BWV 248
Thomaskirche in Leipzig

Das Weihnachtsoratorium, BWV 248, ist ein Zyklus von sechs Kantaten für Soli (SATB), gemischten Chor und Orchester von Johann Sebastian Bach. Die sechs Kantaten waren ursprünglich für die sechs Gottesdienste zwischen erstem Weihnachtsfeiertag und dem Dreikönigstag bestimmt und wurden zum ersten Mal in den Weihnachtsgottesdiensten 1734/1735 in der Thomaskirche in Leipzig vom Thomanerchor aufgeführt. Das Weihnachtsoratorium zählt zu den berühmtesten geistlichen Kompositionen von Johann Sebastian Bach. Es wird heute zur Advents- und Weihnachtszeit häufig von Kirchenchören ganz oder in Teilen aufgeführt.

Inhaltsverzeichnis

Text

Die biblische Textvorlage stammt von den Evangelisten Lukas (Luk 2,1+3-21) und Matthäus (Matth. 2,1-12). Sie umfasst die Geburtsgeschichte, die Beschneidung und Namengebung und die Geschichte von den Weisen aus dem Morgenland. Zahlreiche Choraltexte gehen auf Paul Gerhardt (1607–1676) zurück. Der Text der freien Stücke wird üblicherweise Bachs Leipziger Textdichter Picander zugeschrieben, die Zuschreibung ist aber nicht urkundlich belegt. In der Regel wird angenommen, dass Bach gemeinsam mit Picander die Texte umgearbeitet hat, sodass letzterer sie in dieser Form später nicht unter als seine Schöpfung veröffentlichen mochte.[1] Die manchmal etwas schwer verständliche, bildreiche Sprache der neu gedichteten Arien verdankt sich möglicherweise Einflüssen des Pietismus. Die frömmigkeitsgeschichtliche Verortung Bachs ist allerdings umstritten.[2]

Gattung und Einheit

Architektur Weihnachtsoratorium

Gegenüber den Weihnachts-Historien des 17. Jahrhunderts, in denen die Textvertonung der biblischen Weihnachtsgeschichte im Mittelpunkt steht, ist das Weihnachtsoratorium mit seinen eingeschobenen freien madrigalischen Dichtungen (insbesondere in den Arien) und Kirchenchorälen der Kirchenkantate verwandt. Was darüber hinaus das Weihnachtsoratorium zu einem in sich geschlossenen Oratorium macht und nicht nur zu einer Sammlung von sechs unabhängigen Kantaten, ist die fortlaufende biblische Handlung mit verschiedenen dramatis personae wie dem Evangelisten, den Solisten für biblische Gestalten (Soliloquien), den Menschengruppen und Turba-Chören. Die Teile I-IV werden durch die Erzählung von Lk 2 verbunden, Teil V und VI durch die Textgrundlage aus Mt 2. Inhaltlich ist allen Teilen die Freude über die Geburt Christi eigen. Neben das Secco-Rezitativ zur schlichten Begeleitung des biblisches Textes tritt im Oratorium das Accompagnato-Rezitativ als Vorbereitung auf eine Arie. Zudem erhält das Oratorium den Eingangschor („Exordium“) und den Schlusschor („Conclusio“). Bach bindet die sechs Kantaten durch die Verwendung der Grundtonart D-dur in den Teilen I, III und VI eng aneinander, die alle drei auch dieselbe festliche Besetzung mit Trompeten, Pauken, Holzbläsern und Streichern aufweisen. Nach den ersten drei Kantaten wird der Eingangschor „Tönet, ihr Pauken“ wiederholt, was dem ersten Block große Geschlossenheit verleiht, der im Übrigen ganz symmetrisch aufgebaut ist. Nur der vierte Teil bewahrt sich durch die Tonart F-dur und die singuläre Besetzung mit Hörnern eine gewisse Eigenständigkeit. Zudem endet er mit einem schlichten Choral und ist als einzige Kantate für einen gewöhnlichen Sonntagsgottesdienst vorgesehen. Sieht man von Teil IV ab, ergibt sich aus den Grundtonarten die Kadenz D-G-D-A-D. In Teil II bringt die Subdominante G-dur die tiefe Erniedrigung der Menschwerdung zum Ausdruck. Architektonisch zentral dabei steht der Choral Nr. 17: „Schaut hin, dort liegt im finstern Stall“. Hingegen verwendet Bach die Dominante A-dur in Teil V, um dort auszudrücken, dass Christus gleichzeitig erhöht ist als „König der Juden“ (Nr. 45) und als strahlendes Licht für die Heiden (repräsentiert durch die orientalischen Weisen) und für die ganze Welt.[3] Auch durch die Instrumentalbesetzung findet Teil II eine Entsprechung in Teil V, da beide Teile auf Blechbläser verzichten. Als Inklusion um das ganze Werk wird im ersten und letzten Choral (Nr. 5 und Nr. 64) dieselbe Melodie verwendet. All diese Hinweise deuten auf die Einheit des Gesamtwerkes. Das gedruckte Textheft zur Uraufführung des Weihnachtsoratoriums trägt dann auch die Überschrift: „ORATORIUM, Welches Die heilige Weynacht über in beyden Haupt-Kirchen zu Leipzig musicieret wurde. ANNO 1734“.[4]

