Außenhandelsbilanz
Darstellung der Handelsbilanz in Kontoform.
Einordnung der Handelsbilanz in die Zahlungsbilanz.

Die Handelsbilanz (engl. balance of trade, tradebalance) bezieht sich in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung auf den Außenhandel, also den grenzüberschreitenden Warenverkehr eines Landes. Sie ist eine rechnerische Gegenüberstellung aller Warenimporte (Einfuhr) und Warenexporte (Ausfuhr) einer Volkswirtschaft innerhalb eines bestimmten Zeitraums und wird daher auch Außenhandelsbilanz, Warenbilanz oder Warenhandelsbilanz genannt. Aus der Handelsbilanz eines Landes, ergeben sich bei deren Ungleichgewicht, Zahlungsforderungen bzw. -verpflichtungen an das Ausland.

Die Handelsbilanz steht an oberster Stelle in der Leistungsbilanz und wird als deren wichtigste Unterbilanz angesehen. Als Teil der Leistungsbilanz - und somit auch Teil der Zahlungsbilanz - bietet sie eine wichtige Grundlage für wirtschaftspolitische Entscheidungen und Maßnahmen.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Erste wissenschaftliche Ansätze fand der Begriff der Handelsbilanz bereits im 17. Jahrhundert unter der Lehre des Merkantilismus. Besonderes Augenmerk wurde in dieser Zeit auf die Ansammlung von Edelmetallen und Geld gelegt. Weniger das Volumen dieser Zahlungsmittel, als vielmehr der aktive Umgang mit und deren Einsatz im Außenhandel wurden studiert und diskutiert. Der Handel wurde als Ursprung des Volkswohlstandes verstanden, womit der Handelsbilanz im Zeitverlauf eine stetig wachsende Aufmerksamkeit zukam. Besonders die Schriftstücke des englischen Kaufmanns Thomas Mun werden in diesem Zusammenhang gerne zitiert.

Aufbau und Formen der Handelsbilanz

Darstellung des Handelsbilanz-Überschusses bzw. -Defizits in Kontenform.
Nettoexporte im Ländervergleich.

Die vorwiegend in Staffelform dargestellte Handelsbilanz gliedert sich in Soll und Haben. Auf der Sollseite werden die Warenexporte, auf der Habenseite die Warenimporte wertmäßig erfasst. Die Veröffentlichung erfolgt nach General-/ Spezialhandel, die Gliederung primär nach Warengruppen (z.B. Nahrungsmittel, Rohstoffe, Fertigwaren) oder Ländern bzw. Regionen und ist als Monats- oder Jahresnachweis verfügbar.[1] Die Handelsbilanz kann grundsätzlich drei Formen aufweisen: Ausgeglichene, positive oder negative Handelsbilanz.

Ausgeglichene Handelsbilanz (Export = Import)

Entsprechen die Exporte wertmäßig genau den Importen, so spricht man von einer ausgeglichenen Handelsbilanz. Aufgrund des meist regen Warenverkehrs der Länder ist ein solches Gleichgewicht jedoch höchst unwahrscheinlich.

Positive Handelsbilanz (Export > Import)

Übersteigt die Summe der Ausfuhren (Warenexporte) die Summe der Einfuhren (Warenimporte), so ergibt sich eine aktive bzw. positive Handelsbilanz. Dieser Zustand wird auch als Handelsbilanzüberschuss bezeichnet. Liegen die Export-Einnahmen über den Import-Ausgaben, so entsteht ein Habensaldo. Dieser geht in die staffelförmige Zahlungsbilanz mit einem positiven Vorzeichen ein. Ein Handelsbilanzüberschuss führt in Zusammenhang mit der Leistungsbilanz zu einem Kapitalexport. Dieser wird auch als positiver Nettoexport bezeichnet.

Negative Handelsbilanz (Export < Import)

Im umgekehrten Fall, also wenn die Importe die Exporte übersteigen, spricht man von einer passiven oder negativen Handelsbilanz bzw. einem Handelsbilanzdefizit. Der entstandene Sollsaldo geht dann mit einem negativen Vorzeichen in die Zahlungsbilanz ein. Die Import-Ausgaben sind hier höher als die Export-Einnahmen. Ein Handelsbilanzdefizit entspricht einem Kapitalimport, welcher auch als negativer Nettoexport bezeichnet wird.

