6. Sinfonie (Mahler)

Die Sinfonie Nr. 6 in a-Moll von Gustav Mahler ist eine Sinfonie für großes Orchester (ohne Hinzufügung von Vokalstimmen). Sie wurde zwischen 1903 und 1905 komponiert. Gelegentlich wird sie auch mit dem Beinamen „Tragische Sinfonie“ bezeichnet.

Inhaltsverzeichnis

Werkbeschreibung

Die Sinfonie besteht aus folgenden vier Sätzen (zum Problem der Satzreihenfolge siehe unten):

  1. Allegro energico, ma non troppo. Heftig, aber markig.
  2. Andante moderato
  3. Scherzo: Wuchtig
  4. Finale: Sostenuto – Allegro moderato – Allegro energico

Das Werk steht in der Mitte der drei reinen Instrumentalsinfonien Nr. 57. Eine Aufführung dauert, je nach Interpretation, etwa 85 Minuten. Formal ist diese Sinfonie traditionell gehalten, sie hat wie die klassischen Sinfonien Haydns vier Sätze. Auch Art und Charakter entsprechen der klassischen Form: Die Ecksätze in der Sonatenhauptsatzform schließen die Mittelsätze, ein Andante gefolgt von einem Scherzo, ein.

Der erste Satz ist marschähnlich im Klang und enthält das erste Motiv, bestehend aus einem a-Moll-Dreiklang. Dieses Motiv, das verschiedentlich als eine Art „Schicksalsmotiv“ angesehen wurde, tritt in den anderen Sätzen ebenfalls – wenngleich versteckter – auf. Motiv des 1. Satzes?/i

Das Andante ist der Ruhepunkt dieser Sinfonie, es wirkt ohne hörbare Eile. Das Thema dieses Satzes steht in Es-Dur. Die Orchestrierung ist moderater und verhaltener. Die eigentliche Melodie des Themas kommt erst im Epilog endgültig zum Klingen.

Das Scherzo bringt den Marschrhythmus des ersten Satzes wieder. Sein Trio (im Mittelteil) ist rhythmisch unregelmäßig und sanfter. Durch seine jähen Umbrüche und Charakterwechsel wirkt der Satz sehr unruhig und kontinuitätslos.

Der schicksalhafte letzte Satz stellt eine Art erweiterte Sonatenform dar, die durch Wechsel in Tempo und Laune geprägt ist. In diesem Satz kommen Mahlers Befürchtungen und Versagensängste zum Vorschein, die sich auch in seinem Vokalzyklus Kindertotenlieder finden. Das Finale der Sinfonie wird häufig als eine Antizipation kommender persönlicher und historischer Katastrophen (vornehmlich 1. Weltkrieg) interpretiert. Das Werk endet in musikalischer Ausweglosigkeit und Hoffnungslosigkeit nach einer Art musikalischem Zusammenbruch. Mit dem tragischen Ausgang der Sinfonie ist das Werk einzigartig unter den Sinfonien Mahlers. Alle anderen Sinfonien enden in einer größeren „Zufriedenheit“ abgesehen von der 9. Sinfonie, die in einer Art transzendenter Resignation endet.

Der tragische Ton der sechsten Sinfonie ist zunächst unerwartet, betrachtet man seine Biografie: Mahler hat 1902 Alma Schindler geheiratet und wurde Vater zweier Töchter. Mahler selbst sagte über seine sechste Sinfonie, sie werde "Rätsel aufgeben, an die sich nur eine Generation heranwagen darf, die meine ersten fünf in sich aufgenommen und verdaut hat." [1] Die Intensität der musikalisch-tragischen Aussage des Werkes legt somit den Schluss nahe, dass Mahler hier tieferen Gefühlszuständen Ausdruck verlieh, als die biographischen Umstände der Entstehungszeit zunächst vermuten lassen würden. Auch scheint Mahler kommende Schicksalsschläge zu antizipieren. Wegen ihrer trüben Stimmung ist diese Sinfonie im Repertoire der Orchester nicht die beliebteste Sinfonie Mahlers. Viele bezeichnen sie jedoch als eine der besten Mahlers, und sowohl Alban Berg ("Es gibt nur eine VI. – trotz der Pastorale.") als auch Anton Webern lobten und schätzten diese Sinfonie.

Der Klang eines Hammers, der im letzten Satz dieser Sinfonie dreimal zu hören ist, sollte laut Mahler einen kurzen und kräftigen, nicht-metallischen Charakter besitzen. Diese Forderung Mahlers führte zu einigen Problemen bei der Aufführungspraxis, da ein resonanzloser Hammer nur in Bühnennähe hörbar ist. Heute verwendet man üblicherweise einen großen hölzernen, hohlen Kasten, eine Art „Holzwaschmaschine“, die mit einem großen Hammer angeschlagen wird. Auch Alban Berg verwendet dieses Instrument in seinen 3 Orchesterstücken, Opus 6.

Geschichte

Die Uraufführung der Sinfonie fand am 27. Mai 1906 unter Mahlers Leitung im Essener Saalbau als Höhepunkt des Tonkünstlerfestes des Allgemeinen deutschen Musikvereins statt.

Mahler leitete außer der Uraufführung nur zwei weitere Aufführungen des Werkes: in München am 8. November 1906, und in Wien am 4. Januar 1907.

