Außerchristliche Notizen zu Jesus von Nazaret

Außerchristliche Notizen zu Jesus von Nazaret findet man in einigen antiken Quellen außerhalb des Neuen Testaments (NT) und der christlichen Apokryphen.

Die inner- wie außerkanonischen christlichen Quellen wollen alle Jesus Christus verkündigen. Hinweise auf eigene schriftliche Werke Jesu existieren nicht. Nach dem NT verkündete er als Wanderprediger mündlich das nahe Reich Gottes und wurde nach wenigen Jahren seines öffentlichen Auftretens in Galiläa und Judäa als Messiasanwärter auf Anordnung des römischen Statthalters Pontius Pilatus gekreuzigt.

Etwa 40 Jahre nach Jesu Tod erwähnten nichtchristliche Autoren Jesus erstmals. Ihre seltenen Notizen zeigen verschiedene Haltungen, die von Sympathie und neutraler Distanz bis zu Ablehnung und Verachtung reichen. Bei einigen ist unsicher, ob sie sich auf Jesus von Nazaret beziehen und auf eigenen Nachforschungen beruhen oder auf christliche Überlieferung reagieren. Deshalb ist ihre Relevanz für die historische Jesusforschung umstritten. Zumindest geben sie Aufschluss über die Rezeption urchristlicher Jesusüberlieferung in der nichtchristlichen Geschichtsschreibung des 1. und 2. Jahrhunderts.

Inhaltsverzeichnis

Jüdische Quellen

Fehlende Erwähnung

Die jüdische Geschichtsschreibung war zur Zeit Jesu bereits recht ausgeprägt. Doch weder Philo von Alexandria, der als Kenner der Sekten Palästinas galt, noch Justus von Tiberias, der in Jesu Nachbarschaft in Galiläa lebte und schrieb, erwähnen ihn in ihren überlieferten Werken. Da diese nur bruchstückhaft überliefert wurden, kann Jesus in fehlenden Textpassagen erwähnt worden sein. Möglich ist auch, dass die Autoren nichts von Jesus gehört hatten oder er für sie als gebildete Angehörige der jüdischen Oberschicht zu unbedeutend war. Justus war Hofschreiber der Herodianer, die kein Interesse gehabt haben dürften, über aus ihrer Sicht gescheiterte jüdische Gegner dieses Königshauses zu berichten.

Auch in dem in Rom um 90 verfassten Hauptwerk des Historikers Flavius Josephus Bellum Judaicum kommt Jesus nicht vor, obwohl das Werk auch die Zeit Jesu umfasst. Dabei könnte Josephus als früherer Befehlshaber der aufständischen Galiläer von ihm gehört haben. Nur die zwischen 79 und 94 verfassten Antiquitates Judaicae („Jüdische Altertümer“) erwähnen Jesus an zwei Stellen (Ant 18,63–64; Ant 20,200).

Manche antiken Quellen schweigen auch zu bestimmten, aus anderen Quellen als unbezweifelbar historisch bekannten Personen: So berichten Paulus von Tarsus und Philo nichts über Johannes den Täufer, den Josephus und die Mandäer erwähnen. Josephus, der sich zum Pharisäismus bekannte, berichtet wiederum nichts über Paulus, über Rabbi Hillel und den aus einigen Schriftrollen vom Toten Meer bekannten „Lehrer der Gerechtigkeit“.

Testimonium Flavianum

Als Testimonium Flavianum bezeichnet man einen Abschnitt aus den Antiquitates Judaicae („Jüdische Altertümer“) des Flavius Josephus von 93. Der überlieferte Text erwähnt Jesus, der als Christus bezeichnet wird:[1]

„Um diese Zeit lebte Jesus, ein weiser Mann, wenn man ihn überhaupt einen Menschen nennen darf. Er vollbrachte nämlich ganz unglaubliche Taten und war der Lehrer aller Menschen, die mit Lust die Wahrheit aufnahmen. So zog er viele Juden und auch viele Heiden an sich. Dieser war der Christus. Und obgleich ihn Pilatus auf Betreiben der Vornehmsten unseres Volkes zum Kreuzestod verurteilte, wurden doch seine früheren Anhänger ihm nicht untreu. Denn er erschien ihnen am dritten Tage wieder lebend, wie gottgesandte Propheten dies und tausend andere wunderbare Dinge von ihm vorhergesagt hatten. Und bis auf den heutigen Tag besteht das Volk der Christen, die sich nach ihm nennen, fort.“

Frühe Kirchenväter wie Justin, Tertullian und Cyprian zitierten diesen Text nicht, obwohl sie Josephus sonst zur Bestätigung ihrer Auslegung des Alten Testaments heranzogen. Origenes (um 185–254) schrieb, Josephus habe nicht geglaubt, Jesus sei der Christus: Er kann die Aussagen also nicht in der obigen Form vorgefunden haben.[2] Die älteste bekannte Textversion stammt aus dem 4. Jahrhundert und ist ein Zitat des Eusebius von Caesarea (260–339) in dessen Kirchengeschichte.

Diese Stelle wurde in der Christentumsgeschichte lange Zeit unangefochten als Beweis einer Kenntnis des Josephus von Jesu Existenz und Messianität gewertet. Sie wird aber seit der Reformationszeit im 16. Jahrhundert als christliche Fälschung verdächtigt. Schon Lukas Osiander wandte ein, der Satz „Dieser war der Christus“ könne nicht von Josephus stammen, da dieser sonst Christ geworden wäre. Er sei nur als christliches Glaubensbekenntnis wie Lk 23,35 EU, Apg 9,22 EU u.a. zu verstehen.

