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Religiöse Sozialisten

Religiöse Sozialisten

Als Religiösen Sozialismus bezeichnet man das Engagement von Angehörigen einer Religion für einen Sozialismus als angestrebte Gesellschaftsordnung. Eine Bewegung dieses Namens entstand um 1900 mit der erstarkenden Arbeiterbewegung in Mitteleuropa im Christentum, zum Teil auch im Judentum. Seit dem Ersten Weltkrieg waren immer mehr Christen und Juden davon überzeugt, dass dauerhafter Frieden entsprechend der Tora und dem Evangelium nur verwirklicht werden könne, indem der auf Egoismus, Konkurrenz und Ausbeutung gegründete Kapitalismus überwunden werde.

Inhaltsverzeichnis

Begriff

Der Begriff Religiöser Sozialismus und die Selbstbezeichnung Religiöse Sozialisten wurde zuerst 1906 von den beiden Schweizer evangelischen Theologen Hermann Kutter und Leonhard Ragaz geprägt, um sich von nichtreligiösen Sozialisten und antisozialistischen Christen abzugrenzen. Den Begriff „religiös“ wählten sie, um die Bewegung nicht von einer bestimmten Konfession abhängig zu machen. Katholiken, Protestanten und Juden sollten hier neben- und miteinander Aufnahme finden.

Nach 1918 übernahmen verschiedene christliche deutsche Gruppen den Begriff für anfangs sehr unterschiedliche Ziele. Sie vereinten sich seit 1926 zum Bund der religiösen Sozialisten Deutschlands, der als evangelische Kirchenpartei auftrat und die damalige nationalistische, militaristische und demokratiefeindliche Mehrheit in den evangelischen Kirchen der Weimarer Republik verändern wollte.

Die Verbindung von Religion mit Sozialismus hat seit dem Aufkommen dieser Bewegung zu vielen Missverständnissen geführt. Gemeint war jedoch meist die bewusste Entscheidung von Menschen aus unterschiedlichen Glaubensrichtungen für das politische Ziel einer sozialistischen Gesellschaftsordnung. Ragaz erklärte den Begriff 1926 daher so:

„Der religiöse Sozialismus ist ein Verständnis des ganzen Christentums, das dessen sozialen Sinn ins Licht stellt [und] … ein Verständnis des ganzen Sozialismus, das dessen religiösen Sinn ins Licht stellt.“

Nicht gemeint war also:

  • eine besondere Art Sozialismus
  • eine besondere Art Religion
  • die Gleichsetzung des im Glauben erwarteten Reiches Gottes mit der sozialistischen Zukunftsgesellschaft
  • die Herbeiführung dieses Gottesreichs durch menschliches Tun.

Der „Glaube“ ist dennoch gegenüber dem politischen Ziel nicht beliebig, sondern speist sich aus den sozialkritischen und revolutionären Traditionen innerhalb der jeweils eigenen Religion. Der Glaube an eine transzendente Realität, das kommende „Reich Gottes“, motiviert die Teilnahme am diesseitigen Kampf für eine Gesellschaft, die „die freie Entfaltung Aller zur Bedingung für die Freiheit des Einzelnen“ machen will (Kommunistisches Manifest 1848). Damit grenzen religiöse Sozialisten sich auch gegen einen „christlichen Sozialismus“ ab, wie ihn die CDU unter Jakob Kaiser in ihrem Ahlener Programm von 1947 vertrat. So heißt es im Programm des deutschen Bundes der religiösen Sozialisten von 1996:

Jesus von Nazaret hat das Reich Gottes für diese Erde verkündet. Darum treten Religiöse SozialistInnen für eine Gesellschaft ein, in der alle Menschen gerechte und gleiche Lebensbedingungen antreffen. Wir tun das als Teil der ökumenischen Christenheit, verbunden mit dem Erbe der Arbeiterbewegung und solidarisch mit den Befreiungsbewegungen Lateinamerikas und Schwarzafrikas.“

Im neuesten Programm heißt es:

„Die Verwirklichung des Liebesgebotes und die Befreiung des Menschen durch Jesus lässt uns nach sozialistischen Konzeptionen suchen, in denen die gegenseitige geschwisterliche Hilfe und die Möglichkeit und die Selbstentfaltung des einzelnen Menschen – als Bedingung der Selbstentfaltung aller – Leitlinien sind.“

Wurzeln

Politisches Engagement für eine gerechte Gesellschaft und Völkergemeinschaft, die heute Sozialismus genannt wird, war in der Glaubensperspektive von Judentum und Christentum von Beginn an angelegt. Die sozialkritischen, auf Besitzverteilung und Gemeineigentum zielenden Traditionen in der Bibel waren lange Zeit von der christlichen Theologie fast völlig verdrängt worden und wurden erst um 1900 etwa durch Arbeiten des Alttestamentlers Albrecht Alt oder des Neutestamentlers Albert Schweitzer neu entdeckt.

Hebräische Bibel

Die beherrschende Produktionsweise der Antike war die Sklavenhaltergesellschaft, die meist religiös begründet wurde. Ausnahme war im Vorderen Orient nur der Stämmebund der Zwölf Stämme Israels. Schon die ältesten Gesetzestexte der Bibel enthalten die Forderung, das Land regelmäßig so umzuverteilen, dass jeder Bauer sein Auskommen findet (Lev 25 EU). Die Begründung lautet (V. 23):

„Darum sollt ihr das Land nicht verkaufen für immer. Denn das Land ist mein, und ihr seid Fremdlinge und Gäste bei mir.“

Die Israeliten sahen das „gelobte Land“ also als Geschenk JHWHs, der sich Israel als Befreier aus der Sklaverei bekannt gemacht hatte (Ex 3,7 EU). Daher könne man es eigentlich nicht besitzen und verkaufen. Weil alle Erbgüter bloß von Gott „gepachtet“ seien, seien menschliche Besitz- und Herrschaftsprivilegien nicht ewig, sondern veränderbar. Die vermeintlichen Herren seien selber nur „Gäste“ und „Fremde“ wie die, die aktuell besitzlos und von ihnen abhängig waren. Daraus leitet die Tora die regelmäßige gerechte Umverteilung des Bodenbesitzes ab. Die geforderte Gleichstellung der Landbewohner sollte den verarmten, in Schuldenabhängigkeit geratenen Landlosen eine Zukunftsperspektive eröffnen und die Enteignung der Sklavenbesitzer anbahnen.