Geschichte

Jesus und Maria (Detail), Giovanni Bellini, ca. 1459

Die Musik komponierte Bach nur zum Teil neu. Viele Chöre und Arien entnahm er zuvor entstandenen weltlichen Werken (darunter Gratulationskantaten für das sächsische Herrscherhaus, BWV 213 und 214). Zum Beispiel stammt der Eingangschor „Jauchzet, frohlocket“ direkt vom Eingangschor der Glückwunschkantate BWV 214 „Tönet, ihr Pauken! Erschallet, Trompeten!“ ab (daher die entsprechende Einsatzfolge von Pauken und danach Trompeten). Wahrscheinlich hatte Bach bei der Komposition der Vorlagen die künftige Verwendung schon im Blick, da die aufwändigen, aber einmaligen Gelegenheitswerke nicht wiederaufgeführt werden konnten.

Vorhandene Stücke im Parodieverfahren wieder zu verwenden, war zu Bachs Zeit keine Seltenheit. Dahinter stand die Überzeugung von der Einheit aller Musik und die Bezugnahme auf einen vorgegebenen Kanon der Affekte, dazu eine handwerklich-schulmäßige Musikauffassung. In der Sturm-und-Drang-Zeit und der ihr folgenden Romantik wurde das Bild vom künstlerischen Originalgenie herrschend, das in unvermittelter Inspiration das Einmalig-Große schafft. Noch nach der Mitte des 20. Jahrhunderts empfanden führende Musiker die nicht-originäre Entstehungsweise des Weihnachtsoratoriums als peinlich. Doch konnte diese Auffassung nicht verhindern, dass von allen größeren Werken Bachs das Weihnachtsoratorium heute das populärste und am häufigsten aufgeführte ist. Seine Wiederentdeckung verdankt es der Sing-Akademie zu Berlin, die das Werk am 17. Dezember 1857 unter Eduard Grell zum ersten Mal seit Bachs Tod in ihrem Konzerthaus hinter der Neuen Wache in Berlin-Mitte wieder aufführte. Beim Parodie-Verfahren handelt es sich aber auch nicht um eine „eins-zu-eins“-Übernahme der früheren Kompostion mit neu-unterlegtem Text. Bach transponiert die Stücke in andere Tonarten, verlangt dann auch andere Vokal- und Instrumentalbesetzungen und deutet den neuen Text an verschiedenen Stellen musikalisch neu aus. Gerade im Weihnachts-Oratorium ist der Orchesterpart äußerst farbig und kann als fast bildhaft gelten: Trompeten und Pauken symbolisieren die göttliche, Streicher und Flöten die himmlische-englische Sphäre und die Oboen die Hirten (und damit wohl alle Menschen).[5]

Parodien

Im Folgenden werden alle Parodien aufgeführt. Alle anderen Stücke sind von Bach original komponiert.