Seit Beginn der historischen Jesusforschung wird der Josephustext untersucht und diskutiert. Im 19. Jahrhundert wurde er oft mit folgenden Argumenten insgesamt als Einfügung (Interpolation) christlicher Kopisten beurteilt:

  • Der zweifelnde Relativsatz „wenn man ihn überhaupt einen Menschen nennen darf“ sei nur als dogmatische Richtigstellung zu verstehen, die Jesu Göttlichkeit schon voraussetze.
  • Auch der Satz „Er erschien ihnen am dritten Tage wieder lebend …“ sei nur als christliche Aussage zu verstehen.
  • Die übrige Beschreibung Jesu als „weiser Mann“ und „Lehrer aller Menschen“, der „unglaubliche Taten“ vollbracht, dessen Wahrheit von allen „mit Lust aufgenommen“ und auch Heiden „an sich gezogen“ habe, scheine zu Josephus und seiner Intention zu passen. Aber dieser Text unterbreche den Kontext, der die Amtszeit des Pontius Pilatus als Folge von Aufständen darstelle. Weil dieses Thema und Stichwort hier fehlt, wirke der Abschnitt als Einschub (so etwa Eduard Norden).

Demgegenüber betrachteten viele Historiker im 20. Jahrhundert den Text nicht als komplette Fälschung, sondern nahmen einen von Christen ergänzten oder überarbeiteten authentischen Originaltext des Josephus an. Diesen versuchen sie jedoch sehr verschieden zu rekonstruieren.

John P. Meier entfernte einfach die drei „christlichen“ Sätze.[3] Walther Bienert, Samuel G. Brandon und andere vermuteten nach dem Kontext einen Bericht des Josephus über einen Aufstandsversuch Jesu: Er habe Jesus ursprünglich analog zu den „Räubern“, „Zauberern“ und „Volksverführern“ der jüdischen Widerstandsbewegung als „redegewandten Unruhestifter“ gezeichnet, der „sonderbare“ Taten vollbracht und viele „auf seine Seite“ gezogen habe. Christen hätten diese negativ wertenden Ausdrücke durch wenige Eingriffe in neutrale oder positive verwandelt.

Auch Frederick Fyvie Bruce vertrat diese Ansicht seit 1943 und argumentierte: Spätere Textversionen hätten häufiger kleine Auslassungen als absichtliche Einfügungen enthalten, wenn diese Veränderungen für Kopisten plausibel gewesen seien. Dabei könnten sie einzelne Ausdrücke, etwa „alethe“ (Wahrheit) und „aethe“ (seltsame Dinge), verwechselt haben. Demnach könne Josephus ursprünglich geschrieben haben (Einfügungen kursiv):

„Um diese Zeit lebte Jesus, ein weiser Mann, wenn man ihn überhaupt einen Menschen nennen darf. Er vollbrachte nämlich ganz unglaubliche Taten und war der Lehrer aller Menschen, die mit Lust seltsame Dinge aufnahmen. So zog er viele Juden und auch viele Heiden an sich. Dieser war der sogenannte Christus. Und obgleich ihn Pilatus auf Betreiben der Vornehmsten unseres Volkes zum Kreuzestod verurteilte, wurden doch seine früheren Anhänger ihm nicht untreu. Denn er erschien ihnen, wie sie behaupteten, am dritten Tage wieder lebend, wie gottgesandte Propheten dies und tausend andere wunderbare Dinge von ihm vorhergesagt hatten. Und bis auf den heutigen Tag besteht das Volk der Christen, die sich nach ihm nennen, fort.“

Dieser Text habe nichts dem jüdischen Glauben Widersprechendes ausgesagt, und die Textveränderungen seien als Werk christlicher Kopisten plausibel.[4]

Die jüdischen Historiker Joseph Klausner, Paul Winter, Geza Vermes und andere nahmen dagegen einen Originaltext mit positiver Tendenz an: Josephus habe Jesu Kreuzigung wie im Kontext (Ant 18,65: „zu dieser Zeit erregte auch noch ein weiteres Unglück die Juden …“) als Unglück dargestellt. Christliche Aussagen seien ursprünglich als Jüngermeinung über Jesus eingeführt worden: „Sie sagten, er sei der Christus.“

Shlomo Pines veröffentlichte 1971 eine bis dahin unbeachtete arabische Fassung des Josephustextes, die Bischof Agapios von Hierapolis in seiner christlichen Universalgeschichte im 10. Jahrhundert zitiert hatte:[5]

„Zu dieser Zeit gab es einen weisen Menschen, der Jesus genannt wurde. Und er wies einen guten Lebenswandel auf und war als tugendhaft bekannt und hatte viele Leute aus den Juden und den anderen Völkern als seine Jünger. Pilatus hatte ihn zur Kreuzigung und zum Tode verurteilt; aber diejenigen, die seine Jünger geworden waren, gaben seine Jüngerschaft nicht auf und erzählten, dass er ihnen drei Tage nach der Kreuzigung erschienen sei und lebe und demnach vielleicht der Messias sei, über den die Propheten Wunderbares gesagt haben.“

Alice Whealey argumentiert, dass Agapius’ Version auf eine syrische Übersetzungen der Historia Ecclesiastica des Eusebius von Caesarea zurückgeht.[6] Eine weitere Version des Testimonium, das vermutlich auf der gleichen syrischen Übersetzung aufbaut, ist die Weltchronik von Michael dem Syrer. Gegen Pines hält Whealey die Version der Weltchronik für authentischer als das Testimonium des Agapios. Die Version der Weltchronik ist sprachlich näher an der überlieferten Standardfassung (textus receptus), identifiziert jedoch wie bei Agapios Jesus nur indirekt mit dem Messias. In diesem Punkt stützt auch die syrische Fassung des Michael die Hypothese einer Originalfassung, die christliche Glaubensaussagen nur als vom Autor nicht geteilte Erwägung der Jünger Jesu zitierte.

