Avunkulat

Das Avunkulat ist eine Familienform und gemeinschaftliche Organisationsweise, die erstmals bei den Wyandot beobachtet wurde. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass der Onkel die Vaterrolle für die Kinder seiner Schwester(n) übernimmt und auch diesen seinen Besitz vererbt.

Die soziale Vaterrolle wird in den meisten Fällen vom Onkel mütterlicherseits („Mutterbruder“, Oheim) ausgeübt, der Ehemann oder der biologische Vater spielt bei der Erziehung und Entwicklung der Kinder keine oder nur eine untergeordnete Rolle und hat somit keine Autorität über die Kinder.

In matrilinearen Verwandtschaftssystemen sind die Kinder in jedem Fall mit ihrer Mutter verwandt, jedoch nicht zwangsläufig mit ihrem Vater (also dem Partner oder offiziellen Ehemann der Mutter). Insbesondere in polygamen Gemeinschaften mit freizügigem Sexualleben ist die genetische Verwandtschaft eines Vaters mit seinen Kindern nicht zu garantieren. Zur garantierten Förderung der eigenen Erbmasse war es also effizienter, die Kinder der Schwestern zu unterstützen.

Der Anthropologe und Strukturalist Claude Levi-Strauss dagegen argumentiert in seinen Analysen anderer Ethnien stark gegen eine genetisch oder psychologisch reduzierende Interpretation. Stattdessen plädiert er dafür, kulturelle Phänomene als Zeichen geistigen Lebens zu sehen. Der menschliche Geist ordnet seiner Ansicht nach mittels Dichotomien und Kategorien die Welt zu einem verständlichen System (wildes Denken). Auch das Avunkulat will Levi-Strauss im Systemzusammenhang der Familie gedeutet wissen. In seinen Beispielen stellt er heraus, dass die besondere Stellung des Onkels mütterlicherseits gegenüber seinem Neffen, wie sie in vielen Indianerstämmen anzutreffen ist(war), jeweils in umgekehrt symmetrischer Weise zu der Beziehung zwischen Frau und Mann bzw. Schwester und Bruder in Verbindung steht. In Gesellschaften, in denen Schwester und Bruder mit einem Tabu im Umgang belegt sind, ist dagegen die Beziehung zwischen Ehegatten sehr vertraulich. Andersherum sind in Gesellschaften in denen Schwester und Bruder sehr eng miteinander verbunden sind, die Ehen oft durch großes Misstrauen gekennzeichnet. Erst in diesem größeren Zusammenhang kann laut Levi-Strauss die Rolle des Oheims verstanden werden. Levi-Strauss’ Thesen über die elementaren Verwandtschaftsbeziehungen wurden wegen ihrer Trennung zwischen natürlicher (Bluts-) und sozialer Verwandtschaft kritisiert, da die natürlichen Verwandtschaften Konstrukt der jeweils analysierenden Gesellschaft sind.

Weblinks

Quellen

  • Lévi-Strauss, Claude: Die Strukturanalyse in der Sprachwissenschaft und in der Anthropologie. In: ebd.: Strukturale Anthropologie I. Frankfurt a.M., 1977. S. 43–67.

Wikimedia Foundation.

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • Avunkulat —   [zu lateinisch avunculus »Mutterbruder«, »Onkel«] das, (e)s/ e, Völkerkunde: in matrilinearen Gesellschaften die Beziehung eines Menschen (im Allgemeinen eines Mannes) zum Bruder seiner Mutter; dieser hat Einfluss auf die Erziehung der Kinder… …   Universal-Lexikon

  • avunkulat — avunkùlāt m <G avunkuláta> DEFINICIJA sociol. statusno pravo ujaka nad sestrinom djecom u nekih primitivnih naroda ETIMOLOGIJA lat. avunculus: majčin brat, ujak + at …   Hrvatski jezični portal

  • Avunkulat — Avun|ku|lat [avuŋ...] das; [e]s, e <zu lat. avunculus »Onkel (Bruder der Mutter)« u. ↑...at> Vorrecht des Bruders der Mutter eines Kindes gegenüber dessen Vater in mutterrechtlichen Kulturen (z. B. bei Pflanzervölkern) …   Das große Fremdwörterbuch

  • Matrilineal — Matrilinearität (adj.: matrilinear, seltener: matrilineal), oder uterine Deszendenz, Mutterfolge, bezeichnet in der Ethnologie, Anthropologie und Biologie ein System, das die verwandtschaftlichen Verhältnisse und die sonstigen Rechtsverhältnisse …   Deutsch Wikipedia

  • Matrilinear — Matrilinearität (adj.: matrilinear, seltener: matrilineal), oder uterine Deszendenz, Mutterfolge, bezeichnet in der Ethnologie, Anthropologie und Biologie ein System, das die verwandtschaftlichen Verhältnisse und die sonstigen Rechtsverhältnisse …   Deutsch Wikipedia

  • Fortpflanzung zwischen Kindersegen und Kinderfluch, zwischen Manipulation und Opportunismus —   Machen Kinder glücklich? Offensichtlich gibt es keine allgemein gültige Antwort auf die so häufig gestellte Frage nach dem Lebensglück durch Fortpflanzung. In manchen Bevölkerungen wird früh, gleich nach der Geschlechtsreife mit der… …   Universal-Lexikon

  • Besuchsehe — Als Besuchsehe wird zuweilen eine Form des – zeitweiligen – Zusammenlebens von (Sexual )Partnern bezeichnet, in welcher ein Partner zu Besuch bei dem anderen weilt, solange beide das wollen. Verbindliche Verpflichtungen gibt es dabei keine. Diese …   Deutsch Wikipedia

  • Cäcilia Rentmeister — Cäcilia (Cillie) Rentmeister (* 1948 in Berlin) ist eine deutsche Geschlechter und Genderforscherin. Neben der Untersuchung der verschiedenen Realitäten, in denen Männer und Frauen leben, hat sie sich unter anderem mit dem Matriarchat befasst.… …   Deutsch Wikipedia

  • Matrilinearität — (Mutterfolge oder uterine Deszendenz, adj.: matrilinear, auch direkt aus dem engl. übernommen: matrilineal), ist eine Form der unilinearen Deszendenz. In der Ethnologie, Anthropologie und Biologie wird so ein System bezeichnet, das die… …   Deutsch Wikipedia

  • Matrilokal — Matrilokalität ist dann gegeben, wenn die Tochter (manchmal auch der Sohn) ihr Leben am Wohnort ihrer Mutter verbringt, auch wenn sie inzwischen erwachsen ist und selbst Kinder hat. Matrilokalität ist manchmal mit der sog. Besuchsehe verbunden, d …   Deutsch Wikipedia

Share the article and excerpts

Direct link
Do a right-click on the link above
and select “Copy Link”