Nr. Titel Parodievorlage Text der Vorlage Anmerkungen
I. Teil „Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage“      
1 (Chor) „Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage“ BWV 214/1 „Tönet, ihr Pauken, erschallet, Trompeten“  
4 (Arie) „Bereite dich Zion mit zärtlichen Trieben“ BWV 213/9 „Ich will dich nicht hören, ich will/mag dich nicht wissen“  
8 (Arie) „Großer Herr und starker König“ BWV 214/7 „Kron und Preis gekrönter Damen“  
II. Teil „Und es waren Hirten in derselben Gegend“      
15 (Arie) „Frohe Hirten, eilt, ach eilet“ BWV 214/5 „Fromme Musen! Meine Glieder!“  
19 (Arie) „Schlafe, mein Liebster, genieße der Ruh“ BWV 213/3 „Schlafe, mein Lieb(st)er, und pflege der Ruh“  
21 (Chor) „Ehre sei Gott in der Höhe“ BWV 247/33b „Kreuzige ihn“ Unklar, mögliche Parodievorlage.
III. Teil „Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen“      
24 (Chor) „Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen“ BWV 214/9 „Blühet, ihr Linden in Sachsen wie Zedern!“  
26 (Chor) „Lasset uns nun gehen gen Bethlehem“ BWV 247/2b+25b? „Ja nicht auf das Fest“ und „Wir haben gehöret, daß er saget: Ich will den Tempel“ Mögliche Parodievorlage.
29 (Arie) „Herr, dein Mitleid, dein Erbarmen“ BWV 213/11 „Ich bin deine, du bist meine“ Vorlage bereits Parodie?
31 (Arie) „Schließe, mein Herze, dies selige Wunder“ [BWV 215/7] [„Durch die von Eifer entflammeten Waffen“] Zunächst als Parodie von BWV 215/7 geplant, später für Nr. 47 verwendet und Nr. 31 neu komponiert.
IV. Teil „Fallt mit Danken, fallt mit Loben“      
36 (Chor) „Fallt mit Danken, fallt mit Loben“ BWV 213/1 „Lasst uns sorgen, lasst uns wachen“  
39 (Arie) „Flößt, mein Heiland, flößt dein Name“ BWV 213/5 „Treues Echo dieser Orten“ Stammt möglicherweise aus verschollener Glückwunschkantate „Es lebe der König, der Vater im Lande“ BWV Anh. 11
41 (Arie) „Ich will nur dir zu Ehren leben“ BWV 213/7 „Auf meinen Flügeln sollst du schweben“  
V. Teil „Ehre sei dir, Gott, gesungen“      
43 (Chor) „Ehre sei dir, Gott, gesungen“ BWV 213/13 „Lust der Völker, Lust der Deinen“ Zunächst als Parodie von BWV 213 vorgesehen, dann aber durch Neukomposition ersetzt.
45 (Chor) „Wo ist der neugeborne König der Juden?“ BWV 247/39b „Pfui dich, wie fein zerbrechst du den Tempel“  
47 (Arie) „Erleucht' auch meine finstre Sinnen“ BWV 215/7 „Durch die von Eifer entflammeten Waffen“ Vgl. zu Nr. 31.
51 (Arie) „Ach, wenn wird die Zeit erscheinen?“     Möglicherweise Parodie, unbekannte Vorlage.
VI. Teil „Herr, wenn die stolzen Feinde schnauben“      
54 (Chor) „Herr, wenn die stolzen Feinde schnauben“ BWV Anh. 10/1 / BWV 248a „So kämpfet nur ihr muntern Töne“ Mutmaßlich Parodie nach BWV 248a wie auch andere Stücke aus Teil VI.
56 (Rezitativ) „Du Falscher, suche nur den Herrn zu fällen“ BWV 248a   Mutmaßlich Parodie.
57 (Arie) „Nur ein Wink von seinen Händen“ BWV 248a   Mutmaßlich Parodie.
61 (Rezitativ) „So geht! Genug mein Schatz geht nicht von hier“ BWV 248a   Mutmaßlich Parodie.
62 (Arie) „Nun mögt ihr stolzen Feinde schrecken“ BWV 248a   Mutmaßlich Parodie.
63 (Rezitativ) „Was will der Höllen Schrecken nun“ BWV 248a   Mutmaßlich Parodie.

