Aëtius
Dieser Artikel beschäftigt sich mit dem weströmischen General Flavius Aëtius.
  • Für den arianischen Diakon siehe Aetios.
  • Für den mittelalterlichen Mediziner Aetius von Amida (auch Aécio, Aëtius Amidenus; Antiochenus) (502−575) siehe Aetius von Amida.

Flavius Aëtius (* um 390 in Durostorum; † 21. oder 22. September 454 in Rom) war ein weströmischer Heermeister und Politiker in der spätantiken Völkerwanderungszeit. Er übte seit den 30er Jahren des 5. Jahrhunderts maßgeblichen Einfluss auf die Führung der Reichsgeschäfte im Westreich aus und war dreimal Konsul (432, 437 und 446). In die Geschichte eingegangen ist vor allem seine erfolgreiche Abwehr des Hunnenangriffs.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Flavius Aëtius wurde in Durostorum (heute Silistra) in der römischen Provinz Niedermoesien geboren. Sein Vater hieß Gaudentius und war bereits Heermeister gewesen, seine Mutter stammte aus einer reichen und hochgestellten italischen Familie. Einen Teil seiner Jugend verbrachte er als Geisel bei den Westgoten (wohl von 405 bis 408) und später bei den Hunnen. Er muss in dieser Zeit gute Kontakte zu den Hunnen aufgebaut haben, denn als nach dem Tod des Kaisers Honorius 423 Johannes nach der Macht griff, beauftragte dieser Aëtius, ihm hunnische Hilfstruppen zuzuführen. Als Aëtius mit einem starken hunnischen Heer 425 in Italien erschien, war die Usurpation des Johannes bereits gescheitert. Dennoch ermöglichten ihm die Präsenz der Hunnen den politischen Aufstieg an die Spitze des Reiches: Er verständigte sich mit dem neuen Kaiser Valentinian III. und dessen Mutter, der einflussreichen Galla Placidia. Aëtius wurde zum comes ernannt und brachte die Hunnen dazu, sich zurückzuziehen.

Bald darauf kämpfte er gegen die Westgoten in Südgallien und konnte auch einige Erfolge gegen die Franken verbuchen. 429 wurde er zum magister militum per Gallias ernannt; nach der Ermordung seines größten Konkurrenten, des Heermeisters Flavius Felix, stieg Aëtius zum mächtigsten Mann des Westreiches auf.[1] In Gallien ging er wieder gegen Westgoten und Franken vor. Dem immer größer werdenden Einfluss des Aëtius versuchte Galla Placidia mit der Förderung des Bonifatius entgegenzuwirken. Bonifatius kommandierte die Truppen in der Provinz Africa und galt als ein talentierter General, war jedoch einige Zeit zuvor durch eine Intrige des Aëtius diskreditiert worden, stand aber nun wieder in der Gunst des Kaiserhofes. Er wurde 432 nach Italien gerufen, um Aëtius abzulösen. Bonifatius konnte ihn denn auch bei Ariminum schlagen, doch erlag er wenig später seinen Verletzungen; Aëtius nahm später auf Bitten des Bonifatius dessen Witwe zur Frau, und bekam so auch Zugriff auf die gewaltige Hinterlassenschaft seines Konkurrenten.

Aëtius floh nun zu seinen alten Freunden, den Hunnen. Mit ihrer Hilfe kehrte er 433 zurück und wurde in seinen alten Würden bestätigt. Zudem erhielt er den Titel eines Patricius, von seiner dreimaligen Bekleidung des Konsulat ganz abgesehen, und führte seitdem faktisch die Amtsgeschäfte des Westreiches. In der Folgezeit konnte er eine Reihe von militärischen Erfolgen verbuchen, welche das Westreich wenigstens vorläufig stabilisierten. Zu seiner bedeutendsten Leistung gehört denn auch die Verteidigung der römischen Provinz Gallien während dieser Phase der Völkerwanderung. Mit Hilfe seiner hunnischen Hilfstruppen vernichtete er im Jahre 436 das Burgunderreich in der Region von Worms – der historische Kern der Nibelungensage –, und war auch verantwortlich für die Ansiedlung der übrigen Burgunder im Rhônetal, wo sie als Puffer gegen die Alamannen dienen sollten. Ebenso wurden die eingebrochenen Alanen im mittleren Gallien neu angesiedelt. Auch in die Kirchenpolitik mischte sich Aëtius wenigstens teilweise ein, wobei es ihm vor allem um die Vermeidung von Unruhen ging.