Erstellung

Deutschland

Die Handelsbilanz wird vom Statistischen Bundesamt erstellt und von der Deutschen Bundesbank veröffentlicht. Bevor der Warenverkehr in der Handelsbilanz verbucht und diese veröffentlicht werden kann, müssen die vom Statistischen Bundesamt über die Intra- (innerhalb der EU über Direktanmeldung der Firmen, Meldeschwelle: 300.000 €)[2] und Extrahandelsstatistik (Drittländer über Zollverwaltung)[3] ermittelten Rohdaten einer Korrektur unterzogen werden. Diese Korrektur bezieht sich besonders, in Bezug auf die Darstellung nach General- oder Spezialhandel, auf Veredelungs- und reine Lagergeschäfte sowie auf Transportleistungen.[4]

Der Generalhandel erfasst den gesamten Warenverkehr, inklusive Lagergeschäfte, allerdings ohne Durchfuhr/Transitverkehr. Der Spezialhandel hingegen umfasst alle Güter, die zur Verwendung, Be- oder Verarbeitung in Deutschland bestimmt sind, in Deutschland hergestellt bzw. be- oder verarbeitet wurden. Er beinhaltet solche Güter, die aus Drittländern eingeführt werden und danach in der EU verbleiben. Im Unterschied zum Generalhandel, beinhaltet der Spezialhandel jedoch keine Lagergeschäfte.[5]

Die Korrektur für Lagergeschäfte, Durchfuhr, Reparaturen und Rückwaren erfolgt in dem Posten „Ergänzungen zum Warenverkehr/Transithandel“, die der Transport- und Versicherungskosten in der Dienstleistungsbilanz.

Österreich

Die in Österreich zumeist als Außenhandelsstatistik bezeichnete Handelsbilanz wird von der STATISTIK AUSTRIA (Bundesanstalt Statistik Österreich) erstellt und veröffentlicht und wird im Rahmen der Zahlungsbilanz auch in den Publikationen der Österreichischen Nationalbank präsentiert. Ebenso wie in Deutschland erfolgt die österreichische Datenerhebung nach zwei Methoden in drei Bausteinen (Ex-/Intrastat und Korrektur). In der Extrastat erfasst die STATISTIK AUSTRIA den Warenverkehr mit Drittländern. Die Erhebung erfolgt durch Meldung der Zollbehörden. Warenströme innerhalb der EU werden in der Intrastat gelistet. Die Ermittlung erfolgt über die Direkterhebung bei Unternehmen, welche – abhängig vom Schwellenwert [6] - zum Einreichen detaillierter Monatsmeldungen verpflichtet sind. Die Korrektur erfolgt (aus nationaler Sicht) auch hier in Bezug auf indirekte Ein- und Ausfuhren (Transithandel), Ausschluss der Lohnveredelungen und Zurechnung von Währungsgold. Die Darstellung der Handelsbilanz erfolgt nach Spezialhandel.[7]

Schweiz

In der Schweizerischen Eidgenossenschaft übernimmt die Eidgenössische Zollverwaltung (EZV) sowohl die Erstellung als auch die Veröffentlichung der Außenhandelsstatistik. Obwohl das Alpenland in Mitteleuropa liegt und von vier Euroländern eingeschlossen wird, ist es kein Mitglied der Europäischen Union. Die Schweiz führt daher auch nicht zwei Handelsstatistiken (Intra-/Extrahandel), sondern bezieht all ihre Daten von seinen Zollanmeldungen. Es wird das Spezialhandelskonzept verfolgt, welches alle Waren ab einem Wert von 1.000 Schweizer Franken (CHF) und über 1.000 kg (m/l/Stück) erfasst. Eingeschlossen ist der Veredelungsverkehr, jedoch nicht der Transit- und Lagerverkehr. Das Schweizer Erhebungsgebiet umfasst nicht nur das Schweizer Territorium mit Ausnahme der Talschaften Samnaun und Sampuoir, sondern auch das Fürstentum Liechtenstein und die Enklaven Büsingen und Campione d’Italia.[8]