Anmerkungen zu den Vorlagen (Zählung der Nummern nach NBA):

BWV 213 „Lasst uns sorgen, lasst uns wachen“ („Herkules auf dem Scheidewege“), Geburtstagskantate (1733)
BWV 214 „Tönet, ihr Pauken, erschallet, Trompeten“, Geburtstagskantate (1733)
BWV 215 „Preise dein Glücke, gesegnetes Sachsen“, Glückwunschkantate (1734)
BWV 247 Markuspassion (1731), Musik verschollen
BWV 248a Hochzeitskantate, verschollen
BWV Anh. 10 „So kämpfet nur ihr muntern Töne“, Kirchenkantate (1731), verschollen, nur wenige Instrumentalstimmen erhalten

Übersicht

Teil I: „Jauchzet, frohlocket“

Piero della Francesca, Geburt Christi, 1460-1475

Besetzung: Soli, Chor, Trompete I-III, Pauken, Traversflöte I/II, Oboe I/II (auch als Oboe d'amore), Streicher, Basso continuo

Vorgesehener Aufführungszeitpunkt: 1. Weihnachtstag (25. Dezember)

Inhalt: In der ersten Kantate geht es um die Darstellung der Geburt Jesu. Die Christenheit preist seine Ankunft („Jauchzet, frohlocket“) mit Pauken und Trompeten und jubelndem Eingangschor. Weiter handelt dieser Teil davon, dass Maria und Joseph durch ein Gebot des Kaiser Augustus gezwungen waren, ihre Heimat Galiläa zu verlassen und sich in Josephs Geburtsort Bethlehem zählen zu lassen (Lk 2,1–6). Die Alt-Arie „Bereite dich, Zion“ gibt eine erste Ahnung von der Größe des Bevorstehenden. Die Gemeinde antwortet mit dem Choral „Wie soll ich dich empfangen“ von Paul Gerhardt. Dass nicht die heute bekannte Choralmelodie, sondern die von „O Haupt voll Blut und Wunden“ erklingt, wurde früher theologisch dahingehend ausgedeutet, dass mit der Menschwerdung bereits das Leiden beginne und bei der Krippe bereits an das Kreuz erinnert werde. Die neuere Bachforschung ist sich einig, dass dies die übliche Melodie in den Leipziger und Dresdner Gesangbüchern war.[6] Das Rezitativ „Und sie gebar“ berichtet von Jesu Geburt (Lk 2,7). Die Arie „Großer Herr, o starker König“ preist als Hymnus die Majestät Gottes. Darauf weisen die Tonart D-dur, die gebrochenen Dreiklänge in der Trompete und die zahlreichen Oktavsprünge im Continuo, die die Totalität Gottes illustrieren. Bei den Worten „muss in harten Krippen schlafen“ verstummt die Trompete und bringten die Synkopen zum Ausdruck, wie unpassend diese Erniedrigung für den ewigen Gottessohn ist. Teil 1 schließt mit der Bitte, als ständige Erinnerung das eigene Herz zur Krippe werden zu lassen.

Teil II: „Und es waren Hirten in derselben Gegend“

Govert Flinck, Ankündigung an die Hirten, 1639

Besetzung: Soli, Chor, Traversflöte I/II, Oboe d’amore I/II, Oboe da caccia I/II, Streicher, Basso continuo

Vorgesehener Aufführungszeitpunkt: 2. Weihnachtstag (26. Dezember)

