Austroasiatische Sprachen
Verbreitung der austroasiatischen Sprachen

Die austroasiatischen Sprachen sind eine bedeutende Sprachfamilie, deren etwa 160 Sprachen von rund 100 Millionen Menschen in Südostasien und Nordostindien gesprochen werden. Obwohl diese Sprachen in weiten Teilen Süd- und Südostasiens verbreitet sind, haben nur zwei den Status einer Nationalsprache: das Vietnamesische und das Khmer (Kambodschanisch).

„Austroasiatisch“ ist ein Kunstwort aus dem lateinischen australis (=Süden) und bedeutet „südasiatisch“.

Inhaltsverzeichnis

Verbreitungsgebiet

Das Verbreitungsgebiet der austroasiatischen Sprachen ist nicht zusammenhängend, die einzelnen Sprachen oder Sprachgruppen sind durch Regionen getrennt, in denen Sprachen anderer Sprachfamilien gesprochen werden. Es wird angenommen, dass die austroasiatischen Sprachen zu einer sehr frühen Bevölkerungsgruppe Süd- und Südostasiens gehören und dass die anderen Sprachen, die heute dort gesprochen werden, erst durch spätere Bevölkerungswanderungen in diese Region kamen. Dazu gehören indoeuropäische, Tai-Kadai- und sino-tibetische Sprachen.

Zum Verbreitungsgebiet siehe auch unter Weblinks.

Austrische Hypothese

Von einigen Linguisten ist auch die These aufgestellt worden, dass die austroasiatischen Sprachen mit den austronesischen Sprachen verwandt sind und dass sie mit diesen zusammen eine Austrische Überfamilie bilden; diese Hypothese findet allerdings heute kaum noch Anhänger.

Gliederung des Austroasiatischen

Innerhalb der austroasiatischen Sprachen werden meist zwei, manchmal auch drei Hauptzweige unterschieden: Die Mon-Khmer-Sprachen in Südostasien und die Munda-Sprachen in Ost- und Mittelindien, deren Sprecher zu den meist benachteiligten Gruppen der indischen Bevölkerung zählen. Manche Forscher betrachten die nicobaresischen Sprachen als einen dritten Hauptzweig, andere rechnen es zum Mon-Khmer. Es gibt etwa 160 austroasiatische Sprachen, wovon etwa 130 zu den Mon-Khmer-Sprachen, 20 zu den Munda-Sprachen und 6 zu den nicobaresischen Sprachen gehören.

Die bedeutendsten austroasiatischen Sprachen

Rund 95 Mio. Menschen sprechen eine austroasiatische Sprache, mit Abstand die bedeutendsten sind das Vietnamesische (70 Mio.), das Kambodschanische oder Khmer (8 Mio.) (beides sind die Nationalsprachen ihrer Länder); Santali (6 Mio.), Mundari (2 Mio.), Ho (1 Mio.), Khasi (1 Mio.), Muong (1 Mio.) und Mon (knapp 1 Mio.) erreichen bzw. überschreiten ebenfalls die Millionen-Sprecher-Grenze. Das Austroasiatische besitzt aber auch eine große Zahl kleiner und kleinster Sprachen in abgelegenen Gebieten, die kaum von mehr als 1000 Menschen gesprochen werden.

Klassifikation der austroasiatischen Sprachen

Die folgende Klassifikation zeigt die einzelnen Zweige des Austroasiatischen mit ihren jeweils bedeutendsten Sprachen:

Austroasiatisch (157 Sprachen, 95 Mio. Sprecher; Nordost-Indien, Südostasien)