Asymmetrien

Die Handelsbilanzen zweier Länder können aufgrund unterschiedlicher Erfassungs- und Bewertungsmethoden stark voneinander abweichen. So entsprechen die deutschen Exportwerte in die USA selten den Importwerten der USA aus Deutschland. Diese Differenzen beruhen auf unterschiedlichen Ursachen und steigen mit zunehmender Entfernung und Detaillierungsniveau der Untersuchungsländer an:[9]

Partnerland

Als wichtigster Unsicherheitsfaktor wird die Partnerlandangabe betrachtet. Während die Exporte der Handelsbilanz nach dem Bestimmungsland (Endziel der Waren) verbucht werden, gibt es bei den Importen zwei unterschiedliche Verfahren. Deutschland, Österreich und die Schweiz verwenden hier den Nachweis des Ursprungslandes (Herstellerland/Land der letzten wesentlichen Veränderung). Möglich ist jedoch auch die Erhebung des Versendungslandes (Land aus dem die Ware in das Erhebungsgebiet kam /Zwischenlager). Dem wird sich jedoch meist nur dann bedient, wenn das Ursprungsland nicht bekannt ist. Probleme eines spiegelbildlichen Vergleichs entstehen besonders dann, wenn zum Zeitpunkt der Meldung unklar ist, in welches Bestimmungsland die Waren exportiert und zunächst an einen Zwischenhändler in ein anderes Land geliefert werden. Ebenso problematisch ist die indirekte Einfuhr. Dieser Vorgang, auch als „Rotterdam-Effekt“ bezeichnet, beschreibt eine innergemeinschaftliche Versendung - etwa innerhalb der EU - von Waren aus Drittländern. Betroffen sind besonders die Länder an den Außengrenzen der EU, also dort wo die Waren vom Zoll erfasst werden.

Bewertung

Zur Bewertung der Ein- und Ausfuhren werden die Incoterms FOB und CIF verwendet.

  • FOB (free on board) erfasst den Warenwert frei Zollgrenze des exportierenden Landes. Das ist der Warenpreis ab Werk, inklusive der bis zur Zollgrenze des Exportlandes aufgetretenen Transport-, Versicherungs- und Verladekosten.
  • CIF (cost, insurance, freight) erfasst zusätzlich zu FOB noch die Transport- und Versicherungskosten zwischen den Zollgrenzen des Export- und des Importlandes.

Hinsichtlich der Bewertungsarten muss hierbei zwischen Monatsversion und Jahresversion unterschieden werden. Exporte werden in Deutschland grundsätzlich zu FOB bewertet, wohingegen die Importe je nach Darstellungsart zu FOB (Jahresversion) oder CIF-Werten (Monatsversion) erfasst werden. Dies führt in der Monatsversion dazu, dass im länderübergreifenden Handelsbilanzvergleich der Exportwert von Land A nicht dem Importwert von Land B entspricht. Um diese Diskrepanz zu umgehen und gemäß den Regeln des Internationalen Währungsfonds, weist die Deutsche Bundesbank im Jahresnachweis sowohl die Ein- als auch die Ausfuhrwerte zu FOB aus. Ebenso verfährt die Österreichische Nationalbank bei der jährlichen Erstellung der österreichischen Zahlungsbilanz. Diese wird einer aggregierten Berechnung unterzogen und Importe wie in Deutschland zu FOB ausgewiesen. In der Außenhandelsstatistik der STATISTIK AUSTRIA werden die Exporte zu FOB und Importe immer zu CIF dargestellt und weder in den Monats- noch in den Jahresberichten korrigiert. Hierdurch entstehen Asymmetrien zwischen der Handelsbilanz nach der Österreichischen Nationalbank und der STATISTIK AUSTRIA. In der Schweiz werden Exporte zu FOB und Importe zu CIF ausgewiesen.

