Austreiben des Teufels
Exorzismus durch den heiligen Franziskus in Arezzo, Gemälde von Giotto

Als Exorzismus (latinisiert aus griechisch ἐξορκισμός, exorkismós „das Hinausbeschwören”) wird in den Religionen die Praxis des Austreibens von Dämonen bzw. des Teufels aus Menschen, Tieren, Orten oder Dingen bezeichnet. Wenn Menschen oder Tiere als betroffen angesehen werden, spricht man von Besessenheit. Die Interpretation dieses Zustandes ist abhängig von der jeweiligen Kultur.

In der klinischen Psychologie und Psychiatrie wird das entsprechende Verhalten eines „Besessenen” als Symptom einer Psychischen Störung gewertet.

Der Exorzist tritt in eine direkte Kommunikation mit dem unerwünschten Geist oder Dämon und sucht durch dessen Beseitigung eine Reintegration des Besessenen herbeizuführen. Die äußerlich erkennbare Form des Exorzismus reicht vom intellektuellen Dialog bis zum Tanz im Trancezustand.

Inhaltsverzeichnis

Nichtchristliche Religionen

Sowohl im Hellenismus, Judentum und Islam gab es Exorzisten (zum Beispiel Magier wie Apollonios von Tyana), die in dieser Eigenschaft durchs Land zogen. Schamanistische Exorzismen sind ebenfalls gegen schädliche Geister und Dämonen gerichtet.

Christentum

Altes Testament

Im Alten Testament wird Besessenheit nicht dokumentiert.

Dämonenaustreibung durch Jesus Christus, Fastentuch im Gurker Dom aus dem Jahre 1458, geschaffen von Meister Konrad von Friesach

Neues Testament

Das Neue Testament setzt die Existenz von Dämonen voraus. Im Epheserbrief 6,12 werden sie Beherrscher dieser finsteren Welt genannt. Jesus Christus heilt bei seinem Exorzismus vornehmlich meist gleichzeitig Krankheiten, die bei den betroffenen Menschen infolge des Exorzismus auftraten. Besonders das Markusevangelium (Mk) schildert eindrücklich solche Exorzismen. Es lässt Jesu öffentliches Wirken mit einem Exorzismus (Mk 1,23-39) beginnen. „Und er zog durch ganz Galiläa, predigte in den Synagogen und trieb die Dämonen aus.” (Mk 1,39) Weiter wird berichtet, wie Jesus einem Besessenen den Dämon bzw. die Dämonen Legion austreibt (Mk 5,1-20). Auch Jesu Apostel erhalten die Macht, Dämonen auszutreiben (Mk 3,15).

Von Seiten der modernen Bibelkritik wird die Existenz von Dämonen und damit die diesbezüglichen neutestamentlichen Zeugnisse abgelehnt mit der Erklärung, dass der damaligen Zeit heutige Kenntnisse über psychische Krankheiten fehlten und solche somit irrigerweise als dämonische Besessenheiten bezeichnet worden seien (so z.B. Rudolf Bultmann: „Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben[1]). Diese Behauptung ist nicht haltbar, da das Neue Testament sauber zwischen dämonisch und nicht dämonisch bedingen Krankheiten unterscheidet: 1. An verschiedenen Stellen über die Tätigkeit Jesu (z.B. Mt 4,24 und Mk 1,34) werden Krankenheilungen und Dämonenaustreibungen nicht als Synonym verwendet sondern getrennt genannt. 2. Es finden sich viele neutestamentliche Texte über Krankheit und Krankenheilungen, denen jeglicher Bezug auf eine okkulte Belastung fehlt: So wird in Jak 5,14 für einen Krankheitsfall zu Salbung und Gebet durch die Ältesten und nicht zu einem Exorzismus aufgerufen; ein anderes Beispiel ist u.a. der Bericht über die Heilung der blutflüssigen Frau (Mt 9,20-22, Mk 5, 25-34, Lk 8,43-48), der keine dämonische Einwirkung erwähnt, sodass von einer natürlichen Krankheit auszugehen ist.

Kirchengeschichte

In der Frühzeit des Christentums war der Glaube an Dämonen und an die Notwendigkeit von Exorzismen weit verbreitet, teilweise übernommen aus heidnischer, insbesondere schamanischer Tradition und fest verwurzelt im Volksglauben. Aber auch für die Kleriker war der Dämonenglaube selbstverständlich, und so wurde das kirchliche Amt des Exorzisten speziell für diese Aufgabe geschaffen. Die meisten größeren Gemeinden hatten zumindest einen Exorzisten. Exorzismus wurde auch an abtrünnigen Christen wie der Prophetin Priscilla ausgeübt, da man die Abwendung vom christlichen Glauben als vom Teufel verursacht ansah, der so einen Menschen an der Erlangung des ewigen Heils hindern wollte.