Nachdem Israel und Juda um 1000 v. Chr. Monarchien geworden waren, geriet dieses Recht in Vergessenheit. Der Königshof eignete sich frei gewordenes Erbland an oder erzwang dessen Verkauf durch hohe Abgaben. Dagegen traten seit etwa 900 v. Chr. Propheten auf, die die Herrscher an das Gottesrecht der Besitzlosen erinnerten (1_Kön 21 EU; Am 2 EU). Dieses setzte sich jedoch historisch in Israel nicht als Gesetz durch. In der exilischen Heilsprophetie nach 722 v. Chr. wird die gerechte Umverteilung und Überwindung der sozialen Gegensätze daraufhin fester Bestandteil der endzeitlichen Zukunftshoffnung (Jes 65,21f EU):

„Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen. Sie sollen nicht bauen, was ein anderer bewohne, und nicht pflanzen, was ein anderer esse.“

Diese Utopie einer gerechten Sozialordnung ohne Ausbeutung, in der alle gemeinsam leben und arbeiten und sich die Früchte ihrer Arbeit aneignen, ging einher mit einer scharfen Sozialkritik an der Gegenwart (Am 5,11f EU):

„Darum, weil ihr die Armen unterdrückt und nehmt von ihnen hohe Abgaben an Korn, so sollt ihr in den Häusern nicht wohnen, die ihr von Quadersteinen gebaut habt. Denn ich kenne eure Freveltaten, die so viel sind, und eure Sünden, die so groß sind, weil ihr die Gerechten bedrängt und Bestechungsgeld nehmt und die Armen im Tor [, wo Recht gesprochen wurde,] unterdrückt.“

Die Verheißung einer gerechten Zukunft für die aktuell Unterdrückten und Bedrängten wird hier zur scharfen Anklage gegen die Unterdrücker; außenpolitische Niederlagen werden als zwangsläufige Folge innenpolitischer Korruption des Rechts durch die Besitzenden gedeutet. Die erhoffte Zukunft bildete also einen kritischen Kontrast zur Realitätserfahrung und gegen ungerechte Politik gerichteten Maßstab, der sich in der jüdischen Religionsgeschichte immer wieder Geltung verschaffte.

Neues Testament

Jesus von Nazaret bezog sich in seinem ersten Auftritt nach dem Lukasevangelium genau auf das alte Gottesrecht des regelmäßigen Jubeljahres (Lk 4,18ff EU). Um zu seinen Nachfolgern zu gehören, war für Arme der Verzicht auf materielle Absicherungen (Mt 10,9ff EU), für Reiche das Aufgeben allen Besitzes zugunsten der Armen Vorbedingung (Mk 10,21 EU).

Die Apostelgeschichte stellt die Urchristliche Gütergemeinschaft der Jerusalemer Urgemeinde als beispielhaftes Abbild des kommenden, alle Besitzverhältnisse umwälzenden Reiches Gottes dar (Apg 2,44 EU):

„Alle, die gläubig geworden waren, waren beieinander und besaßen alle Dinge gemeinsam.“

Später wurde dies abgemildert zu der Einladung, zumindest die Hälfte den Armen abzugeben und Raubgut vierfach zu erstatten (Lk 19,8 EU).

Mittelalterliche Armuts- und Ketzerbewegungen

Damit die Kirche zur alleinherrschenden Staatsreligion des Römischen Reiches aufsteigen konnte (380), mussten die radikalen Forderungen der Bergpredigt Jesu und der biblischen Propheten verdrängt oder umgedeutet werden. Während die kirchlichen Amtsträger durch Adelsprivilegien eng mit politischen Herrschaftssystemen verbunden waren, knüpften verschiedene Minderheiten im Lauf der Christentumsgeschichte Europas an das Ideal der Urgemeinde an. Von den Päpsten als Ketzer verfolgte Gruppen strebten nicht nur Glaubensfreiheit, sondern auch Kirchenreformen an, die zugleich eine Gesellschaftsveränderung zu Gunsten der Besitz- und Rechtlosen ermöglichen und beginnen sollten.

Einer der Ersten, die Besitzverzicht für Kirchenbeamte forderten und vorlebten, war Franz von Assisi. Die Päpste erlaubten seinen Anhängern eine Ordensgründung. Manche Franziskaner praktizierten Gemeineigentum als freiwillige Armut in Klöstern in Distanz zur kirchlichen und sozialen Normalität, andere dagegen – etwa die Minoriten – wollten die Kirche insgesamt reformieren und damit die Mehrheitssituation tendenziell verändern.

