Reinhard Marx

Reinhard Marx
Reinhard Kardinal Marx (2010)
Erzbischof Reinhard Marx (2009)

Reinhard Kardinal Marx (* 21. September 1953 in Geseke) ist Erzbischof von München und Freising. Er ist der gegenwärtig jüngste Kardinal des Kardinalskollegiums.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Reinhard Marx wuchs als Sohn eines Schlossermeisters im westfälischen Geseke auf. Er legte im Jahre 1972 am Gymnasium Antonianum (dort im Bund Neudeutschland aktiv) in Geseke die Abiturprüfung ab. Er studierte anschließend an der Theologischen Fakultät Paderborn und in Paris katholische Theologie. 1979 empfing er das Sakrament der Priesterweihe durch Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt. Seiner zweijährigen Tätigkeit als Vikar in Arolsen schloss sich von 1981 bis 1989 ein Zweitstudium an der Ruhr-Universität Bochum und der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster an. 1988 wurde Marx an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum bei dem Fundamentaltheologen Hermann Josef Pottmeyer mit der Arbeit „Ist Kirche anders? − Möglichkeiten und Grenzen einer soziologischen Betrachtungsweise“ zum Dr. theol. promoviert.

1989 wurde er Direktor der Kommende in Dortmund-Brackel, des Sozialinstituts des Erzbistums Paderborn. Während seiner Tätigkeit in der Kommende war Reinhard Marx Subsidiar in der St.-Ewaldi-Gemeinde in Aplerbeck (Dortmund). Am 21. Juni 1993 verlieh ihm Papst Johannes Paul II. den Titel Kaplan Seiner Heiligkeit.[1] 1996 erfolgte die Berufung zum außerordentlichen Professor für Christliche Gesellschaftslehre an die Theologische Fakultät Paderborn.

Am 23. Juli 1996 ernannte Johannes Paul II. ihn zum Titularbischof von Petina und zum Weihbischof im Erzbistum Paderborn. Die Bischofsweihe spendete ihm Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt am 21. September desselben Jahres; Mitkonsekratoren waren die beiden Paderborner Weihbischöfe Hans Leo Drewes und Paul Consbruch. Am 20. Dezember 2001 berief ihn Papst Johannes Paul II. als Nachfolger Hermann Josef Spitals zum 102. Bischof von Trier.[2] Er wurde am 1. April 2002 in sein Amt eingeführt.

Marx ist seit 1999 Vorsitzender der Deutschen Kommission Justitia et Pax („Gerechtigkeit und Frieden“), die von der Deutschen Bischofskonferenz und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken getragen wird. In diesem Amt wurde er 2004 für weitere fünf Jahre bestätigt. Die Deutsche Bischofskonferenz wählte ihn auf der Herbst-Vollversammlung 2004 zum Vorsitzenden ihrer Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen. Seit März 2006 ist er zudem der Delegierte der Deutschen Bischofskonferenz in der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft (COMECE). Am 20. März 2009 wurde er zum Vizepräsidenten der COMECE gewählt. In Nachfolge von Anton Schlembach wurde Marx 2006 Großprior der Deutschen Statthalterei des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem.[3]

Papst Benedikt XVI. ernannte ihn am 30. November 2007 zum Erzbischof von München und Freising.[4] Er ist kraft dieses Amts zugleich Vorsitzender der Freisinger Bischofskonferenz.

Am 29. Juni 2008 empfing Marx als Metropolit der Kirchenprovinz München und Freising im Petersdom zu Rom das Pallium.

Als Nachfolger des Eichstätter Bischofs Gregor Maria Hanke wurde er am 1. Februar 2010 zum Großkanzler der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt ernannt; das Amt übernahm er im Laufe des Jahres 2010.[5]

Im feierlichen Konsistorium vom 20. November 2010 nahm ihn Papst Benedikt XVI. als Kardinalpriester mit der Titelkirche San Corbiniano in das Kardinalskollegium auf.[6]

