Sinfonieorchester
Orchester in Eindhoven

Ein Orchester (griechisch ὀρχήστρα orchestra = Tanzplatz, d. h. ein halbrunder Platz vor der Bühne eines griechischen Theaters, auf dem ein Chor tanzte) ist ein größer besetztes Instrumentalensemble, das dadurch gekennzeichnet ist, dass zumindest einzelne Stimmen mehrfach („chorisch“) besetzt sind. Im Bereich der klassischen Musik unterscheidet man das groß besetzte Sinfonieorchester vom kleineren Kammerorchester. Daneben gibt es Orchester, die nur aus Instrumenten einer bestimmten Gattung bestehen, z. B. Blasorchester, Streichorchester, Zupforchester oder das Gamelanorchester Indonesiens. Jazz-Orchester und ähnliche Formationen der Tanz- und Unterhaltungsmusik werden meist als Big Band bezeichnet.

Inhaltsverzeichnis

Sinfonieorchester

Sinfonieorchester: typische Aufstellung der Einzelstimmen

Das Sinfonieorchester (alternative Schreibweise: Symphonieorchester) ist der übliche Klangkörper zur Wiedergabe von Orchesterwerken ab etwa der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Die Streicher, deren Stimmen mehrfach besetzt sind (z. B. Berliner Philharmoniker: 23 erste Violinen, 20 zweite Violinen, 16 Bratschen, 13 Celli, 11 Kontrabässe), stehen den anderen, solistisch besetzten Instrumentengruppen gegenüber.

Die Instrumentengruppen (geordnet nach der Anordnung in der Partitur):

Mescheder Windband, 2008

Es können noch weitere Instrumente dazukommen, die jedoch selten in deutschen Berufsorchestern fest besetzt sind. Dazu gehören z. B.

„Sinfoniker“, „philharmonisches Orchester“ oder „Philharmoniker“ sind häufige Namensbestandteile von Sinfonieorchestern; sie bezeichnen keinen Unterschied in Besetzung oder Rolle eines Orchesters, können aber helfen, verschiedene Orchester einer Stadt zu unterscheiden (z. B. die Berliner Philharmoniker von den Berliner Symphonikern).

Kammerorchester

Ein Kammerorchester ist deutlich kleiner als ein Sinfonieorchester. Seine Stammbesetzung besteht häufig nur aus einem kleinen Streicherchor, z. B. aus fünf ersten und vier zweiten Violinen, vier Bratschen, vier Celli und einem Kontrabass; Bläser werden bei Bedarf dazugeholt.

[1] Die ersten Kammerorchester moderner Prägung entstanden in den 1920er Jahren. Auslöser war hauptsächlich eine Gegenbewegung zu den ausufernden Klangmassen der spätromantischen Musik und den dafür notwendigen riesigen Orchestern; auch die Wiederentdeckung „Alter“ Musik und die prekäre wirtschaftliche Situation, die den Unterhalt sehr großer Klangkörper erschwerte, spielten eine Rolle. Wegen des geringeren wirtschaftlichen Risikos war es möglich, mit einem Kammerorchester auch verstärkt zeitgenössische Musik zur Aufführung zu bringen. So gründete z. B. Paul Sacher 1926 das Basler Kammerorchester mit dieser Zielsetzung. Bis zu seiner Auflösung 1987 spielte das Orchester zahlreiche, oft von Sacher in Auftrag gegebene Werke von Komponisten wie Bela Bartók, Igor Strawinsky, Hans Werner Henze oder Witold Lutoslawski. Die zunehmende Abkehr des Publikumsgeschmacks von der Romantik und die passende Besetzung machten das Kammerorchester zum idealen Ensemble für die Aufführung der weitgehend vergessenen Musik des Barock und der Klassik. In dieser Beziehung machte sich insbesondere Karl Münchinger mit dem nach dem Zweiten Weltkrieg gegründeten Stuttgarter Kammerorchester und seinem schlanken, „unromantischen“ Interpretationsstil verdient. Seit den 1950er Jahren entstanden Spezialistenensembles, die sich intensiv mit den besonderen Besetzungs-, Notations- und spieltechnischen Anforderungen der Avantgarde-Komponisten auseinandersetzen, die von einem klassischen Kammerorchester nur schwer zu bewältigen sind. Schließlich ließ die wieder aufkommende Beschäftigung mit Alter Musik ab etwa den 1970er Jahren zahlreiche Formationen entstehen, die in wechselnden Besetzungen – vom solistischen Trio bis zum Kammerorchester mit Bläsern – und häufig ohne Dirigent auftreten. Als Beispiel sei die Musica Antiqua Köln genannt.