Jakobusnotiz

Die zweite Stelle bei Josephus erwähnt die Hinrichtung des Jakobus (62) unter dem sadduzäischen Hohenpriester Hannas II.:[7]

„Zur Befriedigung seiner Hartherzigkeit glaubte Ananus jetzt, da Festus gestorben, Albinus aber noch nicht angekommen war, eine günstige Gelegenheit gefunden zu haben. Er versammelte daher den Hohen Rat zum Gericht und stellte vor diesen den Bruder des Jesus, der Christus genannt wird, mit Namen Jakobus, sowie noch einige andere, die er der Gesetzesübertretung anklagte und zur Steinigung führen ließ.“

Diese Aussage wirkt laut Gerd Theißen nicht als Einfügung, da sie kein Interesse an Jesus zeigt, sondern ihn nur nennt, um seinen Bruder Jakobus zu bestimmen. Auch der Christustitel erscheint nur, um Jesus von anderen Juden dieses Namens – dreizehn kommen allein in den „Altertümern“ vor – zu unterscheiden. Der Titel ist hier nicht zum Eigennamen geworden: Das entsprach jüdischem, nicht christlichem Sprachgebrauch. Jede inhaltliche Begründung dafür fehlt: Das wirkt, als sei vorher schon ausführlicher von Jesus berichtet worden und hier werde nur daran erinnert. Im weiteren Kontext missbilligt Josephus die Hinrichtung des Jakobus und erwähnt, dass Hannas deswegen bald darauf abgesetzt worden sei.

Während die meisten Historiker diese Stelle für echt halten, zweifeln einige sie an: Earl Doherty nahm an, dass der Name Jakobus ursprünglich den Bruder des zuvor erwähnten Jesus bar Damneus bezeichnete, der Machtkämpfen um das Hohenpriesteramt zum Opfer fiel; „… der Christus genannt wird“ sei ein späterer christlicher Zusatz. Eine Textvariante erwähnt den Namen Jesus nicht und bezeichnet Jakobus als „Bruder von Barabbas“.

Talmud

Um 95 beschlossen die damals führenden Vertreter des Judentums bei einem sogenannten Sanhedrin von Jamnia den Ausschluss der „Häresien“, darunter eventuell auch der Christen. Dem folgte um 135 die Kanonisierung des Tanach. Seit dem 2. Jahrhundert wurden auch die mündlichen Bibelauslegungen (Mischna) der verschiedenen Rabbiner-Schulen verstärkt gesammelt und seit dem 3. Jahrhundert in der babylonischen und palästinischen Version des Talmud schriftlich fixiert. Dort erwähnt der Traktat Sanhedrin 43a Jesus:

„Am Vorabend des Passafestes hängte man Jeschu. Vierzig Tage vorher hatte der Herold ausgerufen: Er wird zur Steinigung hinausgeführt, weil er Zauberei getrieben und Israel verführt und abtrünnig gemacht hat; wer etwas zu seiner Verteidigung zu sagen hat, der komme und sage es. Da aber nichts zu seiner Verteidigung vorgebracht wurde, so hängte man ihn am Vorabend des Passafestes.“

Alter und Echtheit dieser Notiz sind umstritten. Joseph Klausner hielt sie für ursprünglich und datierte sie auf etwa 200.[8] Johann Maier dagegen nahm an, dass sie nicht vor 220 entstanden sein könne. Der Name „Jeschu“ sei erst später eingefügt worden, um einen schon vorliegenden anderen Rechtsprozess auf Jesus zu beziehen.[9]

Die Stelle nennt wie Joh 19,31 EU den Vorabend des Passahfestes (14. Nisan = 7. April im Jahr 30) als Todesdatum. Einige ihrer Motive widersprechen jedoch der neutestamentlichen Passionsüberlieferung:

  • Ein Ausrufer habe – anders als sonst in talmudischen Rechtsverfahren üblich – schon 40 Tage lang vor Jesu Prozess Entlastungszeugen gesucht.
  • Der Sanhedrin habe das Todesurteil allein gefällt und vollstreckt; von Römern ist keine Rede.
  • Jesus sei wegen „Zauberei“ angeklagt, rechtmäßig als Verführer des Volkes zu falschen Göttern verurteilt, gesteinigt und – wiederum unüblich – erst dann „aufgehängt“ worden.

Seine besonderen Kräfte werden nicht bestritten, aber auf eine Ausbildung in Magie in Ägypten zurückgeführt. Vorgeworfen wird ihm aber der Missbrauch dieser Kräfte, um sich als „Gott“ ausgeben zu können. Jesus erweise sich so als Schwindler. Dies ist im Talmud der Grund für das Todesurteil des Sanhedrin.[10]

Zauberei warf man Jesus aufgrund seiner Heilungen wohl schon zu seinen Lebzeiten vor (Mk 3,22 EU). In den Prozessberichten des NT spielte der Vorwurf aber keine Rolle, sondern danach wurde Jesus vor dem Sanhedrin der Falschprophetie angeklagt. Jedoch wurde Verführung zum Abfall von Gott schon in der deuteronomischen Gesetzgebung mit dem Ankünden widergöttlicher „Zeichen und Wunder“ in Verbindung gebracht und mit Steinigung bedroht. August Strobel nahm daher an, Jesu metaphorische Ankündigung, einen neuen Tempel zu bauen (Joh 2,19), also den Tempelkult zu reformieren, sei als Verstoß gegen dieses Gebot gewertet und er deshalb zum Tod verurteilt worden.[11]

