Autonome Republik Nachitschewan
Autonome Republik Nachitschewan
aserb. „Naxçıvan Muxtar Respublikası“
Flagge Nachitschewans
Wappen Nachitschewans
Flagge Wappen
Wahlspruch: Azərbaycan! Azərbaycan!
Amtssprache Aserbaidschanisch
Hauptstadt Naxçıvan
Staatsform Autonomen Republik
Regierungsform Parlament
Staatsoberhaupt Vasif Talibov - Sprecher des Parlaments
Regierungschef Alowsat Bachschijew
Fläche 5500 km²
Einwohnerzahl 372.900 (2005)
Währung Aserbaidschan-Manat
Nationalhymne Azərbaycan Marşı
Nakhchivan Autonomous Republic in Azerbaijan.svg
Azerbaijan-Nakhichevan.png
Karte von Nachitschewan

Die Autonome Republik Nachitschewan oder auch Naxçıvan (aserbaidschanisch „Naxçıvan Muxtar Respublikası“) ist eine autonome Republik Aserbaidschans mit 372.900 Einwohnern (Stand Volkszählung 2005). Sie bildet eine Exklave, die vom Iran und Armenien sowie durch einen Grenzabschnitt von nur elf Kilometern von der Türkei umschlossen wird. Hauptstadt ist die Stadt Naxçıvan, nach der die autonome Republik benannt ist. Die Exklave hat eine eigene Verfassung und ein eigenes Parlament.

Inhaltsverzeichnis

Name

Der Name „Nachitschewan“ stammt laut dem Begründer der modernen armenischen Linguistik, Johann Heinrich Hübschmann, aus dem Armenischen, bedeutet wörtlich „Ort der Landung“ und nimmt damit klaren Bezug auf die Landung von Noahs Arche am nahegelegenen Berg Ararat.[1] In der Antike wurde es auch als „Naxcavan“ („avan“ bedeutet auf armenisch „Stadt“) und bei Ptolemäus und anderen frühen Geographen als „Naxuana“ erwähnt, während mittelalterliche arabische Quellen es mit dem Namen „Nashava“ bezeichnen.

Geographie

Nachitschewan hat bei einer maximalen Ausdehnung von ca. 165 × 70 km eine Fläche von 5500 km². Es wird durch einen nur knapp 50 km breiten zu Armenien gehörenden Korridor vom Kernland getrennt. Seit dem Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan verlaufen die wichtigsten Verkehrsverbindungen mit dem Mutterland über iranisches Territorium. Der höchste Punkt Nachitschewans ist der Qapıcıq dağı in Sangesurkamm mit 3905 Metern Höhe.

Die Verwaltungseinheiten (Rayonlar) sind Babək, Julfa, Kəngərli, Naxçıvan, Ordubad, Sədərək, Şahbuz und Şərur.

Weitere große Dörfer sind Bananiyar, Nehram und Abragunis.

Bevölkerung

Die Einwohner sind größtenteils Aserbaidschaner und gehören der schiitischen Richtung des Islam an. Die zahlreiche armenische Bevölkerung wanderte aufgrund anhaltender Repressionen allmählich fast vollständig aus. Nach Schätzungen dürfte die Bevölkerungszahl 2010 etwa bei 403.000 Menschen gelegen haben.

Wirtschaft

Haupterwerbszweig ist die Landwirtschaft, daneben gibt es einige Erzvorkommen, die abgebaut werden. Die Wirtschaft der Exklave ist mittlerweile sehr eng mit dem Nachbarland Türkei verwoben, was auch durch fehlende Verbindungen zum Rest Aserbaidschans begründet ist.

Die Verkehrsinfrastruktur ist unterdurchschnittlich ausgebaut. Es gibt kaum Verbindungen ins Mutterland. Der meiste Verkehr wird über die Straße abgewickelt. In Naxçıvan gibt es einen Flughafen, den Flughafen Naxçıvan.

Geschichte

Die ältesten Funde in Nachitschewan datieren aus dem Neolithikum. Es war Teil des frühen Staats Urartu (Ararat) und ab 521 v. Chr. Teil der armenischen Provinz im Reich der Perser. Ab 189 v. Chr. kam es zum armenischen Königreich der Artaxiden, um in Folge der Sassanideninvasion im vierten Jahrhundert wieder unter persische Herrschaft zu wechseln. Dem Einfall der Araber im siebten Jahrhundert folgte ein ständiger Wechsel der Herrscher (Armenier, Seldschuken, Mongolen), bis im 17. Jahrhundert Persien wieder die Oberhand über Nachitschewan erlangte.

Das Gebiet der heutigen autonomen Republik wurde ebenso wie große Teile des übrigen Transkaukasiens im Jahre 1828 im Frieden von Turkmantschai von Persien an das Russische Reich abgetreten.