Filmorchester

[1] Filmorchester entstanden während der Stummfilmzeit, um während der Kinovorführungen einerseits die Handlung zu untermalen, andererseits das Geräusch des Projektors zu übertönen. Aufgeführt wurden sowohl Originalkompositionen als auch Potpourris aus bekannten Stücken. In Deutschland waren 1929 über 6000 Musiker in solchen Kinoorchestern tätig. Mit der Einführung des Tonfilms 1930 wurden Kinoorchester überflüssig. Dagegen begannen die Studios in Hollywood, sich eigene Orchester aufzubauen. Da viele der engagierten Filmkomponisten von der europäischen spätromantischen Musik beeinflusst waren, hatten diese Orchester oft umfangreiche Sinfoniebesetzung. Ihre Bedeutung ging erst in den 1970er Jahren zurück, als die Pop-Musik zunehmend Eingang in die Soundtracks von Filmen fand. In Deutschland existiert mit dem Deutschen Filmorchester Babelsberg, das aus den Orchestern der UFA und DEFA hervorging, derzeit nur ein professionelles Filmorchester.

Leitung

Heutzutage werden die Musiker normalerweise von einem Dirigenten geleitet, während in der Anfangszeit dem ersten Geiger (Konzertmeister) oder dem Generalbass spielenden Cembalisten diese Rolle zukam. Auch einige moderne Orchester kommen ohne einen Dirigenten aus, besonders kleinere Orchester, die sich auf die historische Aufführungspraxis von Alter Musik spezialisiert haben.

Als erster moderner Dirigent gilt der Komponist und Kapellmeister Carl Maria von Weber (1786-1826), der anfangs mit einer Notenrolle, später mit einem Taktstock das Orchester leitete.

Hierarchie

Dem gesamten Orchester steht in musikalischen Dingen der Stimmführer der 1. Violinen, der Konzertmeister, vor, welcher selbst dem Dirigenten untergeordnet ist.

Die übrigen Instrumentengruppen werden von Stimmführern geleitet, die in der Regel (wie auch der Konzertmeister) einen Stellvertreter haben, mit dem sie sich das erste Pult teilen. Bei den Bläsern ist derjenige, der die 1. Stimme spielt, der Stimmführer der jeweiligen Instrumente. Werden Holz- und Blechbläser zusammengefasst, gelten die 1. Oboe und die 1. Trompete als Stimmführer. Beim Schlagwerk steht der Paukist der Instrumentengruppe vor.

Daneben gibt es bei den Streichern noch so genannte Vorspieler, die sich in der Hierarchie zwischen den Konzertmeistern bzw. Stimmführern und den Tuttispielern befinden.

Probenbetrieb

Entgegen der vorherrschenden Meinung finden Orchesterproben nicht immer in voller Besetzung statt (Tuttiprobe), sondern es können zunächst Einzelproben der verschiedenen Stimmen oder Instrumentengruppen (Registerproben) stattfinden. Dies dient dazu, dass bei spieltechnisch schwierigen oder neu einzustudierenden Werken die einzelnen Gruppen ihren Part beherrschen, bevor sie zu einem (schwerer durchhörbaren) Ganzen zusammengefügt werden.