Dies führt dazu, dass die Transport- und Versicherungskosten zwischen den Zollgrenzen nicht immer in der Jahresversion der Handelsbilanz auftauchen, sondern je nach Darstellungsart der Dienstleistungsbilanz zugeordnet und als ausländische Dienstleistung betrachtet werden. Zwar bedeutet dies - aufgrund der oft schwierigen Informationsbeschaffung der genauen Kosten - einen größeren Aufwand, ermöglicht aber zugleich auch einen besseren internationalen Vergleich. Der Saldo der Handelsbilanz - wie auch der Dienstleistungsbilanz - und deren Vergleichbarkeit, ist demnach davon abhängig, welche Bewertungsverfahren herangezogen werden und wie weit die Partnerländer von einander entfernt sind. Der Saldo der Leistungsbilanz wird hingegen nicht beeinflusst. Bei der Bewertung der Waren entstehen allerdings auch Differenzen hinsichtlich der Zoll- und Steuererfassung sowie der Umrechnungsmethoden für Währungen. Die Verbuchung der Warenwerte erfolgt innerhalb der EU, einschließlich Schweiz, ohne Zölle und Steuern; Währungen werden in Deutschland zum Wechselkurs des Meldezeitpunkts umgerechnet, die Schweiz bewertet die Waren zum Devisenverkaufskurs des Deklarationsvortags.

Zeitliche Zuordnung

Die abweichende Erfassung des Warenverkehrs ist zumeist auf lange Transportzeiten zurückzuführen. Entsprechende Zuordnungen können sich dadurch um Monate oder gar Jahre verschieben.

Methodik

Länderspezifische Methoden hinsichtlich der Bewertung von Software und des Schätzverfahrens (Imputation und Hochrechnung) bei Antwortausfällen sowie Schwund durch Meldepflichtschwellen, haben ebenfalls Einfluss auf die Vergleichbarkeit von Handelsbilanzen. So ist ein deutsches Unternehmen, dessen jeweiliger Versende- bzw. Eingangsumfang im Vorjahr 300.000 € (Schwellwert in Österreich seit 2007: 300.000 €) nicht überschritten hat, von der Meldepflicht befreit. Dies heißt allerdings nicht, dass der Warenwert im Partnerland nicht verbucht wird.

Die nach der Verbuchung der Ein- und Ausfuhr entstehenden Asymmetrien und das Handelsbilanzsaldo sind somit nicht unbedingt auf den realen Warenverkehr zurückzuführen. Die oben genannten Ursachen wirken direkt auf die Außenhandelsstatistik ein und können diese bis zu einem gewissen Grad verfälschen. Eine zentrale Rolle in der Darstellung des eigentlichen Warenverkehrs spielen zudem die Preise, welche für die Im- und Exporte verrechnet werden. Im länderübergreifenden Warenaustausch international agierender Unternehmen ist beispielsweise eine Unterbewertung der Güter aus steuer- und zollrechtlichen Gründen weit verbreitet. Die sogenannten konzerninternen Verrechnungspreise sind somit nicht repräsentativ für das eigentliche Waren-Austauschverhältnis zwischen den Ländern. Zudem muss das Verhältnis der Preise von Ex-und Importgütern sowie die Wechselkurse betrachtet werden. Steht dem Export von 100 hochpreisigen Investitionsgütern ein Import von 100 günstigen Rohstoffen gegenüber, so entsteht ein Überschuss. Dieser ist nicht auf den mengenmäßigen Verkehr, sondern auf die Güterpreise und die Wechselkurse zurückzuführen. In diesem Zusammenhang ist eine Betrachtung der Terms of Trade sinnvoll. Diese zeigen das reale Austauschverhältnis von exportierten und importierten Gütern, also die Veränderung der Exportpreise gegenüber den Importpreisen.

Einflüsse

Der Außenhandel eines Landes wird von mehreren Einflussfaktoren bestimmt. Diese treten selten isoliert auf und bedingen sich zudem meist gegenseitig. Sie bewirken und sind Teil eines Kreislaufs, der aufgrund der komplexen volkswirtschaftlichen Mechanismen, selten genau vorhersagbar ist. Im Folgenden werden die wichtigsten Einflussfaktoren auf die Handelsbilanz dargestellt.

