BWV 244
Auszug aus Bachs überarbeiteter Partitur von 1736

Die Matthäus-Passion, BWV 244, ist eine oratorische Passion von Johann Sebastian Bach, die das Leiden und Sterben Jesu Christi nach dem Evangelium nach Matthäus zum Thema hat. Die Matthäus-Passion und die Johannes-Passion sind die beiden einzigen vollständig erhaltenen authentischen Passionswerke von Bach. Die Matthäus-Passion ist mit knapp drei Stunden Aufführungsdauer Bachs umfangreichstes Werk. Sie stellt zweifelsfrei einen Höhepunkt seines Schaffens dar.

Inhaltsverzeichnis

Besetzung

Das Stück wurde für zwei „Chöre“ geschrieben, die jeweils aus Gesangsstimmen (Sopran, Alt, Tenor, Bass) und Instrumenten (2 Querflöten, 2 Oboen, 2 Violinstimmen, Bratsche, Basso continuo) bestehen. Heute werden die beiden Ensembles oft nebeneinander als Doppelchor und -orchester aufgestellt; zudem singen Solisten aus Kostengründen Partien in beiden Ensembles. Bach hatte aber wohl eine getrennte räumliche Aufstellung vorgesehen, wodurch die dialogischen Strukturen deutlich werden sollten. Die heutige Aufführungs- und Aufstellungspraxis kann sich von Dirigent zu Dirigent erheblich unterscheiden. Zudem werden gelegentlich auch gekürzte Versionen (z. B. weil kein Gambist zur Verfügung steht und nach den Vorstellungen des Orchesterleiters ein Violoncello kein adäquater Ersatz ist) gespielt, oder die für „moderneres“ Instrumentarium eingerichtete Version von Felix Mendelssohn Bartholdy.

In den Sätzen 1 und 35 wird zusätzlich ein „Soprano in ripieno verlangt; für dessen Besetzung gibt es eine Aufführungstradition mit Knabenstimmen (als Gegensatz zu den Frauenstimmen in den zwei Chören), die aber in keiner Beziehung zu den ursprünglichen Intentionen Bachs steht, der ohnehin in der Kirche ausschließlich Knabensoprane (bzw. falsettierende Männerstimmen sowohl für Sopran und Alt) einsetzte. In einer von Bachs eigenen Fassungen des Werks wurde diese Stimme auch von einer Orgel übernommen.

Die Matthäus-Passion sieht – außer den vier Solostimmen für die Rezitative und Arien (Sopran, Alt, Tenor, Bass) – die folgenden Rollen-Solopartien vor:

Häufig werden dabei sechs eigentliche Solisten (die vier Arien-Solisten, Evangelist, Jesus) eingesetzt und die restlichen Soli (die Partien der sog. Soliloquenten) von Chormitgliedern übernommen. Gelegentlich übernimmt der Evangelist auch die Tenorarien. Die Arien sind immer einem der beiden Ensembles (Chorus I oder II) zugeordnet.

Textquellen

Der Text basiert auf dem 26. und 27. Kapitel des Matthäus-Evangeliums in der Übersetzung Martin Luthers sowie auf Dichtungen von Christian Friedrich Henrici (genannt Picander), dazu kommen die Passionschoräle.

Das Werk besteht aus einem etwas kürzeren ersten Teil (Mt 26 LUT) und einem umfangreicheren zweiten Teil (27 LUT), zwischen denen zu Bachs Zeiten die Predigt von etwa einer Stunde Dauer gehalten wurde.

Aufbau und Symbolik

Das Werk entfaltet eine beeindruckende stereophone Wirkung durch die doppelte Anlage von Chor und Orchester, bei der die Chöre vielfach miteinander einen Dialog führen. Beispielhaft hierfür sind besonders der überwältigende Eingangs- und Schlusschor zu erwähnen. Dazwischen gibt es vielfach lange, kontemplative Arien, die das Leiden Jesu verinnerlichen. Zwischen Rezitativen, Chören und Arien sind insgesamt vierzehn Choräle eingearbeitet, die auf die dramatischen Höhepunkte der Handlung Bezug nehmen. Eine zentrale Rolle spielt dabei der Choral O Haupt voll Blut und Wunden von Paul Gerhardt, der mit verschiedenen Strophen und Harmonisierungen insgesamt fünfmal erklingt.

In der Matthäus-Passion arbeitet Bach vielfach mit musikalischen Symbolen. So wird etwa bei den Rezitativen der Text Jesu stets von gehaltenen Streicherakkorden begleitet, die das Göttliche symbolisieren. Die handelnden Menschen hingegen werden lediglich durch den Generalbass gestützt. Erst als Jesus am Kreuz die letzten Worte spricht, verstummen die Streichinstrumente.

Es gibt zahlreiche Untersuchungen, die insbesondere ausgeprägte zahlenmystische Elemente in der Passion zu erkennen glauben, jedoch dürfte zumindest ein Teil von ihnen auf Zufällen beruhen.

