Schindel
verschiedene Schindelformen
Schindelgedeckter Glockenturm der Kirche von Villemaur-sur-Vanne
Eingang zum Glockenturm der Kirche von Villemaur-sur-Vanne
Rautenschindel

Schindeln sind ein Produkt zur Dacheindeckung, regional auch zur Fassadenverkleidung.

Schindeln sind ursprünglich aus Holz, daher auch Holzschindel. Umgangssprachlich werden ähnlich geformte und entsprechend verwendete Erzeugnisse aus Aluminium, Bitumen, Granit, Faserzement, Kupfer, Schiefer, oder Ton ebenfalls als ‚Schindeln‘ bezeichnet – fachlich heißen sie heute Dachziegel oder Dachstein, wenn sie der Dachbedeckung dienen, und Fassadenplatte, wenn sie der Wandschalung dienen. Die Holzschindeldeckung des Daches zählt zu den Weichdächern, die genannten Ersatzmaterialien zu den Hartdächern.

Inhaltsverzeichnis

Etymologie

Aus der lateinischen Sprache stammt das deutsche Lehnwort scindula ‚Schindel‘ zu scindere ‚spalten‘. Aus einer Bibelübersetzung des Wulfila zur Westgotenzeit (Mitte 4. Jahrhundert) entstammt ein Beleg der Bezeichnung Skalja ‚Schindel‘ (altnord. skilja ‚spalten, trennen‘) für ein mit skildus (gotische Bezeichnung für ‚Brett‘) gedecktes Dach.

Geschichte

Traditioneller Hausbau unter ausschließlicher Verwendung von Holz: Schindeldach mit hölzerner Regenrinne an einem Bauernhaus im Schwarzwald

Schindeln sind eine alte Form der Dachdeckung. Durch Ausgrabungen zeigte sich, dass der Mensch auch vor vielen tausend Jahren — zum Errichten der Zelte und Hütten — Holz als Baustoff verwendete. Mittels Baumrinde (Birke, Fichte, u. ä.), Fellen, Lehm, Reisig, Stroh und Schilf schirmte er Dächer und Wände der Behausungen gegen Wind und Kälte ab, schuppenartig auf dem Dachstuhl ausgelegt, so dass Wasser nicht in den Innenraum eindringen konnte.

In der Vorantike wurden flache Steinplatten und Holzschindeln verwendet. Die Holzschindel ist in den ganzen nördlichen und mittleren Breiten der Alten Welt verbreitet, eine Sonderstellung nimmt aber Ostasien ein, wo mit dem Bambus ein für die Dachdeckung optimal geeignetes natürliches Material zur Verfügung steht. Es gab auch aus Ton gebrannte Schindeln (die etwa die Römer scandula nannten, heute bezeichnet man diese als Biberschwanzziegel). Wegen seiner guten Spaltbarkeit und Haltbarkeit wurden Schindeln auch aus Schiefer hergestellt. Dachsteine und Fassadenplatten aus diesen Materialien wie Bitumen, Zementfaser (Eternit) und solche aus Aluminium haben im 20. Jahrhundert die Holzschindel weitgehend verdrängt, im Kontext nachhaltigen Bauens und moderner Holzarchitektur erlebt diese aber wieder eine vermehrte Verwendung.

Altertum

Heuneburg bei Hundersingen

Ein Beispiel aus der Eisenzeit zeigt das Herrenhaus der Heuneburg bei Hundersingen (Baden-Württemberg). Die Schindeln wurden damals teils mit Holznägeln befestigt, teils mit Lederriemen festgebunden. Die bislang älteste Schindel wurde bei den Ausgrabungen der Wasserburg Buchau bei Bad Buchau (Baden-Württemberg) gefunden, eine ca. 3000 Jahre alte (ca. 950 v. Chr.) gespaltene Eichenschindel, die im Moor konserviert wurde. Zu etwa gleicher Zeit wurden in Zug-Sumpf (Schweiz) gespaltene Weisstannenschindeln verwendet. In einem von der Europäischen Union geförderten Projekt wurde in den vergangenen Jahren ein Teil der Anlage rekonstruiert.

Römisches Zeitalter

Schmiede der Villa Rustica, Hechingen (Rekonstruktion römische Verschindelung)

Cornelius Nepos versicherte, dass Rom 470 Jahre lang bis zur Zeit König Pyrrhus (um 275 v. Chr.) mit Schindeln eingedeckt war – zumindest unterschied man Stadtteile nach Wäldernamen. Bereits Plinius und Tacitus berichteten von schindelgedeckten Holzhäusern germanischer Völker. Im Römerkastell Saalburg in Hessen sind bei Ausgrabungen eine Klotz- oder Schindelhacke und runde Eichenzierschindeln gefunden worden.