Öffentlich finanzierte Orchester in Deutschland

Eine professionelle öffentlich finanzierte Orchesterlandschaft Deutschlands mit gegenwärtig 133 „Kulturorchestern“ gliedert sich in vier Gruppen:

  • 84 Theaterorchester, die überwiegend die Sparten Oper, Operette, Musical der Stadt- und Staatstheater bedienen. Das Spektrum reicht von den großen, international renommierten Opernhäusern in Berlin, Hamburg, Stuttgart oder München bis hin zu den kleinen Bühnen in Lüneburg, Annaberg, Coburg oder Hildesheim.
  • 30 Konzertorchester (darunter ein ziviles Blasorchester), die ausschließlich oder überwiegend im Konzertsaal arbeiten oder mit einer eigenständigen Konzerttradition auch im Opernhaus tätig sind. Die Spitzenposition nehmen hier international bedeutende Orchester wie die Berliner Philharmoniker, die Münchner Philharmoniker, die Sächsische Staatskapelle Dresden, die Staatskapelle Berlin oder das Gewandhausorchester Leipzig ein.
  • 12 Rundfunk- bzw Radiosinfonieorchester sowie vier Bigbands der ARD-Anstalten und der Rundfunkorchester und -Chöre GmbH (Berlin), die ebenfalls Konzertorchester sind und einen Schwerpunkt in Musikaufnahmen haben. Sie pflegen besonders die zeitgenössische Musik in Deutschland mit zahlreichen Auftragskompositionen und Uraufführungen. Ensembles wie die Symphonieorchester des Bayerischen, Norddeutschen oder Westdeutschen Rundfunks genießen hohes internationales Ansehen. [2]
  • Sieben Kammerorchester, die mit öffentlichen Mitteln finanziert werden und die in der Regel ohne eigene Bläserbesetzung als reine Streichorchester ganzjährig arbeiten, wie z. B. das Stuttgarter Kammerorchester, das Württembergische Kammerorchester Heilbronn oder das Münchener Kammerorchester.

Kleine Sinfonieorchester gibt es schon in einer Besetzung ab ca. 30 Mitgliedern, wobei teilweise einige Bläser nur einfach besetzt sind. Mittlere bis große Orchester haben in der Regel zwischen 66 bis über 100 Mitglieder. Das größte deutsche Orchester ist das Gewandhausorchester Leipzig mit 185 Planstellen; es spielt allerdings auch in drei Formationen: als Konzertorchester im Leipziger Gewandhaus, als Opernorchester in der Oper Leipzig und als Kantatenorchester in der Leipziger Thomaskirche, der langjährigen Wirkungsstätte von Johann Sebastian Bach. Das mit derzeit 152 Planstellen zweitgrößte Orchester befindet sich in Halle. Auch die Staatskapelle Halle, die in der jetzigen Form erst 2006 durch eine Fusion des Orchesters des Opernhauses Halle mit dem Philharmonischen Staatsorchester Halle entstanden ist, hat neben dem regulären Orchesterspielbetrieb zahlreiche weitere Aufgaben, wie die Opern-, Musical- und Ballettbespielung, als Orchester der Robert-Franz-Singakademie und des Stadtsingechors, als Landesorchester und als internationaler Kulturbotschafter des Landes Sachsen-Anhalt.

Das älteste ununterbrochen bestehende deutsche Orchester ist das Orchester des Hessischen Staatstheaters Kassel, gegründet im Jahr 1502. Das älteste Orchester in Europa ist die königliche Hofkapelle in Kopenhagen (1448).

Siehe auch

Quellen

  1. a b Colin Lawson (ed.): The Cambridge Companion to the Orchestra. Cambridge University Press, ISBN 0 521 00132 3. 
  2. Gerald Mertens, Kulturorchester, Rundfunkensembles und Opernchöre, hier: Punkt 2. Überblick

Literatur

  • Malte Korff (Hrsg.): Konzertbuch Orchestermusik. Wiesbaden: Breitkopf und Härtel 1991
  • „Orchester, Spezialensembles und Musiktheater“, in: Deutscher Musikrat (Hg.): Musik-Almanach 2007/08. Daten und Fakten zum Musikleben in Deutschland, Regensburg, ConBrio, 2006, S. 733-823.

Weblinks


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