Standpunkte

Aufgeklärte Aufklärung

Eine zentrale Größe im Denken Marx’ ist der Begriff „Freiheit[7], der sich auch in seinem Wappen wiederfindet. Marx versteht die Freiheit des Menschen von der christlichen Anthropologie her. Der Mensch als Ebenbild Gottes sei Selbststand in Relation. Dabei ist für Marx Selbststand nichts anderes als die unantastbare Würde des Menschen, über die kein anderer verfügen darf. Von Relation spricht er, weil er – dem christlichen Menschenbild folgend – Ich und Du und Wir für grundsätzlich aufeinander bezogen und für anders nicht denkbar hält. Der Mensch sei frei, weil Gott als der Schöpfer ihn anspreche und sage: Du sollst leben. Marx räumt ein, dass in der „Frühphase ihrer Artikulation (...) die Menschenrechte durch die Kirche aggressiv abgelehnt“ und als „zügellose Freiheitslehren“ zurückgewiesen wurden. Er verweist aber auch auf die Enzyklika Pacem in terris von 1963, „mit der sich die kirchliche Würdigung der Menschenrechte Bann brach.“ Den modernen Freiheitsbegriff betreffend formuliert Marx drei Positionen: 1) er wolle kein Zurück in eine alte Welt; 2) die Aufklärung beantworte nicht, was Inhalt der Freiheit sein solle. Marx fordert das Projekt einer Dialektik der Aufklärung, einer aufgeklärten Aufklärung; 3) Im Zentrum diesen Projektes müsse der Mensch und seine Würde stehen, die auch in der Welt der Wirtschaft immer wieder in Gefahr sei.

Die Rolle der Kirche dürfe dabei nicht die des Moralproduzenten sein. Sie müsse vielmehr das Evangelium verkünden, das den Menschen einen Zugang zu Gott eröffnen wolle und eine Wirklichkeit verkünde, die größer als der Mensch sei und sich trotzdem um diesen kümmere. In nahezu allen Äußerungen zu wirtschaftspolitischen oder sozialethischen Themen kommt bei Marx zum Vorschein, dass die Freiheit eines Menschen von Gott her rühre und daher unverhandelbar sei. Auch in der Wirtschaftspolitik müsse gelten: Die Ökonomie ist für den Menschen da, nicht umgekehrt.

Reinhard Marx ist Mitautor des 1997 veröffentlichten Gemeinsamen Sozialworts der Kirchen. Das Papier betont den Vorrang der Arbeit vor dem Kapital; auch wenn es die Eigenverantwortung des Einzelnen hervorhebt, wurde es damals als Kritik, so die Süddeutsche Zeitung, an der Sozialpolitik der Regierung Kohl gesehen.[8]

Gotthold Hasenhüttl

Als regional zuständiger Bischof suspendierte er im Jahre 2003 nach dem ökumenischen Kirchentag in Berlin den emeritierten Theologieprofessor Gotthold Hasenhüttl vom Priesteramt, weil dieser während des ökumenischen Kirchentages in einem ökumenischen Abendmahlsgottesdienst gegen ein unmittelbar zuvor wiederholtes päpstliches Verbot gemeinsam mit evangelischen Geistlichen Brot und Wein konsekriert hatte. Die Suspension wurde im Jahre 2004 vom Vatikan bestätigt. In demselben Jahr verweigerte Marx der Tübinger Ethikerin Regina Ammicht-Quinn die Lehrerlaubnis für die Universität Saarbrücken.[9]

Religionsausübung und Staat

In einer Rede am 13. Oktober 2009 vor dem Bayerischen Landtag in München vertritt er den Standpunkt, dass die Religionsausübung keine Privatsache sei. Die Ausübung der Religion sei eine öffentliche Angelegenheit, weil Religion zu den Grundlagen von Staat und Gesellschaft beitrüge. Die Idee einer positiven Neutralität des Staates gegenüber der Religion gehe davon aus, dass der säkulare Rechtsstaat sich nicht aus sich selbst begründen könne, sondern auf andere Sinnstifter angewiesen sei. Weltanschauliche Neutralität des Staates würde keineswegs eine Wertneutralität des Staates beinhalten.[10]

