Sexuelle Revolution

Der Begriff Sexuelle Revolution bezeichnet den historischen Wandel des öffentlichen Bewusstseins hinsichtlich der Sexualmoral in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Inhaltsverzeichnis

Vorgeschichte

Charles Fourier

Frühe Gedanken zur Schaffung neuer Organisationsformen des Zusammenlebens, speziell der Geschlechter, stammen von dem Frühsozialisten Charles Fourier (1772–1837). Die „Sexuelle Revolution“ der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts berief sich nicht auf Fourier, entdeckte den Projekteur der Phalanstères aber als einen ihrer Vorläufer. [1]

Sigmund Freud vs. Otto Gross

Sigmund Freud schaffte um 1900 mit der Begründung der Psychoanalyse den großen Durchbruch in der (auch wissenschaftlichen) Thematisierung der Sexualität. Er erkannte in der Unterdrückung der Sexualität den wichtigsten pathogenen Faktor bei der Entstehung der Neurosen. Gleichwohl redete er – anders als sein Schüler Otto Gross – nicht der Entfaltung, sondern einer nicht-pathogenen Hemmung (Sublimierung) der Sexualität das Wort . [2]

Wilhelm Reich

Der Ausdruck Sexuelle Revolution – und dessen Kernbedeutung – geht auf Wilhelm Reichs 1945 veröffentlichtes Werk The Sexual Revolution (deutsch 1966, erstmals jedoch 1936 unter dem Titel Die Sexualität im Kulturkampf) zurück. Reich kritisiert darin die aus seiner Sicht bigotte und verlogene Sexualmoral seiner Zeit. Nach Reichs Auffassung bringen Doppelmoral und Unterdrückung der vitalen sexuellen Triebe Persönlichkeitsdeformationen mit sich und führen so zu Aggression und Frustration. Diese werden jedoch verdrängt und müssen sich, so Reich, oft ein Ventil in der Lust an Herrschaft und Unterwerfung schaffen.

Nach Reichs Auffassung brächte eine Befreiung der Sexualität eine friedliche Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen mit sich: Menschen, die in befriedigenden Zusammenhängen lebten, ließen sich nicht oder nur schwer in Herrschaftsstrukturen einbinden oder für gewaltsame Aktionen mobilisieren.

Des Weiteren lähme die Unterdrückung der Sexualität die kreativen Potenziale der einzelnen Personen und stütze so das kapitalistische System, in dem die Einzelnen strukturell ihrer Unterdrückung nichts oder wenig entgegensetzen können.

Die Kinsey-Reports

Einen wichtigen Einfluss im Vorfeld und zur Vorbereitung der Sexuellen Revolution stellten die beiden Bücher des US-Zoologen und –Sexualforschers Alfred Kinsey dar: Das sexuelle Verhalten des Mannes (1955, engl. orig. 1948) und Das sexuelle Verhalten der Frau (1954, engl. orig. 1953).

Herbert Marcuse

Während Wilhelm Reich 1957 bereits gestorben war, konnte Herbert Marcuse (1898–1979), der eine Zeit lang zur kritischen Theorie um Adorno und Horkheimer gezählt wurde, noch persönlich Einfluss auf die Vorgänge der Sexuellen Revolution nehmen. Sein Buch Triebstruktur und Gesellschaft (1957) erstmals als Eros and Civilization. A Philosophical Inquiry into Freud 1955 auf Englisch erschienen war, errang nun mit einem Jahrzehnt Verzögerung großen Einfluss, vor allem aber seine spätere These von der repressiven Entsublimierung, die er in seinem Buch Der eindimensionale Mensch entwickelte. [3]

Die „Pille“

Ein wesentlicher Faktor in der praktischen Umsetzung des weltanschaulichen Wandels war eine „Revolution“ auf dem Gebiet der Kontrazeptiva. Die sogenannte Antibabypille, bald umgangssprachlich nur „die Pille”, kam 1960 in den USA und 1961 in Westdeutschland auf den Markt.

Studentenbewegung von „1968“

Forderungen nach sexuellen Freiheiten stießen in weiten Teilen der 68er-Bewegung auf großes Interesse und Experimentierfreude: Einerseits wollte man sich von der „bigotten Prüderie“ der 1950er-Jahre befreien, andererseits war die Hoffnung auf gesellschaftliche Veränderung durch sexuelle Befreiung vorhanden. Hinzu kam die Furcht vor der Kontinuität autoritärer Strukturen, wie sie Wilhelm Reich in Massenpsychologie des Faschismus (1933), Erich Fromm in Escape from Freedom (1941) und Theodor W. Adorno et al. in The Authoritarian Personality (1950) thematisiert hatten.

Dazu trug auch die Auseinandersetzung der 68er mit der Zeit des Nationalsozialismus bei: Durch die Unterdrückung von vitalen Trieben sahen viele 68er den Menschen in seiner Persönlichkeit deformiert. Dies galt als Ursache für die Bereitschaft, anderen Menschen so Entsetzliches anzutun wie im so genannten Dritten Reich geschehen.

