr. ausgesprochen píthēkos („Affe“). Das Epitheton anam bedeutet in der Turkana-Sprache „See“ und verweist auf den Fundort am Turkana-See; Australopithecus anamensis bedeutet also „südlicher Affe vom See“.

Inhaltsverzeichnis

Fundbeschreibung

Das erste Fossil − ein Oberarmknochen-Fragment − war 1994 von einem Mitarbeiter Meave Leakeys in Kanapoi (Nordkenia), in der Nähe des Turkanasees, entdeckt worden (Archivnummer KNM-KP 271). Kurz darauf wurden am gleichen Ort sowie am Nordostrand des Turkanasees – in Allia Bay – weitere Funde gemacht, darunter mehrere Unterkiefer und Oberkiefer sowie einzelne Zähne. Diese insgesamt 21 der Erstbeschreibung zugrunde liegenden Individuen wurden auf ein Alter von 4,2 bis 3,9 Millionen Jahren datiert.[3] Holotypus ist das Fossil KNM-KP 271, der vollständig bezahnte Unterkiefer eines erwachsenen Individuums.

Australopithecus anamensis unterscheidet sich deutlich vom älteren Ardipithecus ramidus, aber auch – speziell hinsichtlich des Baus der Zähne – vom jüngeren Australopithecus afarensis. Sein Schädel ähnelt dem der Schimpansen, die Zahnreihen in Unterkiefer und Oberkiefer stehen fast parallel zueinander. Seine großen Eckzähne stehen schräg zur Kaufläche, und auch die Backenzähne sind recht groß, was auf den Verzehr relativ grober pflanzlicher Nahrung schließen lässt.

Der Paläoanthropologe Friedemann Schrenk beschreibt das Erscheinungsbild so:

„Während der Schädel eher menschaffenähnlich wirkt, ist der Bau der Extremitäten nur mit Mühe von dem des modernen Menschen zu unterscheiden. Im Gegensatz zur späteren Art Australopithecus afarensis war der aufrechte Gang bei dem früheren Australopithecus anamensis offenbar schon voll entwickelt. Für diese paradoxe Situation gibt es nur zwei Erklärungsmöglichkeiten: Entweder gehören die in Kanapoi gefundenen Oberschenkelknochen nicht zu Australopithecus anamensis oder Australopithecus anamensis ist kein direkter Vorfahre von Australopithecus afarensis. Im zweiten Fall eröffnet sich die höchst spannende Aussicht, dass die ersten Angehörigen der Gattung Homo vielleicht sogar direkt auf Australopithecus anamensis zurückzuführen sind.“[4]

Ähnlich wie beim sehr viel älteren Sahelanthropus tchadensis ließen Begleitfunde der zunächst entdeckten Individuen am Turkanasee (unter anderem von fossilen Antilopen, speziell von Kudus) darauf schließen, dass Australopithecus anamensis in einem Habitat lebte, das teils aus Buschland, teils aus Savanne bestand.

Bestätigt wurden diese Befunde 2006 durch weitere 30 Fossilien, die im Verlauf mehrerer Grabungskampagnen im Afar Dreieck (Äthiopien) entdeckt und mindestens acht Individuen zugeordnet wurden, darunter der größte bisher bekannte Eckzahn und der älteste Oberschenkel-Knochen eines Australopithecus.[5] Begleitfunde dieser 4,2 bis 4,1 Millionen Jahre alten Fundstücke sprechen auch in dieser Region für ein Habitat aus Wäldern und Savannen, also für so genannte Galeriewälder; es wurden keine Fossilien gefunden, die auf offene Wasserflächen schließen lassen.

Die Fundstücke aus der Afar-Region wurden von den Forschern um Tim White dahingehend gedeutet, dass Australopithecus anamensis in Bezug auf viele anatomische Merkmale zwischen Ardipithecus ramidus und Australopithecus afarensis stehe. Die relativ großen Zähne wurden auch bei diesen Funden als eine Anpassung an relativ harte Pflanzennahrung gedeutet, wie dies von einer zumindest am Rande einer Steppenlandschaft heimischen Art zu erwarten sei.

Siehe auch

Weblinks

 Commons: Australopithecus anamensis – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Bernard Wood, Terry Harrison: The evolutionary context of the first hominins. In: Nature, Band 470, 2011, S. 347–352, doi:10.1038/nature09709
  2. William H. Kimbel et al.: Was Australopithecus anamensis ancestral to A. afarensis? A case of anagenesis in the hominin fossil record. In: Journal of Human Evolution, Band 51, Nr. 2, 2006, S. 134–152, doi:10.1016/j.jhevol.2006.02.003
  3. Meave Leakey u. a.: New four-million-year old hominid species from Kanapoi and Allia bay, Kenya. In: Nature, Band 376, 1995, S. 565–571, doi:10.1038/376565a0
  4. Friedemann Schrenk: Die Frühzeit des Menschen. Der Weg zum Homo sapiens. C.H. Beck, 1997, S. 44 f.
  5. Tim White u. a.: Asa Issie, Aramis and the origin of Australopithecus. In: Nature, Band 440, 2006, S. 883–889, doi:10.1038/nature04629; zur Übersicht: www.heise.de und science.orf.at

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