Inhalt: Die zweite Kantate handelt von der Nachricht der Geburt Jesu an die Hirten. In der Eingangs-Sinfonia werden im punktierten Siciliano-Rhythmus mit Flöten und Streichern die himmlische Engelsmusik und mit Oboe da caccia (Schalmei und Dudelsack) die volkstümlichen und schlichten Terzmelodien der Hirten versinnbildlicht und gegenübergestellt. In der Nacht erscheint zum Schrecken der Hirten ein Engel (Lk 2,8–9). Der Tagesbeginn wird durch den Choral „Brich an, o schönes Morgenlicht“ dargestellt. Der Engel verkündet die Geburt von Christus (Lk 2,10–11). Im anschließenden Bass-Rezitativ wird die alttestamentliche Verheißung an Abraham in Erinnerung gerufen (Gen 12,2), die nun ihre Erfüllung gefunden hat und den Hirten verkündet wird. Die Tenor-Arie kann als angemessene Antwort darauf verstanden werden, indem sich die Hirten gegenseitig zur Eile ermahnen, das Kind zu sehen. Die laufenden Sechzehntel-Figuren, die sich zu Zweiunddreißigstel-Läufen steigern, malen ihre schnellen Bewegung aus. Nun prophezeit der Engel den Fund des Kindes in der Krippe (Lk 2,16), wiederholt durch den Gemeindechoral „Schaut hin, dort liegt im finstren Stall“. Die Bassstimme fordert dazu auf, zum Stall zu gehen und dem Kind ein Wiegenlied zu singen. Nachdem Maria das Wiegenlied „Schlafe, mein Liebster“ gesungen hat, jubilieren die Heerscharen der Engel in einer großen Tutti-Fuge mit langen Melismen „Ehre sei Gott in der Höhe“. Damit kontrastiert im Piano-Mittelteil der „Friede auf Erden“, den das Kind bringt. Bach malt den Frieden durch absteigende Figuren der Katabasis aus, während das Continuo orgelpunktartig mit lang anhaltenen Noten zur Ruhe findet. Das folgende Rezitativ schlägt die Brücke zur Gemeinde („wir stimmen mit euch ein, uns kann es so wie euch erfreun“). Der Schlusschoral „Wir singen dir in deinem Heer“ greift den tänzerischen Rhythmus der Eingangs-Pastorale auf, macht durch die Instrumentierung der im Oktavabstand spielenden Flöten und Oboen aber deutlich, dass sich himmlische und irdische Musik jetzt nicht mehr gegenüberstehen, sondern zum gemeinsamen Gloria vereinen.

In dieser Kantate wird sichtbar, dass Bach an der Entwicklung neuer Instrumente interessiert war. Er förderte z. B. den Bau der Oboe d'amore, wodurch die tiefere A-Stimmung und den kugelartigen Schallbecher ein gedeckter, besonders süßer Klang entsteht. Bei der Oboe da caccia ergibt sich durch eine halbrunde Form mit Messingschallbecher ein dunkler Ton mit feinem metallischem Glanz. Sie existiert bisher nur als experimenteller Nachbau. Ihr entspricht am ehesten die heutige Tenoroboe in F.

Teil III: „Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen“

Gerard van Honthorst, Anbetung der Hirten, 2. Hälfte 17. Jh.

Besetzung: Soli, Chor, Trompete I-III, Pauken, Traversflöte I/II, Oboe I/II (auch als Oboe d’amore), Streicher, Basso continuo

Vorgesehener Aufführungszeitpunkt: 3. Weihnachtstag (27. Dezember)

Inhalt: Die dritte Kantate schließt die eigentliche Geschichte der Weihnachtsnacht mit der Anbetung durch die Hirten im Stall zu Bethlehem. Die indirekte Gleichsetzung Gottes als „Herrscher des Himmels …“ mit einem König entspricht dabei dem barocken Weltbild mit einem in kirchenähnliche Schlösser entrückten Monarchen. Nach dem Verschwinden der Engel (Lk 2,15) machen sich die Hirten auf den Weg nach Bethlehem, sich gegenseitig auffordernd: „Lasset uns nun gehen“. Mit dem folgenden Choral wird noch mal die große Liebe des Geschenks Gottes freudig angenommen: „Dies hat er alles uns getan“. Nachdem sich die Vorhersage des Engels bestätigt, verbreiten die Hirten die Nachricht weiter (Lk 2,16–18). In einem zweiten Wiegenlied versucht Maria alles Gehörte meditativ zu verinnerlichen (Lk 2,19 „Schließe, mein Herze“) um danach laut zu bekennen: „Ja mein Herz soll es bewahren“. Die Gemeinde wiederholt diesen Gedanken mit dem kraftvollen Choral „Ich will dich mit Fleiß bewahren“. Der Evangelist berichtet von der fröhlichen Umkehr der Hirten (Lk 2,20). Dies wird gefolgt vom sich steigernden, aufwärtsstrebenden Choral „Seid froh dieweil“ als Aufruf an alle Christen. Die „erste Hälfte“ des Weihnachtsoratoriums schließt mit der Wiederholung des Eingangschors. Auch durch die Rahmung der Tonart D-dur im ersten und dritten Teil gewinnen die Kantaten I-III besondere Geschlossenheit.

