Rheinische Zeitung
Rheinische Zeitung

Die Rheinische Zeitung für Politik, Handel und Gewerbe wurde am 1. Januar 1842 in Köln, Preußen, gegründet und am 31. März 1843 durch die staatlichen Behörden verboten. Nachfolgerin war in den Jahren 1848 und 1849 die Neue Rheinische Zeitung.

Inhaltsverzeichnis

Vorgeschichte

„In ihrem Ursprunge war [die »Rheinische Zeitung«] kein Oppositions-, eher ein Regierungsblatt. Seit den Kölner Bischofswirren der dreißiger Jahre vertrat die »Kölnische Zeitung« mit achttausend Abonnenten die Ansprüche der ultramontanen Partei, die am Rhein übermächtig war und der Gendarmenpolitik der Regierung viel zu schaffen machte. (…) Das Monopol der »Kölnischen Zeitung« war so stark, daß es ihrem Besitzer regelmäßig gelang, alle auftauchenden Konkurrenzblätter durch Ankauf zu beseitigen, auch wenn sie von Berlin her gefördert wurden. Dasselbe Schicksal drohte der »Rheinischen Allgemeinen Zeitung«, die im Dezember 1839 von den Zensurministern die damals notwendige Konzession erhalten hatte, eben um die Alleinherrschaft der Kölnischen Zeitung« zu brechen. Jedoch im letzten Augenblick tat sich eine Gesellschaft wohlhabender Bürger zusammen, um ein Kapital auf Aktien zur gründlichen Umgestaltung des Blattes aufzubringen. Die Regierung begünstigte das Vorhaben und ließ provisorisch für die nunmehrige »Rheinische Zeitung« die Konzession gelten, die sie ihrer Vorläuferin erteilt hatte.“

Franz Mehring: Karl Marx - Geschichte seines Lebens

Als Fortsetzung der "Rheinischen Allgemeinen Zeitung" getarnt erschien so am 1. Januar 1842 die erste Ausgabe der "Rheinischen Zeitung für Politik, Handel und Gewerbe". Der Herausgeber, Bernhard Rave, war für die neuen Geldgeber der Zeitung nur wegen seiner wertvollen Konzession interessant. Sie nahmen ihn in die Redaktion auf, damit bei der Regierung der Schein einer ihr gegenüber freundlich eingestellten Zeitung gewahrt blieb.

Die Rheinische Zeitung

Die Rheinische Zeitung (RZ) war eine pro-demokratische, reformistische Publikation der aufkommenden oppositionellen rheinischen Bourgeoisie gegenüber dem preußischen Absolutismus, speziell als Alternative zu der einflussreichsten Kölnischen Zeitung gedacht. Unter anderen von Gustav von Mevissen und Ludolf Camphausen finanziert, wurde die RZ zu Beginn inhaltlich von den Junghegelianern nahestehenden Persönlichkeiten wie Moses Hess, Georg Jung, Dagobert Oppenheim, Adolf Friedrich Rutenberg und dem Pädagogen Karl Moritz Fleischer bestimmt.

Karl Marx & Friedrich Engels

Karl Marx erhielt 1841 eine Einladung für die RZ tätig zu werden, die zu dieser Zeit noch nicht publizierte. Ein Angebot dem Marx gerne nachkam. Wollte er ursprünglich Ende März 42 von Trier nach Köln übersiedeln, zog er schließlich doch zuerst nach Bonn und begann dort für die RZ zu schreiben. Am 5. Mai 1842 wird sein erster Nachrichtenartikel für die "Rheinische Zeitung" veröffentlicht, der erste Bericht seiner Artikelserie „Debatten über Preßfreiheit und Publikation der Landständischen Verhandlungen“. In diesen Artikeln kritisierte Marx die Reden der Landtagsabgeordneten zum Thema Pressefreiheit. Er zitiert zum Beispiel einen Redner aus dem Fürstenstand, der die Meinung vertrat, die Zensur sei ein geringeres Übel als der Unfug der Presse. Marx betrachtete das anders: „Ein Volk, welches (…) das Recht, die Wahrheit zu denken und auszusprechen, den Hofnarren vindiziert, kann nur ein Volk der Abhängigkeit und der Selbstlosigkeit sein.“ In langen Artikeln propagierte der noch junge Marx die Pressefreiheit und kritisierte dabei auch die Reden der Verteidiger dieser Freiheit scharf. Marx zitierte einen solchen Redner, der die Pressefreiheit der Gewerbefreiheit zuordnen wollte. Darauf entgegnet Marx, dass dies zwei unterschiedliche Arten von Freiheit seien, die nicht einander untergeordnet werden könnten, sonst würde man „die Pressefreiheit (…) verteidigen, indem man sie vor der Verteidigung totschlägt.“ Aus diesem Artikel stammt auch Marx' berühmtes Zitat: „Die erste Freiheit der Presse besteht darin, kein Gewerbe zu sein.“ Diese Gedanken hatten 1842 aber noch nicht die Bedeutung von heute, denn die Freiheit der Presse existierte noch nicht.