In der Gegenerzählung des Talmud wird Jesus nicht gekreuzigt, sondern gesteinigt. Dass der Sanhedrin ihn selber steinigen ließ, widerspricht römischen Quellen, wonach er unter der Römerherrschaft in Palästina damals keine Todesurteile ausführen durfte. Zudem weist die Betonung des Aufhängens nach der Hinrichtung auf die Kenntnis der tatsächlichen Todesart Jesu hin: Die römische Kreuzigung galt Juden wie das Aufhängen als Ausschluss aus dem Gottesvolk. Die meisten Historiker nehmen daher an, dass die Talmudstelle apologetisch auf christliche Pauschalvorwürfe an die Juden reagierte und keine unabhängige Quelle zum Religionsprozess Jesu darstellt. Sie gebe eher die Haltung der Autoren gegenüber dem ihnen gegenwärtigen Christentum wieder.[12]

Römische Notizen

Römische Chronisten berichten über Christen erstmals Anfang des 2. Jahrhunderts. Sueton, Tacitus und Plinius der Jüngere waren etwa gleich alt und kannten einander. Sie erwähnen Jesus und das Christentum jeweils in Randnotizen zu Ereignissen in Rom und in den Provinzen, die zeitweise die dortige Staatsordnung gefährdeten. Für den historischen Jesus haben diese Texte wenig Aussagekraft, da sie nur seinen Namen und seine Hinrichtung unter Pontius Pilatus zu kennen scheinen und dieses Wissen eventuell von Christen stammt. Als außerbiblischer Beweis für Jesu Existenz können sie daher nicht gelten. Sie zeigen aber, wie die römische Oberschicht damals das Christentum wahrnahm. Sie beschreiben seinen Einfluss überwiegend als verderblich und rechtfertigen so die damaligen Christenverfolgungen im Römischen Reich.

Sueton

Sueton, ein am Kaiserhof geachteter Römer, erwähnt in seinen Kaiserbiografien (De vita Caesarum, 120 n. Chr.) ein Edikt des Kaisers Claudius im Jahr 49, das die Juden aus Rom auswies (Kap. 25,4):[13]

„Die Juden, welche von einem gewissen Chrestos aufgehetzt, fortwährend Unruhe stifteten, vertrieb er aus Rom.“

Sueton ging dabei offenbar davon aus, dass der Anstifter der „Unruhe“ in Rom auftrat. „Chrestos“ (altgriechisch „der Nützliche“) war ein gängiger griechischer Name und in Rom als Sklavenname verbreitet.[14] Sueton könnte den Namensträger daher als Anführer eines lokalen jüdischen Aufstandes angesehen haben. Davon ist für dieses Jahr sonst nichts bekannt.

Auch Neutestamentler wie Hans Conzelmann nehmen an, dass Sueton nicht „Christus“ (Jesus) meinte. „Chrestos“ war als römische Aussprache für den griechischen Messiastitel üblich und findet sich auch in einigen alten NT-Handschriften. Sueton habe von tatsächlicher Unruhe um diese Person in Rom gehört, in ihr aber nicht den „Anstifter“ des christlichen Glaubens vermutet. Denn er habe von diesem sonst noch nichts gehört und Juden und Christen nicht unterschieden.[15]

Daher wird die Suetonnotiz häufig als Hinweis auf eine damals schon bestehende Christengemeinde in Rom gewertet. Dafür sprechen drei Umstände:

  • Claudius drohte den Juden schon 42 im Zusammenhang mit Unruhen in Alexandria (Ägypten) eine allgemeine Verfolgung an für den Fall, dass sie ihren Unglauben an Roms Staatsgötter wie eine „Seuche“ verbreiteten. Deshalb verhielten sich jüdische Gemeinden in der römischen Diaspora, besonders der Hauptstadt des Weltreichs, eher unauffällig, um ihr Privileg als religio licita (erlaubte Religion) nicht zu gefährden. Jüdische Aufstände dieser Zeit sind erst nach Claudius' Tod und nur aus Palästina im Zusammenhang mit der römischen Missachtung des Jerusalemer Tempelkults bekannt.
  • Die Römer nahmen die Christen erstmals in Antiochien um 45 als eigene Gruppe wahr und nannten sie „Christianer“ oder „Chrestianer“ (Apg 11,26 EU). Dies hing mit der dortigen Gründung einer ersten großen heidenchristlichen Gemeinde zusammen. Im übrigen Reich unterschieden sie jedoch vor dem Jüdischen Krieg des Jahres 70 noch kaum zwischen Juden und Christen. Denn auch die meisten Christen waren bis dahin Juden und richteten ihre Mission wie diese in den Synagogen an die „gottesfürchtigen“ römischen Bürger. - In Rom wurden die Christen erst unter Nero als eigene Gruppe betrachtet und 64 beim Brand Roms verfolgt. Sueton selbst belegt dies mit einer lapidaren Notiz in seinem Kapitel über Neros Kaiserzeit:

„Mit Todesstrafen wurde gegen die Christen (christiani) vorgegangen, eine Sekte, die sich einem neuen, gefährlichen Aberglauben ergeben hatte.“

„und traf einen Juden mit Namen Aquila, von Geburt aus Pontus, der mitsamt seiner Frau Priscilla kürzlich aus Italien eingetroffen war, weil Kaiser Claudius allen Juden befohlen hatte, Rom zu verlassen.“

Diese Angabe gilt als Schlüsselstelle zur Datierung der Christengemeinde in Rom, an die Paulus seinen in Korinth entstandenen Römerbrief adressierte. Denn er selbst traf das Paar in Korinth und lässt sie grüßen (1 Kor 16,19 EU), zählte sie aber nicht zu den Juden, die er dort neu taufte (1,14ff EU; 16,15 EU). Im Römerbrief wiederum grüßt er sie ebenfalls (Röm 16,3.5 EU). Daher geht Conzelmann davon aus, dass Paulus sie in Korinth als bereits getaufte Christen antraf, die aus der römischen Gemeinde kamen. Diese wäre dann vom Claudiusedikt mitbetroffen gewesen. Aus dem Römerbrief gehen dortige Konflikte zwischen Juden und Christen bzw. Judenchristen und Heidenchristen hervor: Darauf könnte sich die „Unruhe“, die „Chrestos“ auslöste, beziehen.

