AÄGP

Die Allgemeine Ärztliche Gesellschaft für Psychotherapie (AÄGP) war bis zum Zweiten Weltkrieg der weitaus mitgliederstärkste und schon von daher bedeutendste Psychotherapeutenverband Deutschlands.[1] Er ging Mitte der 1920er Jahre aus einer breiten Bewegung unter deutschen Medizinern hervor, denen sich sehr bald auch zahlreiche gleichgesinnte Kollegen aus anderen europäischen Ländern anschlossen.

Wegen seiner ganzheitlich-personalen und psychosomatischen Ausrichtung hatte psychotherapeutisches Gedankengut nach seinem breiten Einsatz bei der Bewältigung der Folgen des Ersten Weltkriegs das Interesse von Ärzten aller Fachrichtungen gefunden.[2] Die Speerspitze dieser Entwicklung bildeten jüngere Psychiater, die der traditionell biologisch und überwiegend an der Hirnforschung orientierten Universitätspsychiatrie ein breiteres praktisches Fundament und eine ins Psychologisch gehende, damals ausdrücklich "Neue Richtung" genannte wissenschaftliche Erweiterung zu verschaffen suchten.

1926 gilt weithin als das Geburtsjahr der AÄGP. Tatsächlich war unmittelbar vor dem von 537 Teilnehmern besuchten I. Allgemeinen Ärztlichen Kongress für Psychotherapie, der auf Initiative von Wladimir Eliasberg vom 17. bis 19. April 1926 in Baden-Baden stattfand, die Gründung einer Deutschen Gesellschaft für Psychotherapie erörtert worden; doch wurde "als nicht aussichtsreich befunden", sie bereits zu diesem Zeitpunkt auch durchzuführen.[3] Bislang zur Verfügung stehende Dokumente machen es wahrscheinlich, dass die Gründung der AÄGP tatsächlich ein gutes Jahr später am 1. Dezember 1927 in Berlin erfolgte.[4] Hier bildete sich auch ihre offenbar erste Ortsgruppe mit u.a. Alfred Döblin und Karen Horney, Erwin Straus, J.H. Schultz, Fritz Künkel und Karl Birnbaum im Vorstand sowie Arthur Kronfeld, der ihre konstituierende Sitzung am 5. März 1928 im Hörsaal der Psychiatrischen Klinik der Charité mit einem weiten Überblick über den "psychotherapeutischen Gedanken in der heutigen Medizin" eröffnete.

Zu den Mitgliedern der AÄGP zählten so renommierte Vertreter verschiedener tiefenpsychologischer Schulen wie Alfred Adler und C.G. Jung, Ernst Simmel, Erwin Wexberg, Georg Groddeck und Hans von Hattingberg, Harald Schultz-Hencke und Leonhard Seif, Paul Schilder, Wilhelm Reich und Wilhelm Stekel, Neurologen wie Kurt Goldstein und Viktor von Weizsäcker, Psychiater wie Ernst Kretschmer und Eugen Bleuler, Ludwig Binswanger, Max Isserlin, Robert Sommer, Victor-Emil von Gebsattel und Walter Morgenthaler, die Sexologen Albert Moll, Magnus Hirschfeld und Max Marcuse oder die Psychologen Kurt Lewin, Narziß Ach und Pál Ranschburg.

Ihre Kongresse bis 1931 wurden nach den vorliegenden Zahlen in den Kongressbänden jedes Mal von Hunderten von Teilnehmern aus dem In- und Ausland besucht. Ab 1928 gab sie mit der Allgemeinen Ärztlichen Zeitschrift für Psychotherapie und psychische Hygiene auch ein eigenes Verbandsorgan heraus, das ab 1930 unter der Redaktion von J.H. Schultz und Arthur Kronfeld anderen wissenschaftlichen Zeitschriften entsprechend zum Zentralblatt für Psychotherapie umbenannt wurde.[5]

Mit der Machtübernahme Hitlers brach 1933 wie vieles andere auch diese vielversprechende Entwicklung zusammen. Nach dem Rücktritt des bisherigen Präsidenten der AÄGP Ernst Kretschmer fiel ihr Vorsitz seinem Stellvertreter, dem Schweizer C.G. Jung zu. Er ließ sich von nationalsozialistisch orientierten Mitgliedern der AÄGP in Deutschland allem Anschein nach gerne einspannen, nach außen die "Überstaatlichkeit" der Gesellschaft zu vertreten. In Deutschland zwangen sie dagegen die AÄGP auf einen strikten Anpassungskurs an den Nationalsozialismus,[6] den sie ab 1934 auf ihren Tagungen und Kongressen sogar offensiv als Vorbild für Psychotherapeuten auch in anderen europäischen Ländern hinstellten.[7]

Zu diesem Zweck wurde am 15. September 1933 offiziell eine Deutsche Allgemeine Ärztliche Gesellschaft für Psychotherapie "gegründet" – real eine schlichte Namensänderung der bisherigen deutschen "Landesgruppe" der AÄGP – mit einer Satzung, in der die Verpflichtung ihrer Mitglieder zur bedingungslosen Treue gegenüber dem Führer festgeschrieben war.[8] Ihr Vorsitz wurde gezielt einem Vetter von Hermann Göring angetragen, dem möglicherweise erst deswegen am 1. Mai 1933 in die NSDAP eingetretenen Wuppertaler Nervenarzt Matthias Heinrich Göring, der 1936 auch die Leitung des neu gegründeten Deutschen Instituts für psychologische Forschung und Psychotherapie, gen. Göring-Institut in Berlin übernahm.[9]

