Babylonische Sprachverwirrung
Die Sprachverwirrung, Bibelillustration von Gustave Doré (1865)

Der Turmbau zu Babel (Gen 11,1-9 EU) ist zusammen mit der babylonischen Sprachverwirrung trotz ihres geringen Umfangs von nur neun Versen eine der bekanntesten biblischen Erzählungen des Alten Testaments.

Dort wird das Turmbau-Vorhaben als Versuch der Menschheit gewertet, Gott gleichzukommen. Wegen dieser Selbstüberhebung straft Gott die Völker, die zuvor eine gemeinsame Sprache hatten, mit Sprachverwirrung und zerstreut sie über die ganze Erde.

Inhaltsverzeichnis

Die biblische Erzählung

Meister der Weltenchronik

Die Bibel erzählt von einem Volk aus dem Osten, das eine Sprache spricht und sich in der Ebene in einem Land namens Schinar ansiedelt. Dort will es eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel bauen. Da stieg der Herr herab, um sich Stadt und Turm anzusehen, die die Menschenkinder bauten. Nun befürchtet er, dass ihnen nichts mehr unerreichbar sein [wird], was sie sich auch vornehmen, das heißt, dass das Volk allmächtig werden könnte. Gott verwirrt ihre Sprache und vertreibt sie über die ganze Erde. Die Weiterarbeit am Turm endet gezwungenermaßen.

Die Stadtbezeichnung „Babel“ ist in der hebräischen Fassung ein Wortspiel, das „Geplapper“ oder „Gebrabbel“ bedeutet. Hierbei handelt es sich um eine Volksetymologie, denn die griechische Form des Namens, Babylon, leitet sich vom Akkadischen bāb-ilim ab, was „Tor der Götter“ bedeutet.

Im Neuen Testament wird das Thema der Sprachverwirrung nochmals in der Pfingstgeschichte aufgenommen (Apg 2,6 EU). Der Heilige Geist bewirkt dieser Erzählung zufolge durch eine von Jesus Christus ermöglichte Gottverbundenheit ein neues Reden und Verstehen über alle Sprachgrenzen hinweg.

Theologische Deutung

Die Geschichte vom Turmbau zu Babel steht im Alten Testament zeitlich nach der Sintflut und vor der Reise Abrams (dem späteren Abraham) nach Haran. Sie beschließt somit die Reihe der Unheilsgeschichten (Gen 3–11 EU).

Unter Verwendung vor- und außerisraelitischen Materials stellt der Redaktor die Menschheitsgeschichte seit dem Sündenfall als eine Abfolge von Katastrophen dar: Verlust des paradiesischen Urzustandes, Brudermord, Sintflut, Entzweiung und Zerstreuung. Als Ursache dieses Unheils erscheint das Streben der Menschen nach gottgleicher Allmacht (Gen 3,5 EU), das die schöpfungsmäßigen Grenzen überschreitet.

Tatsächlich weisen die Erzählungen über die Bosheit der Menschen vor der Flut strukturelle Ähnlichkeiten mit der Turmbauerzählung auf:

  • Nach der Ermordung Abels zieht Kain, zusammen mit seinem Sohn Henoch, in das Land Nod, wo er eine gleichnamige Stadt gründet (Gen 4,16 EU). Die Riesen und Helden der Vorzeit gehen auf die widergöttliche Vereinigung der Menschentöchter mit den Gottessöhnen zurück Gen 6,1–8 EU). Zur Strafe löscht Gott die Menschheit in der Flut aus.
  • Nach der Flut zieht Kusch, bzw. sein Sohn Nimrod in das Land Schinar, wo er unter anderem die Stadt Babylon gründet. Nimrod wird als der erste Held auf der Erde bezeichnet (Gen 10,8–10 EU). Erneut versuchen die Menschenkinder eine hochmütige Annäherung an das Göttliche, indem sie versuchen einen Turm zu bauen, der bis zum Himmel reicht. Vielleicht wird hier eine generelle Kritik an der städtischen Zivilisation geübt, die der nomadischen Lebensweise der frühen Hebräer gegenübersteht.

Auch diesmal bleibt die Strafe nicht aus, jedoch erfolgt sie nicht in Form einer erneuten Ausrottung, sondern nur als Sprachverwirrung, weil Gott zuvor einen Bund mit Noach geschlossen hatte: Ich will die Erde wegen des Menschen nicht noch einmal verfluchen; denn das Trachten des Menschen ist böse von Jugend an. Ich will künftig nicht mehr alles Lebendige vernichten, wie ich es getan habe. Gen 8,21 EU) Die Menschen haben sich also nicht geändert, nur das Verhältnis Gottes zu den Menschen.

Historische Bezüge

Die Existenz eines Turms zu Babylon ist seit 1913 archäologisch nachgewiesen. Es handelt sich um eine Tempelanlage (Zikkurat) in Babylon, deren Fundamente der deutsche Architekt und Archäologe Robert Koldewey freigelegt hat.