Sexualmoral

Im Jahr 2011 nahm Marx am Gesprächsforum der katholischen Kirche in Mannheim teil und nannte laut Evangelischem Pressedienst als einen Schwerpunkt für Veränderung in der katholischen Kirche den Umgang mit „gescheiterten und zerbrochenen Menschen, wozu er unter anderem Geschiedene und Homosexuelle zählte“.[11] Dafür wurde er von dem Lesben- und Schwulenverband kritisiert und zugleich zu einer Richtigstellung bzw. Entschuldigung aufgefordert, da die Aussagen "beleidigend und herabwürdigend" seien.[12] Auch die FDP forderte eine Klarstellung von Marx.[13]

Wappen des Weihbischofs in Paderborn
Wappen des Bischofs von Trier
Wappen des Erzbischofs von München und Freising im Kardinalsrang

Wahlspruch und Wappen

Als Bischof wählte Reinhard Marx den Wahlspruch Ubi spiritus domini ibi libertas („Wo der Geist des Herrn (wirkt/herrscht), dort [ist] Freiheit“) aus dem 2. Brief des Paulus an die Korinther (2 Kor 3,17 EU). Er selbst schreibt dazu: „Mit diesem Wort (...) wollte ich deutlich machen, dass Freiheit das wesentliche Thema unseres Glaubens ist. (...) In der modernen Welt wurde dem Glaube ja unterstellt, dass er mit einem Freiheitsverlust einhergeht. Aber das Gegenteil ist der Fall. Freiheit ist die Voraussetzung für Verantwortung und Liebe. (...)“ )[14]

Weihbischof in Paderborn

Blasonierung des Schildes: Geviert, 1 in rot ein goldenes Kreuz das Bistumswappen von Paderborn, 2 Doppeladler auf einem Kreuz erinnert an die St.-Klemens-Komende in Dortmund, ursprünglich eine Niederlassung des Deutschen Ordens, jetzt Sozialinstitut des Erzbistums Paderborn, dessen Direktor Reinhard Marx seit 1989 war. 3 aus dem Stadtwappen von Arolsen, dort hatte er seine erste Vikarstelle, 4 weißes Kreuz auf blauem Grund, das Wappen seiner Heimatstadt Geseke.

Bischof von Trier

Blasonierung des Schildes: Großes Wappen, rotes Kreuz auf weißem Grund, das Bistumswappen von Trier. Kleines Wappen aufgesetzt, auf blauem Grund ein hersehender geflügelter goldener Löwe mit vollbärtigem Menschenkopf, eine aufgeschlagene Bibel, darin die griechischen Buchstaben Alpha und Omega, in der Vordertatze haltend.

Erzbischof von München und Freising

Blasonierung des Schildes: Geviert, 1 und 3 in Gold ein rotlippiger Mohrenkopf mit roter Krone, Spitzenkragen und Ohrring, 2 und 4 in Rot ein hersehender geflügelter goldener Löwe mit vollbärtigem Menschenkopf, eine aufgeschlagene Bibel, darin die griechischen Buchstaben Alpha und Omega, in der Vordertatze haltend.

Das Wappen zeigt den Freisinger Mohr (traditionell im Wappen der Münchner Erzbischöfe) sowie eine Variante des Symbols des Hl. Markus (Flügellöwe und aufgeschlagener Bibel), das auf die ursprüngliche Bedeutung des Namens Marx (‚Marks‘ oder ‚Marx‘ aus ‚Markus‘ kontrahiert, siehe Marksburg = Markusburg) hindeutet.

Mitgliedschaften

Ehrungen

Werke

  • Ist Kirche anders? Abhandlungen zur Sozialethik. Paderborn 1990.
  • Ihr seid der Brief Christi. Priestersein im Zeugnis von Therese von Lisieux, Johannes XXIII. und Romano Guardini. Paderborn 1999 (Gemeinsam mit Peter Schallenberg).
  • Christliche Sozialethik : Konturen - Prinzipien - Handlungsfelder. Paderborn 2002 (Gemeinsam mit Helge Wulsdorf).
  • Wir haben Christi Sinn. Heilige als Vorbilder priesterlicher Spiritualität. Paderborn 2002 (Gemeinsam mit Peter Schallenberg).
  • Gerechtigkeit ist möglich. Zwischenrufe zur Lage des Sozialstaats. Freiburg 2004 (Gemeinsam mit Bernhard Nacke).
  • Gerechtigkeit vor Gottes Angesicht. Worte, die weiterführen. Freiburg 2006.
  • Das Kapital. Eine Streitschrift. Unter Mitarbeit von Arnd Küppers. München 2008.