Im Herbst 1842 zog Marx nach Köln und übernahm am 15. Oktober 1842 die Redaktionsleitung. Alle Beiträge von ihm, wie auch der übrigen Mitarbeiter, erschienen anonym und es gelang ihm auch bis zum Untergang der Zeitung seine Tätigkeit als Redaktor geheim zu halten. Unter Marxens Chefredaktion formulierte die RZ schnell radikale, revolutionäre demokratische Ideen. Sie wurde eines der wichtigsten Sprachrohre der demokratischen Bewegung in Deutschland.

Am 16. November 1842, auf dem Weg nach England, besuchte Friedrich Engels das Büro der Rheinischen Zeitung, wo er das erste Mal den neuen Redakteur und späteren engen Arbeitspartner und Freund Marx trifft. Aus Manchester, wo Engels in der Firma seines Vaters (Ermen & Engels) arbeitete, sandte er mehrere Artikel über die englische Innenpolitik und ökonomische Fragen, darunter ein Artikel (20. Dezember 1842) mit der Überschrift "Die Lage der arbeitenden Klasse in England".

Zensur

Die Rheinische Zeitung erschien nur mit einer provisorischen Erlaubnis von Ernst von Bodelschwingh, dem Oberpräsidenten der Rheinprovinz. Als die Regierung nach wenigen Ausgaben misstrauisch wurde, schickten die drei Berliner Zensurminister ihre schon verfasste definitive Bewilligung doch nicht ab. Eineinhalb Monate nach Erscheinen der Erstausgabe vermutete die Regierung zu Recht, dass die wichtigen Positionen der Rheinischen Zeitung nur formell durch Personen mit gutem politischem Leumund besetzt waren, in Wirklichkeit aber Junghegelianer die Fäden der Zeitung in den Händen hielten. Deshalb verlangten die Zensurminister ein Verbot der Zeitung. Von Bodelschwingh lehnte das jedoch ab, da er auf die angesehenen Aktionäre der Zeitung Rücksicht nehmen wollte und davon ausging, dass ein Verbot zu viel Missstimmung im Land verbreiten würde. Die politische Linie der Zeitung bereitete ihm aber auch Sorgen, weshalb er die Redaktion verwarnte und einen neuen Lokalzensor anstellte, der eine verschärfte Zensur ausüben sollte.

Der Rheinischen Zeitung wurde vorgeworfen, sie wolle das Christentum durch die Philosophie ersetzen, verbreite die verderblichen konstitutionellen Grundsätze der Franzosen und richte sich gegen die Monarchie. Mit Artikeln über Pressefreiheit, die "Holzdiebstahlgesetze", aber vor allem auch mit Berichten über das Schicksal der "Moselbauern", geriet die RZ zunehmend in Konflikt mit der politischen Führung der Rheinprovinz. Eine doppelte Zensur wurde verhängt und Druck auf die Aktionärsschichten der Zeitung ausgeübt.

Mit der Rheinischen Zeitung hatten es die Zensoren besonders schwer, denn deren Journalisten waren sprachlich und juristisch sehr geschickt, ihre Botschaft in scheinbar harmlosen Texten zu verstecken. Die Leser waren wegen der strengen Zensur gewohnt, zwischen den Zeilen zu lesen. Manchmal fiel der gesamte Inlandteil der Zensur zum Opfer. So stand der "Französische Artikel" (der Anfang des Auslandteils) an erster Stelle und es musste zu einem Druck mit größerem Zeilenabstand gegriffen werden. Das behagte der Regierung nicht immer, weil die Gewalt der Zensur auch nicht zu offensichtlich sein durfte. Der Zensor Saint-Paul, der während der letzten zwei Monate für die Rheinische Zeitung zuständig war, praktizierte nach eigenen Angaben eine besondere Art der Zensur: Damit sich die Zeitung selber unbeliebt machen würde, verschonte er wissenschaftlich komplizierte Abhandlungen und Kritik an den Katholiken und an anderen Zeitungen von seiner Zensur.

Im August 1842 hoffte die Regierung, die Rheinische Zeitung würde bald eingehen, denn sie wies eine Auflage von nur 885 Exemplaren auf, während die Kölnische Zeitung eine Auflage von 8300 Stück zählte. Der Rheinischen Zeitung gelang eine damals in Deutschland beispiellose Auflagensteigerung: Im Januar 1843 zählte sie 3400 Abonnenten. Anfangs nahm die Regierung an, die Zeitung würde nur von einer kleinen Anzahl Gebildeter gelesen, und verbot sie dann wegen dieser beachtlichen Größe und wegen der Unmöglichkeit die Zeitung durch Zensur zu mäßigen. Zum Verbot trugen auch gerade erschienene Berichte über die Notlage der "Moselbauern" bei. Mit Rücksicht auf die angesehenen Aktionäre der Zeitung wurde sie erst ab dem 1. April 1843 verboten, obwohl der Beschluss schon länger feststand. Marx verließ die Zeitung am 17. März 1843 [1]. Dass die Zeitung nur mit einer provisorischen Erlaubnis erschienen war, erleichterte es der Regierung, die Zeitung zu verbieten. Gegen das Verbot wurden vergebens einige Petitionen nach Berlin geschickt, wobei diejenige aus Köln 911 Unterschriften zählte.