Sargon von Akkad ließ Babylon um 2300 v. Chr. zerstören, Hammurapi machte es etwa 600 Jahre später zur Hauptstadt des Babylonischen Reiches. Er erhob den Stadtgott Marduk (Altes Testament: Merodach) zur höchsten Gottheit des babylonischen Reichs.

Urkundlich erwähnt wird der Turm als Zikkurat von Etemenanki (sumerisch: Haus des Himmelsfundaments auf der Erde) in der Tempelanlage Esagila (sumerisch: Tempel des erhobenen Hauptes) erstmals in den Annalen des assyrischen Königs Sanherib (Sennacherib), der 689 v. Chr. den Tempel zerstörte, aber die Stadt verschonte.

Seine Nachfolger Assurhaddon (680–669 v. Chr.) und Assurbanipal (668–631 v. Chr.) begannen mit dem Wiederaufbau, wie Inschriften im Fundament belegen. Nach der Befreiung von der assyrischen Herrschaft setzte der neubabylonische Herrscher Nabopolassar den Ausbau der Anlage fort, sein Sohn Nebukadnezar II. (604–562 v. Chr.) vollendete ihn.

In der Folgezeit verfiel das Bauwerk, möglicherweise auch durch Zerstörungen durch den Perserkönig Xerxes I. (486–465 v. Chr.). Bei seinem Einzug in Babylon im Frühjahr 323 v. Chr. ließ Alexander der Große die Reste bis auf das Fundament abreißen, um den Turm neu zu errichten. Dabei blieb es bis heute, da Alexander wenige Monate später verstarb.

Der Turm hatte eine Grundfläche von 91,48 m × 91,66 m und eine Höhe von etwa 91 m, wahrscheinlich abgestuft in sieben, nach dem Geschichtsschreiber Herodot[1] in acht Plateaus. Den Abschluss bildete ein Tempel, dessen Räume nur von Priesterinnen betreten werden durften. Wahrscheinlich nutzten Priester das Dach des Gebäudes, um dort astronomische Beobachtungen durchzuführen.

Als Baumaterial verwandten die Babylonier gebrannte Lehmziegel, wobei sie die Außenziegel farbig emaillierten.

Turmbau-Sagen in anderen Kulturen

Der Buchautor Fred Hartmann hat 60 Turmbausagen aus verschiedenen Kulturen zusammengetragen und analysiert. Die Sagen entstammen teilweise vorderasiatischen Kulturen, sind aber auch überliefert aus Indien, China, Afrika, Amerika und dem pazifischen Raum.

Rezeption

Schon in alttestamentlicher Zeit versuchte man, die (später so genannte) „Adamitische Sprache“ zu rekonstruieren, die vor der Sprachverwirrung gesprochen worden sein soll. Später folgten konstruierte bzw. künstliche Sprachen wie z.B. Esperanto. In der heutigen Sprachforschung ist es allerdings stark umstritten, ob es je eine gemeinsame Ursprache, die so genannte Proto-Welt-Sprache, gegeben hat oder nicht.

Flavius Josephus (Jüdische Altertümer, I,4) fügte im ersten nachchristlichen Jahrhundert der Turmbauerzählung einige Details hinzu, die im biblischen Bericht nicht explizit erwähnt werden: Hier ist es Nimrod persönlich, der den Befehl zum Turmbau gibt und als der erste Tyrann der Geschichte gezeichnet wird. Das Motiv für den Bau war, laut Josephus, nicht nur allgemeiner Hochmut, sondern auch der Versuch, sich einen sicheren Zufluchtsort zu schaffen, für den Fall, dass Gott eine weitere Sintflut schicken sollte. Zuletzt zitiert er aus dem 3. Buch der Sibyllinischen Orakel, nach dem der Turm nicht einfach zerfiel, weil er von seiner Erbauern verlassen wurde, sondern dass er durch einen großen Sturmwind zerstört wurde. Diese Darstellung des Josephus war besonders im europäischen Mittelalter sehr einflussreich.

1679 stellte der Jesuit Athanasius Kircher eine Theorie auf, die gegen die Existenz des Turmes sprach. Seiner Meinung nach beträgt die Entfernung Erde und Himmel 265.380 km. Hierfür hätten ca. 4.500.000 Arbeiter etwa 3400 Jahre ununterbrochen arbeiten müssen. Das Gewicht des Turmes hätte das Gewicht der Erde übertroffen und so die Erde aus dem Mittelpunkt des Universums herausgeschoben.

Der Turmbau zu Babel in der Bildenden Kunst

Der Turmbau zu Babel ist in der Bildenden Kunst ein Symbol menschlicher Hybris. Im Laufe der Kunstgeschichte ist er mehrfach dargestellt worden. Oft stellte man den Turm von Babel als spiralförmigen Turm, wie die Minarett von Samarra, oder als Stufenturm dar. Meist betonen die Darstellungen die Ausmaße des Bauwerkes. Daneben zeigen sie häufig die daran arbeitenden Menschen und die zeitgenössischen Fortschritte der Bautechnik.