Tacitus

Tacitus war schon zu Lebzeiten nicht nur als erfolgreicher Politiker, sondern auch als römischer Historiker bekannt. Er schrieb 116–117 seine teilweise recht kaiserkritischen Annalen, deren Bücher 13–16 die Regentschaft Neros beschreiben: Auf die ruhigen Anfangsjahre (A. 13) sei mit dem Brand Roms 64 eine Tyrannei gefolgt (A. 14–16). Nero habe vergeblich versucht, den Verdacht, er selbst habe die Brandlegung befohlen, durch alle möglichen Anstrengungen zu beschwichtigen. In diesem Zusammenhang erwähnte Tacitus die Christen:[16]

„Um das Gerücht aus der Welt zu schaffen, schob er die Schuld auf andere und verhängte die ausgesuchtesten Strafen über die wegen ihrer Verbrechen Verhassten, die das Volk ‚Chrestianer‘ nannte. Der Urheber dieses Namens ist Christus, der unter der Regierung des Tiberius vom Prokurator Pontius Pilatus hingerichtet worden war. Für den Augenblick war [so] der verderbliche Aberglaube unterdrückt worden, trat aber später wieder hervor und verbreitete sich nicht nur in Judäa, wo das Übel aufgekommen war, sondern auch in Rom, wo alle Greuel und Abscheulichkeiten der ganzen Welt zusammenströmen und gefeiert werden.“

Die Haltung des Tacitus war also ambivalent: Einerseits missbilligte er die grausame Christenverfolgung Neros als offensichtliche Ablenkung von eigenem Versagen, andererseits sah er die Christen als Verbrecher, die diese Strafe verdient hätten, und übernahm die populären Vorurteile gegen sie.

Woher sein Wissen von ihrem Glauben stammte, ist ungewiss: Angenommen werden kann, dass Tacitus in seiner Zeit als Prokonsul Asiens (112–113) wie Plinius der Jüngere (s. u.) mit der Ausbreitung des Christentums konfrontiert war und eigene Nachforschungen anstellte. Zudem verarbeiteten seine Annalen ältere, nicht erhaltene Quellen; schon Plinius der Ältere könnte den Brand Roms und die Christenverfolgung Neros verzeichnet haben. Die Bemerkung von der zeitweisen Unterdrückung des „Aberglaubens“ zeigt Kenntnis amtlicher Maßnahmen und wirkt nicht, als stamme sie von Christen. Jedoch unterlief Tacitus ein Fehler: Pilatus trug nach Philo und einer archäologisch aufgefundenen Inschrift[17] nicht wie die späteren Statthalter in Judäa den Titel Prokurator, sondern Präfekt (Statthalter).

Die Formulierung der Notiz gibt keinen Hinweis auf unabhängige Nachforschungen des Tacitus über ihren Wahrheitsgehalt. Er sah offenbar keinen Anlass zu bezweifeln:

  • „Christus“ sei ein als Verbrecher durch Pilatus hingerichteter Jude,
  • er sei der Urheber der aus Judäa stammenden religiösen Bewegung, die in Rom als „Chrestianer“ bekannt und verhasst waren.

Plinius der Jüngere

Dieser Schriftsteller war um 110 Statthalter in Bithynien (heute Izmit, Türkei) und führte einen regen Briefwechsel mit Kaiser Trajan, u. a. über den Umgang mit den Christen seines Regierungsbezirks. Seine Epistola 10, 96,7 nimmt ausführlich zu seinen Verhörmethoden und den damaligen Gebräuchen der Christen Stellung. Darin heißt es:[18]

„Denen, die bestritten, Christen zu sein oder gewesen zu sein, sprach ich die Formel vor und ließ sie die Götter anrufen und zu Deinem Standbild … mit Weihrauch- und Weinspenden beten und außerdem Christus lästern. Daraufhin konnten sie meines Erachtens freigelassen werden. Denn zu all dem sollen sich wahre Christen nicht zwingen lassen. […]
Sie versicherten, ihre ganze Schuld oder ihr Irrtum habe darin bestanden, dass sie sich regelmäßig an einem bestimmten Tag vor Dämmerung versammelten, um Christus als Gott ein Lied darzubringen und sich durch Eid zu verpflichten - nicht etwa zu einem Verbrechen, sondern zur Unterlassung von Diebstahl, Raub, Ehebruch, Treulosigkeit, Unterschlagung von anvertrautem Gut.
Umso mehr hielt ich es für notwendig, von zwei sogenannten ‚Dienerinnen‘ die Wahrheit auch noch durch Folter zu erforschen. Ich fand nichts als absurden, maßlosen Aberglauben. […] Denn nicht nur über die Städte, auch über die Dörfer hat sich die Seuche dieses Aberglaubens verbreitet. Doch es scheint möglich, sie einzudämmen und auszutilgen.“

Aus diesem Schreiben geht hervor, dass das Christentum sich bereits auf dem Land verbreitet hatte, so dass es zum Problem für den Kaiserkult wurde. Dessen Tempel verödeten. Plinius probierte allgemeine Verfolgungsmaßnahmen aus und ersuchte den Kaiser um rechtliche Bestätigung dafür.