Abhängigkeit des Exportvolumens von:


Abhängigkeit des Importvolumens von:

  • Ausland: Konjunktur, wirtschaftspolitischen Maßnahmen, Produktion
  • makroökonomischen Schocks (Rohstoffe, Nachfragen etc.)
  • Güterpreisen (Auslandswährung)
  • Wechselkursen
  • Ex- und Importelastizitäten
  • Binnennachfrage
  • inländischen Produktionspotentialen, Geld- und Fiskalpolitik, BIP, Realeinkommen
  • Zöllen und Handelsabkommen

Volkswirtschaftliche Effekte

Vereinfachtes Beispiel einer Währungsaufwertung.

Handelsbilanzüberschuss

Hauptartikel Handelsbilanzüberschuss

Ein steigender und/oder dauerhafter Handelsbilanzüberschuss kann für eine Volkswirtschaft sowohl positive als auch negative Effekte haben. Die durch die hohen Exporte zunehmende inländische Produktion führt für sich genommen zu einem Rückgang der Arbeitslosigkeit, wenn denn die Gründe für den Handelsbilanzüberschuss nicht in einer Schwäche des Binnenmarktes liegen. Weiterhin ermöglicht es ein Überschuss der Exportindustrie, in ihre Produktion und Technologien zu investieren, was wiederum die internationale Wettbewerbsfähigkeit dieses Landes verbessert. Zugleich steigt aber auch die Abhängigkeit des Exportlandes von der Konjunktur und den wirtschaftspolitischen Maßnahmen seiner Handelspartner.

Folgen einer Währungsabwertung bei flexiblen Wechselkursen

Hauptartikel Handelsbilanzdefizit

Angenommen werden zwei Länder oder Wirtschaftsräume welche unterschiedliche Währungen aufweisen, wie etwa USA und Europa. Weist die Handelsbilanz eines Landes (Euroland) ein Defizit auf, bedeutet dies, dass es dieses Defizit bei seinem Handelspartner (USA) zwischenfinanzieren muss. Dadurch entsteht, neben Zinsverpflichtungen für dieses Land, ein erhöhter Bedarf an ausländischer Währung (Dollar) und ein Überangebot der inländischen Währung (Euro). Eine Möglichkeit für Europa sein HB-Defizit auszugleichen ist die Abwertung des Euros. Ein Anstieg des nominalen Wechselkurses (Preisnotierung) hat zur Folge, dass der Preis für Güter aus den USA in Einheiten europäischer Güter steigt, im Umkehrschluss, Güter aus Europa für die USA günstiger werden. Verfügt der Markt nun über eine hohe Nachfrageelastizität, werden sich die Gütermengen kurzfristig mit der Veränderung des Wechselkurses korrigieren (Robinson-Bedingung). Infolgedessen werden die Exporte aus dem Euroraum steigen, da diese für das Ausland günstiger geworden sind, und die Importe aufgrund des relativen Preisanstiegs sinken. Ist der Umfang des Exportanstiegs groß und der Rückgang der Importe stark genug, um die gestiegenen Importpreise zu kompensieren, wird sich die Handelsbilanz im Zuge der Euroabwertung verbessern (Marshall-Lerner-Bedingung). Nachteile einer Abwertung liegen vor allem im Anstieg des inländischen Preisniveaus sowie dem Export von Rezession und Arbeitslosigkeit ins Nachbarland durch die Aufwertung der ausländischen Währung. Vorteile könnten die Verschiebung der Außen- und Binnennachfrage hin zu inländischen Gütern, eine daraus steigende inländischen Produktion und letztlich ein Rückgang der Arbeitslosigkeit, mithin eine positive Auswirkung auf die Binnenkonjunktur sein.

Verfolgt die Regierung neben dem Ausgleich der Handelsbilanz (Überschuss oder Defizit) noch weitere Ziele, wie etwa einer Stagnation der inländischen Produktion, wird der zusätzliche Einsatz fiskalpolitischer Maßnahmen notwendig. Ebenso können geldpolitische Eingriffe der Zentralbanken wirksame Effekte auf Handelsungleichgewichte und die Konjunktur haben.

