Außerordentliche Staatliche Kommission

Die Außerordentliche Staatliche Kommission (vollständig: „Außerordentliche Staatliche Kommission für die Feststellung und Untersuchung der Gräueltaten der deutsch-faschistischen Eindringlinge und ihrer Komplizen, und des Schadens, den sie den Bürgern, Kolchosen, öffentlichen Organisationen, staatlichen Betrieben und Einrichtungen der UdSSR zugefügt haben“; russisch Чрезвычайная Государственная Комиссия - TschGK), war eine Untersuchungskommission für die „Untersuchung und Bestrafung der Verbrechen der deutsch-faschistischen Aggressoren“ und deren Verbündeten. Sie wurde am 2. November 1942 durch Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets gegründet. Die Kommission hatte zur Aufgabe, faschistische Kriegsverbrechen zu untersuchen, den materiellen Schaden, der durch die deutschen Streitkräfte verursacht worden war, festzustellen, die Tätigkeit der verschiedenen damit befassten sowjetischen Stellen zu koordinieren, die Namen der für die Kriegsverbrechen Verantwortlichen zu veröffentlichen und offizielle Berichte über ihre Tätigkeit zu veröffentlichen.

Nach Angaben der TschGK beteiligten sich 32.000 Funktionäre an der Arbeit der Kommission und 7.000.000 Sowjetbürger beteiligten sich an der Sammlung und Erstellung von Dokumenten. Die Kommission sammelte 54.000 Erklärungen und protokollierte mehr als 250.000 Zeugenaussagen über NS-Verbrechen zusätzlich zu fast 4.000.000 Dokumente über den verursachten Schaden.

Die 27 Berichte der TschGK bis 1945 bildeten das Kernstück der sowjetischen Anklage in den Nürnberger Prozessen sowie den japanischen Kriegsverbrecherprozessen. Die Unterlagen der TschGK befinden sich heute im Staatlichen Archiv der Russischen Föderation. Zahlreiche Dokumente finden sich auch in den Archivfonds von Molotow und Wyschinski im Außenpolitischen Archiv der Russischen Föderation.

Der TschGK gehörten an:

Die TschGK veröffentlichte ein Kommuniqué am 24. August 1944 unter den Überschrift „Finnland demaskiert“. Finnland habe die gesamte sowjetische Bevölkerung der besetzten Gebiete in Konzentrationslager überführt, wo 40 % der Insassen zum Opfer gefallen seien. Ähnliche Beschuldigungen wie gegen Finnland wurden am 22. Juni gegen Rumänien erhoben.

Als eine der schrecklichsten Untaten der „deutsch-faschistischen Eroberer“ wurde die Leningrader Blockade genannt, der mehr als eine Million Menschen zum Opfer fielen.

Am 24. Januar 1944 wurde ein Kommuniqué unter den Überschrift „Die Wahrheit über Katyn. Bericht der Spezialkommission zur Feststellung und Untersuchung der Umstände der Erschießung der kriegsgefangenen polnischen Offiziere durch die deutsch-faschistischen Eindringlinge im Wald von Katyn“ veröffentlicht. Das umfangreiche Dokument behauptete „mit unwiderlegbarer Klarheit“, die Massenerschießungen seien von den ‚Deutsch-Faschisten‘ durchgeführt.

Bewertung der Quellen

Der Historiker Dieter Pohl warnt vor einem ausschließlichen Rückgriff auf die Materialien der Außerordentlichen Staatlichen Kommission, deren eigene Geschichte bisher noch nicht genau untersucht wurde. So sei „der Einfluss regionaler KP-Organisationen und der Geheimpolizei, die eng mit der Staatskommission verflochten waren, auf die Untersuchungsergebnisse nicht genau abzuschätzen“. Auffällig seien „die bisweilen relativ pauschalen Schätzungen zu Opferzahlen, überhaupt ein starr vorgegebenes Untersuchungsschema“. [1]

Als bedauerlich bewertet Dieter Pohl den frühzeitigen, allem Anschein nach politisch bedingten Abbruch der Ermittlungen zumeist schon im Jahre 1945. Das umfangreiche Material der Staatskommission, das gelegentlich auch erbeutete deutsche Dokumente enthält, schätzt Pohl dennoch als wichtig ein. Eine trübere Quelle stellten die zahllosen sowjetischen Broschüren dar, die sich gegen ehemalige Kollaborateure richten.

Einzelnachweise

  1. Dieter Pohl: Die einheimischen Forschungen und der Mord an Juden in den besetzten Gebieten. S. 206 / In: Wolf Kaiser: Täter im Vernichtungskrieg. Berlin 2002, ISBN 3-549-07161-2, S. 204 - 216

Literatur

  • Alexander E. Epifanow: Die Außerordentliche Staatliche Kommission. Stöcker, Wien 1997.
  • Stefan Karner: „Zum Umgang mit der historischen Wahrheit in der Sowjetunion. Die "Außerordentliche Staatliche Kommission" 1942 bis 1951“, in: W. Wadl (Hg.): Kärntner Landesgeschichte und Archivwissenschaft. Festschrift für Alfred Ogris. Klagenfurt 2001, Seiten 508-523.
  • Marina Sorokina: “People and Procedures. Toward a History of the Investigation of Nazi Crimes in the USSR”, in: Kritika. Explorations in Russian and Eurasian History 6, 4 (Fall 2005), 797-831.

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