Im Hochmittelalter verschärften sich die sozialen Gegensätze und Belastungen der Leibeigenen. Es kam zu Bauernkriegen und Revolten. In diesem Kontext tauchte die Idee des Gemeineigentums in verschiedenen Zusammenhängen wieder auf:

  • Die „Armen von Lyon“ um Petrus Valdes gaben ihren Besitz auf wandten sich anderen Armen zu. Sie bilden heute als Waldenser eine der „Friedenskirchen“, die die Forderungen der Bergpredigt als Pazifisten in ihrem Bereich zu verwirklichen suchen.
  • Jan Hus in Prag und die tschechischen Taboriten setzten sich von der päpstlich-kaiserlichen Zentralmacht ab und gründeten eine Kommune mit Bezug auf Apg 2.
  • Hans Böhm stand im Kontext einer Wallfahrerbewegung, die gegen die ständische Ordnung gerichtet war und Kirchen- und Sozialreformen gegen den korrupten katholischen Klerus und die weltlichen Fürsten verlangte.
  • Nikolaus Storch (Zwickau) und Thomas Müntzer (Allstedt) versuchten in Thüringen und Sachsen radikaldemokratische Stadtverfassungen durchzusetzen. Müntzer schloss sich dann den von Süddeutschland ausgehenden Bauernaufständen an.
  • Jakob Hutter begründete 1533 in Tirol eine Wiedertäuferkommune und die bis heute existierende Gemeinschaft der Hutterer.
  • Gerrard Winstanley baute im Kontext des englischen Bürgerkriegs 1649 eine Landkommune in Wales auf. Damit verband er die Enteignung aller Adeligen als konkrete Zukunftsvision.
  • Mennoniten, eine Freikirche, die aus der Täuferbewegung entstand, nahm auch Gruppen auf, die in England als „Levellers“ (Ausgleicher, Einebner) bekannt wurden.

Keiner dieser oder ähnlicher Reformanläufe konnte sich lange halten. Sie scheiterten meist an den Machtverhältnissen oder inneren Unstimmigkeiten. Gesellschaftsveränderung in Richtung soziale Gerechtigkeit war im christlichen Mittelalter nur möglich, wenn ökonomische Bedingungen und Berufung auf biblische Tradition zusammenwirken konnten. Dies geschah in größeren Umfang erst mit der Reformation.

Deutschsprachiger Raum

19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert verschärften sich mit der Industrialisierung die sozialen Gegensätze und ein Proletariat entstand in vielen europäischen Staaten. Nach großen Teilen des Bürgertums im 18. Jahrhunderts wandten sich die meisten Arbeiter ebenfalls von Christentum und Kirche ab, da sie diese mit den herrschenden Klassen verbunden sahen, und versuchten ihre Ziele zunehmend wissenschaftlich und rational zu begründen. Daraufhin wuchs mit der in Gewerkschaften und Linksparteien organisierten Arbeiterbewegung eine neue soziale Kraft heran, die Gesellschaftsveränderung teilweise ihrerseits aktiv verfolgte.

Nun begannen auch einige jüdische und christliche Theologen, sich mit der „sozialen Frage“ auseinanderzusetzen. Eine erste Reaktion darauf war der Pietismus, der neben der persönlichen Glaubensentscheidung des Einzelnen auch die soziale Verantwortung der Gemeinschaft betonte, so dass dessen Hauptvertreter die Diakonie begründeten.

Wilhelm Weitling vertrat um 1848 einen utopischen Sozialismus aus christlichen Motiven, gegen den sich dann besonders Karl Marx abgrenzte. Für diesen war Religion ein irrationales „Opium des Volkes“, das einerseits die Sehnsucht auf Erlösung vom Elend und den Protest dagegen ausdrückte, andererseits die reale Emanzipation des Proletariats verhinderte, weil sie die Massen nur vertröste und ihnen die Ursachen ihres Leides verschleiere. Er sah das Christentum seiner Zeit als bürgerlichen Idealismus, der mit der Umwälzung der Verhältnisse von allein allmählich verschwinden werde.

Diese Sicht prägte auch die deutsche Sozialdemokratie im Kaiserreich, die sich 1863 mit dem ADAV zu organisieren begann. Bis 1918 und darüber hinaus wurden die Christen und die Kirchen dort durchweg als wesentliche Stütze der Monarchie und des Kapitalismus erlebt und abgelehnt. Umgekehrt war es auch im deutschsprachigen Protestantismus und Katholizismus nahezu einhelliger Konsens, dass die „gottlose“, „materialistische“ Sozialdemokratie völlig unvereinbar mit dem Christentum sei.

Dennoch konnten manche Christen Elemente der Marxschen Religionskritik und Gesellschaftsanalyse positiv aufgreifen und als Anstoß zu stärkerem Engagement in Teile des christlich geprägten Bürgertums hineintragen. Sie begründeten ihre politische Entscheidung für einen Sozialismus aus ihrem Glauben und der Bibel heraus. Doch nur ganz wenige Außenseiter unter den Christen entschieden sich, in der SPD Mitglied zu werden. Sie verloren dadurch jeglichen Rückhalt in ihren Kirchen. Nachdem der Württemberger evangelische Pastor Theodor von Wächter 1891 kurz nach der Aufhebung der Sozialistengesetze in die SPD eintrat, entzog die Kirchenbehörde ihm 1893 die Predigterlaubnis. Daraufhin gründete er eine Sozial-Christliche Vereinigung mit gemäßigten Zielen.

Ähnlich wie ihm erging es seinem wortgewaltigen Kollegen Christoph Blumhardt. Dieser sah die sozialistische Bewegung als Zeichen für die Nähe des Reiches Gottes auf Erden und trat nach öffentlicher Anfeindung 1899 bewusst in die SPD ein. Er gründete nach seiner Dienstentlassung eine Stiftung in Bad Boll, die spätere religiöse Sozialisten stark beeinflusste. Daher gilt Blumhardt als Stifter dieser Bewegung.