Verzögerungen

Die Verbesserung der Handelsbilanz durch eine, wie oben beschriebene, Abwertung des Euros, ist bedingt durch unterschiedliche Reaktionszeiten selten ein sofortiger Prozess. Im Außenhandel ist besonders die Verzögerung der Mengenanpassung zu beobachten. Ursachen hierfür sind vertragliche Bindungen der Unternehmen, zeitintensive Suche nach günstigeren Anbietern und die zeitverzögerte Konsumanpassung. Dies kann zur Folge haben, dass sich die Ausgleichswirkung auf die Handelsbilanz erst nach einer kurzzeitigen Verschlechterung dieser einstellt. Dieser Vorgang wird auch als J-Kurven-Effekt bezeichnet. Bei einer Aufwertung der Währung hingegen ist ein Spazierstockeffekt durch unterschiedliche Preis- und Mengenreaktionen zu beobachten.

Währungsunion/Europa

Durch den Beitritt zur Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion (EWWU) und die damit verbundene Verlagerung der nationalen Währungs- und Geldpolitik auf die supranationale Ebene der Europäischen Zentralbank (EZB), ist für die einzelnen Länder eine oben beschriebene, individuelle Abwertung der (nationalen) Währung unmöglich geworden. Zwar bleibt der Euro gegenüber den Ländern, die eine eigene, unabhängige Währung haben, flexibel, nicht aber innerhalb des Euro-Währungsgebiets. Da sich jegliche Maßnahmen der EZB immer auf alle Mitgliedsländer der EWWU auswirken, treten besonders dann Konflikte auf, wenn regionale Ungleichgewichte innerhalb der Währungsunion entstehen. Dies zwingt die Länder, aber auch die Europäische Union ihre ökonomischen Anpassungsmechanismen zu modifizieren. Ein Handelsbilanzdefizit ließe sich, bei flexiblen Wechselkursen, durch eine Abwertung der Währung oder einer expansiven Geldpolitik womöglich ausgleichen und der damit verbundene Rückgang der inländischen Produktion, Anstieg der Arbeitslosigkeit, konjunkturelle Abschwung und Trend hin zu einer Rezession abfedern. Durch den Wegfall der Wechselkursgrenzen innerhalb der EWWU bleiben diesen Ländern jedoch nur noch begrenzte staatliche Gegenmaßnahmen um einen wirtschaftlichen Abschwung zu verhindern. Diskutiert werden in diesem Zusammenhang besonders die Senkung der Nominallöhne zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit des betroffenen Landes, Arbeitskräftemigration sowie eine expansive Fiskalpolitik.[10]

Handelsbilanzsalden in US$[11]
Platz Land Werte in Mio US$
1 China $ 363.300
2 Japan $ 195.900
3 Deutschland $ 185.100
4 Saudi-Arabien $ 88.890
5 Russland $ 74.000
160 Australien $ -50.960
161 Italien $ -57.940
162 Großbritannien $ -111.000
163 Spanien $ -126.300
164 USA $ -747.100

Beispiele

Ein im Euroraum stark betroffenes Land war in den letzten Jahren beispielsweise Italien. Mit einer BIP-Zunahme von nur 1,9% im Jahr 2007 zählt es wirtschaftlich gesehen zu den „Schlusslichtern“ Europas[12]. Das Land, welches - auch aufgrund der Abwertung der Lira - in den 90er Jahren durch seine Exporte noch einen Weltmarktanteil von rund 5% verzeichnen konnte, hatte in den letzten Jahren mit einer schwachen Binnennachfrage, hoher Arbeitslosigkeit sowie einem anhaltenden Handelsbilanzdefizit zu kämpfen. Als Hauptursachen wurden die starken Handelsbeziehungen mit Deutschland, überdurchschnittlich hohe Steuern, sinkende Reallöhne, steigende Energiekosten, veraltete Technologien durch unterdurchschnittliche Investitionen und der große Reformbedarf im Steuer-, Renten- und Sozialsystem gesehen. Als Gegenmaßnahme versprach Silvio Berlusconi nach seiner Neuwahl im April 2008, zukünftig eine expansive Fiskalpolitik zu betreiben. Steuererleichterungen und erhöhte Staatsausgaben im Familien- und Energiesektor sollen den privaten Konsum ankurbeln.[13]

