Rezenter

Rezent ([reˑˈtsɛnt], Betonung auf der zweiten Silbe) bezeichnet gegenwärtige oder kürzlich vergangene Zustände oder Vorgänge.

Inhaltsverzeichnis

Wortbedeutung

Das Wort ‚rezent‘ kommt vom lateinischen recens ‚soeben, kürzlich, frisch‘. Es war in diesem Sinne bis ins 19. Jahrhundert Fremdwort der Allgemeinsprache,[1] ganz wie das heutige englische recently ‚letzhin, jüngst, neulich, unlängst‘. Heute ist es nurmehr fachsprachlich in Gebrauch:

  • im Kontext der Entwicklung von Erde und Leben, Kultur und ähnlichem für Prozesse und Erscheinungen, die in der heutigen Zeit auftreten beziehungsweise bis in die jüngste oder jüngere Vergangenheit aufgetreten sind
  • in der Wissenschaftssprache allgemein in Sinne ‚frisch‘ (rezente Fährte, rezente Spuren an archäologischen Funden, und ähnliches)
  • in der Allgemeinmedizin für kürzlich zurückliegende Infektionen und Verletzungen, in der Psychoanalyse für kürzlich zurückliegenden seelischen Eindrücke
  • in der Pharmazie für frisch zubereitete Präparate[2]
  • auch von Lebensmitteln, die reifen, im Sinne ‚jung‘, also bei Frischkäse für ‚mild, unausgereift‘, aber bei Wein für ‚säuerlich, herzhaft, pikant‘ in der Ansprache (vergl. Jungwein)[3]

Biologie

In der Biologie bedeutet rezent „in der heutigen Zeit lebend oder vor kurzem ausgestorben“. Als rezente Arten bezeichnet man somit all jene, die in der geologischen Gegenwart, dem Holozän (beginnend vor knapp 12.000 Jahren bis zur Jetztzeit) auftreten oder in dieser Zeit ausstarben. Diejenigen Arten, die zuvor oder während des Übergangs vom Pleistozän zum Holozän ausstarben, bezeichnet man als Fossil. Die Grenze von knapp 12.000 Jahren ist dabei nur ein Richtwert, da das Aussterbeereignis während der Klimaveränderung an der Grenze vom Pleistozän zum Holozän (während der letzten Eiszeit) mehrere tausend Jahre lang dauerte und geographisch nicht überall gleich schnell ablief.

Beispiel: Rezente Vertreter der Rüsseltiere (Proboscidea) sind Afrikanischer Elefant (Loxodonta africana), Waldelefant (Loxodonta cyclotis), Asiatischer Elefant (Elephas maximus), diverse Altelefanten, etwa Zypern-Zwergelefant (Elephas cypriotes, bis etwa 9500 v. Chr.), sowie Elephas celebensis (auf Sulawesi, ausgestorben), Java-Elefant (ausgestorben, vielleicht auf Borneo noch lebend), aber auch Wollhaarmammut (Mammuthus primigenius, bis etwa 2000 v. Chr.), Amerikanisches Mastodon (Mammut americanum, bis etwa 7000 bis 10000 v. Chr.) und manche Stegodons (China 2000 v. Chr., Flores 10000 v. Chr.)

Siehe auch: Fossilisationslehre

Geowissenschaften

In der Geologie bedeutet rezent „in der Gegenwart bzw. unter gegenwärtigen Bedingungen stattfindend oder gebildet“. Den Gegensatz bildet – wie in der Biologie – der Begriff fossil, der sich auf Vorzeitliches bezieht. Für den Grenzbereich, der in die Zeit des Übergangs vom Pleistozän zum Holozän (~0,011784 mya, d. h. gegen Ende der letzten Eiszeit) zu legen ist, haben sich die Begriffe subrezent und subfossil etabliert. Eine einheitliche Abgrenzung ist allerdings nicht vorhanden. Mineralogie[4] und Bodenkunde verwenden den Ausdruck analog.

Beispiele: rezente Tektonik, rezenter Bodenhorizont, rezentes Riff

Siehe auch: Lithostratigraphie, Petrogenese

Kulturwissenschaften

Die Kulturwissenschaften verwenden den Begriff wie die Biologie. Man spricht in der Soziolinguistik etwa von rezenter Sprache und umfasst damit lebende Sprachen und solche, die in jüngerer Geschichte noch gesprochen wurden, im Gegensatz zu den antiken, als klassische Bildungssprache überlieferten Sprachen (wie etwa Altgriechisch, Latein, Sanskrit) und den historischen, die ausgestorben sind (Gotisch, Hethitisch, Koptisch), oder in ihrer Weiterentwicklung in anderen Sprachen aufgegangen sind (Althochdeutsch).

Analog wird der Begriff in der Ethnologie für andere Kulturleistungen verwendet, etwa Brauchtum, künstlerische Ausdrucksmittel, religiösen Ritus und ähnliches.

Siehe auch: Sprachtod

Weblinks

Einzelnachweise

  1. etwa: Eintrag Rezént. In: Meyers Großes Konversations-Lexikon. 16, Leipzig 1908, S. 857 (zeno.org). 
  2. Eintrag Rezent. In: Otto Dornblüth: Klinisches Wörterbuch. 13/14 Auflage. 1927 (Webrepro, textlog.de). 
  3. rezent. In: Glossar. wein-plus.de
  4. Rezent. In: Lexikon. mineralienatlas.de

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