Entstehung und Geschichte der Matthäus-Passion

Es ist umstritten, ob die Matthäus-Passion aus dem Jahre 1727 oder 1729 stammt. Sie steht in Beziehung zur Trauermusik BWV 244a (für Fürst Leopold von Anhalt-Köthen, Aufführung am 24. März 1729). Unklar ist, ob die Trauerkantate Parodievorlage oder die Parodie zu BWV 244 ist. Gesichert ist nur, dass die Matthäus-Passion am 15. April 1729 (Karfreitag) in der Leipziger Thomaskirche unter Bachs Leitung aufgeführt wurde. Bach überarbeitete Teile des Werkes in späteren Jahren zweimal, zuletzt 1736. Zu Bachs Lebzeiten wurde die Matthäus-Passion nicht beachtet und sogar wegen ihres „opernhaften“ Charakters von den Repräsentanten des Pietismus innerhalb der evangelischen Kirche und der Leipziger Bürgerschaft angefeindet. Mit der erstmaligen Wiederaufführung der Matthäus-Passion nach Bachs Tod, am 11. März 1829 durch Felix Mendelssohn Bartholdy mit der Sing-Akademie zu Berlin, leitete dieser in Deutschland eine Bach-Renaissance ein. Im 20. Jahrhundert entstanden zahlreiche, höchst unterschiedliche Aufnahmen mit namhaften Dirigenten und Künstlern (u. a. Wilhelm Furtwängler, Karl Richter, Otto Klemperer, Nikolaus Harnoncourt, Gustav Leonhardt, Ton Koopman, Helmuth Rilling, Georg Solti, John Eliot Gardiner, Philippe Herreweghe, Enoch zu Guttenberg), die das große Spektrum von Interpretationsmöglichkeiten aufzeigen.

Frühfassung

Die Frühfassung der Matthäus-Passion BWV 244b aus dem Jahr 1729 folgt einer erst jüngst ausgewerteten Partiturabschrift von Bachs Schwiegersohn Johann Christoph Altnikol aus den Jahren 1744–48.[1] Sie wurde erstmalig im März 2000 durch den Thomanerchor und das Gewandhausorchester unter Thomaskantor Georg Christoph Biller im japanischen Sapporo wiederaufgeführt und ist seit März 2007 in einer Einspielung mit diesen Ensembles vorhanden. In der Frühfassung ist die Teilung der zwei Chöre – sie betrifft auch die Instrumente – noch nicht vollständig vollzogen, denn beide Chöre nutzen eine gemeinsame Continuopartie mit einer Orgel. Außerdem hat Altnikol die Begleitung der Evangelistenpartie noch in langen Noten ausgeschrieben – so wie Bach selbst übrigens auch noch bei der Partitur der späteren Fassung verfuhr. In der Erstfassung ist der spätere Choral Nr. 17 „Ich will hier bei dir stehen“ ersetzt durch die Strophe „Es dient zu meinen Freuden“. Die gravierendste Änderung nahm Bach am Schluss des ersten Teils vor: Anstelle der großräumig angelegten Choralbearbeitung „O Mensch, bewein dein Sünde groß“ erklang in der Erstfassung der schlichte Choral „Jesum lass ich nicht von mir“. In nahezu jedem Satz der Passion finden sich zudem Detailunterschiede in Notentext, Textunterlegung oder Besetzung. So wird die Eingangsarie des zweiten Teiles vom Bass gesungen, in Arioso und Arie „Ja freilich will in uns das Fleisch und Blut“/„Komm, süßes Kreuz“ wird anstelle einer Gambe eine Laute verlangt, worin man die Zweitfassung vermuten muss, da der Gambenpart eine so starke Anpassung erfuhr, dass man sie wohl kaum als charakteristisch für das gewählte Instrument bezeichnen kann. Wahrscheinlich war die Laute ein Ersatz, da kein geeigneter Gambist zur Verfügung stand. Im Eingangschor ist fraglich, ob der von Bach eingefügte Cantus-firmus-Choral „O Lamm Gottes unschuldig“ 1729 überhaupt gesungen wurde, da er hier außerdem als instrumentales Zitat in den Holzbläsern erklingt. Außerdem übernehmen im Arioso „O Schmerz!“ Querflöten die Partien der in der Spätfassung ausschließlich hier eingesetzten Blockflöten.

Anmerkungen

  1. http://www.bach-cantatas.com/Vocal/BWV244b-Gen.htm

Literatur

  • Emil Platen: Die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach. dtv/Bärenreiter, München/Kassel 2. verb. und ergänzte Auflage 1997, ISBN 376181190X.
  • Günter Jena: „Das gehet meiner Seele nah.“ Die Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach. Herder, Freiburg 1999, ISBN 3-451-04794-2.

Weblinks


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