Die deutsche Handelsbilanz hingegen weist schon seit Jahrzehnten Überschüsse auf. "Als Exportnation weist Deutschland traditionell einen Ausfuhrüberschuss auf. Lediglich in den Anfangsjahren der Bundesrepublik 1950 und 1951 verzeichnete die deutsche Außenhandelsstatistik einen Einfuhrüberschuss".[14] Im Jahr 2006 betrug der deutsche Außenhandelsüberschuss rund 159 Mrd. €, 2007 erzielte Deutschland sogar einen „Rekordüberschuss“ von 196,5 Mrd. €.[15]

Viele Länder, so z. B. auch die Volksrepublik China, hebeln den oben genannten Marktmechanismus aus, indem sie ihre Währung an eine Ankerwährung (z.B. den US-Dollar) koppeln. Dadurch sichert China seine stark positive Handelsbilanz gegenüber den USA. Bei einer negativen Handelsbilanz treten die genannten Effekte umgekehrt auf.

Leistungsbilanz Deutschlands

Leistungsbilanz der
Bundesrepublik Deutschland [16]
Werte in Mrd. Euro
2006/2007 2007/2008
November Dezember Januar November Dezember Januar
Einfuhr (Waren) 66,9 62,6 61,0 68,2 62,7 67,3
Ausfuhr (Waren) 85,1 73,4 77,4 87,8 73,4 84,4
Saldo der
     Handelsbilanz
+ 18,1 + 10,8 + 16,4 + 19,5 + 10,7 + 17,1
     Ergänzungen zum Warenverkehr - 1,2 - 1,1 - 0,9 - 0,7 - 0,7 - 0,9
     Dienstleistungen - 0,5 + 2,0 - 2,5 - 0,3 + 0,6 - 1,3
     Erwerbs- und Vermögenseinkommen + 4,1 + 4,2 + 3,3 + 4,6 + 5,3 + 3,5
     laufende Übertragungen - 2,7 + 2,3 - 1,9 - 1,7 + 0,9 - 3,5
     Leistungsbilanz + 17,7 + 18,3 + 14,4 + 21,4 + 16,8 + 15,0
Deutsche Ein- und Ausfuhr, Handelsbilanzsaldo, Terms of Trade
   Werte saisonbereinigt, in Mrd. Euro
Jahr Ausfuhr ges. Einfuhr ges. Saldo Terms of Trade
1999 506,72 442,27 64,45 105,06
2000 596,93 537,66 59,27 100
2001 641,12 544,63 96,49 99,88
2002 654,45 520,14 134,31 101,93
2003 666,93 535,85 131,08 102,91
2004 726,64 572,51 154,13 102,54
2005 783,69 625,83 157,86 101,25
2006 893,30 734,07 159,23 99,78
2007 972,12 772,76 199,36 100,48