Trotz der guten Kontakte, die Aëtius zu den Hunnen unterhielt, drangen diese 451 unter ihrem König Attila in Gallien ein, nachdem der oströmische Kaiser Markian ihnen die jährlichen Tributzahlungen gekündigt hatte. Angeblich hatte außerdem Honoria, die Schwester Valentinians III., Attila die Ehe versprochen,[2] was dieser als Vorwand für territoriale Forderungen an Valentinian aufnahm. Aëtius gelang es jedoch, eine Koalition aus den verschiedenen in Gallien ansässigen Foederaten zu formen; selbst die Westgoten, die auf ihn schlecht zu sprechen waren, schlossen sich dem Bündnis aus Furcht vor einem weiteren Vordringen der Hunnen an. In der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern bei Châlons-en-Champagne konnte Aëtius mit Hilfe dieses gemischten römisch-germanischen Heeres sich den Hunnen entgegenstellen und ihren Vorstoß zum Stillstand bringen. Es war kein entscheidender Sieg, und vielleicht hat Aëtius mit voller Absicht die Hunnen geschont, um so die germanischen Verbündeten Roms nicht übereifrig werden zu lassen, doch genügte es, damit Attila sich aus Gallien zurückziehen musste.[3] Ein Jahr später fielen die Hunnen zwar in Italien ein und plünderten mehrere Städte, darunter auch Aquileia, doch waren ihre Kräfte letztendlich erschöpft; mit dem Tod Attilas 453 brach das Hunnenreich auseinander.

Symptomatisch für die Schwäche des weströmischen Reiches war die Stärke der Heermeister: Es war Aëtius, der Verträge mit den barbarischen Völkern abschloss, etwa mit den Hunnen, denen er Jahre zuvor Teile Pannoniens abgetreten hatte. Diese Völker fühlten sich denn auch nicht dem Kaiser, sondern seinem mächtigsten Heermeister verpflichtet. Nun, da die Bedrohung durch die Hunnen entfallen war, konnte Valentinian aber hoffen, seine verlorene Macht zurückzugewinnen. Eine Absetzung oder gar einen offenen Prozess gegen Aëtius konnte der Kaiser dennoch nicht wagen. Aëtius hatte vom Kaiser schließlich die Zusage erhalten, dass sein Sohn Gaudentius die Tochter Valentinians heiraten durfte. Petronius Maximus, ein angesehener Aristokrat, der vorher hohe Ämter in der Verwaltung bekleidet hatte, intrigierte nun gegen den Heermeister. Tatsächlich hätte eine verwandtschaftliche Beziehung Aëtius’ zum Kaiserhaus eine nicht zu unterschätzende Bedrohung für Valentinian bedeutet, ähnlich wie Jahrzehnte zuvor sich Honorius von Stilicho bedroht gefühlt hatte.

Im September 454 wurde Aëtius während einer Audienz von Valentinian eigenhändig umgebracht. Eine direkte Folge dieser Ermordung war die Loslösung Dalmatiens, wo sich Marcellinus, ein ehemaliger Offizier des Aëtius, ein faktisch selbstständiges Reich schuf, sowie die bald darauffolgende Ermordung Valentinians im März 455 durch Anhänger des Aëtius. Es folgte auch der langsame, aber nun endgültige Verlust der römischen Stellung in Gallien, auch wenn betont werden muss, dass noch bis in die 70er Jahre des 5. Jahrhunderts Gebiete wie die Provence oder die Auvergne gehalten werden konnten und sich später in Nordgallien das gallorömische Sonderreich des Syagrius noch bis 486 halten konnte. Die römische Herrschaft über Hispanien war zu jener Zeit bereits ohnehin nur noch sehr bedingt gegeben und höchst regionaler Natur. Festzuhalten bleibt, dass es keinem Heermeister, auch nicht dem durchaus befähigten Aegidius, gelingen sollte, an Aëtius’ Position in Gallien anzuknüpfen.

Literatur

Weblinks

Anmerkungen

  1. Demandt, Magister militum, Sp. 654–656.
  2. Vgl. Jordanes, Getica, 224.
  3. John B. Bury hingegen relativierte in seiner History of the Later Roman Empire die Bedeutung der Schlacht: Bury, Bd. 1, S. 293f.

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