Den VII. Kongreß für Psychotherapie in Bad Nauheim – mit lediglich 75 Teilnehmern, davon 5 aus dem Ausland, vorwiegend aus der Schweiz... – nahm man zum Anlass, am 12. Mai 1934 die rechtlich nötige Umbenennung und Neukonstituierung der alten AÄGP zur Überstaatlichen Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie vorzunehmen. Die Bedeutung dieser Änderung war derart, dass sie erst Anfang 1935 in der beibehaltenen, allerdings auf ein Zweimonatsblatt reduzierten Verbandszeitschrift, dem Zentralblatt für Psychotherapie angezeigt wurde, das unter der offiziellen Herausgeberschaft von C.G.Jung, die er sich ab 1936 allerdings mit Göring teilen musste, weiter in Deutschland verlegt und von deutschen Psychotherapeuten auch redigiert wurde. Noch später, nämlich im Herbst 1935 wurde sie auch auf dem Titelblatt des Zentralblattes berücksichtigt, dort aber mit der Bezeichnung Internationale Allgemeine Ärztliche Gesellschaft für Psychotherapie, ein Vorgriff auf eine weitere Namensänderung, die "offiziell" allerdings erst im November 1937 erfolgte. Die IAÄGP konnte im Oktober 1937 in Kopenhagen und im Sommer 1938 in Oxford[10] zwei internationale Kongresse veranstalten, bevor C. G. Jung als ihr Präsident 1940 von allen seinen Ämtern in ihr zurücktrat und sie unter seinem damaligen offiziellen Vizepräsidenten, dem Engländer Hugh Crichton-Miller faktisch ganz dem deutschen Einfluss überließ. 1944 hörte die AÄGP mit der Einstellung des Erscheinens ihres Zentralblattes auf zu existieren.[11]

Wiedergegründet wurde die AÄGP durch Ernst Kretschmer im Jahre 1948. Von ihr ging 1950 die Initiative zur Einrichtung der Lindauer Psychotherapiewochen aus, die in Deutschland wohl bedeutendste Psychotherapie-Fortbildungsveranstaltung.

2005 fusionierte die AÄGP mit der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie unter weitgehender Aufgabe ihres Namens zur Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und ärztliche Psychotherapie (DGPM). Diese bildet heute mit etwa 2000 Mitgliedern den größten ärztlichen Berufsverband auf diesem Gebiet.

Literatur

  • Eliasberg, Wladimir (Hrsg.): Psychotherapie. Bericht über den I. Allgemeinen ärztlichen Kongress für Psychotherapie in Baden-Baden, 17.-19. April 1926. Marhold, Halle 1927 (a. Hrsg. der Berichte über den 2. und 3. Kongress 1927 und 1928 bei Hirzel, Leipzig 1927 und 1929, während die Berichte über den 4.– 6. Kongress in den Jahren 1929 – 1931 von dem nachfolgenden Geschäftsführer der AÄGP Walter Cimbal herausgegeben wurden)
  • Kronfeld, Arthur: Der psychotherapeutische Gedanke in der heutigen Medizin. Dt.med.Wschr. 54 (1928) 685-687, 733-736 und 772-774
  • Lockot, Regine: Erinnern und Durcharbeiten. Zur Geschichte der Psychoanalyse und Psychotherapie im Nationalsozialismus. Fischer, Frankfurt 1985; Reprint (mit erweitertem Personenverzeichnis, ansonsten – inkl. Druckfehlern – text- und seitenidentisch): Psychosozial Verlag, Gießen 2002 (PV Bibliothek der Psychoanalyse) ISBN 389806171X
  • Zeller, Uwe: Psychotherapie in der Weimarer Zeit - die Gründung der "Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie" (AÄGP). MVK Medien Verlag Köhler, Tübingen 2001

Quellen

  1. Das Mitgliederverzeichnis im Bericht über den III Allgemeinen Ärztlichen Kongress für Psychotherapie in Baden-Baden vom 20. bis 22. April 1928 (hrsgg. von Walter Cimbal und Wladimir Eliasberg, Hirzel, Leipzig 1929 S. 301-318) enthält 402 Einträge, davon 65 Personen aus 9 europäischen Ländern (Frankreich, Holland, Österreich, Polen, Schweden, Schweiz, Spanien, Tschechoslowakei und Ungarn)
  2. s. Christine Schröder: V. Ärztliche Psychotherapie zwischen Schulenstreit und methodologischer Besinnung in der Weimarer Republik. 1. Das widersprüchliche Erbe der Kriegsneurosenbehandlung. In: ds.: Der Fachstreit ums das Seelenheil. Psychotherapiegeschichte zwischen 1880 und 1932. Lang, Frankfurt 1995 S. 163-181 ISBN 3631483678
  3. Wladimir Eliasberg (Hrsg): Psychotherapie. Bericht über den I. AÄKP. Marhold, Halle 1927 S. 2; (s.a.)
  4. Zeller, Uwe: Psychotherapie in der Weimarer Zeit. S. 277; (s.a.)
  5. http://www.sgipt.org/medppp/gesch/aaezp.htm
  6. http://www.sgipt.org/berpol/gesptvg0.htm#1933
  7. http://www.sgipt.org/berpol/gesptvg0.htm#1934
  8. http://www.psychoanalyse-laienforum.de/VortrNotiz_WS0405_Geschichte_PSA.htm
  9. http://www.sgipt.org/berpol/gesptvg0.htm#1936
  10. vgl. Lockot 1985, S. 104ff
  11. http://www.sgipt.org/berpol/gesptvg0.htm#1934

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