Teil IV: „Fallt mit Danken, fallt mit Loben“

Rembrandt van Rijn, Beschneidung Christi, 1661

Besetzung: Soli, Chor, Horn (Corno da caccia) I/II, Oboe I/II, Streicher, Basso continuo

Vorgesehener Aufführungszeitpunkt: Neujahr (1. Januar)

Inhalt: Der vierte Teil des Weihnachtsoratoriums beginnt mit einem Chor, der dazu aufmuntert, Gott zu danken, weil sein Sohn „Heiland und Erlöser“ werden will. Der Evangelist berichtet von der Beschneidung, bei der das Neugeborene den Namen Jesus bekommt (Lk 2,21). Nachdem der Bass schildert, dass Jesus sein Leben und sein Hort ist, fragt eine Sopranarie, ob der Heiland den geringsten Schrecken einflößt; die Antwort lautet „nein“. Der Bass fragt sich im Wechsel mit einem Sopranchoral, wie man Jesus am besten rühmen kann; eine Tenorarie erbittet Kraft und Mut für den Dank für Jesu Gnade; ein Choral schließt den Teil IV mit der Bitte um Jesu Beistand ab.

Teil V: „Ehre sei dir, Gott, gesungen“

Die drei Magier vor Herodes, Frankreich, frühes 15. Jh.

Besetzung: Soli, Chor, Oboe d’amore I/II, Streicher, Basso continuo

Vorgesehener Aufführungszeitpunkt: Erster Sonntag nach Neujahr (aber vor dem 6. Januar, in dieser Form nicht jedes Jahr möglich, so z. B. 2007/2008.)

Inhalt: Ein lebhafter Chor leitet, Gott preisend, den Teil V ein. Der Evangelist berichtet, wie die Weisen aus dem Morgenland den König Herodes nach dem „neugebornen König der Juden“ fragen (Mt 2,1-2). Nachdem ein Choral von Jesu Glanz berichtet, der „all Finsternis verzehrt“, bittet eine Bassarie um Erleuchtung der „finstren Sinne“. In der Kantate besteht eine weitere Choralparodie: „Dein Glanz all Finsterniss verzehrt…“ ist eine Parodie zum Choral „Wer hat die Welt so schlimm gericht…“ Ein Altrezitativ fragt, warum Herodes über Jesu Geburt erschrickt und ob er sich nicht „vielmehr darüber freuen“ sollte. Herodes lässt sich von den Hohepriestern und Schriftgelehrten berichten, dass Jesus in Betlehem geboren wurde (Mt 2,3-6). Der abschließende Choral bezeichnet eine „solche Herzensstube“ als „finstre Grube“, doch durch Jesu „Gnadenstrahl“ „wird es voller Sonnen dünken“.

Teil VI: „Herr, wenn die stolzen Feinde schnauben“

Rogier van der Weyden, Anbetung der heiligen drei Könige, Mitte 15. Jh.

Besetzung: Soli, Chor, Trompete I-III, Pauken, Oboe I/II (auch als Oboe d’amore), Streicher, Basso continuo

Vorgesehener Aufführungszeitpunkt: Epiphanias (6. Januar)

Inhalt: Nachdem der Chor schildert, dass man durch den Glauben an Gott „den scharfen Klauen des Feindes unversehrt entgehen kann“, bittet Herodes die Weisen aus dem Morgenland, nach dem Kind zu suchen, damit er es auch anbeten kann (Mt 2,7-8). Ein Sopranrezitativ prangert Herodes’ Listigkeit und Falschheit an. Eine Sopranarie schildert, dass er nur durch einen Wink „ohnmächtger Menschen Macht“ stürzt. Die Weisen aus dem Morgenland finden das Kind in seiner Krippe und schenken ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe (Mt 2,9-11). Der Choral „Ich steh an deiner Krippen hier" wurde zu Bachs Zeit nach der Melodie von „Es ist gewisslich an der Zeit…“ gesungen. Gott befiehlt ihnen im Traum, nicht zu Herodes zu gehen, sondern in ihr Land zurückzukehren (Mt 2,12). Ein feierlicher Chor schildert, dass Jesus „Tod, Teufel, Sünd und Hölle“ überwunden hat, und schließt das Werk ab.

