Autotopagnosie

Das Körperschema ist die neuropsychologische Korrelation der Wahrnehmung von realem Körper mit der Vorstellung vom eigenen Körper. Sie kann somit auch als „Orientierung am eigenen Körper“ beschrieben werden, wie dies der Erstbeschreiber Arnold Pick 1908 tat. Diese Orientierung ändert sich entsprechend den Informationen aus Körper und Umwelt. Solche Informationen kommen durch verschiedenste sensible und sensorische Reize aus der Peripherie des Körpers zustande (Propriozeption), haben jedoch schließlich einen von sensiblen oder sensorischen Reizen unabhängigen Vorstellungscharakter, das heißt sie sind – im Gegensatz zu Wahrnehmungen – oft ohne scharfes Gegenstandsbewusstsein. Die Orientierung wird selbstverständlich auch durch soziale Informationen, so unter anderem auch durch Namensgebung der Körperteile vermittelt. Auch soziale bzw. lebensgeschichtliche Faktoren sind dabei bestimmend (agnostische und amnestische Störungen des Körperschemas).

Der Begriff Körperschema leitet sich her aus agrch. schèma (σχήμα) = a) Körperhaltung; Stellung; Gebärde; Miene, Art und Weise, sich zu benehmen; Anstand; b) Außenseite; Gestalt; Form; Aufzug; Tracht; Plan; c) Beschaffenheit; Lage; Verhältnis; Zustand; Standpunkt; d) Verfassung des Staats; e) Wortform; Redefigur.[1]

Inhaltsverzeichnis

Definition nach Jaspers

Nach Karl Jaspers gehört das Körperschema zum daseinsphilosophisch interpretierten Leibbewusstsein. Das Körperschema ist mit der Anschauung des Raumbildes, das wir von uns haben, zu beschreiben. Jaspers unterscheidet sinnliche Wahrnehmungen von Vorstellungen

  • a) durch die Bildhaftigkeit der Vorstellung gegenüber der Leibhaftigkeit der Wahrnehmung
  • b) durch die Erscheinung der Vorstellung im inneren Vorstellungsraum gegenüber der Wahrnehmung im äußeren objektiven Raum
  • c) durch die unbestimmte und unvollständige Zeichnung der Vorstellung gegenüber der bestimmten und vollständigen Zeichnung der Wahrnehmung in allen Details
  • d) durch die manchmal nicht adäquate Repräsentanz von Vorstellungen gegenüber der sinnlichen Frische von Wahrnehmungen
  • e) durch die Unbeständigkeit zerflatternder und zerfließender Vorstellungen gegenüber der Konstanz und Reproduzierbarkeit von Wahrnehmungen
  • f) Vorstellungen werden aktiv erweckt, sind also abhängig vom Willen und von Gefühlen gegenüber den unabhängig vom Willen hervorgerufenen z. T. passiv hinzunehmenden Wahrnehmungen, vgl. a. Subjekt-Objekt-Spaltung.[2]

Definition als esoterisches Begriffskonzept

Der Begriff des Körperschemas liegt aber auch einer Reihe von psychologischen Theorien zugrunde, wie z. B. dem Enneagramm oder der Chakrenlehre. Das Körperschema beschränkt sich beim Enneagram auf die sogenannten Körperzentren wie Kopf, Herz und Bauch, bei der Chakrenlehre ist es auf insgesamt sieben Körperabschnitte ausgedehnt. Ausschlaggebend ist bei diesen Theorien die psychophysische Korrelation.

Anatomie und Physiologie

Aufgrund der anatomisch nachweisbaren somatotopischen Gliederung der sensomotorischen Rindengebiete des Gehirns stellt sich die Frage, ob die zerebrale Integrationsleistung, die als Voraussetzung für ein intaktes Körperschema angenommen werden muss, in Analogie zu der sensomotorischen auch als autotopischer Homunculus bezeichnet (siehe Abb. 1) und nachgewiesen werden kann. Diese Integrationsleistung ist vielfach an die höchsten Zentren der Hirnrinde gebunden. Bereits die primären rezeptiven (sensiblen) Rindenfelder (Primärfelder, Primäre Rindenfelder) in welche die sensibel-motorischen Reize aus der Peripherie projiziert und welche dort zuerst verarbeitet werden, stellen „gewissermaßen ein verkleinertes, aus Hirnsubstanz bestehendes Modell bestimmter peripherer Körperregionen“ dar.[3] Diese Aufgabe der Integration und Koordination erfolgt jedoch offenbar in drei verschieden Stufen von den Primärfeldern bis hin zu den tertiären Assoziationsfeldern der dominanten Hemisphäre (Areae 39 und 40 sowie wahrscheinlich auch Area 37).[4] Bei der Klärung der Frage, ob auch für das Körperschema ein gegliedertes somatotopisches Substrat besteht, sind eher gewisse Zweifel angebracht. Es bestehen Gründe für die Annahme, dass es sich hier um ein rein funktionelles Zusammenspiel der verschiedenen nicht topisch gegliederten Hirnfelder handelt, da diese Funktion bereits bei Übermüdung gestört sein kann. Auch die späte lebensgeschichtliche Ausreifung der Areae 37, 39 und 40 spricht für diese Annahme.[5] Das Roche-Lexikon Medizin bezeichnet die Körperfühlsphäre (sensible Rinde) als teilweise somatotopisch gegliedert, da auch die Verbindungen zu dem (primären) somatotopisch und segmental gegliederten Rindenfeld des Gyrus postcentralis berücksichtigt werden müssen.[6] Gleichwohl kommt es bei Herden in der (rechten) dominanten Parietalregion zu einer Nichtbeachtung der linken Körperhälfte (Neglect). Der Kranke nimmt dann z. B. nicht die Lähmung seiner linksseitigen Gliedmaßen oder auch eine Blindheit wahr (Anosognosie, Antonsches Syndrom).[7] Auch ohne Lähmung können ausgeprägte neuropsychologische Störungen auftreten. Ähnliche Beobachtungen können auch bei den Ich-Störungen (z. B. Depersonalisation) festgestellt werden. Es gibt offenbar auch hier für die Repräsentanz eines von der Psychologie geforderten Ichs zwar lokalisatorische neuronale Hinweise, jedoch kein spezielles Hirnzentrum, da diese Aufgaben offenbar zu differenziert und vielfältig sind.