Mittelalter

Das Hexenhäusel in Bautzen, vor 1604

Bis ins frühe Mittelalter war die Holzschindel in fast ganz Europa das am weitesten verbreitete Dachdeckmaterial. Bis zur Zeit der Karolinger waren Schindelbedachungen selbst bei vornehmen Gebäuden allgemein üblich. Bei einfachen Häusern und in holzarmen Gebieten wurde auf örtlich vorhandene Materialien wie Reet (Schilf) zurückgegriffen.

Im hohen Norden schützt die kunstvoll verlegte Holzschindel seit Jahrhunderten die mit Zimmermannskunst erbauten Stabkirchen.

Neuzeit

Schindelverziertes und schieferverkleidetes Haus in Esslingen am Neckar

Noch im 18. Jahrhundert waren Weichdächer in Deutschland die überwiegende Bedachungsform.

Eine Ursache für den Rückgang des Schindeldaches war das Brandrisiko. In den immer größer werdenden Städten entstanden wegen unzureichender Löschmöglichkeiten und enger Bebauung immer häufiger große Brände. Dies führte regional zum Verbot des Schindeldaches. Auch infolge der Holzknappheit der kleinen Eiszeit wurde das Schindeldach mehr und mehr von dem aus Ziegel und Schiefer verdrängt.

Bedeutung heute

Schindelfassade der Chesa Futura von Norman Foster in St. Moritz

In waldreichen und höhergelegenen Gebieten hat sich das Schindeldach bei einzeln stehenden Wohn- und Bauernhäusern bis heute gehalten, regional ist auch die Wandschindelung vorherrschend geblieben (Vorarlberg, Westschweiz). Das Legschindeldach ist in den Alpen wegen seiner besonderen Ausstrahlung noch verbreitet. Um 1987 wurden etwa in Südtirol um die 10.000 Schindeldächer vermutet. Dennoch wurde das traditionelle Schindeldach im Laufe des 20. Jahrhunderts weitgehend in den Bereich der Kirchen und Museen abgedrängt.

Seit den 1980ern wird durch Konzepte, die sich um Ökologie und Nachhaltigkeit bemühen, wie auch durch die Einführung maschinell produzierter Schindeln und die Verwendung außereuropäischer, besonders widerstandsfähiger Hölzer Holzverschindelung wieder mehr verwendet. Daneben macht sich eine Architekturströmung bemerkbar, die Neue Alpenarchitektur genannt wird, und die Erkenntnisse der Bau- und Materialforschung und moderne Formensprache mit den traditionell ansässigen Baustilen zu verbinden sucht. Dabei gewinnt im Besonderen der Holzbau wieder an Bedeutung.

In den sturmreichen Küstengebieten hat sich die Holzschindel an Kirchen und Windmühlen bewährt.

Herstellung, Formen und Materialien

Holzschindeln

Die Urform, die Legschindeln, waren mit Steinen beschwert, heute werden Schindeln grundsätzlich genagelt. Schindeln werden nur überdeckt, im Erzgebirge und Böhmerwald sind auch Nutschindeln in Verwendung.

Es gibt zwei Schindelarten, die sich durch ihre Herstellung unterscheiden: die Säge- bzw. Brett- und die Spaltschindel.

Spaltschindel

Schindelbank

Durch das Spalten wird der natürliche Faserverlauf des Holzes nicht zerstört, was die gespaltene Schindel haltbarer macht als eine gesägte.

Spaltschindeln werden vom Schindler hergestellt, indem man eine Rohschindel vom Block spaltet, entweder hydraulisch oder herkömmlich mit Schindelmesser (Kletzhacke) und Schlägel. Das Holz ist ausgesucht gerad- und feinwüchsig, sowie astfrei, worauf man es ablängt, spaltet[1] und mit einem breiten Messer, das auf beiden Seiten einen Griff hat, nachbearbeitet. Dieses Messer wird auch als Ziehmesser bezeichnet. Um die Rohschindel für diesen Vorgang festhalten zu können, wurde in ganz Mitteleuropa immer das gleiche Instrument benutzt, die Schindelbank (Schneidesel, Bschniedesel, Heinzelbank, Schnitzbank, Schnitzelbank, Schindelgoaß usw.).

Sägeschindel und Brettschindel

Die andere Schindelart ist durch die Zerstörung des Holzfaserverlaufs gekennzeichnet. Man unterscheidet in dabei zwischen Sägeschindeln und Brettschindeln.

Brettschindeln sind heute noch in Kärnten und der Steiermark und von dort ostwärts bis nach Ostasien, in Skandinavien und auch sonst weltweit anzutreffen. Diese Dachdeckung ist die am wenigsten haltbare Schindeldeckung und bedarf der meisten Wartung.

Im Gegensatz zu den Brettschindeln sind Sägeschindeln im Wandbereich in allen Holzarten üblich und in allen Größen erhältlich. Die Rentabilität ist trotz der geringeren Haltbarkeit im Vergleich zur Spaltschindel gut und vor allem ihre vielfältigen Gestaltungsmöglichkeit bietet für Architekten eine breite Basis für neue Planungsideen.