  • Nachitschewan in der Sowjetzeit

Nach dem Zusammenbruch des Zarenreiches im Ersten Weltkrieg war es in den Jahren 1918 bis 1920 zwischen Aserbaidschan und Armenien umkämpft. Der Territorialstreit wurde schließlich nach der Machtübernahme der Bolschewiki in beiden Ländern von Stalin als politisches Zugeständnis an Atatürk zugunsten Aserbaidschans entschieden. Im Jahre 1921 wurde durch die türkisch-sowjetischen Verträge von Moskau und von Kars die Zugehörigkeit von Nachitschewan zu Aserbaidschan festgeschrieben. Nachitschewan in seinen heutigen Grenzen wurde 1921 ein autonomes Gebiet innerhalb Aserbaidschans, 1924 erhielt es den Status einer »autonomen« Sozialistischen Sowjetrepublik. Das Gebiet Sangesur, das Nachitschewan vom Kernland Aserbaidschans trennt, wurde gleichzeitig als Teil Armeniens anerkannt, so dass Nachitschewan zu einer Exklave wurde.

Zusammen mit Aserbaidschan wurde Nachitschewan als Teil der UdSSR in den 1920er und 1930er Jahren einer Sowjetisierung aller gesellschaftlichen Bereiche unterzogen. Diese Ära war von der Kollektivierung der Landwirtschaft, der Verstaatlichung der wenigen Bergwerke und industriellen Betriebe, Enteignungen, Willkür und Gewaltherrschaft gekennzeichnet. Die Reste "feudaler Strukturen" wurden beseitigt. Die sowjetische Geschichtsschreibung weist hingegen auf einige Errungenschaften im Rahmen der von der kommunistischen Ideologie geprägten "Kulturrevolution" hin: den Kampf gegen das Analphabetentum, den Ausbau des Schul- und Hochschulwesens, die Errichtung von Forschungseinrichtungen, Bibliotheken und Theatern.

Während des Zweiten Weltkriegs in den Jahren 1941-1944 erbrachte auch die Bevölkerung von Nachitschewan ihren Tribut: sie stellte Soldaten für die Sowjetarmee, die an allen Fronten kämpften. Mehrere tausend Nachitschewaner erhielten Orden und Medaillen, drei Kämpfer wurden wegen ihrer militärischen Verdienste mit dem Ehrentitel "Held der Sowjetunion" ausgezeichnet.[2] In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte Nachitschewan nach sowjetischen Maßstäben einen gewissen Aufschwung in der Wirtschaft (insbesondere im Industriesektor) und Kultur. Offenbar wurde es besonders gefördert, da hatte das Ländchen an der Grenze zum NATO-Mitglied Türkei und zum zeitweise prowestlichen Iran für die Sowjetunion eine große strategische Bedeutung.

  • Umbruch und Loslösung von der Sowjetunion

Die Zeit der Lockerungen und des Umbruchs der Ära Gorbatschow (ab 1988) führten in Aserbaidschan und Nachitschewan u.a. zu einem Wiedererwachen des Nationalismus und zu erhöhten Spannungen mit Armenien. Auch Nachitschewan war von militärischen Auseinandersetzungen zwischen Armenien und Aserbaidschan betroffen, die sich vor allem im Konflikt um Nagorno-Karabach niederschlugen.

Im Dezember 1989 kam es zu Unruhen in Nachitschewan, als seine Bewohner die in der Sowjetäre errichteten Verhaue an der Grenzlinie zum Iran niederrissen und die Grenze überschritten, um auf der anderen Seite der Linie ihre aserbaidschanischen Landsleute im Nordiran zu treffen. Diese Aktion wurde von der Kreml-Führung und den sowjetischen Medien als "Auswuchs des islamischen Fundamentalismus" diskreditiert.

Auf die von sowjetischen Truppen blutig niedergeschlagenen Proteste in Baku hin, von den Aserbaidschanern "Schwarzer Januar" genannt, veröffentlichte der Oberste Sowjet der ASSR Nachitschewan im Januar 1990 eine Deklaration über die beabsichtigte Sezession Nachitschewans aus dem Bestand der UdSSR, nicht jedoch von Aserbaidschan. Nachitschewan war, was kaum bekannt ist, damit die erste Region der Sowjetunion, die die (beabsichtigte) Unabhängigkeit erklärte, nur wenige Wochen vor einer ähnlichen Aktion Litauens.