Schweiz

Blumhardt beeinflusste die Schweizer Theologen Hermann Kutter und Leonhard Ragaz entscheidend. Beide fassten die unaufhaltsam wachsende Sozialdemokratie als Zeichen für das kommende Reich Gottes auf. Dieses bedeute das radikale Gericht über die herrschende, von Kirche und Christentum geprägte Kultur. Diese berufe sich nur dazu auf Gott, um jegliche wirkliche Gerechtigkeit auf Erden abzublocken. Sozialismus wurde also als Folge des Handelns Gottes oder als Verwirklichung seines Willens auf Erden aufgefasst.

In seiner Schrift Sie müssen! (1903) bezeichnete Kutter die Sozialdemokraten als „Werkzeuge des lebendigen Gottes“ und „Künder der göttlichen Wahrheit“. Die stagnierende Gegenwart müsse unweigerlich einer neuen, besseren Zukunft weichen. Diese leidenschaftliche Anklage gegen die Kirche zugunsten der Sozialdemokratie löste heftige innerkirchliche Debatten aus und wurde als Zäsur begriffen. Ob Christen nun der SPD beitreten müssten, hatte Kutter offengelassen; er sah es nicht als ihre Aufgabe an, die Sozialdemokraten zu Gott zu bekehren und aktiv bei ihnen mitzuwirken. Stattdessen sollten sie sich dem Gericht Gottes beugen und passiv auf sein weiteres Handeln in der Geschichte warten.

Ragaz, der Kutters Schrift verbreitete, wollte dagegen Christen und Sozialisten zu gemeinsamer politischer Aktivität dauerhaft verbinden. Nur in dieser Verbindung werde es eine echte religiöse Erneuerung geben:

„Religiöses und soziales Suchen – beide vielfach getrennt fließend und zueinander hinstrebend – das dürfte … die umfassendste und einfachste Bezeichnung unserer religiösen Lage und Aufgabe sein.“

Für diese Suche nach einer Synthese gab er ab 1906 mit Benedikt Hartmann (1873–1955) und Rudolf Liechtenhan (1875–1947) die Zeitschrift Neue Wege. Blätter für die religiöse Arbeit heraus. Sie sollte den bestehenden kirchlichen Gruppen keine neue hinzufügen, sondern für sie alle ein Diskussionsforum bieten. Dazu organisierte Ragaz auch die erste Religiös-Soziale Zusammenkunft am 17. und 18. April 1907 in Zürich.[1] Darauf folgte die jährliche Religiös-Soziale Konferenz für Christen aller kirchenpolitischen Lager. Im Januar 1909 riefen Kutter, Ragaz, Liechtenhan und Oskar Pfister (1873–1956) alle Christen auf, sich zu sammeln:[2]

„… die mit uns eine prinzipielle Umgestaltung unserer Wirtschaftsordnung als eine religiöse und sittliche Pflicht empfinden und die soziale Bewegung unserer Tage als ein Mittel zur Verwirklichung des Reiches Gottes freudig begrüßen.“

1911 initiierte Liechtenhan einen Verein der Freunde der religiös-sozialen Konferenz, der bewusst programmatische Festlegungen vermied und sich nicht als Kirchenpartei sah.

Doch Ragaz wollte die Gruppe immer stärker an der revolutionären Gesellschaftsveränderung beteiligen. Er trat 1913 in die SPD ein; dies war der Bruch mit Kutter, der nie einer Partei angehörte. Ragaz verstand seinen Schritt als grundsätzliche Solidarisierung mit dem Proletariat, nicht als Zustimmung zu einem bestimmten Programm. Sozialismus war für ihn die „Gemeinschaftspflicht“ in allen Lebensbereichen, die weit über Parteipolitik hinausgehe. So vertrat er gegen die SPD-Mehrheit nach 1914 den Pazifismus. Seine Versuche, bei deutschen liberalen Christen um Martin Rade Anhänger zu finden, scheiterten, da diese meist den Krieg bejahten.

Prominentester Schüler aller drei Vorläufer wurde der Schweizer reformierte Theologe Karl Barth. Er brach mit seinen deutschen Lehrern, nachdem diese im August 1914 mit großer Mehrheit für den Krieg eingetreten waren, trat 1915 in die SPD ein und begrüßte die Versuche Lenins, mit den „Zimmerwalder Konferenzen“ eine neue Internationale gegen den Krieg zu gründen. 1919 löste er mit seinem berühmten Kommentar zum Römerbrief eine theologische „Revolution“ aus. Dabei trennte er Theologie und politische Ideologie streng voneinander, um gerade so ein neues positives Verhältnis von Kirche und Arbeiterbewegung anzubahnen. Seit seinem Tambacher Vortrag betonte er aber, dass Glaube und Politik nicht zu vermischen seien. Jede direkte Verbindung von Gottes Offenbarung und einer politischen Ideologie sei ein unzulässiger Missbrauch des Evangeliums. Dieses fordere aber eine rationale Entscheidung für eine gerechte Zukunftsgesellschaft, die Gottes Reich entspreche, nicht aber beanspruche, dieses zu verwirklichen.

Weimarer Republik

Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden in Deutschland verschiedene Gruppen von Christen und Juden mit sozialistischen Zielen: So spaltete sich von der Neuapostolischen Kirche die Gruppe Apostelamt Juda ab, um eine nichtmarxistische „Gemeinschaft des göttlichen Sozialismus“ zu bilden.

Aus christlich-sozialistischen Impuls gründeten die katholischen Geistlichen Magnus Jocham, Josef Kral und Franziskus Maria Stratmann 1919 den pazifistischen Friedensbund Deutscher Katholiken. In diesem Umfeld entstand 1920 auch die Christlich-Soziale Partei Bayerns, aus der 1925 die Christlich-Soziale Reichspartei hervorging. Diese war eine Linksabspaltung der katholischen Zentrumspartei, näherte sich der KPD an und benannte sich daher 1931 in Arbeiter- und Bauernpartei Deutschlands (Christlich-radikale Volksfront) um.