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Statistisches Bundesamt, Wiesbaden: Informationsbroschüre der Außenhandelsstatistik, S. 18-19. Bearbeitungsstand: Oktober 2007 (Abgerufen: 28. März 2008, 15:00 UTC).
  2. Statistisches Bundesamt, Wiesbaden: Datenerhebung im Intrahandel. Version: 2.24.0 vom 31.08.2007 (Abgerufen: 23. März 2008, 20:00 UTC).
  3. Statistisches Bundesamt, Wiesbaden: Datenerhebung im Extrahandel. Version: 2.24.0 vom 31.08.2007 (Abgerufen: 23. März 2008, 20:15 UTC).
  4. Statistisches Bundesamt, Wiesbaden: Statistisches Jahrbuch 2007, Außenhandel, Methodische Erläuterungen, S. 460. Bearbeitungsstand: September 2007 (Abgerufen: 3. April 2008, 14:00 UTC).
  5. Statistisches Bundesamt, Wiesbaden: Informationsbroschüre der Außenhandelsstatistik, S. 7-8. Bearbeitungsstand: Oktober 2007 (Abgerufen: 28. März 2008, 15:00 UTC).
  6. 2007: 300.000 €
  7. STATISTIK AUSTRIA, Wien: Standard-Dokumentation Metainformation zu den Außenhandelsstatistiken. Bearbeitungsstand: 11.12.2007 (Abgerufen: 16. Mai 2008, 19:00 UTC).
  8. Eidgenössische Zollverwaltung, Bern: Dokument Aussenhandelsstatistik: Allgemeines. Bearbeitungsstand: 31.07.2006 (Abgerufen: 17. Mai 2008, 12:30 UTC).
  9. Statistisches Bundesamt, Wiesbaden: Publikation: Asymmetrien in der Außenhandelsstatistik . Bearbeitungsstand: 31.08.2007 (Abgerufen: 02. April 2008, 10:30 UTC).
  10. Clement, Rainer; Terlau, Wiltrud; Kiy, Manfred (2006), Grundlagen der Angewandten Makroökonomie, 4., überarbeitete Auflage, München: Vahlen, Seite 424 - ISBN 3-8006-3337-X.
  11. Central Intelligence Agency (CIA), Washington, D.C.: The 2008 World Factbook. Bearbeitungsstand: 1 Mai 2008 (Abgerufen: 10. Mai 2008, 17:300 UTC).
  12. Albrecht, Birgit; Baratta, Mario; et al. (2007), Der Fischer Weltalmanach 2008, Frankfurt am Main: Fischer, Seite 634 - ISBN 978-3-596-72008-8.
  13. Bundesagentur für Außenwirtschaft, Köln: Artikel: Steuersenkungen sollen Italiens Wirtschaft ankurbeln. Bearbeitungsstand: 21.04.2008 (Abgerufen: 25. April 2008, 16:30 UTC).
  14. Statistisches Bundesamt, Wiesbaden: Pressemitteilung Nr. 383, Rekord beim Ausfuhrüberschuss im ersten Halbjahr 2005. Bearbeitungsstand: 13.09.2005 (Abgerufen: 22. März 2008, 18:00 UTC).
  15. Statistisches Bundesamt, Wiesbaden: Außenhandel im Überblick. Version: 2.24.0 / 31.08.2007 (Abgerufen: 23. März 2008, 10:00 UTC).
  16. Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, Berlin: Monatsbericht 04-2008, Seite 76/20. Bearbeitungsstand: April 2008 (Abgerufen: 25. März 2008, 19:00 UTC); Daten: Statistisches Bundesamt, Wiesbaden; Deutsche Bundesbank, Frankfurt am Main.
  17. Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, Berlin: Monatsbericht 04-2008, Seite 77/21. Bearbeitungsstand: April 2008 (Abgerufen: 25. März 2008, 19:00 UTC); Daten: Statistisches Bundesamt, Wiesbaden; Deutsche Bundesbank, Frankfurt am Main.

Literatur

  • Ulrich Baßeler und Jürgen Heinrich, et al.: Grundlagen und Probleme der Volkswirtschaft. 18. Auflage. Stuttgart 2006, ISBN 978-3-7910-2437-0.
  • Olivier Blanchard und Gerhard Illing: Makroökonomie. 4. Auflage. München 2006, ISBN 3-8273-7051-5.
  • Peter Bofinger: Grundzüge der Volkswirtschaftslehre. 2. Auflage. München 2007, ISBN 3-8273-7076-0.
  • Dieter Brümmerhoff: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung. 8. Auflage. München 2007, ISBN 978-3-486-58335-9.
  • Gabler Wirtschaftslexikon. 16. Auflage. Wiesbaden 2004, ISBN 3-409-10386-4.
  • Fritz-Ulrich Jahrmann: Außenhandel. 11. Auflage. Ludwigshafen 2004, ISBN 3-470-54261-9.
  • Paul Krugman und Maurice Obstfeld: Internationale Wirtschaft. 7. Auflage. München 2006, ISBN 978-3-8273-7199-7.
  • Adam Reining: Lexikon der Außenwirtschaft. München 2003, ISBN 3-486-27416-3.
  • Paul A. Samuelson und William D. Nordhaus: Volkswirtschaftslehre. Landsberg am Lech 2005, ISBN 3-636-03033-7.

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