Bekannte Darstellungen stammen unter anderem von:

„Babylonische Verwirrung“ als „Geflügeltes Wort“

Die „Babylonische Sprachverwirrung“ hat als Redewendung - als Sinnbild für das Aufeinandertreffen mehrerer Sprachen - Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch gefunden, so hat beispielsweise Georg Büchmann sie in seine Zitatensammlung Geflügelte Worte aufgenommen.

Auf die „Babylonische Sprachverwirrung“ wird z. B. häufig bei der Berichterstattung über die Verwaltung der Europäischen Gemeinschaft in Brüssel Bezug genommen, wo sich auf Grund der sprachlichen Vielfalt Mehrarbeiten und Kosten ergeben [2].

Die Redewendung wird auch im positiven Sinn verwendet, so gibt es beispielsweise eine Science-Fiction-Serie, in der die (titelgebende) Raumstation Babylon 5 Treffpunkt für unterschiedliche Völker ist, eine literarische Figur namens Babelfisch und Übersetzungsprogramme mit dem Namensbezug, wie „Babel Fish“ oder „Babylon Translator“.

Die babylonische Sprachverwirrung findet auch in anderen Zusammenhängen und Abwandlungen Anwendung. So betitelte das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ eine sprachkritische Geschichte über den „Mischmasch namens Denglisch“ mit: „Welcome in Blabylon“.[3]

Siehe auch

Literatur

  • Die fünf Bücher der Weisung. Thoraübersetzung von Martin Buber und Franz Rosenzweig, ISBN 3-438-01491-2.

Sekundärliteratur

  • Der babylonische Turm in der historischen Überlieferung, der Archäologie und der Kunst. Milano 2003 (Der Turmbau zu Babel, 1).
  • Joachim Ganzert (Hrsg.), Stephan Albrecht: Der Turmbau zu Babel. Maßstab oder Anmaßung?. Biberacher Verlagsdruckerei, Biberach 1997, ISBN 3-924489-86-6 (Ausstellungskatalog).
  • Fred Hartmann: Der Turmbau zu Babel: Mythos oder Wirklichkeit? Turmbausagen im Vergleich mit der Bibel. Hänssler, Holzgerlingen 1999, ISBN 3-7751-3432-8.
  • Roger Liebi: Herkunft und Entwicklung der Sprachen. Hänssler, Holzgerlingen 2003, ISBN 3-7751-4030-1.
  • Helmut Minkowski: Vermutungen über den Turm zu Babel. Luca, Freren 1991, ISBN 3-923641-36-2.
  • Christoph Uehlinger: Weltreich und „eine Rede“. Eine neue Deutung der sogenannten Turmbauerzählung (Gen 11, 1–9). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1990, ISBN 3-525-53733-6 (teilweise zugleich Dissertation, Freiburg (Schweiz) 1989).
  • Ulrike B. Wegener: Die Faszination des Masslosen. Der Turmbau zu Babel von Pieter Bruegel bis Athanasius Kircher. Olms, Hildesheim u. a. 1995, ISBN 3-487-09965-9 (Studien zur Kunstgeschichte, Band 93; zugleich Dissertation, Hamburg 1990/91).

Babylonische Sprachverwirrung

  • Friedrich Braun: Die Urbevölkerung Europas und die Herkunft der Germanen; Berlin, Stuttgart, Leipzig: W. Kohlhammer, 1922; Japhetitische Studien, Bd. 1
  • Nikolaj Jakovlevic Marrn: Der japhetitische Kaukasus und das dritte ethnische Element im Bildungsprozess der mittelländischen Kultur; Berlin, Stuttgart, Leipzig: W. Kohlhammer, 1923; Japhetitische Studien zur Sprache und Kultur Eurasiens, Bd. 2
  • Tasso Borbé (Hg.): Kritik der marxistischen Sprachtheorie N. Ja. Marr’s; Kronberg (Ts.): Scriptor-Verlag, 1974; ISBN 3-589-20021-9; (Enthält u. a.: Nikolaj Ja. Marr. Die japhetitische Theorie)
  • Arno Borst: Der Turmbau von Babel. Geschichte der Meinungen über Ursprung und Vielfalt der Sprachen und Völker; 4 Bände; Stuttgart: Hiersemann, 1957-1963 ; München: dtv, 1995; ISBN 3-423-59028-9

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Vgl. Hans Heinrich Schmid, Die Steine und das Wort, Zürich 1975, S. 97.
  2. Dieter E. Zimmer: Warum Deutsch als Wissenschaftssprache ausstirbt. DIE ZEIT Nr. 30, 1996
  3. Nicole Alexander, Nikolaus von Festenberg: Welcome in Blabylon. Alberne Anglizismen überspülen das Deutsche und erzeugen einen Mischmasch namens Denglisch, in: Der Spiegel, 16. Juli 2001


32.53638888888944.4208333333337Koordinaten: 32° 32′ 11″ N, 44° 25′ 15″ O


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