Bahnstrecke Niederwalgern–Herborn
Niederwalgern–Herborn
Strecke der Aar-Salzböde-Bahn
Kursbuchstrecke (DB): 624
Streckennummer: 3953
Streckenlänge: 43,0 km
Spurweite: 1435 mm (Normalspur)
Legende
Strecke – geradeaus
von Marburg (Main-Weser-Bahn)
Bahnhof, Station
0,0 Niederwalgern Keilbahnhof
nach Gießen
4,1 Damm 1978 aufgelassen
5,0 Damm Dorf
6,8 Lohra
9,7 Mornshausen
10,8 Gladenbach
12,0 Erdhausen
Salzbödequerung
13,3 Weidenhausen
16,2 Wommelshausen
16,5 Wommelshäuser Viadukt
16,9 Endbacher Viadukt 165 m
17,8 Bad Endbach
19,3 Hartenrod
20,1 Hartenroder Viadukt 150 m
21,7 Hartenroder Tunnel 700 m
23,1 Oberndorf 1978 aufgelassen
24,7 Eisemroth
24,9 Eisemrother Viadukt
27,6 Übernthal
30,8 Bischoffen
32,5 Aar
33,1 Offenbach (Dillkreis)
35,1 Bicken (Dillkreis)
36,7 Ballersbach
38,3 Aar
39,0 Herbornseelbach
40,9 Burg (Dillkreis)
Werksbahn der Firma Electrolux
41,4 Aar
nach Erdbach (Westerwaldquerbahn)
nach Dillenburg/Siegen
Bahnhof, Station
43,0 Herborn (Dillkreis)
Strecke – geradeaus
nach Wetzlar (Dillstrecke)

Die Bahnstrecke Niederwalgern–Herborn (auch Aar-Salzböde-Bahn genannt) war eine eingleisige, nicht elektrifizierte Bahnstrecke im Landkreis Marburg-Biedenkopf und im Lahn-Dill-Kreis. Der Regelbetrieb - auf dem letzten Reststück - wurde im Jahr 2001 eingestellt, weshalb der Fahrgastverband Pro Bahn die Strecke als erstes Opfer hessischer ÖPNV-Gesetzgebung charakterisierte.[1]

Inhaltsverzeichnis

Strecke

Die Strecke verlief von Niederwalgern über Gladenbach und Bad Endbach nach Herborn.

Sie zweigte in Niederwalgern von der Main-Weser-Bahn ab und mündete in Herborn in die Dillstrecke (Kursbuchstrecke (KBS) 445, vor 1992: KBS 360). Die strukturpolitisch wichtige Bahnstrecke verband so das Hinterland mit dem überregionalen Schienenverkehr auf der Lahntalbahn und der Dillstrecke, sie durchquerte dabei sie abwechslungsreiche Mittelgebirgslandschaft des Lahn-Dill-Berglands im östlichen Teil des Westerwaldes und an den Süd-Ausläufern des Rothaargebirges.

Die Aar-Salzböde-Bahn entsprach zuletzt der KBS 624 (vor 1992: KBS 368).

Geschichte

Entstehung

Ab 1890 arbeitete man an der neuen Strecke, am 12. Mai 1894 wurde das erste Teilstück der Aar-Salzböde-Bahn von Niederwalgern nach Weidenhausen in Betrieb genommen. Die Eröffnung des zweiten Abschnittes zwischen Weidenhausen und Hartenrod erfolgte sieben Jahre später am 15. Juli 1901.

Viadukt bei Wommelshausen-Hütte
Viadukt bei Endbach
Viadukt in Hartenrod

Nachdem kurze Zeit später der Tunnel und das Viadukt über das Schlierbacher Tal in Hartenrod fertig gestellt wurden, konnte am 1. August 1902 auch der letzte Abschnitt zwischen Hartenrod und Herborn in Betrieb genommen werden. Das Teilstück Wommelshausen bis Eisemroth war sehr aufwändig wegen der drei Viadukte bei Wommelshausen-Hütte, Endbach und in Hartenrod. Am 24. Juli 1899 fand die Grundsteinlegung für eines dieser Viadukte, dem sogenannten Salzbödeviadukt bei Endbach statt. „Zu den Ausschachtungsarbeiten hatte der Unternehmer fast nur polnische Arbeiter, wogegen zu den Maurer- und sonstigen Arbeiten fast nur italienische. Trotz der verschiedenen Sprachen, welche von den Arbeitern gesprochen wurden, ging die Arbeit bis jetzt einheitlich und ohne Störung voran“.[2]

Das Viadukt bei Endbach hat neun Bögen ist 175 Meter lang und 18 Meter hoch. Geplant wurde das in einer Kurve liegende Steinviadukt von den Eisenbauinspektoren Hentzen und Pietig. Das Viadukt ist heute ein Wahrzeichen für Bad Endbach. In gleicher Bauweise entstand die etwas höhere Brücke über das Schlierbachtal in Hartenrod. Als ein weiteres größeres Bauwerk auf der Strecke ist der 700 m lange Tunnel unterhalb der Aar-Salzböde-Wasserscheide zwischen Hartenrod und Eisemroth zu nennen.

