Sozialfaschismusthese

Der Begriff Sozialfaschismus wurde 1924 von Grigori Sinowjew kreiert.[1] Der Sozialfaschismusthese zufolge stellte die Sozialdemokratie den „linken Flügel des Faschismus“ dar und war daher vorrangig zu bekämpfen.

Inhaltsverzeichnis

Entstehung

Die These wurde von den der Kommunistischen Internationale (Komintern) angeschlossenen kommunistischen Parteien zwischen 1928 und 1934 vertreten. Vom 10. Plenum des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (EKKI) im Juli 1929 formell bestätigt, war die Sozialdemokratie demnach eine bloße Variante des Faschismus und jegliche Einheitsfront der kommunistischen Parteien mit den sozialdemokratischen daher unzulässig. Sinowjew hatte bereits im Januar 1924 einen Bericht für die Sitzung des EKKI mit scharfen Angriffen auf die deutschen Sozialdemokraten versehen, die er als „faschistischen Flügel der Arbeiterbewegung“, als „Bestandteil des Faschismus“ schmähte.[2] Kanonischer Rang kam in der kommunistischen Agitation und Propaganda schließlich einer Äußerung Stalins aus dem Jahr 1924 zu:

„Der Faschismus ist eine Kampforganisation der Bourgeoisie, die sich auf die aktive Unterstützung der Sozialdemokratie stützt. Die Sozialdemokratie ist objektiv der gemäßigte Flügel des Faschismus. […] Diese Organisationen schließen einander nicht aus, sondern ergänzen einander. Das sind keine Antipoden, sondern Zwillingsbrüder.“[3]

In Deutschland trug die an der Sozialfaschismusthese orientierte Politik der Kommunistischen Partei entscheidend dazu bei, die Spaltung und Lähmung der Arbeiterbewegung, die indirekt mit zum Sieg des Nationalsozialismus beitrug, zu zementieren. Nach dem sogenannten Blutmai 1929 war das Schlagwort „sogar von den gemäßigteren Elementen übernommen“ worden.[4] Die Priorität der Kommunisten für den Kampf gegen die als „sozialfaschistisch“ geschmähte SPD führte 1931 dazu, dass der vom republikfeindlichen Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten, initiierte Volksentscheid zur Auflösung des preußischen Landtages gegen die von Otto Braun geführte sozialdemokratische Regierung neben den Rechtsparteien und der NSDAP auch von der KPD unterstützt wurde.[5] Selbst nach Errichtung der NS-Diktatur hielt die Komintern, die „die politische Linie und die organisatorische Politik“ der KPD „mit dem Genossen Thälmann an der Spitze“ für „vollständig richtig“ erklärte, an dieser These fest. Noch im Mai 1933 erklärte die KPD:

„Die völlige Ausschaltung der Sozialfaschisten aus dem Staatsapparat, die brutale Unterdrückung auch der sozialdemokratischen Organisation und ihrer Presse ändern nichts an der Tatsache, dass sie nach wie vor die soziale Hauptstütze der Kapitalsdiktatur darstellen.“

Gegner

Von oppositionellen Kommunisten wurde die Sozialfaschismusthese scharf kritisiert. Trotzkis Kampf gegen die „Sozialfaschismus“-Linie der KPD und sein Eintreten für eine Einheitsfront der Arbeiterbewegung gegen den Nationalsozialismus etwa schien seinem Biographen Isaac Deutscher seine „größte politische Tat im Exil“.

Konsequenzen

Neben Sozialfaschismus kannte die KPD in der Weimarer Republik z.B. noch den „Zentrums-“ oder „Brüningfaschismus“ und den „Papen-Faschismus“. Somit war nach dieser These der Nationalsozialismus nur eine weitere Spielart eines bereits existierenden „faschistischen“ Systems. Nicht wenige kommunistische Funktionäre erhofften sich, aus einer vorübergehenden Regierung der „Hitler-Faschisten“ heraus direkt eine revolutionäre Situation entfachen zu können.

Auch die Sozialdemokraten sahen in den Kommunisten meist nicht mögliche Verbündete gegen den Faschismus, sondern weitere Feinde neben den Nationalsozialisten. So wurde möglicherweise eine Chance vertan, durch ein Bündnis von KPD und SPD den Aufstieg der Nationalsozialisten zu verhindern.

Eine Interpretation der Sozialfaschismusthese als politischer Propaganda besagt, dass die Sozialfaschismusthese im außenpolitischen Interesse der Sowjetunion gewesen sei. Man habe damit die SPD schwächen, eine Verbesserung der deutsch-französischen Beziehungen verhindern, und die Erstarkung der nicht-kommunistischen europäischen Gegner der Sowjetunion verhindern wollen.

Erst auf dem 1935 stattfindenden VII. Weltkongress der Komintern wurde die „Sozialfaschismustheorie“ verworfen und die Volksfront (Einheitsfront) gegen den Faschismus propagiert. Dort definiert Georgi Dimitrow den Faschismus als „die offene terroristische Diktatur der am meisten imperialistischen Kreise des Finanzkapitals“ – ein Modell, das ganz eigene Probleme mit sich bringen sollte, und die Sowjetunion nicht von der Unterzeichnung des Deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes im Jahre 1939 abhielt.

Der führende KPD-Funktionär Heinz Neumann war als wichtigster KPD-Ideologe der Jahre 1928 bis 1932 für die Sozialfaschismusthese federführend verantwortlich, er ergänzte sie aber mit der gegen die NSDAP gerichteten Parole

„Schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft.“

Neumann fiel 1937 der stalinistischen Säuberung in der Sowjetunion zum Opfer.

Einzelnachweise

  1. Ulla Plener: »Sozialdemokratismus« – Instrument der SED-Führung im Kalten Krieg gegen Teile der Arbeiterbewegung (1948–1953) online
  2. Babette Gross: Willi Münzenberg. Eine politische Biographie, Stuttgart 1967, S. 161
  3. Stalin: Zur internationalen Lage; Werke, Band 6; S. 251–269, hier S. 253.
  4. Margarete Buber-Neumann: Von Potsdam nach Moskau. Stationen eines Irrweges, Stuttgart 1957 (2. Aufl. 1958), S. 153
  5. Heinrich August Winkler: Streitfragen der deutschen Geschichte: Essays zum 19. und 20. Jahrhundert, C.H.Beck, 1997, S. 110, ISBN 3406427847, ISBN 9783406427848

Siehe auch

Literatur

  • Siegfried Bahne: „Sozialfaschismus“ in Deutschland. Zur Geschichte eines politischen Begriffs; in: International Review of Social History 10 (1965), Assen (Niederlande)

Weblinks


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