Badoglio

Pietro Badoglio (* 28. September 1871 in Grazzano Monferrato, heute Grazzano Badoglio, Piemont; † 1. November 1956 ebenda) war ein italienischer Marschall und Politiker.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Badoglio wurde nach seiner Ausbildung an der Militärakademie in Turin Artillerieoffizier und nahm u. a. an Feldzügen in Italienisch-Ostafrika und Libyen teil. Im Ersten Weltkrieg beförderte man ihn nach der Eroberung des Monte Sabotino 1916 zum Generalmajor und zum Marchese del Sabotino. An der italienischen Niederlage in der Zwölften Isonzoschlacht trug er als kommandierender General des für den Abschnitt bei Tolmin zuständigen Korps eine Mitverantwortung. Nach dem italienischen Rückzug vom Isonzo zum Piave war er jedoch als neuer stellvertretender Generalstabschef federführend an der Reorganisation der italienischen Armee beteiligt. Er beriet den neuen Generalstabschef Armando Diaz in den Piaveschlachten und in der Schlacht von Vittorio Veneto. Er führte Anfang November 1918 die Waffenstillstandverhandlungen mit Österreich-Ungarn und schloss am 3. November mit dem Vertreter Österreich-Ungarns, General Viktor Weber Edler von Webenau, den Waffenstillstand von Villa Giusti.

Im Jahr 1919 zum Senator ernannt, wandte er sich zunächst gegen Benito Mussolini und seine faschistische Bewegung, weswegen er nach dessen Machtübernahme auf den Botschafterposten in Brasilien abgeschoben wurde. Nachdem er seine Meinung geändert hatte, durfte er schon 1924 wieder nach Italien zurückkehren, wo er das neue Amt des Generalstabschefs der Streitkräfte übernahm und 1926 zum Marschall von Italien befördert wurde. Von 1929 bis 1933 leitete er als Generalgouverneur die italienische Kolonialmacht in Libyen. 1935 löste er im Italienisch-Äthiopischen Krieg den zögerlichen Emilio De Bono ab und unterwarf zusammen mit Rodolfo Graziani 1936 das bis dahin nicht kolonisierte Äthiopien. Dabei setzte er auch entgegen den Genfer Konventionen Giftgas ein. Für dieses Kriegsverbrechen wurde er weder von den Alliierten noch von Seiten Italiens zur Rechenschaft gezogen. Italien gab den Einsatz von Giftgas offiziell erst 1995 zu. Wiedergutmachung wurde bis heute nicht geleistet.

Für den Sieg über Äthiopien ernannte Mussolini Badoglio zum Herzog von Addis Abeba. Das Amt des Vizekönigs überließ er kurz danach Graziani.

1940 war Badoglio wie Graziani, Italo Balbo und Carlo Favagrossa ein entschiedener Gegner eines italienischen Kriegseintritts an der Seite Hitler-Deutschlands, er trat jedoch erst im Verlauf des desaströsen italienischen Feldzugs gegen Griechenland vom Posten des Generalstabschefs der Streitkräfte zurück. Sein Nachfolger wurde Ugo Cavallero. In einer Sitzung des Großen Rates musste der König Viktor Emanuel III. am 25. Juli 1943 Benito Mussolini entlassen und inhaftieren. Nach diesem Staatsstreich durch Aktivisten des Faschismus setzte der König den politisch sehr unerfahrenen Marschall Badoglio als ersten italienischen Ministerpräsidenten der postfaschistischen Zeit ein. Das erste Kabinett bestand nur aus Personen aus dem Umfeld Mussolinis. Die neue Regierung versuchte eine Balance zwischen den Ansprüchen der Alliierten, die schon die Insel Sizilien besetzt hatten, und dem Bündnispartner Deutschland, der den Norden Italiens besetzt hatte. Badoglio bekämpfte zunächst Unruhen, die ein Kriegsende forderten, mit Belagerungszustand und Internierungslager. Er begann gegen den Willen des Königs mit zaghaften Säuberungen unter den Faschisten. Als die Alliierten ihre Bombenangriffe der Städte forcierten, nahm Badoglio geheime Waffenstillstandsverhandlungen mit ihnen auf. Das Ergebnis wurde am 8. September 1943 verkündet. Es bedeutete einen Frontwechsel, allerdings ohne die italienischen Soldaten zu informieren.

Entwaffnete Badoglio-Soldaten in Bozen (September 1943), Aufnahme einer Propagandakompanie

Die deutsche Wehrmacht schloss daraufhin die Stadt Rom ein und inhaftierte etwa 800.000 italienische Soldaten, die sogenannten Badoglio-Divisionen. Die Deutschen befreiten Mussolini am Gran Sasso und setzten ihn als Chef der Repubblica Sociale Italiana (oder Repubblica di Salò) am 23. September 1943 ein. Sie nahm ihre Arbeit in Salò am Gardasee auf. Der König floh mit Badoglio und nur zwei Ministern über Pescara in das unbesetzte Brindisi und bildete dort eine Art Exilregierung, ohne sich weiter um die Geschehnisse an der Front zu kümmern.

Die Alliierten forderten von Badoglio, die von ihnen besetzten Provinzen zu verwalten und zügig mit den Säuberungen von Faschisten zu beginnen. Doch schon bald mussten die Alliierten den Druck erhöhen, weil Badoglio nur zögerlich handelte. Gleichzeitig kam auch Druck von Antifaschisten, auch von aus dem Exil zurückkehrenden wie Palmiro Togliatti. Am 22. April 1944 musste er sie in sein Kabinett aufnehmen.

Nach der Befreiung Roms durch die Alliierten am 4. Juni 1944 erzwangen die Antifaschisten den Rücktritt des Königs und am 8. Juni den von Badoglio. Sein Nachfolger Ivanoe Bonomi setzte mit einem Kabinett aus zurückgekehrten Emigranten und Antifaschisten die notwendigen Säuberungen konsequenter fort.

1945 schloss der italienische Senat Badoglio wegen seiner Zusammenarbeit mit den Faschisten aus, zwei Jahre danach rehabilitierte man ihn jedoch wieder. Pietro Badoglio zog sich danach schrittweise an seinen Geburtsort im Piemont und ins Privatleben zurück.

Siehe auch

Literatur

  • Ivan Palermo, Storia di un armistizio, Le Scie, Mondadori, Milano, 1967 (ital.)
  • Hans Woller: Die Abrechnung mit dem Faschismus in Italien 1943 bis 1948. München 1996

Weblinks



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