Der Beiname „Tragische Sinfonie“

Nur bei der Wiener Erstaufführung durch den Wiener Concert Verein (heute Wiener Symphoniker) vom 4. Januar 1907, der letzten Aufführung die Mahler selbst dirigierte, wurde die Sinfonie auf dem Programmzettel mit dem Untertitel „Tragische“ genannt. Der Dirigent Bruno Walter behauptete, dass Mahler selbst die Sinfonie die Tragische nannte.[2] Da weitere Belege dafür fehlen, ist die Authentizität dieser Behauptung allerdings umstritten. Zumindest akzeptierte Mahler aber die Nennung des Namens im Programmheft bei dieser Aufführung. Da Mahler diese Bezeichnung aber nie in die Partiturdrucke einfügte und auch bei seinen anderen Werken die Tendenz hatte, programmatische Titel später wieder zurückzuziehen, wird die Bezeichnung – die sich auf vielen CD-Einspielungen findet – in der ernsthaften Literatur zu dem Werk in der Regel nicht verwendet.

Das Problem der Satzreihenfolge

Einige Verwirrung gibt es um die Frage, welche Reihenfolge der beiden mittleren Sätze des Werkes von Mahler tatsächlich intendiert war. Ursprünglich wollte Mahler das Scherzo vor den Andante moderato-Satz stellen, und in dieser Form erschien auch der Erstdruck der Sinfonie im Verlag C. F. Kahnt. Noch vor der Premiere im Jahr 1906 entschied Mahler sich jedoch dafür, die Reihenfolge in Andante – Scherzo umzuändern, und er wies den Verlag an, dies durch einen beigelegten Errata-Zettel bekanntzugeben. Mahler selbst führte das Werk immer nur in dieser Gestalt auf, und auch andere Dirigenten befolgten zu Lebzeiten Mahlers diese Reihenfolge. Dies änderte sich 1919, als der Dirigent Willem Mengelberg bei Mahlers Witwe Alma nach der korrekten Reihenfolge nachfragte. Alma – nicht immer die verlässlichste Quelle, wenn es um Gustav Mahler geht – antwortete in einem Telegramm, die richtige Reihenfolge sei Scherzo, dann Andante. Auch in der ersten Ausgabe der kritischen Gesamtausgabe (1963) wurde die Sinfonie in der Satzreihenfolge Scherzo – Andante abgedruckt, allerdings war die vom Herausgeber Erwin Ratz geäußerte Ansicht, Mahler habe seine Meinung über die Reihenfolge ein weiteres Mal geändert, nie durch Quellen zu belegen. Die Reihenfolge Andante – Scherzo ist die letzte durch Quellen belegbare Ansicht Mahlers zu dieser Frage. Aus diesem Grund wurde bei der Revision der Partitur in der kritischen Gesamtausgabe (1998) auf diese Reihenfolge hingewiesen, und diese bei der Neuausgabe 2010[3] auch im Druck wiederhergestellt. Da jedoch auf der älteren Ausgabe basierendes Aufführungsmaterial bei vielen Orchestern noch weit verbreitet ist, und wohl auch aus liebgewordener Tradition, entscheiden sich viele Interpreten auch heute noch in der Mehrheit zu Aufführungen in der Reihenfolge Scherzo – Andante. Kompositorisch spricht einiges für das Andante an dritter Stelle. Das Scherzo setzt mit a-Moll und einem Gleichschritt der Bässe ein und knüpft somit unmittelbar an den Kopfsatz an. Es ergänzt diesen von der Reprise her, da Mahler sich hier den fälligen Wiedereintritt der Grundtonart a-Moll für den Beginn des Scherzos aufspart. Das c-Moll, mit dem der Finalsatz einsetzt, orientiert sich dagegen deutlich am Es-Dur des Andantes.

Der dritte Hammerschlag

Alma Mahler sagte, dass ihr Ehemann später durch drei mächtige Schicksalsschläge gefällt wurde, von denen einer der Tod seiner Tochter war. Sie setzt diese Schicksalsschläge in Beziehung zum dreimaligen Erklingen des Hammers im letzten Satz der 6. Sinfonie. Damit sieht sie die Hammerschläge als eine Art Vorausdeutung auf das spätere Schicksal Gustav Mahlers. Der ursprüngliche dritte Hammerschlag in Takt 783 wurde von Mahler 1907 bei der Revision der Sinfonie gestrichen, von den Herausgebern der kritischen Gesamtausgabe der Werke Gustav Mahlers (1963) aber wiederhergestellt.

Orchesterbesetzung

Anmerkungen

  1. Herta Blaukopf: Gustav Mahler - Briefe. Wien und Hamburg, 1982, S. 295
  2. Bruno Walter: Gustav Mahler. Ein Portrait. Neuausgabe. Heinrichshofen, Wilhelmshaven 1981, ISBN 3-7959-0305-X, S. 92
  3. Partitur-Ausgabe 2010 bei Edition Peters

Literatur

  • Renate Ulm (Hrsg.): Gustav Mahlers Symphonien. Entstehung – Deutung – Wirkung. Bärenreiter, Kassel 2001, ISBN 3-423-30827-3.
  • Gilbert Kaplan: The Correct Movement Order in Mahler's Sixth Symphony. Kaplan Foundation, New York 2004, ISBN 0-9749613-0-2 (online - PDF, 1,7 MB).
  • Henry-Louis de La Grange: The Sixth Symphony: The Order of Movements. In: Nachrichten zur Mahler-Forschung. Heft 58, Wien 2008, ISSN 1608-8956
  • Gerd Indorf: Mahlers Sinfonien. Rombach, Freiburg i. Br./Berlin/Wien 2010, ISBN 978-3-7930-9622-1.
  • Paul Bekker: Gustav Mahlers Sinfonien. Berlin 1921, S. 205-233.

Weblinks


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