  • Munda-Sprachen (19 Sprachen, 10 Mio. Sprecher; Nordost- und Mittelindien)
    • Nord-Munda-Sprachen (10 Sprachen, 9,5 Mio.) >>> Santali (6 Mio), Mundari (1 Mio.), Ho (1 Mio.), Korku (500.000).
    • Süd-Munda-Sprachen (9 Sprachen, 600.000) >>> Kharia (280.000), Sora (300.000).
  • Mon-Khmer-Sprachen (132 Sprachen, 85 Mio. Sprecher)
    • Khasi-Gruppe (3 Sprachen, 1,1 Mio. Sprecher; Nordost-Indien) >>> Khasi (1 Mio.), Pnar (100.000).
    • Palaung-Wa-Gruppe (20 Sprachen, 1,8 Mio. Sprecher; Myanmar, Südchina, Laos, Thailand) >>> Rumai (150.000), Shwe (150.000), Pale (300.000), Wa (600.000), Praok (500.000).
    • Khmu-Gruppe (14 Sprachen, 600.000; Laos, Thailand, Vietnam) >>> Khmu (500.000).
    • Khmer (1 Sprache, Kambodscha, Vietnam, Thailand (Surin) >>> Kambodschanisch (Khmer) (8 Mio., mit Zweitsprechern 10 Mio.).
    • Katu-Gruppe (16 Sprachen, ca. 1 Mio.; Laos, Thailand Vietnam) >>> Kuy-Suei (400.000), So (160.000), Bru (130.000).
    • Bahnar-Gruppe (36 Sprachen, 1 Mio.; Vietnam, Laos, Kambodscha) >>> Bahnar (140 000), Ko’ho (Sre) (100.000), Mnong (200.000).
    • Pear-Gruppe (6 Sprachen, 12.000; Kambodscha).
    • Viet-Muong-Gruppe (10 Sprachen, 71 Mio.; Vietnam, Laos) >>> Vietnamesisch (70 Mio.), Muong (1 Mio.).
    • Mon-Sprachen (2 Sprachen, 1 Mio.; Myanmar), Mon (knapp 1 Mio), Nyahkur (max. 10.000).
    • Palyu-Pakan-Gruppe (5 Sprachen, 15.000; Südchina).
    • Asli-Sprachen (19 Sprachen, 60.000; Malaiische Halbinsel) >>> Semang (10.000), Senoi (20.000).
  • Nicobaresische Sprachen (6 Sprachen, 28.000; Nikobaren) >>> Car (20.000).

Sprachen mit mindestens 1 Mio. Sprechern im Fettdruck. ">>>" verweist auf wichtige Einzelsprachen des jeweiligen Zweigs.

Merkmale

Phonologie

Die Lautsysteme der austroasiatischen Sprachen ähneln einander weitgehend. Nur Vietnamesisch (unter dem Einfluss des Chinesischen) und die Munda-Sprachen (unter dem Einfluss indischer Sprachen) haben sich beträchtlich vom Grundtyp entfernt.[1]

Silbenstruktur

Die meisten austroasiatischen Wörter bestehen aus einer Hauptsilbe, der eine oder mehrere Nebensilben vorangehen können. Eine Nebensilbe besteht aus einem Anlautkonsonanten, einem Vokal und evtl. aus einem Endkonsonanten. In den meisten Sprachen gibt es nur einen möglichen Vokal in solchen Nebensilben, in einigen Sprachen jedoch drei oder sogar silbenbildende Nasale oder Liquiden. Viele Sprachen haben Hauptsilben ohne Endkonsonant, doch keine austroasiatische Sprache hat mehr als einen Konsonanten am Silbenende.[1]

Konsonanten

Ein typisches Merkmal der Mon-Khmer Sprachen (nicht jedoch der Munda-Sprachen) sind die zahlreichen Kombinationen zweier Konsonanten am Beginn von Hauptsilben. Dies trifft besonders für Khmer zu. Das Inventar der möglichen Konsonanten am Wortende ist bedeutend kleiner, vor allem bei Sprachen, die mit Tai-Kadai- oder sinotibetischen Sprachen in Kontakt sind.[1]

Eine Reihe von Mon-Khmer-Sprachen haben die implosiven Konsonanten [ɓ] und [ɗ], die auch für das Ur-Mon-Khmer rekonstruiert werden; hauptsächlich aufgrund der Evidenz der Katu-Sprachen rekonstruiert Paul Sidwell sogar einen palatalen Implosiv [ʄ].[2] Eine Reihe aspirierter Konsonanten ([pʰ], [tʰ], [cʰ] und [kʰ]) kommen in mehreren Mon-Khmer-Sprachen vor, sind jedoch kein typisches Merkmal der Sprachfamilie.[1]