Die neuen sexuellen Freiheiten – zusätzlich befördert durch die zeitgleiche Marktreife der Anti-Baby-Pille – wurden häufig vehement und mit viel Rückhalt in kirchlich-konservativen Kreisen bekämpft, führten aber gesellschaftlich sehr viel weiter als andere politische Forderungen der 68er-Bewegung (Flower-Power-Bewegung). Aus der 68er-Bewegung rekrutierten sich auch die ersten Vertreter der zweiten deutschen Schwulenbewegung, innerhalb derer – in Westdeutschland anders als in anderen westlichen Ländern – gerade der Widerspruch zwischen politisch-allgemeinen und persönlich-individuellen Freiheiten zu großen Meinungsverschiedenheiten führte, die im so genannten Tuntenstreit kulminierten.

Kommerzialisierung, Sexwelle der 1960er Jahre

Anstelle der sexualwissenschaftlich und links-libertär propagierten Befreiung der sexuellen Bedürfnisse als Teil oder auch Mittel einer umfassenden und grundlegenden Veränderung von Mensch und Gesellschaft folgte auf die Liberalisierung der die Sexualität betreffenden Gesetze zwischen Mitte der 1960er und Mitte der 1970er Jahre die sogenannte „Sexwelle“ in den Medien. Diese wurde von den Befürwortern der Sexuellen Revolution kritisiert, insofern sie die unbefreite Sexualität lediglich vermarkte und das ursprüngliche Ziel – laut Untertitel von Reichs Buch Die Sexuelle Revolution die „charakterliche Selbststeuerung des Menschen“ – völlig aus den Augen verlor. Annette Miersch kam in ihrer Untersuchung des Schulmädchen-Report[4] zu dem Ergebnis: „Eine sexuelle Revolution im gesellschaftstheoretischen Sinne ihrer geistigen ,Großväter‘ hat in der BRD nicht stattgefunden – weder damals noch irgendwann später. Stattdessen wurde unter gleichem Namen ein Medienhype entfesselt.“[5] Allerdings kam es seit den späten 1960er Jahren bei einer Minderheit zur Etablierung alternativer Lebensformen, bei denen auch neue Weisen des sexuellen Miteinanders erprobt wurden.

Folgen für die Prostitution

Das im Zusammenhang mit der sexuellen Revolution gewachsene Angebot an kostenlosem und unverbindlichem Sex führte zu einem dramatischen Rückgang der Zahl der Prostituierten und einem starken Preisverfall ihrer Dienste. Anfang des 20. Jahrhunderts bot laut einer Erhebung des Department of Justice jede fünfzigste Frau in den USA zwischen 20 und 30 Jahren sexuelle Dienste für Geld an. Eine in einem Bordell tätige Prostituierte konnte auf ein Jahreseinkommen von in heutigen Geldwert umgerechnet 76.000 US-Dollar pro Jahr kommen. Heute verdient eine Straßenprostituierte in Chicago durchschnittlich etwa 18.000 US-Dollar. [6]

Siehe auch

Literatur

  • Annette Miersch: Schulmädchen-Report. Der deutsche Sexfilm der 70er Jahre. Bertz + Fischer, Berlin 2003.
  • Wilhelm Reich: Die sexuelle Revolution. 1936 (Neuauflage 1966).
  • Wilhelm Reich: Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral. 1932 (erweiterte und revidierte Auflage 1972).
  • Wilhelm Reich: Der sexuelle Kampf der Jugend. 1932.
  • Wilhelm Reich: Die Funktion des Orgasmus. 1927 (psychoanalytisches Fachbuch, erweiterte und revidierte Auflage unter dem Titel Genitalität 1982).
  • Wilhelm Reich: Die Funktion des Orgasmus. 1969 (wissenschaftliche Autobiographie, zuerst englisch 1942).
  • Reimut Reiche: Sexualität und Klassenkampf. Zur Abwehr repressiver Entsublimierung. Berlin 1968.
  • Shulamith Firestone: Frauenbefreiung und sexuelle Revolution. 1970.
  • Gay Talese: Du sollst begehren – Auf den Spuren der sexuellen Revolution. Berlin 2007 (engl. Orig. 1980)
  • Dagmar Herzog: Die Politisierung der Lust. Berlin 2005
  • Barbara Eder/Felix Wemheuer (Hg.): Die Linke und der Sex. Klassische Texte zum wichtigsten Thema, Promedia Verlag, Wien 2011, ISBN 978-3-85371-327-3
  • Volkmar Sigusch: Auf der Suche nach der sexuellen Freiheit. Frankfurt/M. und New York, Campus-Verlag 2011, ISBN 978-3-593-39430-5

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Charles Fourier: Aus der Neuen Liebeswelt. Texte, ausgewählt und eingeleitet von Daniel Guérin, Westberlin: Klaus Wagenbach 1977
  2. Vgl. Kap. Sigmund Freud in: Bernd A. Laska: Otto Gross zwischen Max Stirner und Wilhelm Reich. Aus: Raimund Dehmlow, Gottfried Heuer (Hrsg.): 3. Internationaler Otto-Gross-Kongress, Ludwig-Maximilians-Universität, München. LiteraturWissenschaft.de, Marburg 2003, S. 125–162.
  3. Herbert Marcuse: Der eindimensionale Mensch, Neuwied: Verlag Hermann Luchterhand 1967 (engl. orig. 1964), S. 76–102
  4. Annette Miersch: Schulmädchen-Report. Der deutsche Sexfilm der 70er Jahre. Bertz, Berlin 2003.
  5. Annette Miersch: Schulmädchen-Report. Der deutsche Sexfilm der 70er Jahre. Bertz, Berlin 2003, S. 205.
  6. Steven Levitt, Stephen Dubner: Superfreakonomics. Harper Collins, New York 2009.

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