Die gesetzliche Grundlage der Zensur bildeten die Karlsbader Beschlüsse von 1819, die die Vorzensur festlegten, um so über „vorbeugende Massnahmen gegen den Missbrauch der Presse" zu verfügen. Die Rheinische Zeitung profitierte von der Zensurinstruktion vom 24. Dezember 1841, die während zweier Jahre die Zensur leicht lockerte.

Weitere Mitarbeiter der Rheinischen Zeitung

Nach dem Ende

Die Neue Rheinische Zeitung (NRhZ) wurde von Karl Marx in den Jahren 1848 und 1849 in Köln herausgegeben und stellt die Neuauflage der Rh.Z. dar.

1851 plante der nun in London lebende Marx, eine Auswahl von seinen Artikeln mit Anmerkungen aus der Rh.Z. über in Köln zu publizieren, was nur partiell gelang. [2]. Marx's Anmerkungen zu diesen Artikeln in der Rh.Z. wurden über ein Jahrhundert später in der Kölner Universitätsbibliothek wieder aufgefunden und in der MEGA Abteilung I, Band 1, Berlin 1975 veröffentlicht.

Zitat

„Glauben Sie übrigens nicht, daß wir am Rhein in einem politischen Eldorado leben. Es gehört die konsequenteste Zähigkeit dazu, um eine Zeitung wie die ›Rheinische‹ durchzuschlagen.“

Karl Marx: Über die Zensur gegenüber der Rheinischen Zeitung, in einem Brief an Arnold Ruge, 9. Juli 1842

Weblinks

 Commons: Rheinische Zeitung – Album mit Bildern und/oder Videos und Audiodateien

Rh. Z. Artikel

Literatur

  • Joseph Hansen: Rheinische Briefe und Akten zur Geschichte der politischen Bewegung 1830-1850. Bd. I (1830-45). Essen 1919
  • Hermann König: Die Rheinische Zeitung von 1842-43 in ihrer Einstellung zur Kulturpolitik des Preußischen Staates Coppenrath, Münster i. W.1927 (Münstersche Beiträge zur Geschichtsforschung. Neue Folge 39)
  • Hans Stein: Karl Marx und der rheinische Pauperismus des Vormärz. Eine Studie zur Sozialpolitik der Rheinischen Zeitung von 1842/43. In: Jahrbuch des Kölner Geschichtsvereins. Bd. 14, Köln 1932
  • Karl Buchheim: Die Rheinische Zeitung von 1842, zum Jahrhundertgedächtnis. In: Kölnische Zeitung vom 2. Januar 1942
  • Wilhelm Klutentreter: Die Rheinische Zeitung von 1842/43. Dortmunder Beiträge zur Zeitungsforschung. (Hrsg.) von Kurt Koszyk. Band 10/1 und 10/2. Dortmund 1966
  • Heinrich Billstein: Marx in Köln. Mit einem Beitrag von Karl Obermann. Pahl-Rugenstein, Köln 1983, S. 10-117 ISBN 3-7609-0766-0
  • Manfred Schöncke: Unbekannte Dokumente über Marx aus der Zeit seines zweiten Bonner Aufenthalts 1841-1842. Beiträge zur Marx-Engels-Forschung. Neue Folge 2002, Hamburg 2002, S. 278-286 ISBN 3-88619-689-5 enthält einen unbekannten Artikel von Marx aus der Rh. Z.
  • Karl Marx, Brief an Ruge, 9. Juli 1842 (Lesen (englisch))
  • Franz Mehring, Karl Marx - Geschichte seines Lebens, Berlin 1918 (Lesen)
  • David Rjazanov, Marx und Engels - nicht nur für AnfängerInnen. Aufstand der Vernunft, Nr.4. Der Funke:Wien, 2005. (Lesen (englisch))

Anmerkungen

  1. Andere Quellen sprechen davon, dass er gezwungen wurde, seine Arbeit aufzugeben.
    Erklärungsschreiben in der RZ Nr. 77 vom 18. März 1843, unterzeichnet mit Dr. Marx
  2. Karl Marx: Gesammelte Aufsätze. 1. Heft. Hrsg. v. Hermann Becker. Köln 1851 (Reprint Carl Slienger, London 1970)

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