1945: „Raketenzug“

Fahrplan 1944

Am frühen Morgen des 22. März 1945 bog von Driedorf (Westerwald) kommend ein geheimnisvoller überlanger Militärzug einer deutschen Spezialeinheit über Herborn in die Aar-Salzböde-Bahn ein. Er war über einen Kilometer lang und wurde von zwei schweren Güterzuglokomotiven gezogen, eine weitere befand sich in der Mitte, eine vierte schob von hinten. Bei Bicken wurde er gegen acht Uhr und später bei Bischoffen von amerikanischen Jagdbombern angegriffen und die Loks beschädigt. Trotzdem gelangte der Zug gegen Abend in den Tunnel bei Hartenrod, ragte jedoch hinten und vorne heraus. Zwei Tage später setzte er seine Fahrt in Richtung Marburg fort. Am 29. März wurde er gegen neun Uhr bei Bromskirchen von amerikanischen Panzern gestoppt. Den Amerikanern fielen mit diesem V2-Eisenbahnbatteriezug des Artillerieregimentes Z.V.901 (mot.), unter Planen getarnt, zehn komplette V2-Raketen einschließlich Treibstoff, Eisenbahnabschussrampen, gepanzerten Mannschafts- und Flakwaggons sowie die Bedienungsanleitungen in die Hände. Drei Tage später ließen die Amerikaner den wertvollen Beutezug nach Antwerpen bringen, in die Stadt, die 13 Tage zuvor noch von dieser Raketeneinheit beschossen worden war. Von dort wurde die Ladung nach Amerika verschifft und trug damit ganz wesentlich dazu bei, die amerikanische Raketentechnik aufzubauen. Bis dahin war den Amerikanern die V2 nur aus ihren Bruchstücken nach dem Einschlag bekannt.[3]

Niedergang

Der Güterverkehr wurde hier als Erstes eingestellt: Am 1. Januar 1992 auf dem Abschnitt Hartenrod–Niederwalgern, am 31. Dezember 1995 zwischen Burg und Hartenrod und ein Jahr später auch zwischen Herborn und Burg.

Am 27. Mai 1995 wurde der Personenverkehr auf dem Abschnitt Niederwalgern–Hartenrod mit Unterstützung der örtlichen Politiker eingestellt, und am 9. Juni 2001 erfolgte die komplette Einstellung des Personenverkehrs, zwei Tage später die Streckenstilllegung.

Im Jahr 2003 gab es die Diskussion, den Teilabschnitt Niederwalgern–Hartenrod für den Personennahverkehr zu reaktivieren. Auch eine in den Jahren 2001 bis 2003 bei allen zuständigen Politikern angeregte Umwidmung des Streckenabschnittes Gladenbach–Hartenrod–Bischoffen als Draisinenbahn für touristische Zwecke fand keine Unterstützung [4].

In der ersten Jahreshälfte 2006 wurde von der Herborner Seite her mit der Demontage der verbliebenen Schienen begonnen.

Illegaler Abbau

Anfang 2006 wurden mehrere Kilometer der Strecke illegal demontiert und zu Schrottverwertungen nach Kassel und Koblenz verbracht. Die Täter beauftragten mit Hilfe gefälschter Aufträge der Deutschen Bahn AG mehrere an der Strecke angesiedelte Unternehmen mit dem Abbau, während die DB ahnungslos war. Der Schaden beträgt etwa 200.000 €.[5]

Endgültiger Abriss

Im November 2006 begann die Deutsche Bahn AG damit, die verbliebene Strecke nach und nach abzubauen. Der Beginn der Arbeiten wurde begleitet von zahlreichen Anfragen besorgter Bürger, welche wieder illegale Machenschaften vermuteten. Die DB gab jedoch den ehemaligen Anliegergemeinden und der Bundespolizei bekannt, dass diese Arbeiten offiziell sind.

Einzelnachweise

  1. Kurzbeschreibung der Aar-Salzböde-Bahn von Pro-Bahn
  2. aus der Grundsteinlegungsurkunde vom 24. Juli 1899
  3. „Hinterländer Geschichtsblätter“ Nr.1. März 2005, Seite 12
  4. Hinterländer Anzeiger“ v. 5. Juni 2003
  5. hr-online: Diebe stehlen Eisenbahnstrecke. 2. Februar 2006

Weblinks


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