Kirchliche Würdenträger wie Antonius, Kyrill von Jerusalem und Johannes Chrysostomos empfahlen das Kreuzzeichen als Mittel zur Austreibung von Dämonen. Auch der Kirchenvater Origenes beschrieb detailliert die Möglichkeiten der Dämonenaustreibung. Als weitere Mittel wurden und werden genannt: Vor allem der Name Jesu Christi, danach das Taufsiegel, Anblasen, Ausspucken, Räuchern (auch andere Gerüche), Erz, Eisen, Feuer, Knoblauch, Zwiebeln, Glockenläuten sowie Verzicht auf Schweinefleisch.

Noch zur Zeit der Reformation findet sich der Exorzismus in Taufformularen, in denen er der eigentlichen Taufe vorangeht. Dies verdeutlicht den Vorgang des Herrschaftswechsels durch die Taufe vom Machtbereich des Teufels in den Machtbereich Gottes (vgl. Luthers „Taufbüchlein” als Teil der Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche).

Katholische Kirche

Der Exorzismus ist noch heute Bestandteil katholischer Lehre und Liturgie. Es wird dabei der einfache Exorzismus vom Großen Exorzismus unterschieden. So beinhaltet der Taufritus einen kleinen Exorzismus, da er den Täufling von der Erbsünde und deren Anstifter, dem Teufel befreit, von dem sich der Täufling – oder dessen Paten für ihn – lossagt. Des weiteren gibt es noch den großen Exorzismus des Papstes Leo XIII. (Anrufung des Erzengels Michael, Bannspruch, Psalm 68/67, Bannspruch, Gebet). Der Vollzug des Großen Exorzismus ist einem Priester vorbehalten und bedarf der besonderen Genehmigung des Bischofs. Der Ritus ist im neu überarbeiteten Teil des Rituale Romanum De exorcismis et supplicationibus quibusdam von 1999 geregelt. Nach dem Katechismus der Katholischen Kirche (KKK) dient der Große Exorzismus dazu, „Dämonen auszutreiben oder vom Einfluss von Dämonen zu befreien, und zwar kraft der geistigen Autorität, die Jesus seiner Kirche anvertraut hat” (KKK Nr. 1673).

Von Besessenheit unterschieden werden ausdrücklich, und da sind sich alle ausnahmslos einig, die Geisteskrankheiten. Diese „zu behandeln, ist Sache der ärztlichen Heilkunde” (ebd.). Vor dem Vollzug eines Großen Exorzismus muss sich die Kirche Gewissheit verschaffen, dass wirklich eine Besessenheit vorliegt und keine Krankheit. So ist unbedingt das Urteil unabhängiger Ärzte und Psychologen einzuholen. Das aus dem Jahr 1614 stammende Ritual wurde 1999 nach 385 Jahren von der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung überarbeitet und mit strengen Auflagen versehen. [1]

Exorzismus heute

Unter Papst Benedikt XVI. und seinem Vorgänger Johannes Paul II. wurden und werden Exorzisten ausgebildet. Im Jahre 2003 wurden in Italien circa 200 Priester als Exorzisten bestellt. Im Jahr 2005 nahm erstmals eine Frau, die katholische Theologin Alexandra von Teuffenbach, an der Exorzistenausbildung teil. Papst Benedikt XVI. äußerte mittlerweile die Absicht, 3.000 neue Exorzisten ausbilden zu lassen.[2]

Ritual

Exorzismus wird nach römisch-katholischer Lesart nach einem bestimmten Schema gegliedert:

  • Bedrohung
  • Namenserfragung
  • Ausfahrwort
  • Rückkehrverbot

Andere christliche Kirchen

Die orthodoxe Kirche hat eine eigene Tradition des Exorzismus. Aufsehen erregte der Fall der 23-jährigen Nonne Maricica Cornici, die im Juni 2005 im rumänischen Kloster Tanacu im Rahmen eines exorzistischen Rituals an ein Kreuz gebunden wurde und an den Folgen starb.

In einigen wenigen evangelisch-lutherischen Kirchen wird weiterhin der sogenannte „Kleine Exorzismus” oder „Große Exorzismus” vor der Taufe gebraucht (vgl. Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche, dort: Anhänge zum Kleinen Katechismus: Taufbüchlein).

Die meisten älteren protestantischen Kirchen indes üben Exorzismus nicht oder nicht mehr aus. Wegen der fortschreitenden Erforschung von Geisteskrankheiten steht der Vollzug des Großen Exorzismus in den Großkirchen Europas eher am Rande. Anders in Afrika, wo die charismatische Bewegung Massenerweckungen auslöst, die mit weithin beachteten exorzistischen Heilungen einhergehen.