  • Interimsherrschaft von Haidar Alijew

Nach seiner Degradierung durch Gorbatschow fand Heidar Alijew 1990 in seinem heimatlichen Nachitschewan seine Zuflucht. Dort verschaffte er sich als neuer Vorsitzender des Regionalparlaments, der Medschlis, und zugleich Oberhaupt der Exklave (1990-1993) eine gewisse Machtbasis für seinen Sprung nach Aserbaidschan, wo er ein Jahrzehnt (1993-2003) als Präsident des Landes amtierte. Seit Alijews Wechsel in die Hauptstadt Baku hielt Vasif Talibov für ihn die Stellung: seit 1993 ist er ununterbrochen Oberhaupt Nachitschewans in seiner Funktion als Präsident der Ali Medschlis.

  • Ära Vasif Talibov

Mit Unterstützung des mit ihm verschwägerten Präsidenten Aserbaidschans Ilham Alijew verstand es Talibov, die wirtschaftliche Entwicklung der Exklave wieder anzukurbeln. Marode Betriebe wurden geschlossen oder mit ausländischen Investitionen modernisiert. Neue Betriebe wurden angesiedelt. Mit Hilfe internationaler Organisationen wurde die Landwirtschaft gefördert. Neue Perspektiven für sein Land verspricht sich Talibov auch von der Entwicklung des Tourismus, wozu er bei einem Besuch in der Steiermark/Österreich Investoren und Anregungen suchte. Mit Prestigeobjekten im Sportsektor (Nachitschwan-Stadion) sucht er sein Image gegenüber seiner Bevölkerung und auch gegenüber dem Ausland zu pflegen.

Sein Regime steht jedoch in der Kritik der Opposition, der Menschenrechtsgruppen und internationalen Organisationen wegen weitgehender Rechtlosigkeit, Willkür und Gewalt sowie dem Ausmaß an Korruption. Mehrere Banken, darunter die neu gegründete "Nachitschewan-Bank", und weit verzweigte Firmenholdings werden von ihm, seinem Clan und Klientel beherrscht.

Dennoch versteht es Talibov, durch den Empfang hochrangiger Besucher aus aller Welt und die Veranstaltung internationaler Konferenzen für sich und sein Ländchen zu werben. Auch Präsident Ilham Alijew ist bestrebt, bei jeder Gelegenheit die Zugehörigkeit Nachitschewans zu Aserbaidschan und seine Rolle als "Kronland seiner Familie" zu unterstreichen.

Im Unterschied zu Nagorno-Karabach sucht Nachitschewan keine Unabhängigkeit, sondern begnügt sich mit seinem Zwischenstatus einer Provinz und eines autonomen Subjekts mit gewissen Privilegien. So kann Präsident Talibov gegenüber den Nachbarländern Türkei und Iran und auch in einigen außenpolitischen Fragen unabhängiger agieren als die Regierung in Aserbaidschan. Er genießt es, von Baku hofiert zu werden, ist ihm aber zugleich untertan.[3]

Führung Nachitschewans (ab November 1990)

Die Vorsitzenden der Medschlis (Oberhäupter) Nachitschewans

  • November 1990–-April 1991: Djalil Afijaddin Djalilow (1. August 1946–29. September 1994)
  • April 1991-–August 1991: Akper Fattach Alijew (geb. 26. April 1950), zugleich Erster Sekretär des Oblastkomitees der KP Aserbaidschans
  • 5. September 1991–-23. Juni 1993: Heidar Ali Rza Alijew (10. Mai 1923–12. Dezember 2003)
  • 3. Juli 1993-–4. April 1994: kommissarisch Vasif Yusif Talibov (geb. 14. Januar 1960)
  • 4. April 1994-–16. Dezember 1995: Natiq Hasanov
  • 16. Dezember 1995-–heute: Vasif Yusif Talibov[4]

Die Premiers Nachitschewans

  • 1991-1993: Bedschan Farzalijew
  • 1993-2000: Schamsuddin Gusseynguli Chanbabajew (geb. 1939)
  • 2000-heute: Alowsat Gazanfar Bachschijew (geb. 22. Juni 1956)[5]

Siehe auch

Weblinks

 Commons: Autonome Republik Nachitschewan – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wikiatlas Wikimedia-Atlas: Autonome Republik Nachitschewan – geographische und historische Karten

Einzelnachweise

  1. http://fni.com/cim/technicals/noah.txt
  2. http://bse.sci-lib.com/article080490.html Geschichte Nachitschewans in der Sowjetära
  3. Hans-Joachim Hoppe Nachitschewan - Vorposten Aserbaidschans, Eurasisches Magazin, 2. August 2011
  4. http://www.worldstatesmen.org/Azerbaijan.html Liste der Staatsoberhäupter Aserbaidschans und Nachitschewans
  5. http://wwhp.ru/nahich.htm Führung der Autonomen Republik Nachitschewan 1990 bis heute

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