Ende 1919 entstanden in Berlin, Anfang 1920 in Köln und bald in vielen anderen Städten religiös-sozialistische Gruppen, darunter der Bund sozialistischer Kirchenfreunde unter Günther Dehn. Er schloss sich bald mit dem Bund Neue Kirche zu einer religiös-sozialen Vereinigung zusammen. Georg Wünsch (1887–1964) formulierte damals einen Programmentwurf: Die Novemberrevolution habe die Kirche zu ihrer eigentlichen Bestimmung befreit. Sie könne nun „die Sache der Unterdrückten zu der ihrigen“ machen. Christi Geist zwinge sie, allem Nationalismus zu widerstehen und für internationale Völkerversöhnung zu arbeiten, um eine in Christus geeinte Menschheit zu erreichen. Welche Gesellschaftsform diese haben solle, blieb offen.

Der Quäker Emil Fuchs (1874–1971) schlug vor, die Volkskirche solle sich in der Krisensituation nach der Republikgründung zur Bekenntniskirche wandeln und zur Einigung des Volkes in „brüderlicher Liebe“ bekennen. Wünsch hielt dies für unrealistisch. Auf Initiative des Pforzheimers Erwin Eckert (1893–1972) gründete sich dennoch 1926 der Bund der religiösen Sozialisten Deutschlands (BRSD). Er hatte bis 1933 über 20.000 Mitglieder in 17 Landesverbänden mit vielen Ortsgruppen, eingeteilt in vier Regionen. Eckert leitete den Südkreis, Fuchs den Mittelkreis, Georg Fritze (1874–1939) den Westkreis, Paul Piechowski (1892–1966) den Nordkreis und Günther Dehn (1882–1970) Berlin. Gesamtleiter bis 1931 war Eckert, danach bis 1933 Bernhard Göring (1897–1949). Einige Mitglieder standen dem Neuwerkkreis nahe, der 1923 aus der Jugendbewegung hervorging und Genossenschaften als Wohn- und Bildungseinheiten anstrebte; es kam jedoch zu keiner Einigung. 1929 schloss der Bund sich mit der Gruppe katholischer Sozialisten zusammen; auch jüdische Sozialisten gehörten dazu.

Der BRSD trat bei Kirchenwahlen in allen Landeskirchen an und forderte u.a. strikte Trennung von Kirche und Staat, Senkung der Kirchensteuer, kirchliche Aufrufe gegen die Arbeitslosigkeit, gegen Militärgottesdienste und gegen einen Trauertag zum Gedenken an den Vertrag von Versailles. Seine Kandidaten erhielten jedoch selten mehr als 10 Prozent der Stimmen.

Eckert trat öffentlich für Antimilitarismus und für die Sowjetunion ein und erhielt deshalb mehrere kirchliche Disziplinarverfahren. Nachdem die SPD ihn 1931 ausschloss, trat er der KPD bei und wurde daraufhin als Leiter des Bundes abgesetzt. Die Nationalsozialisten nahmen ihn 1933 in Schutzhaft und verurteilten ihn 1936 zu drei Jahren Zuchthaus. Nach 1945 hatte er in der KPD-West, später der DKP Leitungsfunktionen in Baden und blieb bis zu seinem Tod dort Mitglied.

Nicht alle Christen, die Sozialismus anstrebten, waren zugleich im BRSD organisiert, bejahten und unterstützten aber wie Karl Barth dessen Ziele. Neben dem BRSD existierten kleinere vorwiegend akademische Gruppen wie der Tillich-Kreis um den Theologen Paul Tillich, der im Sozialismus eine zeitgeschichtliche Gestalt des „Kairos“, der innergeschichtlichen Offenbarung Gottes, fand.

Zeit des Nationalsozialismus

Von Anfang an warnten die Mitglieder des BRSD immer wieder vor der Gefahr durch Nationalismus und Antisemitismus. Sie gehörten auch zu den ersten, die gegen die neu gegründete Partei der Deutschen Christen in der Evangelischen Kirche mit einem Massenflugblatt protestierten:[3]

„Sie werden vom Evangelium reden, aber sie meinen damit ihr eigenes Evangelium des Rassehochmutes, der brutalen Vergewaltigung jeder anderen Meinung, der Verherrlichung des Kriegsgeistes und der militärischen Aufrüstung. Sie haben das Kreuz Christi verzerrt zum Hakenkreuz … So streckt Hitler seine Hände nach der evangelischen Kirche aus wie nach einer sicheren Beute und fühlt sich schon jetzt als der zukünftige Herr der Kirche.“

Daher gehörten sie 1933 zu den ersten von den Nationalsozialisten Verfolgten. Die Pfarrer Karl Kleinschmidt (1902–1978), Ernst Lehmann (1861–1948) Arthur Rackwitz (1895–1980) und der Pazifist Hans Karl August Francke (1864–1938) wurden ab 6. März 1933 Monate lang inhaftiert. Franckes Bericht darüber zirkulierte in den Berliner Gemeinden; als dies den Behörden bekannt wurde, inhaftierten sie ihn erneut. Dennoch leitete er bis zu seinem Tod im Konzentrationslager mit Rackwitz die „Bruderschaft sozialistischer Theologen“.

Paul Tillich verlor als erster nichtjüdischer Professor seinen Lehrstuhl in Frankfurt am Main und emigrierte in die USA. Auch Emil Fuchs und Martin Heinrich Kappes (1893–1988) konnten emigrieren. Bis Juni 1933 lösten sich einige Landesverbände und Ortsgruppen des BRSD selbst auf; am 18. Juli 1933 wurde er offiziell verboten. Manche Ortsgruppen arbeiteten dennoch illegal weiter, einige Mitglieder schlossen sich unterschiedlichen Widerstandsgruppen an. Ernst von Harnack (1888–1945) nahm am Widerstand des 20. Juli 1944 teil und wurde danach hingerichtet.