Indirekt erfährt man, dass die Christen damals jeden Sonntag wie in der Osternacht vor Tagesanbruch Gottesdienst feierten, dabei sangen und die Einhaltung der Zehn Gebote bekräftigten. Ihre „Dienerinnen“ (Hausangestellte) waren in der Christengemeinde gleichgestellt und wurden nicht als Sklaven behandelt, was offenbar das besondere Misstrauen des Plinius weckte. Im Verhör verheimlichten sie ihren Glauben an „Jesus als Gott“ gegenüber den römischen Behörden nicht, stellten aber ihre Einhaltung der biblischen Gebote als gutes Staatsbürgerverhalten dar. Deshalb fragte Plinius den Kaiser:[19]

„Ist der Christenname [das Glaubensbekenntnis] an sich strafbar, auch wenn kein Verbrechen vorliegt, oder sind es nur die Verbrechen, die mit dem Namen zusammenhängen?“

Um herauszufinden, ob die Christen Staatsfeinde seien, drohte er ihnen mit der Todesstrafe und folterte einige von ihnen. Daraufhin ließen wohl viele verhörte Christen von ihrem Glauben ab und wurden dann vorerst freigelassen.

Unter Trajans Nachfolgern änderte sich die römische Religionspolitik gegenüber dem stetig wachsenden Christentum: Es wurde nicht nur regional, sondern auch gesamtstaatlich von Generation zu Generation immer brutaler verfolgt.

Sonstige Notizen

Thallus

Dieser frühe Profanhistoriker, eventuell identisch mit einem von Kaiser Tiberius freigelassenen Samaritaner namens Thallos, den Josephus erwähnt, schrieb nach 52 eine dreibändige Geschichte des östlichen Mittelmeerraums vom Trojanischen Krieg bis zu seiner Gegenwart. Davon sind nur noch Fragmente als Zitate anderer Autoren bekannt, so durch den christlichen Chronisten Sextus Julius Africanus (um 170–240).

Dieser schrieb sein Werk um 221. Eine Passage darin bezieht sich auf die Gerichtsfinsternis, die sich am Nachmittag der Kreuzigung Jesu über „das ganze Land“ ausgebreitet haben soll, und lautet:

„Diese Finsternis nennt Thallus im dritten Buch der Historien eine Sonnenfinsternis. Wie mir scheint, gegen vernünftige Einsicht.“

Im folgenden argumentiert Julius Africanus gegen Thallus, dass Jesus an einem Frühlingsvollmond gekreuzigt wurde und es dann keine Sonnenfinsternis gegeben haben könne.

Daraus wird gefolgert, dass Thallus eine mündliche oder schriftliche Passionsüberlieferung bekannt gewesen sein kann und er sich als Nichtchrist herausgefordert gefühlt habe, deren Darstellung eines Naturwunders bei Jesu Tod zu „widerlegen“. Fraglich ist aber, ob Thallus die erwähnte Finsternis überhaupt mit dem Todesdatum Jesu in Verbindung brachte, oder ob Julius Africanus diese Beziehung in die Erwähnung hineindeutete.

Mara bar Serapion

Der syrische Stoiker Mara Bar Serapion schrieb aus dem Gefängnis an unbekanntem Ort zwischen 73 und 135 n. Chr. einen Brief mit Lebensratschlägen an seinen Sohn Serapion als Vermächtnis, falls er verurteilt würde. Er empfahl diesem, nur nach Weisheit zu streben, die trotz aller Verfolgung der Weisen ewig sei. Für diesen Gedanken nannte er eine Reihe von Beispielen, darunter Jesus, ohne diesen namentlich zu nennen:[20]

„Welchen Vorteil hatten die Athener davon, dass sie Sokrates zum Tode verurteilten? Hunger und Seuchen kamen über sie als Strafe für ihr Verbrechen.
Welchen Vorteil hatten die Männer von Samos davon, dass sie Pythagoras verbrannten? In einem Augenblick wurde ihr Land von Sand verschüttet.
Was hatten die Juden davon, dass sie ihren weisen König umbrachten? Bald darauf wurde ihnen ihr Reich weggenommen.
Denn Gott rächte diese drei Weisen: die Athener starben Hungers; die Bewohner von Samos wurden vom Meer bedeckt, die Juden umgebracht und aus ihrem Land vertrieben, nachdem es zerstört worden war. Danach lebten sie in vollständiger Zerstreuung.
Doch Sokrates starb nicht umsonst. Er lebt fort in den Lehren des Plato; auch Pythagoras starb nicht umsonst, er lebt fort in der Statue der Hera. Und auch der weise König der Juden starb nicht umsonst; er lebt weiter in den neuen Geboten, die er verkündet hat.“

Das zweite Beispiel bezieht sich auf eine Vertreibung antirömisch gesinnter Bürger von Samosata, die mit der Absetzung ihres Königs im Jahr 73 zusammenhing, von der auch Josephus berichtet. Die Strafe Gottes für die Ermordung Jesu beschreibt offenbar den Jüdischen Krieg 66–70 n. Chr.; ob Mara auch schon den Aufstand des Simon Bar Kochba 132–135 vor Augen hatte, ist ungewiss. Dass er nur Juden für Jesu Tod verantwortlich machte und den Verlust ihrer Eigenstaatlichkeit als Folge davon darstellt, setzt christliche Deutungsmuster voraus.

Der Ausdruck „weiser König“ ähnelt dem Sprachgebrauch der matthäischen Geburtslegende, in der die orientalischen Sterndeuter („Weisen“) nach dem „neugeborenen König der Juden“ suchen. Auch in der Passionsüberlieferung wird Jesus oft „König“ genannt, und seine Gebote werden als Auftrag über seinen Tod hinaus betont. Mara könnte also das syrische Urchristentum, aus dem das Matthäusevangelium stammt, gekannt haben.

Jedoch war er kein Christ; er zeigt seine multikulturelle Außensicht, indem er die Auferstehung Jesu nicht erwähnt und ihn unter andere antike „Weise“ einreiht. Was von ihnen ewig bleibe, seien ihr „Lob und ihre Gaben“. Bei Jesus bestehen sie für Mara in den von ihm gelehrten neuen Geboten. Demnach stand Mara den Christen, die sich bemühten, gemäß diesen Geboten zu leben, sympathisierend gegenüber.