Abb. 1 - Homunculus: Aufteilung motorischer/sensorischer Cortex

Störungen des Körperschemas

Beim Ausfall solcher peripherer Informationen, z. B. aufgrund von Lähmungen oder Amputation von Gliedmaßen sind Körperschemastörungen häufig und auch mit anderen Störungen verbunden so zum Beispiel mit agnostischen Störungen wie bei der Anosognosie oder mit Phantomschmerzen. Störungen des Körperschemas werden auch als Autotopagnosie oder verkürzt als Autopagnosie bezeichnet.[8] Diese Störungen können auch als Herdsymptome bei Schädigungen im Bereich der Assoziationsgebiete auftreten.[9] Klinisch geprüft wird das Körperschema durch sprachliche Zuordnung der Namen von Körperabschnitten und als Bewegungsgeschicklichkeit. Aufgrund analoger Betrachtung kann der Begriff des Körperschemas in theoretischer Hinsicht zur Veranschaulichung psychischer Störungen wie Hypochondrie oder Depersonalisation gebraucht werden. Dieser Sprachgebrauch geht auf einen Vorschlag von Paul Schilder (1923) zurück.[10] – Wissenschaftlich beschrieben haben das Körperschema Arnold Pick (1908), Henry Head (1926)[11] und Paul Schilder (1935)[12]. Die Formulierung Körperschema hat Schilder zuerst gebraucht.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Benseler, Gustav Eduard et al: Griechisch-Deutsches Schulwörterbuch. B.G. Teubner, Leipzig 1911, S. 890
  2. Jaspers, Karl: Allgemeine Psychopathologie. 9. Auflage. Springer, Berlin 1973, ISBN 3-540-03340-8, S. 59 Unterscheidung Wahrnehmung/Vorstellung; S. 74 Leibbewußtsein und Körperschema
  3. Benninghoff, Alfred u. a.: Lehrbuch der Anatomie des Menschen. Dargestellt unter Bevorzugung funktioneller Zusammenhänge. 3.Bd. Nervensystem Haut und Sinnesorgane. 7. Auflage. Urban und Schwarzenberg, München 1964, [s.n.] S. 242
  4. Duus, Peter: Neurologisch-topische Diagnostik. 5. Auflage. Georg Thieme Verlag Stuttgart 1990, ISBN 3-13-535805-4, S. 389
  5. Luria, Alexander: The Working Brain. Penguin, Harmondsworth/Middlesex 1976
  6. Boss, Norbert (Hrsg.): Roche Lexikon Medizin, 2. Auflage. Hoffmann-La Roche AG und Urban & Schwarzenberg, München 1987, ISBN 3-541-13191-8, S. 962 f.
  7. Duus, a.a.O., S. 390
  8. Broser, Fritz: Topische und klinische Diagnostik neurologischer Krankheiten. 2. Auflage. U&S, München 1981, ISBN 3-541-06572-9, Kap. 10–48, S. 463
  9. Duus: a.a.O., S. 390
  10. Schilder, Paul: Das Körperschema. Ein Beitrag zur Lehre des Bewußtseins des eigenen Körpers. Berlin 1923
  11. Head, H.: Aphasia and kindred disorders of speech. London, 1926
  12. Schilder, P.: The image and appearence of the human body. London 1935

Literatur

  • Wilhelm Arnold et al. (Hrsg.): Lexikon der Psychologie. Bechtermünz Verlag, Augsburg 1996, ISBN 3-86047-508-8, Spalte 1144
  • Fritz Broser: Topische und klinische Diagnostik neurologischer Krankheiten. 2. Auflage. U&S, München 1981, ISBN 3-541-06572-9, Kap. 10–48, S. 463
  • Uwe Henrik Peters: Wörterbuch der Psychiatrie und medizinischen Psychologie. Urban & Schwarzenberg, München 1984, [s.n.], S. 301 f.

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