Karl Barth, der 1931 betont in der SPD geblieben und nie Mitglied im BRSD geworden war, verteidigte 1932 den Pazifisten Günther Dehn, den SA-Gruppen aus dem Amt jagen wollten. Er unterstützte seit 1933 maßgeblich den Kampf der Bekennenden Kirche gegen die Gleichschaltung im Nationalsozialismus. Nach seinem verweigerten Beamteneid auf Adolf Hitler musste er Deutschland verlassen und kehrte 1937 in seine Schweizer Heimat zurück, von wo aus er weiter in das deutsche Geschehen einzugreifen versuchte. Noch vor dem Kriegsende trat er 1945 in das Nationalkomitee Freies Deutschland ein, in dem zuvor von den Nationalsozialisten verfolgte, meist ins Exil geflohene Sozialisten, Kommunisten und Antifaschisten gemeinsam eine freie und soziale Verfassung für ganz Deutschland konzipierten.

Bundesrepublik

Nach 1945 fanden emigrierte und überlebende religiöse Sozialisten sich zunächst in Regionalgruppen wieder zusammen. Auch in der CDU gab es mit Karl Arnold einen führenden Vertreter des Christlichen Sozialismus. In Hessen bildeten Emil Fuchs und der katholische Autor Walter Dirks (1901–1991) die Arbeitsgemeinschaft für Christentum und Sozialismus („Chrisos“). Im Juni 1948 gründete sich der BRSD in Kassel neu. Sein demokratisch beschlossenes Programm grenzte sich strikt von jedem totalitären Regierungssystem ab; auch wurde betont, dass man keine Sonderform des Sozialismus anstrebe.

Die 1949 vollzogene deutsche Teilung betraf den BRSD stark; viele Mitglieder lehnten jede Zusammenarbeit mit Kommunisten ab. Fuchs trat daraufhin aus dem Bund und der SPD aus und zog nach Leipzig. Der westdeutsche Bund betonte nun stärker als früher das christliche Glaubensbekenntnis und das Ziel eines Demokratischen Sozialismus in Anlehnung an das Darmstädter Wort von 1947. 1957 gab er sich ein neues Programm, nannte sich Gemeinschaft für Christentum und Sozialismus und machte Georg Wünsch zum Ehrenpräsidenten. Die Annäherung zwischen Protestanten und Sozialdemokraten, wie sie das Godesberger Programm der SPD von 1959 ausdrückte, wurde vom BRSD aktiv gefördert.

Im Kalten Krieg fand der BRSD jedoch nie zur früheren Stärke. Religiöse Sozialisten blieben zwischen dem Antikommunismus des Westens und dem Stalinismus des Ostens eine verschwindende Minderheit. Erst durch die Studentenbewegung bekam der BRSD neuen Zulauf und wuchs seit 1970 auf einige Hundert Mitglieder. 1977 kam es in Bochum zur Neugründung, wobei man ausdrücklich auf das erste Programm von 1926 zurückgriff. Der Mitgliederschwund hielt jedoch bis 1990 an; seitdem verzeichnet der BRSD wieder Zuwachs. Neue Mitglieder sind heute vielfach parteigebundene oder parteilose Linke, die sich in keiner Linkspartei mehr aufgehoben fühlen. Der BRSD ist seinerseits Mitglied im Internationalen Bund Religiöser SozialistInnen (ILRS), in der Initiative Kirche von unten (IKvu) und im Attac-Netzwerk.

Der Einfluss von religiös-sozialen Ideen in der EKD ist dennoch seit 1945 erheblich gewachsen; sie haben deren Sozialethik und politische Ausrichtung mitgeprägt. So ging etwa die Ostdenkschrift der EKD von 1965, die eine Entspannungspolitik und Versöhnung mit Polen und Russland konzipierte, auf frühere Forderungen des BRSD zurück. Der Kirchenhistoriker Günther Brakelmann resumierte daher:[4]

„Obwohl die religiös-sozialistische Bewegung … innerhalb des Protestantismus immer eine Minderheitenbewegung gewesen ist, hat sie die Diskussion um das Verhältnis von Kirche und Arbeiterschaft, Kirche und Sozialismus wie Kirche und Wirtschaftsordnung entscheidend mitbestimmt und befruchtet.“

DDR

In der DDR spielte der BRSD als Organisation keine Rolle. Einzelne religiöse Sozialisten engagierten sich in der SED, die dem religiösen Sozialismus um 1946/47 vordergründig offen gegenüber stand: so Arthur Rackwitz, Erich Kürschner, Karl Kleinschmidt oder Bernhard Göring. Letzterer wurde nach 1946 stellvertretender Vorsitzender des FDGB und gehörte dem SED-Vorstand an. Fuchs war Mitglied im Deutschen Friedensrat, „Ehrenmitglied“ der Ost-CDU und seit 1958 auch Mitglied in der in Prag gegen die Atombewaffnung gegründeten Christlichen Friedenskonferenz. Er erhielt hohe staatliche Ehrungen und Auszeichnungen. Erich Hertzsch (1902–1994) bemühte sich, den Dialog zwischen Christen und Marxisten im Sinne des Gründungsprogramms des BRSD von 1926 fortzuführen. Vereinzelt schlossen sich religiöse Sozialisten auch der Ost-CDU oder wie Heinrich Mertens der LDP an.[5]

Insgesamt passten sich ehemalige BRSD-Mitglieder in der DDR dem Realsozialismus an. Auch der aus der Bekennenden Kirche stammende Weißenseer Arbeitskreis um Hanfried Müller unterstützte die SED. Er gab die Weißenseer Blätter heraus, denen religiös-sozialistische Kritiker öfter Stalinismus vorwarfen.