Lukian von Samosata

Der griechische Satiriker Lukian von Samosata (120 bis ca. 180 n. Chr.) schrieb um das Jahr 170 n. Chr. über das Lebensende des Peregrinus (De morte Peregrini, 11):[21]

„Übrigens verehrten diese Leute den bekannten Magus, der in Palästina deswegen gekreuzigt wurde, weil er diese neuen Mysterien in die Welt eingeführt hatte … Denn diese armen Leute haben sich in den Kopf gesetzt, dass sie mit Leib und Seele unsterblich werden, und in alle Ewigkeit leben würden: Daher kommt es dann, dass sie den Tod verachten und viele von ihnen ihm sogar freiwillig in die Hände laufen. Überdies hat ihnen ihr erster Gesetzgeber beigebracht, dass sie untereinander alle Brüder würden, sobald sie den großen Schritt getan hätten, die griechischen Götter zu verleugnen, und ihre Knie vor jenem gekreuzigten Sophisten zu beugen, und nach seinen Gesetzen zu leben.“

Diese Passage zeigt die Sicht eines gebildeten Griechen, der Jesus aus der Perspektive anderer damaliger Mysterienkulte wahrnahm. Er führte die Bereitschaft mancher Christen zum Martyrium in den Christenverfolgungen seiner Zeit auf ihren Glauben an eine leibliche Auferstehung zurück. Er kannte also diese jüdisch-apokalyptische Lehre, brachte sie aber mit deutlich abwertender Intention mit dem Sophismus aus der griechischen Philosophiegeschichte in Verbindung. Denn sowohl diese rationale Skepsis wie der Glaube an den einzigen, radikal transzendenten Schöpfergott stimmten darin überein, die Existenz der griechischen Götter als menschlich-allzumenschliche Projektion anzuzweifeln.

Historische Einordnung

Neutestamentler beurteilen die Relevanz der außerchristlichen Jesusnotizen unterschiedlich. Dem evangelikalen Theologen Frederick Fyvie Bruce zufolge bestätigte etwa das Testimonium Flavianum die für antike Verhältnisse gut, da durch mehrere unabhängige Quellen bezeugte Existenz Jesu:[22]

„Die Geschichtlichkeit Jesu ist für einen unvoreingenommenen Historiker ebenso unumstößlich wie die Historizität Julius Cäsars. Wer von einem Christus-Mythos spricht, ist kein Historiker.“

Für Hans Conzelmann dagegen waren die außerchristlichen Notizen nur eine nachrangige Quelle für die Geschichte des Urchristentums, nicht für die Geschichte Jesu. Er hob die Jakobusnotiz des Josephus und die Passage des Tacitus als glaubwürdig hervor.[23]

Leonard Goppelt betonte, dass nichtchristliche Quellen das Urchristentum nicht von vornherein unbefangener bewerten als christliche. Die römischen Notizen beruhten auf christlichen Aussagen; die Verhörberichte des Plinius seien eine „Summe von Missverständnissen“. Die Josephusnotizen seien stark christlich überarbeitet oder ganz eingefügt. Josephus habe weitgehend vom Christentum geschwiegen, vielleicht damit Römer diese ihnen verdächtige Strömung nicht dem Judentum anlasten konnten. Talmudische Stellen seien verschlüsselt, entstellend und nicht einmal ihr Bezug auf Jesus sei gewiss. So blieben als historische Hauptquelle für Jesus nur die Synoptiker.[24]

Für Martin Karrer ist die Jakobusnotiz bei Josephus der älteste außerchristliche Beleg für Jesu Existenz; das Testimonium beurteilt er skeptisch. Die römischen Notizen beachteten „Christus allein aufgrund der Existenz von Christen“. Die Passage von Mara bar Sapion sei von Mt 21,43 EU („Gottes Reich wird von euch genommen …“) abhängig. Alle Notizen übergingen die Auferstehung Jesu und „belegen kaum mehr als seinen Tod“.[25]

Gerd Theißen und Anette Merz dokumentieren alle bekannten antiken Jesusnotizen und ihre historische Erforschung. Sie betonen, dass einige Aussagen darin einzelne aus dem NT bekannte Angaben bestätigen: Jesus hatte einen Bruder namens Jakobus, der eine führende Rolle in der Jerusalemer Urgemeinde spielte; die Urchristen gerieten dort zwischen 60 und 70 in Konflikt mit dem Sanhedrin (Josephus). Man erzählte von Jesus Wunder (Josephus, Talmud), er galt als Lehrer bzw. „weiser Mann“ (Josephus) oder „weiser König“ (Mara bar Sapion). Er erhielt den Titel „Christus“ (eventuell Josephus); in den römischen Notizen ist dieser schon zum Eigennamen geworden. Josephus, Mara bar Sapion und Tacitus erwähnen den gewaltsamen Tod Jesu. Diese Hinrichtung nach römischem Recht war ein schweres Hindernis für die Verkündigung Jesu Christi im römischen Reich, wie es 1 Kor 1,23 EU ausdrückt.