In den meisten austroasiatischen Sprachen kommen – im Gegensatz zu den meisten anderen Sprachen Asiens – auch palatale Konsonanten ([c] und [ɲ]) am Wortende vor.[1]

Vokale

Für die Mon-Khmer-Sprachen ist eine große Anzahl von Vokalen typisch (20 bis 25, bei einigen sogar mehr als 30).[1]

Töne

Die meisten austroasiatischen Sprachen sind keine Tonsprachen; eine Ausnahme ist Vietnamesisch und einige andere Sprachen im Norden, die unabhängig voneinander Töne entwickelt haben, und zwar unter dem Einfluss der benachbarten Tonsprachen (Tai-Kadai, Sinotibetisch und Miao-Yao).[1]

Grammatik

Morphologie

Die Munda-Sprachen weichen von den anderen austroasiatischen Sprachen ab, da sie eine besonders reiche Morphologie mit zahlreichen Präfixen, Infixen und Suffixen haben. Vietnamesisch ist das andere Extrem und weist kaum Morphologie auf.[1]

Außer diesen zwei Extremen weisen die austroasiatischen Sprachen zahlreiche Gemeinsamkeiten auf: Bis auf das Nikobaresische haben sie keine Suffixe; Präfixe und Infixe sind hingegen häufig. Es treten selten mehr als zwei Affixe gleichzeitig an ein Wort. Ein Affix kann jeweils zahlreiche Funktionen haben. Viele Affixe kommen nur in erstarrten Formen vor und treten nicht mehr produktiv auf. Es gibt eine besondere Klasse von Wörtern, die sich von Verben, Adjektiven und Adverbien unterscheiden. Sie können nicht verneint werden und beschreiben Geräusche, Farben, Muster, Formen und Gefühle. Manche Autoren nennen sie „Expressive“ oder „Ideophone“.[1]

Syntax

Possessiv- und Demonstrativelemente sowie Relativsätze sind Substantiven nachgestellt. In Sprachen, die Partikeln haben, handelt es sich um Präpositionen, nicht Postpositionen. Die häufigste Satzstellung ist Subjekt–Verb–Objekt. Meist gibt es keine Kopula, die dem deutschen Wort „sein“ entspricht. Ergativkonstruktionen sind häufig. Satzpartikeln, welche die Meinung, Erwartung, Respekt oder Vertrautheit sowie die Absicht des Sprechers ausdrücken, kommen häufig vor. Die Munda-Sprachen weichen auch in dieser Hinsicht von den anderen Sprachen dieser Familie ab: Sie haben grundsätzlich die Satzstellung Subjekt–Objekt–Verb, so wie die drawidischen Sprachen in Indien.[1]

Wortschatz

Vietnamesisch weist zahlreiche Lehnwörter aus dem Chinesischen auf, Mon und Khmer aus dem Sanskrit und Pali. Die isolierteren Sprachen in entlegeneren Gebieten haben den Erbwortschatz besser bewahrt, doch in vielen Fällen haben Sprachtabus – beispielsweise bei Tiernamen und Gegenständen, die Verstorbenen gehörten – zu Ersetzungen geführt.[1]

Einzelnachweise

  1. a b c d e f g h i j k Gérard Diffloth: Austroasiatic languages. In: Encyclopaedia Britannica, elektronische Version, abgerufen im Juni 2009.
  2. Paul Sidwell: Proto-Katuic phonology and the subgrouping of Mon-Khmer languages. SEAlang. Abgerufen am 2. November 2011.

Literatur

  • Paul K. Benedict: Austro-Thai Language and Culture. New Haven: HRAF Press, 1975, ISBN 0-87536-323-7 (Zur austrischen und Austro-Thai-Hypothese).
  • Robert Parkin: A Guide to Austroasiatic Speakers and Their Languages. (Oceanic Linguistics Special Publication; 23). Honolulu: University of Hawaii Press, 1991, ISBN 0-8248-1377-4.

Weblinks

 Commons: Austro-Asiatic languages – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

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