In vielen evangelischen Gemeinden, besonders ihren Jugendgruppen, blieb jedoch eine unorganisierte und programmatisch nicht fixierte religiös-sozialistische Tradition verbreitet. Rudi Dutschke war Anfang der 1950er Jahre in einer solchen Gruppe aktiv und wurde durch das Vorbild des Pastors von Luckenwalde religiöser und demokratischer Sozialist. Aus diesem und dem familiären Hintergrund heraus lehnte er den Militärdienst in der NVA 1957 ab und berief sich auf den Pazifismus.

Seit 1975, als die Schlussakte von Helsinki verabschiedet wurde, bildeten sich in der DDR neue religiös-sozialistische Gruppen gegen den Stalinismus, so im Bereich der Offenen Arbeit der evangelischen Kirchen und in der Kirche von Unten. Sozialistische Christen spielten seit 1980 im Kontext der Friedensbewegung eine vorantreibende Rolle in Zusammenschlüssen wie der Gruppe Gegenstimmen, ab 1989 in der Vereinigten Linken. Eine auch heute noch bestehende explizit religiös-sozialistische Vereinigung entstand in der Endphase der DDR Anfang 1990 mit der Initiative Christliche Linke. Sie versucht, christliche und marxistische Ansätze zu verbinden.

Andere Länder

Irland und Großbritannien

In Irland entwickelte sich kein eigenständiger religiöser Sozialismus, bekannte Vertreter der Arbeiterbewegung wie James Connolly und James Larkin sahen jedoch keinen Widerspruch darin, einerseits Marxist, andererseits praktizierender Katholik zu sein. Connolly legte seine Gedanken über die Vereinbarkeit von Religion und Sozialismus 1910 in seiner Schrift Labour, Nationality and Religion nieder.

In Großbritannien bildete sich in 1877 mit der Guild of Saint Matthew um Stewart Headlam eine erste christlich-sozialistische Vereinigung, die dem hochkirchlichen Teil der Church of England entstammte, weitere Gruppen und Organisationen entstanden im Zeitraum vor und um 1900 beispielsweise mit der anglikanisch-reformistischen Christian Social Union und der aus dieser hervorgegangenen Church Socialist League sowie der methodistischen Sigma Society, der Catholic Socialist Society und der Free Church Socialist League.

Eine Sektion der ILRS entstand 1960 durch den Zusammenschluss der Society of Socialist Clergy and Ministers und der Socialist Christian League zum Christian Socialist Movement (CSM). Das CSM ist seit 1986 der Labour Party korporativ angeschlossen und fordert ebenso wie diese seit 1995 die Vergesellschaftung der Produktionsmittel nicht mehr explizit. Über 40 Unterhausabgeordnete und Peers sind derzeit Mitglieder des CSM, darunter auch Premierminister Tony Blair.[6] Auf der CSM-Konferenz 2007 beschloss die Mehrheit der Delegierten in Abgrenzung zur Politik der Blair-Regierung, in Zukunft wieder verstärkt an die eigenen Traditionen und diejenigen der Labour Party anzuknüpfen.[7]

Weitere heute bestehende Gruppen, welche radikalere Positionen als das CSM vertreten, sind in Großbritannien beispielsweise die 1979 wiedergegründete Quaker Socialist Society und die an die Tradition der Guild of Saint Matthew anknüpfende Society of Sacramental Socialists.[8]

Frankreich

In Frankreich entstanden in den 1930er Jahren Gruppen christlicher SozialistInnen, welche sich der Gauche Revolutionnaire innerhalb der sozialdemokratischen SFIO und später der Parti Socialiste Ouvrier et Paysan (PSOP) von Marceau Pivert anschlossen.

Niederlande

Neben christlich-sozialistischen Gruppen innerhalb der sozialdemokratischen SDAP bestand in den Niederlanden mit der Christelijk-Democratische Unie (CDU) von 1926 bis 1946 eine sich zwar nicht explizit aber faktisch als sozialistisch verstehende, linke protestantische und pazifistische Partei, die von 1933 bis 1940 auch im Parlament vertreten war und 1946 in der neu gegründeten sozialdemokratischen Partij van de Arbeid (PvdA) aufging; kleinere und radikalere Organisationen der religiösen Linken waren der Vrije Menschen Bond und der Bond van Christen-Socialisten.

Die bekannte Dichterin Henriette Roland-Holst wandte sich 1928 nach ihrer Abkehr vom Marxismus einem christlichen Sozialismus zu und gab während der deutschen Besetzung 1940–45 die Untergrundzeitschrift De Vonk (der Funke), später De Vlam (die Flamme) heraus. Nach 1945 organisierten sich religiöse Sozialisten zunächst in der PvdA, später teilweise in der linkssozialistischen Pacifistisch Socialistische Partij PSP, heute besteht innerhalb des PvdA die Vereniging voor Zingeving en Democratie, die der ILRS angeschlossen ist.

Nordamerika

In den USA und Kanada vertreten manche Angehörige der traditionellen Freikirchen, besonders die Quäker, Methodistische und Wesleyanische Kirchen, Mennoniten und manche Baptisten nicht nur liberale, sondern auch antikapitalistische und sozialistische Ideen. Der presbyterianische Pastor Norman Thomas war langjähriger Vorsitzender und von 1928 bis 1948 sechsmaliger Präsidentschaftskandidat der Socialist Party of America, der zeitweilige Geistliche der Reformed Church in America, Abraham Johannes Muste, spielte in der Gewerkschaftsbewegung, in der Gründungsphase der trotzkistischen Bewegung um 1930 und bis zu seinem Tod 1967 in der Friedensbewegung eine wichtige Rolle.