Aufführungspraxis

Das Weihnachtsoratorium wird im deutschsprachigen Raum häufig aufgeführt, auch wenn Laienchöre dabei an ihre Grenzen stoßen können. Üblicherweise werden dabei die Teile 1 bis 3 oder aber die Teile 4 bis 6 in einem Konzert aufgeführt, meistens in der Adventszeit, also bestimmungsfremd in den Wochen vor Weihnachten. Dies liegt an den geänderten kirchenmusikalischen Rahmenbedingungen, die diese Musik aus dem liturgischen in den konzertanten Rahmen versetzt haben; nur selten wird heute noch Bachs Plan realisiert, die einzelnen Kantaten an einzelnen Sonn- und Feiertagen an und nach Weihnachten zu musizieren. Albert Schweitzer warnte davor, das ganze Werk an einem Abend aufzuführen, da die Zuhörer nach spätestens drei Teilen so erschlagen seien, dass sie „die große Schönheit der Stücke nicht mehr richtig wahrnehmen“ können. Auch eine singende Teilnahme der Zuhörer in den Chorälen ist heute allgemein nicht üblich (wobei die Forschung sich nicht einig ist, ob dies zu Bachs Zeit der Fall war).

Literatur

  • Walter Blankenburg: Das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach. 5. Auflage. Bärenreiter, Kassel 2003, ISBN 3-761-84406-9.
  • Helmut Loos: Weihnachten in der Musik. Gudrun Schröder Verlag, Bonn 1992, ISBN 3-926196-15-7.
  • Albert Schweitzer: Johann Sebastian Bach. 11. Auflage. Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 1990, ISBN 3-765-10034-X.
  • Meinrad Walter: Johann Sebastian Bach: Weihnachtsoratorium. Bärenreiter, Kassel 2006, ISBN 3-761-81515-8.
  • Günter Jena: Brich an, o schönes Morgenlicht. Das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach. Herder Spektrum 4733. Herder, Freiburg 1999, ISBN 3-451-04733-0.
  • Alfred Dürr: Johann Sebastian Bach: Die Kantaten. Bärenreiter, Kassel 1999, ISBN 3-7618-1476-3.
  • Werner Neumann: Handbuch der Kantaten Johann Sebastian Bachs. 1947, 5.Auflage. Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 1984, ISBN 3-7651-0054-4
  • Hans-Joachim Schulze: Die Bach-Kantaten: Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs. Evangelische Verlags-Anstalt, Leipzig; Carus-Verlag, Stuttgart 2006 (Edition Bach-Archiv Leipzig) ISBN 3-374-02390-8 (Evang. Verl.-Anst.), ISBN 3-89948-073-2 (Carus-Verl.).
  • Christoph Wolff, Ton Koopman: Die Welt der Bach-Kantaten. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart und Weimar 2006, ISBN 978-3-476-02127-4.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Blankenburg: Weihnachts-Oratorium, S. 21, 24; Alfred Dürr: Johann Sebastian Bach: Weihnachts-Oratorium BWV 248. Wilhelm Fink, München 1967, S. 4-7.
  2. Bachs Bibliothek umfasst 81 Bänden, die neben Bibeln und den Werken Luthers umfangreiche Liedsammlungen und theologische Erbauungsliteratur der lutherischen Orthodoxie und des Pietismus beinhaltet; vgl. Robin A. Leaver: Bachs theologische Bibliothek. Hänssler, Neuhausen-Stuttgart 1983; Martin Petzold: Zwischen Orthodoxie, Pietismus und Aufklärung - Überlegungen zum theologiegeschichtlichen Kontext Johann Sebastian Bachs. In: Reinhard Szeskus (Hrsg.): Bach und die Aufklärung. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1982, S. 66-107.
  3. Blankenburg, Weihnachts-Oratorium, S. 53, 55, 109.
  4. Katalog des Bachhauses Eisenach (Abgerufen am 17. Februar 2009).
  5. S. zu Bachs zahlreichen Umarbeitungen Blankenburg: Weihnachts-Oratorium, S. 12-25.
  6. Blankenburg: Weihnachts-Oratorium, S. 46f.


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