Autofreies Wohnen

Mit dem Begriff Autofreies Wohnen bezeichnet man zum einen die Errichtung von Siedlungen, Siedlungsteilen oder Wohnanlagen ohne die durch Notwendigkeiten des Autoverkehrs planerischen Aufgaben. Es wird dabei unterschieden zwischen autofreien, autoreduzierten, optisch autofreien und stellplatzfreien Stadtquartieren[1]; zum anderen das Wohnen in denselben.

Da derartige Projekte den örtlichen Stellplatzverordnungen meist zuwiderlaufen (Ausnahme Berlin: keine Stellplatzpflicht gem. § 50 BauOBln[2]), versucht man, die Bewohner solcher Siedlungen vertraglich an die Autofreiheit zu binden bzw. als Vereine zu organisieren, in denen die Kernanforderung an die Mitglieder der Verzicht auf das eigene Auto ist. Durch die Einsparung von Stellplätzen können die Gesamtbaukosten merklich reduziert werden[3]. Auch der Flächenverbrauch ist wesentlich geringer. Bereits bei Wohnanlagen mit mehr als acht mittelgroßen Wohnungen kann die notwendige Stellplatzfläche größer sein als die Mindestabstandsflächen der Landesbauordnungen. Die gebauten Siedlungen haben eine hohe Außenraumqualität. Vor allem öffentliche und halböffentliche Bereiche können intensiver genutzt werden, da sie nicht von Autos blockiert werden.

Die Anfänge des autofreien Wohnens reichen in die 1970er-Jahre zurück. Damals versuchten autobesitzende Familien, im Alltag für einen begrenzten Zeitraum ohne ihr Auto zu leben. Daraus entstand die Idee, ein diesem Lebensstil adäquates Wohnumfeld zu schaffen – autofreie Siedlungen. Erste größere Pilotprojekte wurden in Amsterdam-Westerpark (Initiierung 1992, Fertigstellung 1997[4][5]) und Wien-Floridsdorf (Initiierung 1995, Fertigstellung Dez. 1999[6][7]) realisiert.

Die ersten realisierten Autofrei-Wohnen-Projekte in Deutschland waren

  • München-Riem (Fertigstellung des ersten Eigentümer-Projektes Sept. 1999[8])
  • Hamburg-Winterhude (Initiierung 1992, Fertigstellung der ersten Bauabschnitte 2000, seit 2008 weitere Bauabschnitte im Bau[9] [10])
  • Freiburg-Vauban (Initiierung um 1994, Baubeginn der ersten neuen Häuser 1998)

Die Umsetzung solcher Projekte erscheint am sinnvollsten in Lagen, die innenstadtnah liegen und gut an öffentliche Verkehrsmittel angeschlossen sind[11]. Mittlerweile gibt es in zahlreichen Städten Europas bereits gebaute Anlagen und Initiativen für weitere Projekte[12].

77,1 % der privaten Haushalte in Deutschland besaßen 2008 mindestens ein Auto[13]. In Großstädten wie z. B. Berlin[14] und Hamburg[15] hat nur etwa jeder zweite Haushalt einen PKW. In den Innenstadtgebieten ist die Autofreiheit deutlich höher als in den Randbezirken, wo das ÖPNV-Angebot weniger dicht ist.

Inhaltsverzeichnis

Stellplatzverordnung

In einigen Bundesländern (z. B. in Brandenburg) wurden die Landesbauordnungen in den letzten Jahren dahingehend geändert, dass eine landesweit einheitliche Stellplatzpflicht nicht mehr besteht. Stattdessen können die Gemeinden Stellplatzsatzungen erlassen. Eine Verpflichtung zum Bau von Stellplätzen besteht dann nur noch in Gemeinden, die von dieser Ermächtigung Gebrauch machen. Teilweise werden aus verkehrspolitischen Gründen in gut mit dem ÖPNV erschlossenen Gebieten keine Mindestzahlen für die Schaffung von PKW-Stellplätzen mehr festgelegt. In Innenstadtbereichen werden zum Teil sogar Höchstzahlen für PKW-Stellplätze festgelegt, um den Kraftfahrzeugverkehr zu reduzieren[16].

Siehe auch

Quellen

  1. http://www.autofrei-wohnen.de/Definition.html
  2. http://www.stadtentwicklung.berlin.de/service/gesetzestexte/de/download/bauen/20070607_bauobln.pdf Bauordnung für Berlin (BauO Bln), vom 29. September 2005 (GVBl. S. 495), zuletzt geändert durch § 9 des Gesetzes vom 7. Juni 2007 (GVBl. S. 222)
  3. http://www.wohnen-ohne-auto.de/publ_stellplatzkosten „Stellplatzkosten“, Praktikumsarbeit von Bettina Hauber, Wohnen ohne Auto (WoA), Mai 2001
  4. http://www.wohnen-plus-mobilitaet.nrw.de/infothek/fachbeitraege/index.html „Phantom oder Wirklichkeit – Die Suche nach dem städtebaulichen Leitbild eines autofreien Wohnquartiers GWL-Terrein in Amsterdam-Westerpark“, von Markus Neppl, April 1997
  5. http://www.autofrei-wohnen.de/ProjekteAusland.html#Amsterdam-Westerpark weitere Links und Informationen
  6. http://www.autofrei-wohnen.de/ProjekteAusland.html#wien-nordmanngasse
  7. http://www.schindler-szedenik.at/amsinfo/dateien/index_ams.htm
  8. http://www.wohnen-ohne-auto.de/projekt_riem
  9. http://www.autofrei-wohnen.de/proj-d-saarlandstr.html
  10. http://autofreieswohnen.de/10jahre/
  11. http://www.autofrei-wohnen.de/Standortkriterien.html
  12. http://www.autofrei-wohnen.de/Projekte-Urlaub.html autofreie Projekte, Urlaubsorte & großflächige Fußgängerzonen in Deutschland & im Ausland – Übersicht & Vorbemerkungen
  13. http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Content/Statistiken/WirtschaftsrechnungenZeitbudgets/EinkommensVerbrauchsstichproben/Tabellen/Content75/AusstattungprivaterHaushalteFahrzeugen,templateId=renderPrint.psml Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) 2008 - Ausstattung der Haushalte mit PKW
  14. http://www.statistik-berlin-brandenburg.de/pms/2008/08-12-22a.pdf Pressemitteilung Nr. 350 vom 22. Dezember 2008: „Erste Ergebnisse der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe 2008 in Berlin (EVS 2008)“
  15. http://www.statistik-nord.de/uploads/tx_standocuments/O_II_j03.pdf „Einkommens- und Verbrauchsstichprobe 2003“, Ausstattung privater Haushalte mit ausgewählten langlebigen Gebrauchsgütern am 1. Januar 2003
  16. Der Berliner Weg: Von der Abschaffung der Stellplatzbaupflicht zur Einschränkung der Stellplatzbaumöglichkeit: Dipl.-Ing. Michael Lehmbrock, Deutsches Institut für Urbanistik (DIFU, i.R.)

Weblink


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