Sowohl die der sozialdemokratischen Internationale angehörende Democratic Socialists of America wie auch die linkssozialistische Socialist Party USA beherbergen mit der Religion & Socialism Commission (neuerdings auch Religious Socialists genannt) bzw der Faith & Socialism Commission (welche Angehörige verschiedener Religion vereint) religiös-sozialistische Vereinigungen.

Basisgemeinden in Dritte-Welt-Ländern

In den 1960er und 1970er Jahren sind vor allem in Südafrika, Asien und Lateinamerika zahlreiche so genannte Basisgemeinden entstanden, die die Selbstorganisation der Armen mit einer sozialistischen Landreform und Umgestaltung der Gesellschaftsordnungen ihrer Länder verknüpfen. Sie knüpften an religiös-soziale Selbsthilfeprojekte an, die katholische Ordensgemeinschaften wie die Franziskaner und ihre internationalen Missionsgesellschaften seit langem aufbauen.

Daraus ging die Theologie der Befreiung hervor, die ähnlich wie die frühen religiösen Sozialisten Evangelisierung und Sozialisierung miteinander verbindet. Diese hat auf die Kapitalismuskritik des Vatikan und der katholischen Soziallehre zurückgewirkt.

Ökumenische Bewegung

In der Ökumene findet ein reger Austausch zwischen den reicheren Kirchen der Industriestaaten und der riesigen Mehrheit armer Christengemeinden der „Zwei-Drittel-Welt“ statt, die auf eine gerechte Weltwirtschaftsordnung hin drängen. Auch in Europa und Nordamerika wirken zahlreiche religiös-soziale Nichtregierungsorganisationen in dieser Richtung. Sie verfolgen selten ein einheitliches sozialistisches Programm, bereiten aber oft politische Veränderungen vor und begleiten diese.

1971 konstituierte sich auf einer Konferenz in Chile die internationale Vereinigung Cristianos por el Socialismo mit Ablegern in mehreren Ländern, welche sich für eine Synthese christlicher und marxistischer Vorstellungen einsetzt; 1973 entstand mit ChristInnen für den Sozialismus ein heute noch bestehender Ableger in der Bundesrepublik, Sektionen bestehen derzeit weiterhin in Spanien, Belgien, Dänemark und Schweden.

Bekannte religiöse Sozialisten und sozialistische Theologen

Howard Eugster-Züst (Schweiz)

Siehe auch

Literatur

allgemein
  • Wolfgang Deresch (Hrsg.): Der Glaube der religiösen Sozialisten. Ausgewählte Texte, ISBN 3773000561
  • Wolfgang Deresch: Die Predigt und Agitation der religiösen Sozialisten, ISBN 3773000456
  • Arnold Pfeiffer: Religiöse Sozialisten; Olten: Walter, 1976, ISBN 3-530-16786-X
Deutschland
  • Yong-Gi Baig: Bund der religiösen Sozialisten Deutschlands in der Weimarer Republik; Univ. Diss Bochum, 1996
  • Ulrich Peter: Der Bund der Religiösen Sozialisten Deutschlands (BRSD). Versuch einer Geschichte im Überblick; in: Christin und Sozialistin, Christ und Sozialist, 1-2 (2001), S. 6–23 (online)
  • Ulrich Peter: Der Bund der religiösen Sozialisten in Berlin von 1919 bis 1933; Europäische Hochschulschriften, Reihe 23, Bd. 532; Frankfurt/M.: Lang, 1995, ISBN 3-631-48604-9
  • Ulrich Peter: Christuskreuz und Rote Fahne. Der Bund der religiösen Sozialisten in Westfalen und Lippe während der Weimarer Republik; Beiträge zur westfälischen Kirchengeschichte, Bd. 24; Bielefeld: Luther-Verlag, 2002, ISBN 3-7858-0445-8
  • Dittmar Rostig: Bibliographie zum religiösen Sozialismus in der SBZ und der DDR. Berichtszeit: 1945–1985, ISBN 3631452500
  • Bernd Uhl: Die Idee des christlichen Sozialismus in Deutschland 1945–1947, ISBN 3775808728
  • Lothar Wenzel: Sozialismus aus christlichem Gewissen bei Georg Wünsch (1887–1964), ISBN 3631485794
  • Wolfgang Teichert (Hrsg.): Müssen Christen Sozialisten sein? Lutherisches Verlagshaus, Hamburg 1976, ISBN 3-7859-0415-0
andere Länder
  • Guido Heinen: „Mit Christus und der Revolution“. Zu Geschichte und Wirken der ‚iglesia popular‘ im sandinistischen Nicaragua. Münchener Kirchenhistorische Studien, Bd.7, Kohlhammer, Stuttgart 1995

Einzelbelege

  1. 4 28, Sp. 506
  2. Daniela Dunkel, Art. Religiöser Sozialismus, a.a.O. Sp. 505f
  3. Hans Prolingheuer; Kleine politische Kirchengeschichte S. 49
  4. Ebd., S. 510
  5. Michael Rudloff: Das Verhältnis der SED zur weltanschaulichen Toleranz in den Jahren 1946 bis 1949. In: IWK – Internationale wissenschaftliche Korrespondenz der Kommission zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, 4/1993; S. 490–505
  6. http://www.thecsm.org.uk/lpaffiliation.html
  7. http://www.ekklesia.co.uk/node/4880
  8. http://www.anglocatholicsocialism.org/familytree.html
  9. http://www.commondreams.org/views03/0120-08.htm

Weblinks

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