Hölzer und Haltbarkeit

In der Regel wurden zur Schindelherstellung die vor Ort verfügbaren Baumsorten verwendet: im Norden Deutschlands hauptsächlich Eichen, im Erzgebirge,[2] Böhmerwald und Schwarzwald Fichte, in Hessen Buche und im Alpenraum vornehmlich Lärchen. Bei Nadelholz sind nur Bäume mit Linksdrehung geeignet, damit sich das Holz nach dem Bearbeiten gleichmäßig verdreht und seine Form behält. Bei Nässe streckt sich das Holz durch seine natürliche innere Verspannung und liegt flach auf dem Dach, beim Trocknen hingegen dreht es sich leicht, und es entstehen Spalten, die das Trocknen begünstigen. Durch diesen „Tannenzapfen-Effekt“ und die Tatsache, dass Brett- und Spaltschindeln nie satt aufeinanderliegen, ist eine optimale Lebensdauer für das sonst witterungsanfällige Holz erreicht worden.

Früher konnte man bei Spaltschindeln aus Fichtenholz oder Lärchenholz eine Haltbarkeit von 30–40 Jahren bzw. 50–70 Jahren erreichen. Dies ist aber heute aus verschiedenen Gründen (schlechteres Holz, Umwelt, andere Dachkonstruktionen, etc.) nicht mehr realistisch. Heute liegt die Haltbarkeit bei Fichte und Lärche im Dachbereich zwischen 12 und 25 Jahren, eine längere Haltbarkeiten ist bei heimischen Hölzern nur mit Imprägnierung möglich; oder man weicht gleich auf haltbarere Hölzer aus, wie das des Riesen-Lebensbaums (Thuja plicata) und der kanadischen Alaska-Zeder (Chamaecyparis nootkatensis). Spaltschindeln werden im Denkmalschutzbereich in geringen Mengen noch aus Eiche hergestellt sowie aus Kastanie (Westschweiz, französische Alpen). Im nördlichen Osteuropa wird vielfach Espe verwendet.

Sägeschindeln als Dachdeckung sind nur mit besonders haltbaren Holzarten sinnvoll. Hier gibt es in Deutschland ein Prüfzeugnis als Harte Bedachung nach DIN 4102 Teil 7 – das bedeutet, Sägeschindeln aus Alaska-Zeder sind brandschutztechnisch ähnlich wie ein Ziegeldach einzustufen.

Deckungsarten

Dreifachdeckung genagelter Holzschindeln

Hinsichtlich der Verdeckungsweise unterscheidet man Scharschindeldächer und Legschindeldächer.

Scharschindeldach

Das Scharschindeldach eignet sich für steil geneigte Dächer. Die Schindeln werden dabei, im Allgemeinen mit dreifacher Überdeckung, auf eine Lattung aufgenagelt. Für niederwertige Bauten ist auch eine Zweifachdeckung möglich.

Legschindeldach

Das Legschindeldach ist für flache Dachneigungen gebräuchlich. Die Schindeln überdecken sich ebenfalls drei-, teils auch vierfach, werden aber lediglich aufgelegt. Befestigt werden sie durch Schwersteine, die auf Schwerstangen aufliegen und damit die Schindeln am Dach sichern (ein Legschindeldach wird daher in manchen Regionen auch als Schwardach bezeichnet[3]; im Allgäu und im Schwarzwald sind Legschindeln auch unter dem Begriff Landern bekannt[4]). Das Legschindeldach muss etwa alle fünf Jahre umgedeckt werden, wobei eine noch nicht der Witterung ausgesetzte Seite der Schindel nach oben kommt. So können die Schindeln zumindest viermal verwendet werden.

Siehe auch

Literatur

  • Jens Carstensen: Schindeldach und Schindelgiebel: Geschichtliche Entwicklung. Herstellung und Verwendung der Holzschindel. Neuauflage: Edition libri rari, Schäfer, 1992, ISBN 9783887462840

Weblinks

 Commons: Schindeln – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Österreichisch nennt man die Tätigkeit des Spaltens klieben, die Berufsbezeichnung Bretterklieber ist dort noch immer als Familienname verbreitet.
  2. Jens Carstensen: Die Holzschindel: ihre geschichtliche Entwicklung, Herstellung und Verwendung zur Hauptsache dargestellt an Beispielen aus dem Iser-, Riesen- und Erzgebirge. Dresden 1937.
  3. Schwardach. In: Lexikon. österreichischen Freilichtmuseum Stübing, abgerufen am 2. November 2009.
  4. http://www.das-baulexikon.de/lexikon/Legschindel.htm

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  • Schindel — (n) nf : bardeau Alsace …   Glossaire des noms topographiques en France

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