In der charismatischen Bewegung und in den Pfingstkirchen gibt es den sogenannten Befreiungsdienst, bei dem es auch um das Vertreiben von Dämonen geht, allerdings handelt es sich in vielen Fällen um relativ unspektakuläre Ursachen, hinter denen ein dämonischer Einfluss vermutet wird (Rauchen, Pornografie, Horoskope lesen), und das Verfahren besteht üblicherweise aus einem kurzen Gebet mit Handauflegen. Einzelne pfingstkirchliche Theologen leiten aus gewissen Bibelstellen auch die Existenz sogenannter „Territorialmächte” ab, die angeblich ihren Einfluss auf ein Haus, einen Ortsteil oder eine ganze Stadt geltend machen können, und praktizieren bzw. empfehlen eine Art „Freibeten” solcher Plätze oder Räume. (Sie folgen damit in einer gewissen Konsequenz einer Definition des Bösen, die auf den Kirchenvater Augustinus von Hippo zurück geht: Demzufolge ist das Böse überall dort, wo Gott und damit das personifizierte Gute gerade nicht ist, und dem versuchen sie abzuhelfen.). Eine Art Exorzismus also, die sich auf Sachen und Räume bezieht.

Allgemein

Katholische Exorzisten unterscheiden zwischen Besessenheit (bzw. Infestation oder Umsessenheit) einerseits und religiöser Hysterie und diversen Geisteskrankheiten andererseits. Der Exorzismus solle nur bei Besessenheit und deren Abstufungen zur Anwendung kommen. Es wird zugestanden, dass ein Besessener auch Anzeichen einer Geisteskrankheit zeigen kann. Da es in der Psychiatrie keinen Zustand der Besessenheit gibt, werden oft Vorwürfe erhoben, die Exorzisten behandelten religiös Hysterische und Geisteskranke und verschlechterten deren Zustand. Das Verweigern einer Heilbehandlung durch kompetente Ärzte und Therapeuten, um ein Exorzismus-Ritual durchzuführen, könne sowohl geistige als auch körperliche Schäden bewirken.

Der Vatikan bietet verstärkt Exorzismuskurse an und führte 2004 die erste internationale Exorzismuskonferenz in Mexiko durch, auf der beschlossen wurde, verstärkt gegen den Okkultismus vorzugehen. Während einer Generalaudienz auf dem Petersplatz am 15. September 2005 wandte sich Benedikt XVI. an die Teilnehmer des Nationalkongresses der italienischen Exorzisten und ermutigte sie dazu, „mit ihrem wertvollen Dienst an der Kirche fortzufahren”.

In Deutschland wird Anneliese Michel mit Exorzismus in Verbindung gebracht. Die junge Frau starb 1976 im Verlauf des kirchlich angeordneten Exorzismus an Unterernährung und Entkräftung, nachdem zuvor die ärztliche Behandlung abgebrochen worden war.

Mit Der Exorzist (1973) sowie Der Exorzismus von Emily Rose (2005) und dem auf der Berlinale 2006 preisgekrönten Requiem von Regisseur Hans-Christian Schmid (die beiden letztgenannten Filme basieren auf dem Fall der Deutschen Anneliese Michel), beschäftigten sich mehrere Spielfilme mit diesem Thema.

Quellen

  1. Rudolf Bultmann: Neues Testament und Mythologie (1941), zitiert auf http://www.bautz.de/bbkl/b/bultmann_r.shtml
  2. Spiegel Online Video: Teufelsaustreibung: Papst will 3000 neue Exorzisten einsetzen

Literatur

  • Gabriele Amorth: Ein Exorzist erzählt. Christiana-Verlag, Stein am Rhein 2001,
    ISBN 3-7171-1045-4
  • Gabriele Amorth: Neue Berichte eines Exorzisten. Christiana-Verlag, Stein am Rhein 2000,
    ISBN 3-7171-1067-5
  • Gabriele Amorth: Exorzisten und Psychiater. Christiana-Verlag, Stein am Rhein 2002,
    ISBN 3-7171-1092-6
  • Elisabeth Becker (Hrsg.): Der Exorzismus der Kirche unter Beschuss. Christiana-Verlag, Stein am Rhein 1995, ISBN 3-7171-0991-X
  • Otto Böcher, William Nagel, Walter Neidhart: Exorzismus I. Neues Testament II. Liturgiegeschichtlich III. Praktisch-theologisch. In: Theologische Realenzyklopädie 10 (1982),
    S. 747-761 (wiss. Überblick)
  • Lisl Gutwenger (Hrsg.): „Treibt Dämonen aus!”: von Blumhardt bis Rodewyk; vom Wirken katholischer und evangelischer Exorzisten. Christiana-Verlag, Stein am Rhein 1992,
    ISBN 3-7171-0956-1
  • Ulrich Niemann/Marion Wagner (Hrsg.): „Exorzismus oder Therapie? Ansätze zur Befreiung vom Bösen.” Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2005, ISBN 3-7917-1978-5
  • Georg Siegmund (Hrsg.): Von Wemding nach Klingenberg: vier weltberühmte Fälle von Exorzismen. Christiana-Verlag, Stein am Rhein 1985, ISBN 3-7171-0869-7
  • Thomas Teglaard: Was niemand wissen will, Brendow Verlag, Moers 2006, ISBN 3-86506-112-5
  • Marcus Wegner: „Exorzismus heute: Der Teufel spricht Deutsch”, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2009, ISBN 3-5790-6476-2

Weblinks


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