Theißen und Merz bewerten diesen Befund so:

  • Die Notizen seien unabhängig voneinander in ganz verschiedenen Kontexten und zu verschiedenen Anlässen entstanden. Gegner, Skeptiker und Sympathisanten des Christentums hätten Jesu Existenz vorausgesetzt und keinerlei Grund gesehen, sie zu bezweifeln.
  • Dass sie gerade Jesu Hinrichtung mit je eigener Darstellung erwähnten, spreche für deren Faktizität, unabhängig davon, ob dieses Wissen von Christen oder aus anderen Quellen stammte. Josephus habe wahrscheinlich ein Zusammenwirken von jüdischer Oberschicht und römischem Statthalter, Mara bar Sapion das jüdische Volk, Tacitus Pilatus für Jesu Tod verantwortlich gemacht.
  • Dies sei bei aller gebotenen Quellenkritik und Skepsis ein deutliches Zeichen dafür, dass hier unerfindbare Tatsachen überliefert worden seien. Es sei nicht denkbar, dass fehlbare Menschen diese Übereinstimmungen untereinander und mit der christlichen Überlieferung nur zufällig empfangen und weitergegeben oder gemeinsam erfunden hätten. Nach allem, was historische Wissenschaft, die immer hypothetisch bleibe, an Gewissheit erreichen könne, sei davon auszugehen:[26]

„Die Zufälligkeit der geschichtlichen Quellen macht uns gewiss, dass wir mit einer historischen Gestalt Kontakt aufnehmen und nicht nur mit der Phantasie früherer Zeiten.“

Siehe auch

Einzelbelege

  1. Übersetzung nach Gerd Theißen, Annette Merz: Der historische Jesus: Ein Lehrbuch. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 20013; S. 75
  2. Origenes: Gegen Celsus (Contra Celsum), Erstes Buch, Abschnitt 47. Bibliothek der Kirchenväter, deutsch
  3. John P. Meier: A Marginal Jew: Rethinking the Historical Jesus, Volume One: The Roots of the Problem and the Person, Yale University Press, 1991, ISBN 0300140185 (englisch)
  4. Frederick Fyvie Bruce: The New Testament Documents: Are They Reliable? Wm. B. Eerdmans Publishing Company, 2003, ISBN 0802822193, 9. Kapitel
  5. Shlomo Pines: An Arabic version of the Testimonium Flavianum and its implications, Israel Academy of Sciences and Humanities (Hrsg.), 1971; deutsche Übersetzung zitiert nach Gerd Theißen, Annette Merz: Der historische Jesus, S. 81
  6. Alice Whealey: The Testimonium Flavianum in Syriac and Arabic; New Testament Studies 54 (2008), S. 573–590. doi:10.1017/S0028688508000301
  7. zitiert nach Gerd Theißen, Annette Merz: Der historische Jesus, S. 411
  8. Joseph Klausner: Jesus von Nazareth. Seine Zeit, sein Leben und seine Lehre. The Jewish Publishing House, Jerusalem 19523
  9. Johann Maier: Jesus von Nazareth in der talmudischen Überlieferung; EdF 82; Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 19781, 19922; ISBN 3-534-04901-2
  10. Peter Schäfer: Jesus im Talmud. Tübingen 2007
  11. August Strobel: Die Stunde der Wahrheit. Untersuchungen zum Strafverfahren gegen Jesus; WUNT 21; Mohr, Tübingen 1980, ISBN 3-16-143041-7
  12. Gerd Theißen, Annette Merz: Der historische Jesus, S. 84
  13. Perseus-Projekt (englisch): claud. 25
  14. Hildebrecht Hommel: Sebasmata. Studien zur antiken Religionsgeschichte und zum frühen Christentum. Mohr Siebeck, 1984, ISBN 9783161447235, S. 179; Martin Karrer: Der Gesalbte: die Grundlagen des Christustitels. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1991, ISBN 9783525538333, S.70f
  15. Hans Conzelmann: Geschichte des Urchristentums, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1978, ISBN 3-525-51354-2, S. 96f
  16. A. 15,44, zitiert nach Gerd Theißen, Annette Merz: Der historische Jesus, S. 89
  17. AE 1963, 00104
  18. zitiert nach Hans Conzelmann: Geschichte des Urchristentums, a.a.O. S. 151
  19. zitiert nach Hans Conzelmann: Geschichte des Urchristentums, a.a.O. S. 150
  20. Übersetzung nach Gerd Theißen, Annette Merz, Der historische Jesus, a.a.O. S. 82f
  21. zitiert nach Schweizerische Evangelische Allianz: Ausserbiblische Quellen zu Jesus Christus
  22. Frederick F. Bruce: Das Neue Testament, glaubwürdig, wahr, verlässlich. Verlag der Liebenzeller Mission, 4. Auflage, Bad Liebenzell 1997, ISBN 3880026424, S. 126
  23. Hans Conzelmann: Geschichte des Urchristentums, S. 17
  24. Leonard Goppelt: Theologie des Neuen Testaments. Vandenhoeck & Ruprecht, 3. Auflage, Göttingen 1978, S. 70
  25. Martin Karrer: Theologie des Neuen Testaments. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998, ISBN 3-525-51380-1, S. 23f
  26. Gerd Theißen, Annette Merz: Der historische Jesus, S. 121

Literatur

  • Frederick Fyvie Bruce, Eberhard Güting (Hrsg.): Außerbiblische Zeugnisse über Jesus und das frühe Christentum. Brunnen Verlag, 5. Auflage, Gießen 2007, ISBN 3-7655-9366-4
  • Gerd Theißen, Anette Merz: Der historische Jesus. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1997, ISBN 3-525-52143-X (daraus: Die Quellen und ihre Auswertung, S. 35-124)
  • Johann Maier: Jesus von Nazareth in der talmudischen Überlieferung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2. Auflage, Darmstadt 1992, ISBN 3-534-04901-2
  • Peter Schäfer: Jesus im Talmud. Tübingen 2007, ISBN 978-3-16-149462-8
  • David Flusser: Entdeckungen im Neuen Testament, Band 1: Jesusworte und ihre Überlieferung. Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1987, ISBN 3-7887-0793-3, S. 216–225
  • Hermann Detering: Falsche Zeugen. Außerchristliche Jesuszeugnisse auf dem Prüfstand. Alibri, Aschaffenburg 2011, ISBN 978-3-86569-070-8.

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