Literatur

  • Philipp Gessler: Ein frommer Bub will nach oben. Der Erzbischof von München, Reinhard Marx, ist von Papst Benedikt XVI. zum Kardinal ernannt worden. In: die tageszeitung, Ausgabe West, 21. Oktober 2010, S. 13.
  • Bruno Sonnen, Eugen Reiter (Hrsg.): Reinhard Marx - Bischof von Trier. Paulinus Verlag, Trier 2003, ISBN 3790219533.
  • Joachim Starbatty: Marx auf menschliche Weise. Ein Erzbischof liefert einen Gesellschaftsentwurf. In: FAZ Nr. 86, 14. April 2009, S. 10.
  • Armin Wouters (Hrsg.): Wir gehören zusammen. Der neue Erzbischof Reinhard Marx und das Erzbistum München und Freising. Verlag Sankt Michaelsbund, München 2008, ISBN 978-3-939905-17-2.

Einzelnachweise

  1. Annuario Pontificio per l’anno 1996, Città del Vaticano 1996, S. 2273.
  2. Die Bischöfe von Trier von den Anfängen bis heute. Veröffentlichung vom Dom-Information - Besucherzentrum des Trierer Doms, abgerufen am 26. Mai 2011
  3. „Bischof Marx neuer Großprior des Ritterordens vom Heiligen Grab“, 11. Oktober 2006
  4. Amtseinführung von Erzbischof Marx Katholisch.de vom 2. Februar 2008
  5. „Marx wird Großkanzler der Uni Eichstätt“, Radio Vatikan, 1. Februar 2010
  6. Concistoro Ordinario Pubblico per la Creazione di ventiquattro nuovi Cardinali (Continuazione), in: Presseamt des Heiligen Stuhls: Tägliches Bulletin vom 20. November 2010.
  7. Reinhard Marx, Das Kapital, S. 33ff.
  8. Matthias Drobinski: Ein Bischof mit viel Kapital, in: Süddeutsche Zeitung vom 29. November 2007.
  9. Universität Saarbrücken: Die Kirche und die Freiheit der Wissenschaft - Bischof Marx verweigert die Berufung zum Professor Dezember 2003
  10. Bayerischer Landtag: Religionsausübung ist keine Privatsache - Vortrag von Erzbischof Marx im Bayerischen Landtag über Kirche und Staat 13. Oktober 2009
  11. Kardinal Marx: Experiment des Dialogforums ist gelungen. In: Evangelischer Pressedienst. Abgerufen am 11. Juli 2011.
  12. Kardinal Marx: Homosexuelle sind "gescheiterte Menschen". In: Queer.de, 11. Juli 2011. Abgerufen am 16. Juli 2011.
  13. Münchner Kardinal Marx wegen Äußerungen über Homosexuelle und Geschiedene in der Kritik. In: Deutschlandradio, 11. Juli 2011. Abgerufen am 16. Juli 2011.
  14. vgl. Wahlspruch von Erzbischof Reinhard Marx
  15. Vatican-History, Kirchengeschichte , Ernennungen, abgerufen 26. Mai 2011.
  16. Vatikan: Neue Kurienmitglieder. Veröffentlichung von Radio Vatican, 29. Dezember 2010
  17. Beitrittserklärung August 2010
  18. KV-Jahrbuch 2010 S. 503

Weblinks

 Commons: Reinhard Marx – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien


Vorgänger Amt Nachfolger
Friedrich Kardinal Wetter Erzbischof von München und Freising
seit 2008
Hermann Josef Spital Bischof von Trier
2002–2008
Stephan Ackermann


Vorgänger Amt Nachfolger
Anton Schlembach Croix de l Ordre du Saint-Sepulcre.svg Großprior der Deutschen Statthalterei des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem
seit 2006
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